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Kapitel 1 – Willkommen in Felteshavel
Nachdenklich strichen zwei Finger über eine alte Fotografie. Darauf war eine Gruppe von kleinen Kindern abgebildet, die brav und ordentlich in zwei Reihen aufgestellt waren. Neben ihnen stand eine Frau mittleren Alters, deren freundliche Gesichtszüge trotz der Vergilbung der Fotografie deutlich hervorstachen. Ebenso wie das breite Grinsen eines der Kinder in der hinteren Reihe. Ein kleines Mädchen mit zartbitterschokoladenbraunen Haaren, die zu einem Zopf geflochten waren. Nur eine Strähne, links von ihrem Gesicht, wies eine blasse Rotfärbung auf. Auf ihrer Wange klebte ein Pflaster. Neben ihr stand ein Junge, etwas größer, aber nicht viel älter als sie, mit dunkelbraunen, kurzen Haaren. Allein von der Fotografie konnte man es nicht erkennen, doch die beiden hatten sich an den Händen gefasst.
»Verdammt ist das lange her«, murmelte Amaury. Vor der Abreise hatte ihre Mutter ihr das Foto gegeben, weil sie darauf mit ihrer Cousine Alyssa zu sehen war, zu deren Familie sie nun reiste. Genauer gesagt zu ihrer Tante und ihrem Onkel, denn Alyssa lebte schon lange nicht mehr bei ihren Eltern. Amaury hatte gehofft durch einen Blick auf das Foto ein paar Erinnerungen an ihre Verwandten wachzurufen, jedoch hatte stattdessen der Anblick ihres Kindheitsfreundes Darcey in ihrem Gedächtnis etwas ausgelöst.
»Was wohl aus dir geworden ist?«, flüsterte sie und betrachtete den kleinen Jungen mit den dunklen, kurzen Haaren. Nach einem Augenblick der Stille – nur das leise Rattern des Zuges auf den Gleisen war zu hören – legte sie die Fotografie auf den glatten Holztisch in ihrem Abteil und zog stattdessen ihr Notizbuch zu sich, das zuvor auf dem Tisch gelegen hatte. Der lederne Umschlag war abgegriffen und mit Stickern versehen. Ein Reißverschluss am Einband verhinderte, dass etwaige lose Zettel zwischen den Seiten herausfallen konnten, doch im Moment war er nicht geschlossen. Das Notizbuch darin war jedoch schon lange nicht mehr das ursprüngliche. Nachdem darin alle Seiten beschriftet waren, hatte Amaury es nicht übers Herz gebracht es mitsamt dem schönen Lederumschlag ins Regal zu stellen. Kurzerhand hatte sie den Umschlag abgezogen und diesen seither immer wieder für ihr aktuelles Notizbuch verwendet. Entsprechende Nutzungsspuren ließen sich daran ausmachen. Ebenso an den Anhängern, die an einer kleinen Metallöse am oberen Rücken des Lederumschlags befestigt waren. Im Detail waren dies zwei metallene Ringe, die an einer kurzen Kette hingen und leise klimperten, wann immer man das Buch bewegte. Gerade wollte Amaury ebendiese Ringe gedankenversunken mit den Fingerspitzen berühren, um sie genauer zu betrachten, da auch an ihren Ursprung eine Erinnerung aufgetaucht war, als ihr Handy klingelte. Kurzerhand ließ sie von dem Notizbuch ab und nahm den Anruf entgegen.
»Hey«, sagte sie freudig.
»Hallo, na, sitzt du wieder auf deinem Dach?«, ertönte eine freundliche, junge Männerstimme.
»Nicht ganz. Ich sitze im Zug«, erwiderte Amaury.
»Was? Warum denn das? Wo geht es hin?« Mit einem Mal klang die andere Stimme besorgt.
»Zu Tante und Onkel Hayes.«
»Wirklich? Wie kommt es denn dazu?«
»Nun …« Sie zögerte. »Ich musste weg. Ich dachte, ich käme klar, aber irgendwie fühlte sich alles einfach nur noch festgefahren an. Ich … ich brauche Abstand. Von allem.«
»Jetzt machst du mir ein schlechtes Gewissen. Hätte ich doch nicht gehen dürfen?« Seine Stimme klang betrübt.
»Nein«, sagte Amaury bestimmt. »Auf keinen Fall. Sicher, du fehlst mir, aber ich würde dich niemals bitten, nur wegen mir zu bleiben. Deiner Verlobten würde das auch nicht gefallen«, betonte sie mit Nachdruck.
»Da magst du Recht haben, aber …«
»Kein aber. Es geht mir gut. Ich denke, ich tue das Richtige.«
»Wenn du meinst, aber … also …«
»Spucks schon aus.«
»Na ja, das hier wird wohl vorerst mein letzter Anruf. Auf dem Trail haben wir vermutlich keinen Empfang.«
»Du sagst das, als sollte es mich überraschen.«
»Tut es nicht?«
»Émilien, ich bin nicht dumm. Ich kann mir denken, dass du mitten in der Wildnis eines Nationalsparks auf einem einsamen Wanderweg in den Bergen keinen Empfang haben wirst.«
»Dann ist ja gut. Weil ich wusste, wie schlecht es dir im Moment geht, wollte ich es dir nicht eher sagen.«
Amaury lachte abfällig. »Netter Versuch, aber das war doch offensichtlich.«
»Na gut. Wie dem auch sei. Ich hoffe du findest, was du suchst. Ist in Felteshavel nicht auch diese Akademie?«
»Kann sein. Ich glaube Mari studiert dort. Es wird seltsam sie zu sehen. Ich kenne sie ihr ganzes Leben lang, aber sie weiß vermutlich nicht, wer ich bin.«
»Also ob man das ‚kennen‘ nennen kann. Tante Lia hat uns damals nur von Maris Geburt erzählt und seitdem ab und zu Bilder geschickt.«
»Haben wir sie nicht einmal besucht? An Weihnachten? Nein warte, sie haben uns besucht. Oder?«
»Egal. Solange Mari nicht so ein Miesepeter wie ihre Schwester ist, wird es sicher schön dort.«
»Sag das nicht. Alyssa ist kein Miesepeter. Sie ist halt …«
»Ein Miesepeter.«
Amaury stöhnte genervt. »Solltest du dich nicht lieber auf deine Wanderung vorbereiten, sonst vergisst du nachher etwas Wichtiges.«
»Ja, schon gut. Also dann, pass auf dich auf. Wir hören uns.«
»Du auch. Bis dann.«
Kaum hatte sie aufgelegt, spürte Amaury eine tiefe Traurigkeit in sich aufsteigen. Sie und ihr Bruder standen sich sehr nahe und nun so lange von ihm getrennt zu sein, löste mehr als nur Unbehagen in ihr aus. Ein Grund mehr aus dem Alltag auszubrechen und sich mit so vielen neuen Eindrücken abzulenken, dass für ein Gefühl des Vermissens kein Platz mehr war.
Gedankenversunken schaute sie zuerst auf die leuchtende Anzeige mit den nächsten Stationen und anschließend aus dem Fenster, sobald sie feststellte, dass sie bald da sein würden. Die Landschaft draußen war weitestgehend unberührte Natur.
Hier und da stand eine kleine Ansammlung von Häusern, die man kaum ein Dorf nennen konnte. Gelegentlich tauchten Gutshöfe und Kuhweiden auf, doch die meiste Zeit schaute man auf weite Felder, Wiesen und Wälder. Da der Frühling noch auf sich warten ließ und der Himmel grau und wolkenverhangen war, gab auch die idyllische Natur nur ein trostloses Bild ab. Gedanken des Zweifels schlichen sich in Amaurys Kopf. Wieso hatte sie sich nur dazu überreden lassen nach Felteshavel zu reisen – einem Dorf mitten im Nirgendwo, das zugleich die einzige Anbindung an die berühmtberüchtigte Cinereus Akademie war, über die jedoch kaum jemand etwas zu wissen schien?
Felteshavel war zweifellos ein Ort voller Widersprüche und vielleicht war genau das der Grund, warum Amaury trotz aller Ablehnung und Zweifel hergekommen war.
I
Mit dem Rucksack auf der Schulter, der Umhängetasche über der Brust und dem schweren Koffer in der Hand stand sie kurz darauf neben dem Ausgang im Zug. Der nächste Halt war Felteshavel. Außer ihr schienen nicht viele Personen dort aussteigen zu wollen. Dafür hatte es ein Mann mittleren Alters in elegantem Gehrock besonders eilig einzusteigen, sobald sich die Türen geöffnet hatten. Er war so in Gedanken versunken, dass er dabei die vollbeladene Amaury nicht bemerkte und mit ihr zusammenstieß. Dabei fiel ihm eine braune Aktenmappe aus der Hand und klatschte auf den Boden. Hastig bemühte er sich alles wieder zusammenzusammeln, doch Amaury erhaschte einen kurzen Blick auf eines der Dokumente. Viel konnte sie nicht erkennen, aber es schien sich um einen Lebenslauf oder dergleichen zu handeln. Zumindest war es, der Aufmachung nach, ein offiziell anmutendes Dokument. Ohne Amaury eines Blickes zu würdigen, huschte der Mann mit der Akte an ihr vorbei in den Zug, während sie sich und ihr Gepäck auf den Bahnsteig schleppte.
Ein wenig benommen von diesem Zusammenstoß, brauchte die junge Frau einen Augenblick, um sich wieder zu sammeln. Die kühle Luft half ihr dabei, der leichte Nieselregen dagegen störte. Die winzigen Tröpfchen verfingen sich in ihren langen, braunschwarzen Haaren und ließen diese noch bauschiger und wirrer aussehen, als sie es ohnehin nach der langen Zugfahrt bereits taten. Auch das breite Haargummi konnte nicht mehr viel Ordnung in die Mähne bringen. Gerade als Amaury dennoch versuchte ihre fuchsrote Strähne hinter das linke Ohr zu stecken, wurde sie von jemandem regelrecht überfallen.
»Amaury? Hallo, ich bin hier«, rief eine begeisterte, jugendliche Stimme. Verwirrt hob die Angesprochene den Kopf und suchte nach dem Ursprung dieser überschwänglichen Begrüßung. Eine junge Frau mit schulterlangen, dunkelblonden Haaren und kindlichen Gesichtszügen kam auf Amaury zu und winkte dabei freudig.
»Du bist doch Amaury Blackfir oder?«, erkundigte sie sich kurz darauf, ein wenig verunsichert und blieb stehen.
»Ja, die bin ich. Du bist Marigold, richtig?«, erwiderte sie.
Die blonde Frau nickte. »Genau die bin ich, aber nenn mich doch Mari. Niemand sagt Marigold zu mir. Das würde ja auch klingen, als wäre ich schon achtzig.« Sie lachte, was in Amaurys Ohren beinahe niedlich klang.
»Freut mich. Ich hab viel von dir gehört«, führte sie das Gespräch fort, obwohl das, was sie sagte nicht ganz die Wahrheit war.
»Echt? Das ist gut, dann kannst du mehr von dir erzählen«, scherzte Mari und gab ihrer Cousine mit einer Kopfbewegung zu verstehen ihr zu folgen. Amaury atmete kurz durch und schleppte dann ihr Gepäck der quirligen Frau hinterher.
Vor dem Bahnhof stellte sie die Sachen kurz ab und schaute sich suchend um.
»Bist du nicht mit dem Auto hier?«, wollte sie wissen.
»Oh, ähm … es ist so, eigentlich wollte meine Mutter dich abholen, aber sie hatte leider keine Zeit, weil wohl irgendein wichtiger Auftrag reinkam. Ich war zufällig gerade da und bin an ihrer Stelle gekommen, aber leider habe ich keinen Führerschein.«
»Dann … müssen wir laufen? Mit dem ganzen Gepäck?«, schlussfolgerte Amaury entrüstet, jedoch mit kalter Stimme.
»Sieht so aus, aber ich kann dir den Koffer abnehmen. Es ist auch nicht weit. Vielleicht zehn Minuten bis zum Haus meiner Eltern.«
»Wunderbar«, entgegnete Amaury emotionslos. Ohne schlechtes Gewissen überließ sie ihrer Cousine den Koffer und lief kurzerhand mit dem restlichen Gepäck an ihr vorbei.
Sie marschierten auf dem Bürgersteig der Hauptstraße entlang und kamen dabei an alten Backsteinhäusern mit Efeubewuchs und einer noch älteren Kirche vorbei. Überall standen antik anmutende Straßenlaternen und wo man auch hinsah, führten schmale gepflasterte Straßen, deren beste Tage bereits lang vergangen waren, in enge Gassen oder zu Hinterhöfen. Felteshavel war in nahezu allen Punkten das genaue Gegenteil von Amaurys Heimatstadt und das, obwohl sie diese nie für sonderlich groß oder geschäftig gehalten hatte. Sie war sich sogar recht sicher gewesen, keinen allzu großen Unterschied zu ihrer Heimat zu bemerken, immerhin hatte sie zuvor am Stadtrand nahe der Gärtnerei ihrer Mutter gelebt, und doch strahlte Felteshavel eine ganz andere Ruhe aus. Alles wirkte langsamer und fast mysteriös, was jedoch vermutlich dem diesigen Wetter und der urigen Bauart der meisten Gebäude hier geschuldet war. Dazu kam der unübersehbare, gewaltige Fichtenwald, dessen Omnipräsenz ihn mit der restlichen Landschaft verschmelzen ließ. Felteshavel lag am Fuße einer Hügelkette, die vollkommen von den Fichten eingenommen wurde. Wo man auch hinsah, konnte man hinter jedem Haus im Norden und im Westen die mächtigen, alten Bäume in die Höhe ragen sehen. Wie eine drohende Flutwelle aus tiefem Dunkelgrün thronte der Wald über der Stadt und ließ alles darin wie eine Nussschale auf dem weiten Ozean erscheinen.
»Wie groß ist der Fichtenwald?«, fragte Amaury, während sie über einen Pflastersteinweg zwischen kleinen Häusern mit großen Gärten entlangliefen.
»Groß. Man könnte sagen er ist ge-wald-ig«, antwortete Mari und lachte daraufhin über ihren eigenen Witz.
»Wow«, brummte Amaury, der nun erneut die Aufgabe zugefallen war auch ihren Koffer wieder selbst zu schleppen, da er Mari zu schwer geworden war.
»Entschuldige, aber mal im Ernst. Dieser Wald ist riesig. Allein um zur Akademie zu kommen, braucht man mit dem Zug eine halbe Stunde«, erklärte Mari beschwichtigend und wollte ihrer Cousine den Rucksack abnehmen, da dieser allmählich von deren Schulter rutschte. Amaury jedoch schüttelte vehement den Kopf und warf den Rucksackriemen mit einem kleinen Hüpfer zurück an seinen Platz.
»Den trage ich selbst«, erklärte sie streng. Mari zuckte mit den Schultern und ging ein paar Schritte vor. Daraufhin herrschte eine Weile lang Stille, bevor Amaury erneut das Wort ergriff.
»Die Akademie ist im Wald? Ich dachte der wäre unter Naturschutz?«
»Ist er auch. Gewissermaßen zumindest. Die Familie Loudain besitzt das Land seit Ewigkeiten und kümmert sich um den Wald. Das Akademiegebäude soll vor vielen Jahren mal ihre Schlossresidenz gewesen sein. Deswegen sieht alles dort auch so geheimnisvoll und historisch aus.«
»Aber ist es nicht schlecht für den Wald, wenn dort ständig Autos durch fahren?«
»Tun sie nicht. Es gibt keine Straße und nur wenige Wanderwege. Der größte Teil ist unberührte Natur«, führte Mari aus.
»Wie kommen dann die Studenten dorthin?«
»Es gibt einen Zug. Er wird angeblich umweltschonend betrieben und fährt nur zweimal am Tag. Einmal morgens und einmal abends.«
»Und sonst kommt man dort nicht hin, oder weg?«, fragte Amaury erstaunt.
»Richtig. Nur mit dem Zug. Oh, und in Notfällen sollen wohl Hubschrauber zur Akademie fliegen, ist aber noch nie passiert, solange ich dort bin.«
»Wohnst du dann auch in der Akademie?«
»Ja, das Wohnheim ist großartig. Die Zimmer sind richtig schön und es ist immer etwas los. Du musst mich dort mal besuchen. Du bleibst doch eh eine Weile hier, oder?«
»Mal sehen«, sagte Amaury ausweichend. »Aber bestimmt komme ich dich mal besuchen. Dann muss ich aber den Morgenzug nehmen, wenn ich am Abend wieder im Dorf sein will, richtig?«
»Genau. Sonst fährt der nächste Zug runter erst wieder am nächsten Tag.«
»Was ein seltsames Konzept.«
Mari kicherte und lief weiter voraus. »Da ist das Haus meiner Eltern«, verkündete sie und zeigte auf ein hübsches, altes Backsteinhaus mit kleinem Schaufenster, vor dem ein Holzschild stand. Darauf wurde in schnörkeliger Schrift ein Kräuter- und Teeladen beworben, der sich allem Anschein nach im Untergeschoss des Hauses befand. Während Amaury ihr Gepäck die letzten Meter zur Haustür an der Seite des Gebäudes schleppte, war Mari vorgelaufen und hatte schon geklingelt, wodurch die Tür offenstand, sobald Amaury ankam.
»Willkommen meine Liebe«, begrüßte ihre Tante sie. »Es tut mir schrecklich leid, dass ich dich nicht persönlich abholen konnte. Mir ist etwas Wichtiges dazwischengekommen. Umso mehr freut es mich, dich endlich hier begrüßen zu können. Ich hoffe die Reise war nicht zu anstrengend?« Während sie sprach, nahm sie ihrer bepackten Nichte den schweren Koffer ab und trug ihn ins Haus. Amaury folgte ihr und Mari kam schließlich als letzte herein. Drinnen war es deutlich wärmer und vor allem trocken.
»Dein Zimmer ist hier hinten. Es war früher Maris, aber seit sie in der Akademie lebt, steht es leer. Du kannst also ruhigen Gewissens hier wohnen«, erklärte ihre Tante beiläufig, während sie den Koffer mitten in ein kleines, aber gemütlich eingerichtetes Zimmer stellte. Die Möbel und Farben im Raum waren allesamt hell und fröhlich gestaltet. Selbst der Schreibtischstuhl war knallpink und hatte eine neongrüne Decke über der Lehne. Obwohl Amaury ihre Cousine erst heute kennengelernt hatte, fand sie, dass das Zimmer perfekt zu ihr passte. Besonders eine Korkpinnwand voller Fotos von ausgelassenen, jungen Mädchen und allerhand übertrieben niedlichem Krimskrams, schrie geradezu ‚Mari‘.
»Ist es wirklich in Ordnung, wenn ich hier wohne?«, erkundigte Amaury sich, nicht zuletzt, weil sie befürchtete auf Dauer von all den bunten Farben erschlagen zu werden. Grundsätzlich hatte sie nichts gegen knallige Farben, jedoch waren sie in diesem Zimmer ein wenig wahllos verwendet worden, wodurch die Atmosphäre im Raum unruhig war. Wehmütig dachte Amaury an ihr altes Zimmer. Es war weder schön noch groß gewesen, aber wenigstens dunkel und ruhig.
»Natürlich, du hast meinen Segen«, betonte Mari übertrieben förmlich.
»Da hörst du es«, lachte auch ihre Tante, bevor sie Amaury eine Hand auf die Schulter legte. »Keine Sorge, du wirst dich schon einfinden.«
Amaury nickte missmutig und betrachtete einen Stapel Zeichenblöcke auf dem chaotischen Schreibtisch, zwischen Stiftehaltern, Modemagazinen mit halbnackten Männern und einem Roman mit schnulzigem Cover. Zumindest der Anblick der Zeichenutensilien hielt einen Funken Hoffnung in ihre Cousine am Leben.
»Also gut. Das Bad ist gleich hier um die Ecke. Mach dich frisch und ruh dich kurz aus. Wir bereiten so lange einen kleinen Snack vor, nicht wahr Mari?«, wandte sich ihre Tante erst an die Neuangekommene und dann an ihre Tochter.
»Natürlich«, stimmte diese zu, woraufhin Amaury allein zurückgelassen wurde. Seufzend ließ sie ihren Rucksack von der Schulter gleiten und setzte sich auf den Schreibtischstuhl.
»Worauf habe ich mich da nur eingelassen«, murmelte sie und fühlte sich fehl am Platz. Ihre hauptsächlich dunkle, androgyne Kleidung stach in dem strahlend bunten Zimmer hervor, ebenso wie ihr abgenutzter Rucksack mit den klimpernden Metallanhängern, die stellenweise Rost angesetzt hatten.
»Was solls«, ergänzte sie und begab sich ins Badezimmer, um sich frisch zu machen.
I
»Wie geht es Alyssa?«, erkundigte sich Amaurys Onkel Joseph, als sie wenig später zu viert am Tisch im gemütlichen Wohnzimmer saßen und ein paar Sandwiches und Kekse aßen.
»Es geht ihr gut, aber habt ihr denn gar keinen Kontakt mehr zu ihr?«, beantwortete Amaury verwundert die Frage.
»Vermutlich weißt du inzwischen mehr von ihr und ihrem Leben«, erklärte Tante Lia traurig.
»Verstehe. Nun, wir haben ab und zu zusammen in einem Laden für Künstlerbedarf gearbeitet. Sie beschwert sich gelegentlich über ihre Mietkosten, aber sonst geht es ihr gut.«
»Das ist gut zu wissen. Vielleicht schicken wir ihr mal einen Brief mit etwas Geld«, überlegte Onkel Joseph laut.
»Lass uns nicht jetzt darüber reden«, beendete Tante Lia das Thema. Auch Mari war ungewöhnlich still geworden.
»Ich weiß, es geht mich vermutlich nichts an, aber alte Gewohnheiten wird man schwer los, daher … Was ist zwischen euch vorgefallen?«, wollte Amaury nun wissen.
»Hat sie nie mit dir darüber gesprochen?«, fragte Tante Lia.
Amaury schüttelte den Kopf. »Wir kamen immer klar, aber wirklich eng waren wir nie befreundet.«
»Ach so. Ich will das Thema nicht vertiefen, nur …« Ihre Tante überlegte kurz. »Sie war nicht einverstanden mit einigen Entscheidungen, die ich oder Mari getroffen haben.«
Amaury überlegte. Sie wusste von ihrer Mutter ein wenig über die Geschichte ihrer Tante Bescheid, jedoch war es nicht genug, um sich einen Reim auf die Sache machen zu können. Im Grunde konnte es ihr egal sein, da Alyssa kaum mehr als eine Bekannte war – trotz ihrer Verwandtschaft – dennoch konnte Amaury einen gewissen Drang nicht leugnen, die ganze Geschichte erfahren zu wollen.
»Inwiefern?«, fragte sie daher und richtete sich unbewusst auf. Instinktiv wollte sie nach ihrer Jackentasche greifen und ihr Notizbuch herausholen, musste jedoch feststellen, dass beides in Maris altem Zimmer, bei ihrem restlichen Gepäck lag.
»Es ist gut, dass du hier bist. Du brauchst wirklich Abstand von deiner Arbeit«, sagte ihre Tante leicht scherzhaft.
»Was? Oh …« Amaury war ihr Verhalten nicht ungewöhnlich vorgekommen, wie sollte es auch. Erst jetzt, wo sie jemand darauf hinwies, wurde es ihr bewusst. »Entschuldige«, ergänzte sie halbherzig, was man an ihrer Stimme nicht heraushörte.
»Schon gut. Lassen wir das Thema«, bat Tante Lia.
»Wenn du noch Kraft hast, könnte ich dir ein wenig das Dorf zeigen«, schlug Mari vor.
»Nein, lieber …«, wollte Amaury ablehnen, jedoch fühlte sie sich nach der langen Zugfahrt ein wenig steif. Außerdem erhoffte sie sich von Mari ein paar hübsche, geheime Orte in Felteshavel gezeigt zu bekommen. »Doch. Gehen wir spazieren.«
Es dauerte nicht lange, dann liefen die beiden jungen Frauen ein weiteres Mal durch die kleine Ortschaft.
»Was ist mit dir? Vermisst du Alyssa?«, wollte Amaury wissen, nachdem Mari ihr den alten Dorfplatz gezeigt hatte und sie nun an der Pferdeweide entlangliefen. Der Regen hatte aufgehört, einzig die dichte Wolkendecke war geblieben.
»Ich weiß nicht«, antwortete Mari nachdenklich. »Obwohl sie meine Schwester ist, standen wir uns nie nahe. Sie wirkte immer enttäuscht, wenn sie mich sah. Außerdem ist sie früh ausgezogen und hat sich dann nicht mehr gemeldet.«
»Was für Entscheidungen meinte Tante Lia eben?«, vertiefte Amaury das Gespräch.
»Hm? Ach das. Ich glaube, sie meint unsere Entscheidung an der Akademie hier zu studieren. Meine Mutter hat dort auch studiert, musst du wissen.«
»Und deswegen macht Alyssa euch Vorwürfe? Was ist denn so schlimm an dieser Akademie?«
Mari blieb unter den weiten Ästen einer alten Eiche stehen und war tief in Gedanken versunken, zumindest kümmerte sie sich nicht um die Wassertropfen, die von den Blättern des Baumes auf sie herabfielen.
»Manche Leute nennen sie die Akademie für Außenseiter. Das tun sie nur, weil die Akademie so verborgen und abgeschottet im Wald liegt und alles dort sehr privat vor sich geht.«
»Also hat diese Akademie keinen guten Ruf?«, schlussfolgerte Amaury. Mari drehte sich zu ihr und schüttelte den Kopf.
»Das ist es nicht. Im Grunde ist sie eine Hochschule wie jede andere, nur mit besonderen Studiengängen. Außerdem …«
»Ja?«
»Nun, durch ihre Abgelegenheit ist die Akademie ein kleiner Kosmos für sich. Deswegen, und dank der langen, mysteriösen Geschichte hinter der Familie Loudain, ist die Akademie ein wenig anfällig für sonderbare Zwischenfälle. Ich meine, ein achthundert Jahre altes Schloss inmitten eines riesigen, gruseligen Fichtenwaldes schreit ja förmlich: Hier passieren seltsame Dinge.«
»Was denn für Dinge?«
»Na ja, es fängt an bei verschwundenen Büchern und sonderbaren Briefen – alltäglicher Privatakademie Kram eben – und endet bei … Mord.«
»Mord?«, entfuhr es Amaury. »Dann kann ich verstehen, warum Alyssa es nicht gut findet, dass du an dieser Akademie studierst.«
»Nein, so ist das nicht. Es sind auch nur Gerüchte. Offiziell war es ein Unfall.«
»Was?« Nun stand Amaury kerzengerade neben ihrer Cousine. Ihre Gedanken rasten. Sie verspürte den Drang Mari zu bitten sie mit an die Akademie zu nehmen, um sich dort umhören und umsehen zu können, aber das wäre kaum förderlich für ihr Vorhaben gewesen, Abstand zu ihrem alten Leben zu bekommen.
»Ja unser Hausmeister ist wohl nachts in den Wäldern gewesen und dabei kam es zu einem Unfall«, führte Mari aus.
»Wie kommt man dann auf die Idee, dass es ein Mord gewesen ist?«
»Na ja, jemand will mitbekommen haben, wie einer der Professoren zur Direktorin sagte, dass fremde Fußabdrücke am Unfallort gefunden wurden.«
»Interessant.«
»Ist das dein Ernst? Das ist das Erste, was dir dazu einfällt. Ich finde das schrecklich. Das ist total unheimlich, Amaury.«
»Hm?«, machte die Angesprochene. Sie war bereits in Gedanken versunken und ging ihrer liebsten Tätigkeit nach: Schlüsse ziehen und Zusammenhänge herausfinden. »Oh, tut mir leid. Berufskrankheit.«
»Als was, bitte schön, arbeitest du denn?«
Amaury legte den Kopf schief und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich dachte, dass wüsstest du?«
Mari schüttelte den Kopf. »Ich weiß nur, dass du zuhause Probleme hattest und einige Dinge schiefgelaufen sind, weshalb du Abstand davon brauchst. Deswegen bist du hier.«
»Ja, so in etwa«, stimmte Amaury zögerlich zu.
»Und? Als was arbeitest du jetzt?«
»Hm? Ach ja. Ich bin Journalistin. Oder besser gesagt war es.«
»Und da hattest du so viel mit Morden zu tun?«
»Nicht unbedingt, aber es waren immer mysteriöse Geschichten, denen wir hinterhergejagt sind. Meistens hatten sie ein langweiliges Ende oder bestanden aus einer Reihe von Missverständnissen, aber manchmal war auch etwas Düsteres dahinter.«
»Das erklärt gar nichts, aber danke«, sagte Mari verständnislos.
»Es erklärt zwar genug, aber weil du es bist: Wir waren bei einer lokalen Zeitungsagentur angestellt und unsere Kolumnen waren der Hauptverkaufsgrund des Blattes. Er hat die Mysterien aufgespürt, ich habe schlüssige Artikel daraus gemacht. Leider endeten die Dinge nicht schön, weshalb ich die Agentur verlassen musste. Ich wollte unabhängig Artikel veröffentlichen, aber ohne ihn fehlten mir die Quellen und so war das spannendste, worüber ich schreiben konnte ein Hühnerdiebstahl, der keiner war, weil der alte Besitzer nur das Gatter offengelassen hatte.«
»Das tut mir echt leid«, sagte Mari nun mitfühlend, woraufhin Amaury eine abweisende Handbewegung machte.
»Nah, das ist schon länger her. Ich habe auch immer mal wieder gute Themen für Artikel gefunden, aber irgendwie war das alles nicht mehr das Wahre. Lange Rede, kurzer Sinn: Mysterien und sonderbare Zwischenfälle wecken nach wie vor mein Interesse, weshalb mich deine Erzählung fasziniert hat, das ist alles.«
»Also willst du …«, begann Mari, doch ihre Cousine fiel ihr ins Wort.
»Nein. Das ist vorbei. Ich werde einige Wochen hierbleiben und Urlaub machen. Danach gehe ich zurück, suche mir in einer anderen Stadt eine neue Festanstellung bei einer Zeitungsagentur und schreibe normale Artikel. Das ist spannend genug. Vielleicht übernehme ich auch die Gärtnerei meiner Mutter, wer weiß. Auf jeden Fall ist das Lösen von Rätseln und Nachjagen von spannenden Geschichten ein für alle Mal vorbei.« Sie hielt kurz inne und ließ ihren Blick über die Weide schweifen, auf der gerade ein Pferd zu einem kurzen Sprint angesetzt hatte, ehe es wieder den Kopf senkte und ruhig Grasbüschel abrupfte. Ohne die Augen davon abzuwenden, sagte Amaury: »Ich hoffe die Sache an der Akademie war nur ein Unfall. Ich will mir keine Sorgen um dich machen müssen.«
»Amaury …«
»Wollen wir weiter? Du wolltest mir doch noch etwas zeigen, oder?«, lenkte sie ab.
»J…ja. Komm mit.« Daraufhin folgten sie dem Weg, ohne ein weiteres Wort zu wechseln.
I
Die Sonne blinzelte zwischen fluffig weißen Wolken hindurch und schien geradewegs durch die dünnen, hellgrünen Vorhänge in einem der Backsteinhäuser. Amaury wandte sich im Bett genervt stöhnend mit dem Gesicht der Wandseite zu und zog sich das Kissen halb über den Kopf. Seit ihrer Ankunft in Felteshavel waren einige Tage vergangen und sie hatte sich an vieles hier gewöhnt; die Ruhe auf den Straßen, den herben Geruch der Fichten und selbst die Tatsache in einer kunterbunten Glitzerwelt zu wohnen. An eines aber würde sie sich nicht so bald gewöhnen: Die unsagbar dünnen Vorhänge und ihr Unvermögen das Tageslicht ausreichend abzuhalten. Amaury hatte nichts dagegen früh aufzustehen, jedoch wollte sie nicht unwillentlich geweckt werden, erst recht nicht im Urlaub. Nun war es dafür aber bereits zu spät, weshalb sie sich kurzerhand aufsetzte und ins Bad ging, um sich frisch zu machen. Wie bereits in den vergangen Tagen stand nicht viel auf dem Plan. Sie würde erneut spazieren gehen und vielleicht die ältere Dame wiedertreffen, mit der sie vorgestern ins Gespräch gekommen war. Auch könnte sie zum kleinen Café gehen, das Tante Lia ihr empfohlen hatte oder ihren Onkel Joseph in seiner Apotheke besuchen. Die Möglichkeiten waren endlos … langweilig.
Mit entsprechender Energie betrat Amaury kurz darauf die Küche, in der sie Tante Lia erwartete, aber es war niemand hier. Vermutlich besaßen alle anderen Zimmer im Haus bessere Möglichkeiten zur Abdunkelung. Deswegen, und da es erst halb acht war, entschied Amaury, sich nochmal kurz auf die Couch zu legen, bevor sie mit ihrer Tagesplanung beginnen wollte.
Es kam wie es kommen musste und sie schlief erneut ein. Eine Hand auf ihrer Schulter holte sie jedoch ruppig zurück aus dem Reich der Träume.
»Maury aufwachen. Wir müssen los«, rief eine dringliche Stimme.
»Was? Was ist los?«, nuschelte Amaury verschlafen und blinzelte mehrfach, um schneller wach zu werden und klar sehen zu können.
»Los. Du musst mit mir kommen.«
Es dauerte einen Augenblick, dann saß Amaury aufrecht auf der Couch und erkannte vor sich ihre Cousine. Sie trug eine weit sitzende Jacke und schmutzige Turnschuhe.
»Komm schon«, drängte sie.
»Warum bist du hier? Wo soll ich hin?«
»Keine Zeit. Ich erkläre dir alles später.«
»Aber …«
»Kein aber. Los komm jetzt.« Ruppig packte Mari ihre Cousine am Arm und zog sie auf die Beine. »Hol deine Jacke und den Rucksack und komm.«
»Ja, ist ja schon gut«, maulte Amaury und trottete in ihr Zimmer, um sich schnell anzuziehen und den Rucksack zu holen. Ihren dunkelroten Mantel konnte sie gerade noch im Vorbeigehen greifen, da Mari bereits wieder ihr Handgelenk gepackt und sie mit sich in Richtung Tür gezogen hatte.
Fortsetzung folgt ...
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Kapitel 1 – Willkommen in Felteshavel
Nachdenklich strichen zwei Finger über eine alte Fotografie. Darauf war eine Gruppe von kleinen Kindern abgebildet, die brav und ordentlich in zwei Reihen aufgestellt waren. Neben ihnen stand eine Frau mittleren Alters, deren freundliche Gesichtszüge trotz der Vergilbung der Fotografie deutlich hervorstachen. Ebenso wie das breite Grinsen eines der Kinder in der hinteren Reihe. Ein kleines Mädchen mit zartbitterschokoladenbraunen Haaren, die zu einem Zopf geflochten waren. Nur eine Strähne, links von ihrem Gesicht, wies eine blasse Rotfärbung auf. Auf ihrer Wange klebte ein Pflaster. Neben ihr stand ein Junge, etwas größer, aber nicht viel älter als sie, mit dunkelbraunen, kurzen Haaren. Allein von der Fotografie konnte man es nicht erkennen, doch die beiden hatten sich an den Händen gefasst.
»Verdammt ist das lange her«, murmelte Amaury. Vor der Abreise hatte ihre Mutter ihr das Foto gegeben, weil sie darauf mit ihrer Cousine Alyssa zu sehen war, zu deren Familie sie nun reiste. Genauer gesagt zu ihrer Tante und ihrem Onkel, denn Alyssa lebte schon lange nicht mehr bei ihren Eltern. Amaury hatte gehofft durch einen Blick auf das Foto ein paar Erinnerungen an ihre Verwandten wachzurufen, jedoch hatte stattdessen der Anblick ihres Kindheitsfreundes Darcey in ihrem Gedächtnis etwas ausgelöst.
»Was wohl aus dir geworden ist?«, flüsterte sie und betrachtete den kleinen Jungen mit den dunklen, kurzen Haaren. Nach einem Augenblick der Stille – nur das leise Rattern des Zuges auf den Gleisen war zu hören – legte sie die Fotografie auf den glatten Holztisch in ihrem Abteil und zog stattdessen ihr Notizbuch zu sich, das zuvor auf dem Tisch gelegen hatte. Der lederne Umschlag war abgegriffen und mit Stickern versehen. Ein Reißverschluss am Einband verhinderte, dass etwaige lose Zettel zwischen den Seiten herausfallen konnten, doch im Moment war er nicht geschlossen. Das Notizbuch darin war jedoch schon lange nicht mehr das ursprüngliche. Nachdem darin alle Seiten beschriftet waren, hatte Amaury es nicht übers Herz gebracht es mitsamt dem schönen Lederumschlag ins Regal zu stellen. Kurzerhand hatte sie den Umschlag abgezogen und diesen seither immer wieder für ihr aktuelles Notizbuch verwendet. Entsprechende Nutzungsspuren ließen sich daran ausmachen. Ebenso an den Anhängern, die an einer kleinen Metallöse am oberen Rücken des Lederumschlags befestigt waren. Im Detail waren dies zwei metallene Ringe, die an einer kurzen Kette hingen und leise klimperten, wann immer man das Buch bewegte. Gerade wollte Amaury ebendiese Ringe gedankenversunken mit den Fingerspitzen berühren, um sie genauer zu betrachten, da auch an ihren Ursprung eine Erinnerung aufgetaucht war, als ihr Handy klingelte. Kurzerhand ließ sie von dem Notizbuch ab und nahm den Anruf entgegen.
»Hey«, sagte sie freudig.
»Hallo, na, sitzt du wieder auf deinem Dach?«, ertönte eine freundliche, junge Männerstimme.
»Nicht ganz. Ich sitze im Zug«, erwiderte Amaury.
»Was? Warum denn das? Wo geht es hin?« Mit einem Mal klang die andere Stimme besorgt.
»Zu Tante und Onkel Hayes.«
»Wirklich? Wie kommt es denn dazu?«
»Nun …« Sie zögerte. »Ich musste weg. Ich dachte, ich käme klar, aber irgendwie fühlte sich alles einfach nur noch festgefahren an. Ich … ich brauche Abstand. Von allem.«
»Jetzt machst du mir ein schlechtes Gewissen. Hätte ich doch nicht gehen dürfen?« Seine Stimme klang betrübt.
»Nein«, sagte Amaury bestimmt. »Auf keinen Fall. Sicher, du fehlst mir, aber ich würde dich niemals bitten, nur wegen mir zu bleiben. Deiner Verlobten würde das auch nicht gefallen«, betonte sie mit Nachdruck.
»Da magst du Recht haben, aber …«
»Kein aber. Es geht mir gut. Ich denke, ich tue das Richtige.«
»Wenn du meinst, aber … also …«
»Spucks schon aus.«
»Na ja, das hier wird wohl vorerst mein letzter Anruf. Auf dem Trail haben wir vermutlich keinen Empfang.«
»Du sagst das, als sollte es mich überraschen.«
»Tut es nicht?«
»Émilien, ich bin nicht dumm. Ich kann mir denken, dass du mitten in der Wildnis eines Nationalsparks auf einem einsamen Wanderweg in den Bergen keinen Empfang haben wirst.«
»Dann ist ja gut. Weil ich wusste, wie schlecht es dir im Moment geht, wollte ich es dir nicht eher sagen.«
Amaury lachte abfällig. »Netter Versuch, aber das war doch offensichtlich.«
»Na gut. Wie dem auch sei. Ich hoffe du findest, was du suchst. Ist in Felteshavel nicht auch diese Akademie?«
»Kann sein. Ich glaube Mari studiert dort. Es wird seltsam sie zu sehen. Ich kenne sie ihr ganzes Leben lang, aber sie weiß vermutlich nicht, wer ich bin.«
»Also ob man das ‚kennen‘ nennen kann. Tante Lia hat uns damals nur von Maris Geburt erzählt und seitdem ab und zu Bilder geschickt.«
»Haben wir sie nicht einmal besucht? An Weihnachten? Nein warte, sie haben uns besucht. Oder?«
»Egal. Solange Mari nicht so ein Miesepeter wie ihre Schwester ist, wird es sicher schön dort.«
»Sag das nicht. Alyssa ist kein Miesepeter. Sie ist halt …«
»Ein Miesepeter.«
Amaury stöhnte genervt. »Solltest du dich nicht lieber auf deine Wanderung vorbereiten, sonst vergisst du nachher etwas Wichtiges.«
»Ja, schon gut. Also dann, pass auf dich auf. Wir hören uns.«
»Du auch. Bis dann.«
Kaum hatte sie aufgelegt, spürte Amaury eine tiefe Traurigkeit in sich aufsteigen. Sie und ihr Bruder standen sich sehr nahe und nun so lange von ihm getrennt zu sein, löste mehr als nur Unbehagen in ihr aus. Ein Grund mehr aus dem Alltag auszubrechen und sich mit so vielen neuen Eindrücken abzulenken, dass für ein Gefühl des Vermissens kein Platz mehr war.
Gedankenversunken schaute sie zuerst auf die leuchtende Anzeige mit den nächsten Stationen und anschließend aus dem Fenster, sobald sie feststellte, dass sie bald da sein würden. Die Landschaft draußen war weitestgehend unberührte Natur.
Hier und da stand eine kleine Ansammlung von Häusern, die man kaum ein Dorf nennen konnte. Gelegentlich tauchten Gutshöfe und Kuhweiden auf, doch die meiste Zeit schaute man auf weite Felder, Wiesen und Wälder. Da der Frühling noch auf sich warten ließ und der Himmel grau und wolkenverhangen war, gab auch die idyllische Natur nur ein trostloses Bild ab. Gedanken des Zweifels schlichen sich in Amaurys Kopf. Wieso hatte sie sich nur dazu überreden lassen nach Felteshavel zu reisen – einem Dorf mitten im Nirgendwo, das zugleich die einzige Anbindung an die berühmtberüchtigte Cinereus Akademie war, über die jedoch kaum jemand etwas zu wissen schien?
Felteshavel war zweifellos ein Ort voller Widersprüche und vielleicht war genau das der Grund, warum Amaury trotz aller Ablehnung und Zweifel hergekommen war.
I
Mit dem Rucksack auf der Schulter, der Umhängetasche über der Brust und dem schweren Koffer in der Hand stand sie kurz darauf neben dem Ausgang im Zug. Der nächste Halt war Felteshavel. Außer ihr schienen nicht viele Personen dort aussteigen zu wollen. Dafür hatte es ein Mann mittleren Alters in elegantem Gehrock besonders eilig einzusteigen, sobald sich die Türen geöffnet hatten. Er war so in Gedanken versunken, dass er dabei die vollbeladene Amaury nicht bemerkte und mit ihr zusammenstieß. Dabei fiel ihm eine braune Aktenmappe aus der Hand und klatschte auf den Boden. Hastig bemühte er sich alles wieder zusammenzusammeln, doch Amaury erhaschte einen kurzen Blick auf eines der Dokumente. Viel konnte sie nicht erkennen, aber es schien sich um einen Lebenslauf oder dergleichen zu handeln. Zumindest war es, der Aufmachung nach, ein offiziell anmutendes Dokument. Ohne Amaury eines Blickes zu würdigen, huschte der Mann mit der Akte an ihr vorbei in den Zug, während sie sich und ihr Gepäck auf den Bahnsteig schleppte.
Ein wenig benommen von diesem Zusammenstoß, brauchte die junge Frau einen Augenblick, um sich wieder zu sammeln. Die kühle Luft half ihr dabei, der leichte Nieselregen dagegen störte. Die winzigen Tröpfchen verfingen sich in ihren langen, braunschwarzen Haaren und ließen diese noch bauschiger und wirrer aussehen, als sie es ohnehin nach der langen Zugfahrt bereits taten. Auch das breite Haargummi konnte nicht mehr viel Ordnung in die Mähne bringen. Gerade als Amaury dennoch versuchte ihre fuchsrote Strähne hinter das linke Ohr zu stecken, wurde sie von jemandem regelrecht überfallen.
»Amaury? Hallo, ich bin hier«, rief eine begeisterte, jugendliche Stimme. Verwirrt hob die Angesprochene den Kopf und suchte nach dem Ursprung dieser überschwänglichen Begrüßung. Eine junge Frau mit schulterlangen, dunkelblonden Haaren und kindlichen Gesichtszügen kam auf Amaury zu und winkte dabei freudig.
»Du bist doch Amaury Blackfir oder?«, erkundigte sie sich kurz darauf, ein wenig verunsichert und blieb stehen.
»Ja, die bin ich. Du bist Marigold, richtig?«, erwiderte sie.
Die blonde Frau nickte. »Genau die bin ich, aber nenn mich doch Mari. Niemand sagt Marigold zu mir. Das würde ja auch klingen, als wäre ich schon achtzig.« Sie lachte, was in Amaurys Ohren beinahe niedlich klang.
»Freut mich. Ich hab viel von dir gehört«, führte sie das Gespräch fort, obwohl das, was sie sagte nicht ganz die Wahrheit war.
»Echt? Das ist gut, dann kannst du mehr von dir erzählen«, scherzte Mari und gab ihrer Cousine mit einer Kopfbewegung zu verstehen ihr zu folgen. Amaury atmete kurz durch und schleppte dann ihr Gepäck der quirligen Frau hinterher.
Vor dem Bahnhof stellte sie die Sachen kurz ab und schaute sich suchend um.
»Bist du nicht mit dem Auto hier?«, wollte sie wissen.
»Oh, ähm … es ist so, eigentlich wollte meine Mutter dich abholen, aber sie hatte leider keine Zeit, weil wohl irgendein wichtiger Auftrag reinkam. Ich war zufällig gerade da und bin an ihrer Stelle gekommen, aber leider habe ich keinen Führerschein.«
»Dann … müssen wir laufen? Mit dem ganzen Gepäck?«, schlussfolgerte Amaury entrüstet, jedoch mit kalter Stimme.
»Sieht so aus, aber ich kann dir den Koffer abnehmen. Es ist auch nicht weit. Vielleicht zehn Minuten bis zum Haus meiner Eltern.«
»Wunderbar«, entgegnete Amaury emotionslos. Ohne schlechtes Gewissen überließ sie ihrer Cousine den Koffer und lief kurzerhand mit dem restlichen Gepäck an ihr vorbei.
Sie marschierten auf dem Bürgersteig der Hauptstraße entlang und kamen dabei an alten Backsteinhäusern mit Efeubewuchs und einer noch älteren Kirche vorbei. Überall standen antik anmutende Straßenlaternen und wo man auch hinsah, führten schmale gepflasterte Straßen, deren beste Tage bereits lang vergangen waren, in enge Gassen oder zu Hinterhöfen. Felteshavel war in nahezu allen Punkten das genaue Gegenteil von Amaurys Heimatstadt und das, obwohl sie diese nie für sonderlich groß oder geschäftig gehalten hatte. Sie war sich sogar recht sicher gewesen, keinen allzu großen Unterschied zu ihrer Heimat zu bemerken, immerhin hatte sie zuvor am Stadtrand nahe der Gärtnerei ihrer Mutter gelebt, und doch strahlte Felteshavel eine ganz andere Ruhe aus. Alles wirkte langsamer und fast mysteriös, was jedoch vermutlich dem diesigen Wetter und der urigen Bauart der meisten Gebäude hier geschuldet war. Dazu kam der unübersehbare, gewaltige Fichtenwald, dessen Omnipräsenz ihn mit der restlichen Landschaft verschmelzen ließ. Felteshavel lag am Fuße einer Hügelkette, die vollkommen von den Fichten eingenommen wurde. Wo man auch hinsah, konnte man hinter jedem Haus im Norden und im Westen die mächtigen, alten Bäume in die Höhe ragen sehen. Wie eine drohende Flutwelle aus tiefem Dunkelgrün thronte der Wald über der Stadt und ließ alles darin wie eine Nussschale auf dem weiten Ozean erscheinen.
»Wie groß ist der Fichtenwald?«, fragte Amaury, während sie über einen Pflastersteinweg zwischen kleinen Häusern mit großen Gärten entlangliefen.
»Groß. Man könnte sagen er ist ge-wald-ig«, antwortete Mari und lachte daraufhin über ihren eigenen Witz.
»Wow«, brummte Amaury, der nun erneut die Aufgabe zugefallen war auch ihren Koffer wieder selbst zu schleppen, da er Mari zu schwer geworden war.
»Entschuldige, aber mal im Ernst. Dieser Wald ist riesig. Allein um zur Akademie zu kommen, braucht man mit dem Zug eine halbe Stunde«, erklärte Mari beschwichtigend und wollte ihrer Cousine den Rucksack abnehmen, da dieser allmählich von deren Schulter rutschte. Amaury jedoch schüttelte vehement den Kopf und warf den Rucksackriemen mit einem kleinen Hüpfer zurück an seinen Platz.
»Den trage ich selbst«, erklärte sie streng. Mari zuckte mit den Schultern und ging ein paar Schritte vor. Daraufhin herrschte eine Weile lang Stille, bevor Amaury erneut das Wort ergriff.
»Die Akademie ist im Wald? Ich dachte der wäre unter Naturschutz?«
»Ist er auch. Gewissermaßen zumindest. Die Familie Loudain besitzt das Land seit Ewigkeiten und kümmert sich um den Wald. Das Akademiegebäude soll vor vielen Jahren mal ihre Schlossresidenz gewesen sein. Deswegen sieht alles dort auch so geheimnisvoll und historisch aus.«
»Aber ist es nicht schlecht für den Wald, wenn dort ständig Autos durch fahren?«
»Tun sie nicht. Es gibt keine Straße und nur wenige Wanderwege. Der größte Teil ist unberührte Natur«, führte Mari aus.
»Wie kommen dann die Studenten dorthin?«
»Es gibt einen Zug. Er wird angeblich umweltschonend betrieben und fährt nur zweimal am Tag. Einmal morgens und einmal abends.«
»Und sonst kommt man dort nicht hin, oder weg?«, fragte Amaury erstaunt.
»Richtig. Nur mit dem Zug. Oh, und in Notfällen sollen wohl Hubschrauber zur Akademie fliegen, ist aber noch nie passiert, solange ich dort bin.«
»Wohnst du dann auch in der Akademie?«
»Ja, das Wohnheim ist großartig. Die Zimmer sind richtig schön und es ist immer etwas los. Du musst mich dort mal besuchen. Du bleibst doch eh eine Weile hier, oder?«
»Mal sehen«, sagte Amaury ausweichend. »Aber bestimmt komme ich dich mal besuchen. Dann muss ich aber den Morgenzug nehmen, wenn ich am Abend wieder im Dorf sein will, richtig?«
»Genau. Sonst fährt der nächste Zug runter erst wieder am nächsten Tag.«
»Was ein seltsames Konzept.«
Mari kicherte und lief weiter voraus. »Da ist das Haus meiner Eltern«, verkündete sie und zeigte auf ein hübsches, altes Backsteinhaus mit kleinem Schaufenster, vor dem ein Holzschild stand. Darauf wurde in schnörkeliger Schrift ein Kräuter- und Teeladen beworben, der sich allem Anschein nach im Untergeschoss des Hauses befand. Während Amaury ihr Gepäck die letzten Meter zur Haustür an der Seite des Gebäudes schleppte, war Mari vorgelaufen und hatte schon geklingelt, wodurch die Tür offenstand, sobald Amaury ankam.
»Willkommen meine Liebe«, begrüßte ihre Tante sie. »Es tut mir schrecklich leid, dass ich dich nicht persönlich abholen konnte. Mir ist etwas Wichtiges dazwischengekommen. Umso mehr freut es mich, dich endlich hier begrüßen zu können. Ich hoffe die Reise war nicht zu anstrengend?« Während sie sprach, nahm sie ihrer bepackten Nichte den schweren Koffer ab und trug ihn ins Haus. Amaury folgte ihr und Mari kam schließlich als letzte herein. Drinnen war es deutlich wärmer und vor allem trocken.
»Dein Zimmer ist hier hinten. Es war früher Maris, aber seit sie in der Akademie lebt, steht es leer. Du kannst also ruhigen Gewissens hier wohnen«, erklärte ihre Tante beiläufig, während sie den Koffer mitten in ein kleines, aber gemütlich eingerichtetes Zimmer stellte. Die Möbel und Farben im Raum waren allesamt hell und fröhlich gestaltet. Selbst der Schreibtischstuhl war knallpink und hatte eine neongrüne Decke über der Lehne. Obwohl Amaury ihre Cousine erst heute kennengelernt hatte, fand sie, dass das Zimmer perfekt zu ihr passte. Besonders eine Korkpinnwand voller Fotos von ausgelassenen, jungen Mädchen und allerhand übertrieben niedlichem Krimskrams, schrie geradezu ‚Mari‘.
»Ist es wirklich in Ordnung, wenn ich hier wohne?«, erkundigte Amaury sich, nicht zuletzt, weil sie befürchtete auf Dauer von all den bunten Farben erschlagen zu werden. Grundsätzlich hatte sie nichts gegen knallige Farben, jedoch waren sie in diesem Zimmer ein wenig wahllos verwendet worden, wodurch die Atmosphäre im Raum unruhig war. Wehmütig dachte Amaury an ihr altes Zimmer. Es war weder schön noch groß gewesen, aber wenigstens dunkel und ruhig.
»Natürlich, du hast meinen Segen«, betonte Mari übertrieben förmlich.
»Da hörst du es«, lachte auch ihre Tante, bevor sie Amaury eine Hand auf die Schulter legte. »Keine Sorge, du wirst dich schon einfinden.«
Amaury nickte missmutig und betrachtete einen Stapel Zeichenblöcke auf dem chaotischen Schreibtisch, zwischen Stiftehaltern, Modemagazinen mit halbnackten Männern und einem Roman mit schnulzigem Cover. Zumindest der Anblick der Zeichenutensilien hielt einen Funken Hoffnung in ihre Cousine am Leben.
»Also gut. Das Bad ist gleich hier um die Ecke. Mach dich frisch und ruh dich kurz aus. Wir bereiten so lange einen kleinen Snack vor, nicht wahr Mari?«, wandte sich ihre Tante erst an die Neuangekommene und dann an ihre Tochter.
»Natürlich«, stimmte diese zu, woraufhin Amaury allein zurückgelassen wurde. Seufzend ließ sie ihren Rucksack von der Schulter gleiten und setzte sich auf den Schreibtischstuhl.
»Worauf habe ich mich da nur eingelassen«, murmelte sie und fühlte sich fehl am Platz. Ihre hauptsächlich dunkle, androgyne Kleidung stach in dem strahlend bunten Zimmer hervor, ebenso wie ihr abgenutzter Rucksack mit den klimpernden Metallanhängern, die stellenweise Rost angesetzt hatten.
»Was solls«, ergänzte sie und begab sich ins Badezimmer, um sich frisch zu machen.
I
»Wie geht es Alyssa?«, erkundigte sich Amaurys Onkel Joseph, als sie wenig später zu viert am Tisch im gemütlichen Wohnzimmer saßen und ein paar Sandwiches und Kekse aßen.
»Es geht ihr gut, aber habt ihr denn gar keinen Kontakt mehr zu ihr?«, beantwortete Amaury verwundert die Frage.
»Vermutlich weißt du inzwischen mehr von ihr und ihrem Leben«, erklärte Tante Lia traurig.
»Verstehe. Nun, wir haben ab und zu zusammen in einem Laden für Künstlerbedarf gearbeitet. Sie beschwert sich gelegentlich über ihre Mietkosten, aber sonst geht es ihr gut.«
»Das ist gut zu wissen. Vielleicht schicken wir ihr mal einen Brief mit etwas Geld«, überlegte Onkel Joseph laut.
»Lass uns nicht jetzt darüber reden«, beendete Tante Lia das Thema. Auch Mari war ungewöhnlich still geworden.
»Ich weiß, es geht mich vermutlich nichts an, aber alte Gewohnheiten wird man schwer los, daher … Was ist zwischen euch vorgefallen?«, wollte Amaury nun wissen.
»Hat sie nie mit dir darüber gesprochen?«, fragte Tante Lia.
Amaury schüttelte den Kopf. »Wir kamen immer klar, aber wirklich eng waren wir nie befreundet.«
»Ach so. Ich will das Thema nicht vertiefen, nur …« Ihre Tante überlegte kurz. »Sie war nicht einverstanden mit einigen Entscheidungen, die ich oder Mari getroffen haben.«
Amaury überlegte. Sie wusste von ihrer Mutter ein wenig über die Geschichte ihrer Tante Bescheid, jedoch war es nicht genug, um sich einen Reim auf die Sache machen zu können. Im Grunde konnte es ihr egal sein, da Alyssa kaum mehr als eine Bekannte war – trotz ihrer Verwandtschaft – dennoch konnte Amaury einen gewissen Drang nicht leugnen, die ganze Geschichte erfahren zu wollen.
»Inwiefern?«, fragte sie daher und richtete sich unbewusst auf. Instinktiv wollte sie nach ihrer Jackentasche greifen und ihr Notizbuch herausholen, musste jedoch feststellen, dass beides in Maris altem Zimmer, bei ihrem restlichen Gepäck lag.
»Es ist gut, dass du hier bist. Du brauchst wirklich Abstand von deiner Arbeit«, sagte ihre Tante leicht scherzhaft.
»Was? Oh …« Amaury war ihr Verhalten nicht ungewöhnlich vorgekommen, wie sollte es auch. Erst jetzt, wo sie jemand darauf hinwies, wurde es ihr bewusst. »Entschuldige«, ergänzte sie halbherzig, was man an ihrer Stimme nicht heraushörte.
»Schon gut. Lassen wir das Thema«, bat Tante Lia.
»Wenn du noch Kraft hast, könnte ich dir ein wenig das Dorf zeigen«, schlug Mari vor.
»Nein, lieber …«, wollte Amaury ablehnen, jedoch fühlte sie sich nach der langen Zugfahrt ein wenig steif. Außerdem erhoffte sie sich von Mari ein paar hübsche, geheime Orte in Felteshavel gezeigt zu bekommen. »Doch. Gehen wir spazieren.«
Es dauerte nicht lange, dann liefen die beiden jungen Frauen ein weiteres Mal durch die kleine Ortschaft.
»Was ist mit dir? Vermisst du Alyssa?«, wollte Amaury wissen, nachdem Mari ihr den alten Dorfplatz gezeigt hatte und sie nun an der Pferdeweide entlangliefen. Der Regen hatte aufgehört, einzig die dichte Wolkendecke war geblieben.
»Ich weiß nicht«, antwortete Mari nachdenklich. »Obwohl sie meine Schwester ist, standen wir uns nie nahe. Sie wirkte immer enttäuscht, wenn sie mich sah. Außerdem ist sie früh ausgezogen und hat sich dann nicht mehr gemeldet.«
»Was für Entscheidungen meinte Tante Lia eben?«, vertiefte Amaury das Gespräch.
»Hm? Ach das. Ich glaube, sie meint unsere Entscheidung an der Akademie hier zu studieren. Meine Mutter hat dort auch studiert, musst du wissen.«
»Und deswegen macht Alyssa euch Vorwürfe? Was ist denn so schlimm an dieser Akademie?«
Mari blieb unter den weiten Ästen einer alten Eiche stehen und war tief in Gedanken versunken, zumindest kümmerte sie sich nicht um die Wassertropfen, die von den Blättern des Baumes auf sie herabfielen.
»Manche Leute nennen sie die Akademie für Außenseiter. Das tun sie nur, weil die Akademie so verborgen und abgeschottet im Wald liegt und alles dort sehr privat vor sich geht.«
»Also hat diese Akademie keinen guten Ruf?«, schlussfolgerte Amaury. Mari drehte sich zu ihr und schüttelte den Kopf.
»Das ist es nicht. Im Grunde ist sie eine Hochschule wie jede andere, nur mit besonderen Studiengängen. Außerdem …«
»Ja?«
»Nun, durch ihre Abgelegenheit ist die Akademie ein kleiner Kosmos für sich. Deswegen, und dank der langen, mysteriösen Geschichte hinter der Familie Loudain, ist die Akademie ein wenig anfällig für sonderbare Zwischenfälle. Ich meine, ein achthundert Jahre altes Schloss inmitten eines riesigen, gruseligen Fichtenwaldes schreit ja förmlich: Hier passieren seltsame Dinge.«
»Was denn für Dinge?«
»Na ja, es fängt an bei verschwundenen Büchern und sonderbaren Briefen – alltäglicher Privatakademie Kram eben – und endet bei … Mord.«
»Mord?«, entfuhr es Amaury. »Dann kann ich verstehen, warum Alyssa es nicht gut findet, dass du an dieser Akademie studierst.«
»Nein, so ist das nicht. Es sind auch nur Gerüchte. Offiziell war es ein Unfall.«
»Was?« Nun stand Amaury kerzengerade neben ihrer Cousine. Ihre Gedanken rasten. Sie verspürte den Drang Mari zu bitten sie mit an die Akademie zu nehmen, um sich dort umhören und umsehen zu können, aber das wäre kaum förderlich für ihr Vorhaben gewesen, Abstand zu ihrem alten Leben zu bekommen.
»Ja unser Hausmeister ist wohl nachts in den Wäldern gewesen und dabei kam es zu einem Unfall«, führte Mari aus.
»Wie kommt man dann auf die Idee, dass es ein Mord gewesen ist?«
»Na ja, jemand will mitbekommen haben, wie einer der Professoren zur Direktorin sagte, dass fremde Fußabdrücke am Unfallort gefunden wurden.«
»Interessant.«
»Ist das dein Ernst? Das ist das Erste, was dir dazu einfällt. Ich finde das schrecklich. Das ist total unheimlich, Amaury.«
»Hm?«, machte die Angesprochene. Sie war bereits in Gedanken versunken und ging ihrer liebsten Tätigkeit nach: Schlüsse ziehen und Zusammenhänge herausfinden. »Oh, tut mir leid. Berufskrankheit.«
»Als was, bitte schön, arbeitest du denn?«
Amaury legte den Kopf schief und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich dachte, dass wüsstest du?«
Mari schüttelte den Kopf. »Ich weiß nur, dass du zuhause Probleme hattest und einige Dinge schiefgelaufen sind, weshalb du Abstand davon brauchst. Deswegen bist du hier.«
»Ja, so in etwa«, stimmte Amaury zögerlich zu.
»Und? Als was arbeitest du jetzt?«
»Hm? Ach ja. Ich bin Journalistin. Oder besser gesagt war es.«
»Und da hattest du so viel mit Morden zu tun?«
»Nicht unbedingt, aber es waren immer mysteriöse Geschichten, denen wir hinterhergejagt sind. Meistens hatten sie ein langweiliges Ende oder bestanden aus einer Reihe von Missverständnissen, aber manchmal war auch etwas Düsteres dahinter.«
»Das erklärt gar nichts, aber danke«, sagte Mari verständnislos.
»Es erklärt zwar genug, aber weil du es bist: Wir waren bei einer lokalen Zeitungsagentur angestellt und unsere Kolumnen waren der Hauptverkaufsgrund des Blattes. Er hat die Mysterien aufgespürt, ich habe schlüssige Artikel daraus gemacht. Leider endeten die Dinge nicht schön, weshalb ich die Agentur verlassen musste. Ich wollte unabhängig Artikel veröffentlichen, aber ohne ihn fehlten mir die Quellen und so war das spannendste, worüber ich schreiben konnte ein Hühnerdiebstahl, der keiner war, weil der alte Besitzer nur das Gatter offengelassen hatte.«
»Das tut mir echt leid«, sagte Mari nun mitfühlend, woraufhin Amaury eine abweisende Handbewegung machte.
»Nah, das ist schon länger her. Ich habe auch immer mal wieder gute Themen für Artikel gefunden, aber irgendwie war das alles nicht mehr das Wahre. Lange Rede, kurzer Sinn: Mysterien und sonderbare Zwischenfälle wecken nach wie vor mein Interesse, weshalb mich deine Erzählung fasziniert hat, das ist alles.«
»Also willst du …«, begann Mari, doch ihre Cousine fiel ihr ins Wort.
»Nein. Das ist vorbei. Ich werde einige Wochen hierbleiben und Urlaub machen. Danach gehe ich zurück, suche mir in einer anderen Stadt eine neue Festanstellung bei einer Zeitungsagentur und schreibe normale Artikel. Das ist spannend genug. Vielleicht übernehme ich auch die Gärtnerei meiner Mutter, wer weiß. Auf jeden Fall ist das Lösen von Rätseln und Nachjagen von spannenden Geschichten ein für alle Mal vorbei.« Sie hielt kurz inne und ließ ihren Blick über die Weide schweifen, auf der gerade ein Pferd zu einem kurzen Sprint angesetzt hatte, ehe es wieder den Kopf senkte und ruhig Grasbüschel abrupfte. Ohne die Augen davon abzuwenden, sagte Amaury: »Ich hoffe die Sache an der Akademie war nur ein Unfall. Ich will mir keine Sorgen um dich machen müssen.«
»Amaury …«
»Wollen wir weiter? Du wolltest mir doch noch etwas zeigen, oder?«, lenkte sie ab.
»J…ja. Komm mit.« Daraufhin folgten sie dem Weg, ohne ein weiteres Wort zu wechseln.
I
Die Sonne blinzelte zwischen fluffig weißen Wolken hindurch und schien geradewegs durch die dünnen, hellgrünen Vorhänge in einem der Backsteinhäuser. Amaury wandte sich im Bett genervt stöhnend mit dem Gesicht der Wandseite zu und zog sich das Kissen halb über den Kopf. Seit ihrer Ankunft in Felteshavel waren einige Tage vergangen und sie hatte sich an vieles hier gewöhnt; die Ruhe auf den Straßen, den herben Geruch der Fichten und selbst die Tatsache in einer kunterbunten Glitzerwelt zu wohnen. An eines aber würde sie sich nicht so bald gewöhnen: Die unsagbar dünnen Vorhänge und ihr Unvermögen das Tageslicht ausreichend abzuhalten. Amaury hatte nichts dagegen früh aufzustehen, jedoch wollte sie nicht unwillentlich geweckt werden, erst recht nicht im Urlaub. Nun war es dafür aber bereits zu spät, weshalb sie sich kurzerhand aufsetzte und ins Bad ging, um sich frisch zu machen. Wie bereits in den vergangen Tagen stand nicht viel auf dem Plan. Sie würde erneut spazieren gehen und vielleicht die ältere Dame wiedertreffen, mit der sie vorgestern ins Gespräch gekommen war. Auch könnte sie zum kleinen Café gehen, das Tante Lia ihr empfohlen hatte oder ihren Onkel Joseph in seiner Apotheke besuchen. Die Möglichkeiten waren endlos … langweilig.
Mit entsprechender Energie betrat Amaury kurz darauf die Küche, in der sie Tante Lia erwartete, aber es war niemand hier. Vermutlich besaßen alle anderen Zimmer im Haus bessere Möglichkeiten zur Abdunkelung. Deswegen, und da es erst halb acht war, entschied Amaury, sich nochmal kurz auf die Couch zu legen, bevor sie mit ihrer Tagesplanung beginnen wollte.
Es kam wie es kommen musste und sie schlief erneut ein. Eine Hand auf ihrer Schulter holte sie jedoch ruppig zurück aus dem Reich der Träume.
»Maury aufwachen. Wir müssen los«, rief eine dringliche Stimme.
»Was? Was ist los?«, nuschelte Amaury verschlafen und blinzelte mehrfach, um schneller wach zu werden und klar sehen zu können.
»Los. Du musst mit mir kommen.«
Es dauerte einen Augenblick, dann saß Amaury aufrecht auf der Couch und erkannte vor sich ihre Cousine. Sie trug eine weit sitzende Jacke und schmutzige Turnschuhe.
»Komm schon«, drängte sie.
»Warum bist du hier? Wo soll ich hin?«
»Keine Zeit. Ich erkläre dir alles später.«
»Aber …«
»Kein aber. Los komm jetzt.« Ruppig packte Mari ihre Cousine am Arm und zog sie auf die Beine. »Hol deine Jacke und den Rucksack und komm.«
»Ja, ist ja schon gut«, maulte Amaury und trottete in ihr Zimmer, um sich schnell anzuziehen und den Rucksack zu holen. Ihren dunkelroten Mantel konnte sie gerade noch im Vorbeigehen greifen, da Mari bereits wieder ihr Handgelenk gepackt und sie mit sich in Richtung Tür gezogen hatte.
Fortsetzung folgt ...
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