Weltenfeder

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Kapitel 2 – Die Akademie

»Was hast du vor?«, schnaufte Amaury, während sie versuchte in vollem Lauf nicht zu stolpern, obwohl Mari ihren Ärmel weiter festhielt und sie mit sich zog.
»Das wird knapp«, keuchte Mari, die die Worte ihrer Cousine nicht gehört hatte und stattdessen auf eine schlanke Bahnhofsuhr schaute. Erst jetzt bemerkte Amaury, dass sie sich an einer Bahnstation befanden, jedoch sah diese anders aus als jene, an der sie vor ein paar Tagen in Felteshavel angekommen war. Diese bestand nur aus einem beschaulichen Schaffnerhäuschen, einem kleinen Unterstand mit einer Bank und einem Bahnsteig. An diesem hielt nun ein Zug mit etwa vier Wagons, wodurch es eher wie eine Straßenbahn als ein Fernzug aussah. In diesen schleifte Mari nun ihre Cousine und ließ diese erst wieder zu Wort kommen, sobald sie sich im Inneren der Bahn befanden. Schnaufend ließ Mari sich auf einem Sitz nieder, während Amaury zuerst ihren Mantel richtig anzog und dann ebenfalls Platz nahm. Die Bahn setzte sich derweil in Bewegung.
»Spät dran, wie immer Mari«, neckte eine freundliche Männerstimme.
»Stimmt gar nicht. Heute war eine Ausnahme«, rechtfertigte sich die junge Studentin.
»Wenn du meinst. Ich weiß nur, dass du immer auf den letzten Drücker in die Bahn sprintest, wenn du mal das Dorf besuchst. Guten Tag. Sie habe ich hier noch nie gesehen«, richtete der Schaffner seine Worte nun an Amaury.
»Ich bin noch nicht lange hier«, erklärte sie. »Genau genommen weiß ich nicht, warum ich überhaupt hier bin.«
»Normalerweise hätte ich Sie auch nicht ohne weiteres in den Zug gelassen, aber Mari hat mich schon über alles aufgeklärt.«
Amaury warf ihrer Cousine einen fragenden Blick zu.
»Na dann, genießt die Fahrt«, verabschiedete sich der Schaffner und ging in einen anderen Wagen.
»Würdest du mir bitte sagen was hier los ist?«, verlangte Amaury streng.
»Hör zu, ich kann alles erklären«, versuchte Mari sie zu beschwichtigen.
»Ist das so? Dann leg los.«
»Also gut, hör zu. Wir fahren zur Akademie, weil …«
»So viel war mir schon klar«, fiel Amaury ihr ins Wort.
»Lass mich doch ausreden.«
Amaury musste sich auf die Zunge beißen, aber blieb stumm und nickte mit verschränkten Armen.
»Also, es ist so, wir haben an der Akademie ein richtig großes Gewächshaus mit unglaublich vielen seltenen Pflanzen und all solchem Kram. Eine alte Gärtnerin hat sich immer darum gekümmert, zusammen mit einigen Studenten. Du erinnerst dich an den … Unfall, von dem ich dir neulich erzählt habe?«
Amaury nickte langsam und lehnte sich unbewusst nach vorn.
»Die Gerüchte haben sich weiter verbreitet und scheinbar hat auch die alte Gärtnerin davon Wind bekommen. Sie ist völlig durchgedreht, meinte, es wäre jetzt nicht mehr sicher an der Akademie und hat kurzerhand gekündigt. Bevor du fragst, woher ich all das weiß, meine Mitbewohnerin studiert Botanik und hat der alten Gärtnerin bei der Pflege der Pflanzen geholfen.«
»Und was habe ich damit zu tun?«, konnte Amaury nicht länger stumm bleiben.
Mari senkte den Blick beschämt. »Als ich davon gehört habe, wie dringend sie eine Nachfolge für die alte Gärtnerin brauchen, weil die seltenen Pflanzen nicht allein von den Studenten gepflegt werden können, bin ich zur Direktorin gegangen und habe … dich vorgeschlagen.«
»Aha. Warte, was?«, entfuhr es Amaury, die dabei aufstand, wobei ihr Rucksack auf den Boden fiel. »Hast du den Verstand verloren?«
»Nein«, rief Mari und hob beschwichtigend die Hände. »Ich dachte nur, dir ist es bei meinen Eltern zu langweilig und deine Mutter besitzt diese krasse Gärtnerei und da dachte ich …«
»Tja, falsch gedacht. Ich werde das auf keinen Fall machen.« Energisch ließ sich Amaury zurück auf den Sitz fallen und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Aber warum nicht? Du kennst dich doch bestimmt super mit Pflanzen aus. Außerdem könntest du so auch an der Akademie wohnen und dann sehen wir uns öfter. Dort ist immer etwas los, dir wird also nicht langweilig und … und …« Mari überlegte krampfhaft nach weiteren Argumenten. »Und bei der Gartenarbeit gibt es bestimmt keine Mysterien, also bekommst du genau die Ablenkung, die du wolltest.«
Amaury gab einen abschätzigen Laut von sich.
»Komm schon«, flehte Mari.
»Nein.«
»Aber warum nicht?«
»Weil ich nein sage.«
»Aber Maury …«
»Komm mir nicht so.«
»Bitte.«
»Du kannst tun, was du willst, ich werde auf keinen Fall die Verantwortung für einen Haufen seltener Pflanzen einer Eliteakademie übernehmen«, fasste Amaury sachlich zusammen.
»Wer wenn nicht du sollte es sonst tun?«
»Irgendwer. Jeder wäre besser dafür geeignet.«
»Das verstehe ich nicht. Du hast doch gesagt, dass du oft in der Gärtnerei deiner Mutter ausgeholfen hast.«
»Ja schon, aber …« Amaury drehte ausweichend den Kopf zur Seite und blickte aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Fichtenstämme, zwischen denen sich der Zug seinen Weg den Berg hinauf bahnte.
»Aber?«, hakte Mari nach.
»Ist doch egal«, wich Amaury aus.
»Komm schon, ich will wenigstens eine plausible Ausrede.«
Die forschen Worte ihrer Cousine ließen sie aufschauen.
»Eine plausible Ausrede? Ich kann Pflanzen nicht ausstehen. Genügt dir das?«
»Was? Nein. Das nehme ich dir nicht ab.«
»Dann habe ich eben eine Allergie gegen … alle Pflanzen.«
»Sehr witzig, dann könntest du nicht in der Gärtnerei deiner Mutter arbeiten.«
»Lass es einfach. Ich werde es nicht machen. Ende.«
»Ach komm schon. Ich habe der Direktorin total von dir vorgeschwärmt und gesagt, dass du perfekt für die Stelle wärst«, jammerte Mari verzweifelt, was Amaury ein abschätziges Glucksen entlockte. »Normalerweise würde ein Außenstehender niemals einen solchen Posten bekommen, aber weil meine Mutter und ich beide dort studieren und deine Mutter diese Gärtnerei hat, würden sie ihn dir geben.«
»Du machst es nicht besser.«
»Ich meine ja nur, vielleicht ist es ein Zeichen. Es ist so ein Zufall, dass du genau jetzt hier bist, wenn die alte Gärtnerin das Handtuch wirft. Du musst es ja auch nicht für immer machen. Nur so lange, bis sie einen richtigen Nachfolger gefunden haben.«
Amaury hob zögerlich eine Augenbraue und musterte ihre Cousine skeptisch, bevor sie den Kopf abwandte und seufzte.
»Gut, du verstehst es scheinbar nicht anders.« Sie drehte sich zu Mari und sah ihr todernst in die Augen. »Ich und Pflanzen werden keine Freunde. Ich weiß, die Arbeit meiner Mutter macht das unglaubwürdig, aber ich habe sogar schon versehentlich einen Gummibaum getötet. Einen Gummibaum, Mari. Die sind so unkaputtbar wie Klemmbausteine. Meine bloße Anwesenheit lässt Blumen verwelken, deswegen habe ich in der Gärtnerei auch immer nur bei der Logistik geholfen.«
»Jetzt übertreibst du aber«, entgegnete Mari und lachte, doch das Lachen verging ihr, als Amaury sie weiterhin mit regungsloser Miene anstarrte.
»Ach komm, du wirst das gut machen. Außerdem sind die Studenten ja auch noch da. Ivy, meine Mitbewohnerin, wird dich sicher unterstützen. Sie ist superlieb.«
»Nein Mari, das ist alles nicht gut«, betonte Amaury kopfschüttelnd und beruhigte sich wieder.
»Bitte, die Akademie braucht dich. Die Pflanzen brauchen dich. Außerdem wäre dir doch ohnehin langweilig. So hast du genau die Ablenkung, die du haben wolltest.«
»Das bezweifle ich.« Sie lehnte sich mit dem Rücken in den Sitz und schaute erneut hinaus auf die vorbeiziehenden Baumstämme und den dichten, selbst am helllichten Tag finsteren Wald.
»Verstehe. Deswegen hast du ohne deinen Ex also keine guten Geschichten gefunden, weil du nicht mutig genug bist.«
Entrüstet starrte Amaury die junge Frau nun an. Etliche böse Wörter kamen ihr in den Sinn, ebenso wie der Drang wegzugehen, doch das war nicht möglich, da der Zug viel zu klein war und sie ohnehin bis zum Abend nicht mehr von dem Akademiegelände wegkommen würde. Also atmete sie tief durch, schloss die Augen und krallte ihre Finger in das Leder ihres Rucksacks.
»Ich habe nie gesagt, dass er mein Ex-Freund ist. Du solltest vorsichtig mit deinen Äußerungen sein, wenn du nicht die ganze Geschichte kennst«, brachte sie mit angespanntem Kiefer heraus.
»Oh bitte. Du hast die ganze Zeit von ‚wir‘ gesprochen. Ihr wart ein unschlagbares Team und du musstest wegen ‚ihm‘ die Redaktion verlassen. Das klingt für mich sehr nach missglückter Beziehung«, führte Mari mitleidig lachend aus. »Mir fehlt zwar die praktische Erfahrung, aber ich besitze alles an Wissen, was man über Beziehungen haben kann«, prahlte sie.
»Lass es einfach«, knurrte Amaury und verkniff sich jegliche Kommentare zur letzten Aussage der Jüngeren. Du weißt gar nichts, dachte sie stattdessen bitter. »Ich werde mir gezwungenermaßen den Tag auf dem Akademiegelände vertreiben und heute Abend zurück nach Felteshavel fahren. Rechne am besten nicht mehr damit, mich danach noch einmal zu sehen.« Damit rutschte sie ein Stück von Mari weg und schwieg für den Rest der Zugfahrt.

I

Nach einer schieren Ewigkeit der Stille im Zug hielt dieser endlich an. Ohne sich nach ihrer Cousine zu richten, packte Amaury ihren Rucksack und marschierte zielstrebig aus der Bahn, ohne zu wissen, wohin sie ging. Auch ihre Umgebung nahm sie nur beiläufig wahr.
»Amaury warte. Du kennst dich hier doch gar nicht aus«, rief Mari, die eilig aus dem Zug gestiegen war und nun versuchte mit ihrer Cousine Schritt zu halten.
»Das hat mich noch nie aufgehalten. Ich finde mich schon zurecht«, schimpfte Amaury, während sie an der kleinen Bahnstation vorbei zu einem breiten Waldweg liefen, den hübsche alte Laternen in weiten Abständen an den Seiten säumten. Der Boden des Weges war festgetreten und die Äste der umstehenden Tannen hingen so hoch, dass es fast wie ein Tunnel wirkte. Sonnenstrahlen schimmerten zwischen dem dichten Bewuchs der Fichten hindurch und spiegelten sich in kleinen Pfützen, die noch vom letzten Regenschauer zurückgeblieben waren.
»Amaury es tut mir leid, was ich gesagt habe. Das war unsensibel, aber du musst mich auch verstehen. Ich habe der Direktorin Hoffnungen gemacht. Du hättest sie mal erleben sollen. Sonst ist sie eine starke und sehr beeindruckende Person, aber in dieser Situation wirkte sich echt verzweifelt. Wäre ich nicht von deinen Fähigkeiten überzeugt gewesen, hätte ich mich nie gewagt sie in diesem Zustand anzusprechen.«
Nun blieb Amaury abrupt stehen. Sie atmete hörbar durch und starrte auf den Waldboden.
»Du kennst mich überhaupt nicht. Du hättest es lassen sollen«, sagte sie mit einem bedrohlichen Unterton. Ehe die Jüngere erneut zu Wort kommen konnte, wandte Amaury sich von ihr ab und lief weiter über den Waldweg.
»Amaury«, versuchte Mari es erneut, doch die Angesprochene ging auf weitere Kommunikationsversuche nicht mehr ein. Stur behielt sie ihre störrische Haltung und den verbitterten Blick bei, bis ein großes Tor vor ihnen sie mit solch einer Ehrfurcht erfüllte, dass Amaurys Gesichtszüge entgleisten. Fasziniert stand sie da mit gehobenem Kopf und betrachtete das alte, bemooste Wappen in der Mitte des imposanten Steinbogens. Es war dreigeteilt. Auf jeder Fläche befand sich ein anderes, stilisiertes Tier. Aufgrund des Rostes und der Witterungsschäden war es nicht eindeutig zu erkennen, doch Amaury glaubte einen Hund oder Wolf, einen Wal und einen Vogel zu erkennen. Allesamt waren sie schwarz-weiß, ebenso wie das gesamte Wappen. Unter ihnen stand in altertümlicher Schmuckschrift ‚Cinereus Akademie‘.
»Hübsch, nicht wahr?«, versuchte Mari es erneut. Amaury hätte ihr beinahe zugestimmt, doch sie hielt sich zurück, wodurch es nur ein unverständlicher Laut der Anerkennung wurde, bevor sie durch das Tor ging.
Dahinter offenbarte sich eine weitläufige Schlossanlage mit gepflegten Rasenflächen, Sitzbänken und den gleichen Laternen, wie sie zuvor den Waldweg gesäumt hatten. Die Sonne schien hier ungehindert auf den Boden und ließ alles trotz der eher kühlen Temperaturen frühlingshaft erscheinen. Als wäre all das jedoch nicht beeindruckend genug, ragte im Zentrum der freien Fläche ein prunkvolles, wenn auch vom Zahn der Zeit beeinträchtigtes, Schloss in die Höhe. Dessen Pracht zeigte sich in etlichen Schmuckelementen an den dunklen Fassaden, sowie den aufwendig verzierten Fenstern und Giebeln. Auch ein Turm mit spitz zulaufendem Dach ragte hinter den Zinnen einer Mauer empor. Egal wie lange Amaury auch auf das Gebäude starrte, entdeckte sie immer wieder neue Auffälligkeiten, Fenster und Schmuckelemente. Sie hatte das Gefühl, in der Zeit zurück oder gar in eine andere Dimension gereist zu sein, zumindest hatte dieser Ort zweifellos etwas Mystisches an sich. Nach einigen Augenblicken gelang es ihr sich von dem Anblick loszureißen und Mari auf dem Weg zum Haupteingang zu folgen. Diese war bereits vorgelaufen und musterte ihre Cousine nun mit ihrem besten Welpenblick.
»Willst du, dass ich dir zumindest die Akademie zeige?«, fragte sie nun. Amaury zögerte. Es reizte sie sehr, eine geführte Tour an diesem besonderen Ort zu bekommen, andererseits würde sie allein vielleicht sogar noch mehr davon entdecken können, daher schüttelte sie den Kopf.
»Ich finde mich zurecht. Um wie viel Uhr geht die Bahn zurück ins Dorf?«, erkundigte sie sich stattdessen.
Nun war es Mari, die zögerte. »Um zwanzig Uhr fährt sie hier ab«, erwiderte sie missmutig.
»So spät erst?«, stöhnte Amaury. Es war erst kurz nach halb neun – dieser Tag würde zweifellos ein langer werden.
»Also falls du es dir doch anders überlegst und die Stelle als Gärtnerin …«
»Nein«, fiel sie der jüngeren Frau ins Wort und bemühte sich dann zu einem halbherzigen Lächeln. »Mach’s gut, Mari«, verabschiedete sie sich und spazierte kurzerhand in Richtung einer sonnigen Gartenanlage davon.

I

Fasziniert stand Amaury an einem Eisengeländer und bestaunte den riesigen Wald, der die Akademie umgab. Man konnte die Fichten von überall auf dem Gelände sehen, da die Akademie auf einem Hügel gebaut worden war. Hier aber war die Aussicht besonders atemberaubend, da der Hang an dieser Stelle noch steiler abfiel als sonst, wodurch man weit schauen konnte und die Fichten auf den Hügeln wie ein Meer aus dunklem Grün wirkten. Anders als in Felteshavel, wo der Wald erhaben und bedrohlich einer Flutwelle glich, hatte man hier das Gefühl auf einem stolzen Schiff zu stehen und die Flut aus Fichten aus sicherer Höhe betrachten zu können. Zuvor war Amaury durch einen kleinen Park gelaufen und hatte sich dort die Zeit genommen jede Statue, jede Steinbank und jede bereits erblühende Pflanze zu bewundern. Ursprünglich wollte sie danach einen Weg ins Innere des Gebäudes finden, doch dann war ihr die Aussichtsplattform ins Auge gesprungen und nun stand sie dort. Amaury wusste nicht, was sie sich unter der Akademie vorgestellt hatte, aber mit Sicherheit nicht solch einen faszinierenden Ort.
Nachdenklich stand sie am Geländer und hatte die Ellbogen auf das kalte Metall gestützt. Ihr Blick verlor sich im Horizont aus Fichten. Für einen kurzen Augenblick stiegen Zweifel in ihr auf, ob sie nicht doch den Posten der Gärtnerin annehmen sollte. Nur vorübergehend natürlich. Ihre Mutter hatte ihr einiges über Pflanzenpflege beigebracht, aber genügte es für eine solch bedeutsame Aufgabe?
»Eine wunderbare Aussicht, nicht wahr?«, wurde ihr Gedankengang jäh unterbrochen. Ein junger Mann, etwa Mitte Dreißig, mit kurzen, walnussbraunen Haaren und verschmitztem Lächeln auf seinem hübschen Gesicht war zu Amaury gekommen. Er trug eine graublaue Anzugweste über einem schwarzen Hemd und hatte sich seinen zimtbraunen Mantel wie einen Umhang über die Schultern gelegt, ohne die Ärmel richtig anzuziehen.
»Ich komme selbst oft her, um diesen Ausblick zu genießen, wann immer es die Witterung erlaubt«, fuhr er fort, während sein Blick sich von Amaury abwandte und in die Ferne schweifte.
»Ja, der Wald ist beeindruckend. Man hat das Gefühl es gäbe den Rest der Welt nicht mehr. Nur noch Fichtenwald«, erwiderte sie, nachdem sie endlich ihre Stimme wiedergefunden hatte. Ohne seinen Blick von dem Fichtenmeer abzuwenden, sagte der Mann: »Ich habe Sie noch nie zuvor hier gesehen. Da wir uns gerade mitten im Semester befinden und somit nicht mit neuen Studenten zu rechnen ist, erlauben Sie mir die Frage, wer Sie sind.« Nun drehte er den Kopf wieder zu Amaury. »Sie müssen wissen, dass es nicht einfach ist herzukommen. Unsere Schaffner sind strenger als mein alter Lateinlehrer. Und glauben Sie mir, der war streng.« Ein Lächeln zeichnete sich in seinen Mundwinkeln ab, doch seine stahlblauen Augen blieben eiskalt.
»Ich besuche meine Cousine«, antwortete sie wahrheitsgetreu. Von der Misere mit dem Gärtnerposten musste der Mann nichts wissen, entschied Amaury.
»Ach so? Für gewöhnlich haben wir hier selten Besucher«, erwiderte er ominös. Amaury kniff unbewusst die Augen ein wenig zusammen, was ihrem Gegenüber nicht entging. Sofort lachte er verhalten, wodurch es wie ein Hüsteln klang.
»Verzeihen Sie mir. Im Moment ist die Atmosphäre hier ein wenig angespannt. Es ist wohl einfach eine ungünstige Zeit für Besuche«, erklärte er. Als Amaury weiterhin schwieg, ergänzte er: »Dürfte ich erfahren, wer Ihre Cousine ist?«
Amaury wägte ab, ob der Mann vertrauenswürdig genug war, ihm diese Information zu geben und dachte unweigerlich an Maris Worte. Nicht mutig genug. Sie schnaubte leise. »Kommt drauf an, wer das wissen will«, konterte sie und straffte ihre Haltung.
Wieder lachte der Mann verhalten. »Ich verstehe schon. Vergessen Sie es einfach. Falls Sie das Gelände wieder verlassen wollen, der nächste Zug nach Felteshavel fährt um zwanzig Uhr.« Er verabschiedete sich mit einem übertrieben freundlichen Lächeln und zog von dannen. Amaury war sein seltsames Verhalten nicht entgangen, ebenso wenig wie die Tatsache, dass er lieber ging, als seine Identität preiszugeben. Verdutzt stand sie da und verspürte mit einem Mal den Drang ins Innere der Akademie zu gehen, um sich dort ein wenig umzusehen. Ohnehin würde sie früher oder später in Erfahrung bringen müssen, wo sie etwas zu Essen herbekommen könnte, da sie bei ihrem überhasteten Aufbruch nichts mitgenommen hatte und auch das Frühstück ausgefallen war.
Nachdenklich ging sie zurück durch die Gärten, bis sie wieder bei der breiten Treppe vor dem Haupteingang war und stieg die Stufen empor. Oben angekommen öffnete sie die schwere Eingangstür und fragte sich ein weiters Mal, was es mit den Wappentieren auf sich hatte, die auch hier den Torbogen zierten. Lange konnte sie sich damit jedoch nicht beschäftigen, da hinter der Tür gleich die nächsten, eindrucksvollen Impressionen auf sie warteten.
Kaum war sie eingetreten, fand Amaury sich in einer kleinen Eingangshalle wieder. Die Wände waren aus mokkabraunem Stein und der Boden mit hellen Fliesen belegt. Schmale Säulen stützten die hohe Decke und verzierte Bögen, die ebenso aufwendig gestaltet waren wie die Außenfassade, schmückten die Durchgänge. Einer der Wege führte zu einem verschachtelten Treppenhaus, ein anderer mündete in einem schier endlos langen Korridor, auf dem durch hohe Fenster das Sonnenlicht einfiel. Geradeaus führte ein Weg in eine größere Halle, doch der Durchgang war zu schmal, um mehr erkennen zu können. Eine kleine Gruppe von Studenten stand neben der Büste einer Frau. Sie unterbrachen ihre Unterhaltung, sobald Amaury eintrat, und musterten sie kurz, ehe sie zusammen in Richtung des Treppenhauses verschwanden. Obwohl sie nun allein in der Eingangshalle stand, waren von überall Geräusche zu hören. Stimmen, Schritte – das Gebäude pulsierte vor Lebendigkeit. Amaury hatte bereits einige Universitäten und Museen von innen gesehen, aber diese Akademie ließ sich weder dem einen noch dem anderen zuordnen, obwohl sie zu beidem passte. Die schmuckvolle Architektur, sowie die vielen Kunstobjekte erinnerten an ein Museum, die modern gekleideten Studenten und die lebendigen Geräusche dagegen an eine schulische Institution.
Das geräuschvolle Knurren ihres Magens riss Amaury aus ihrer Starre. Bevor sie sich weiter im Gebäude umsehen konnte, musste sie einen Kiosk oder die Mensa finden. Ein wenig verloren schaute sie sich um und erblickte lediglich ein Schild mit der Aufschrift ‚Sekretariat‘ und einem Pfeil in Richtung des langen Korridors. Während sie abwägte dorthin zu gehen, kamen zwei weitere Studentinnen aus dem Treppenhaus und steuerten auf ebendiesen zu.
»Entschuldigung«, hielt sie die beiden Frauen auf. Diese musterten sie skeptisch, blieben aber stehen.
»Könnt ihr mir sagen, wo ich den Kiosk finde?«, erkundigte sich Amaury. Die Frauen sahen einander kurz an, bevor eine das Wort ergriff.
»Da vorn in die große Halle, die große Treppe hoch und dann rechts findest du die Arkaden«, erklärte sie knapp und beide setzten rasch ihren Weg fort.
»Danke«, flüsterte Amaury, nachdem sie bereits zu weit entfernt waren, um sie zu hören. »Also gut«, sprach sie sich im Anschluss Mut zu und betrat die große Halle.
Der Name versprach nicht zu viel, denn diese Halle konnte man ohne Zweifel als groß bezeichnen. Die Decke war hoch und die Wände von schönen Säulen geziert. Auch die Bodenfliesen bildeten ein rundes Muster, das kunstvoll am Fuße einer langen Treppe mit breiten Stufen endete. In der Mitte umrahmten die Fliesen die große Statue einer Frau. Links führte ein Korridor tiefer ins Gebäude und rechts ein Säulengang in einen begrünten Innenhof. Amaury folgte der Wegbeschreibung der jungen Frau und stand wenig später vor einem Arkadengang. Sie glaubte ihren Augen kaum, als sie dort neben dem gesuchten Kiosk auch mehrere winzige Geschäfte vorfand. So gab es den Schildern nach zu urteilen einen Schneider, einen Floristen, einen Schreibwarenladen und eine Apotheke. Allesamt waren sie klein und hatten teilweise nur eine Theke, wie ein Kiosk, hinter denen jedoch niemand stand. Bei dem Schneider, dem Floristen und dem Schreibwarenladen waren die Jalousien am Fenster heruntergelassen. Zielsicher ging Amaury zum Kiosk, wo zu ihrem Glück eine Person stand.
»Guten Tag, haben sie auch Brötchen oder sowas?«, wollte sie wissen. Die ältere Dame im Kiosk musterte sie argwöhnisch.
»Dich hab ich hier noch nie gesehen und ich habe für gewöhnlich ein gutes Gesichter-Gedächtnis«, sagte sie mit strenger Stimme. Lag es an dem Zwischenfall oder warum war jeder so ungewöhnlich misstrauisch gegenüber Amaurys Erscheinen?
»Richtig. Ich war noch nie hier. Ich besuche meine Cousine, Marigold Hayes.« Dem seltsamen Mann von zuvor hatte sie diese Information nicht geben wollen, hier jedoch schien sie notwendig, wenn Amaury etwas zu Essen haben wollte.
»Marigold? Ich wusste nicht, dass wir inzwischen Besucher zulassen«, murmelte die Frau grummelig vor sich hin. »Aber gut, wird schon seine Richtigkeit haben, wenn du hier stehst. So einfach kommt man nämlich nicht her.« Mit einem Mal erhellte sich ihre Miene und sogar ein Lächeln zeichnete sich auf ihren Lippen ab. »Du wolltest Brötchen? Ja, sowas haben wir. Belegte oder ohne alles, was hättest du gern?«
Amaury bestellte sich zwei vegetarisch belegte Körnerbrötchen und einen schwarzen Tee, was die ältere Dame plötzlich liebend gern frisch zubereitete und die junge Frau anschließend mit einem freundlichen Gruß verabschiedete. Mit ihrer Beute in der Hand suchte Amaury sich einen geeigneten Sitzplatz, um ihr verpasstes Frühstück nachzuholen. Auf einer Bank unter einem Laubbaum im begrünten Innenhof wurde sich fündig. Kurzerhand ließ sie sich nieder und begann ihre Brötchen zu verspeisen. Die Sonne kletterte währenddessen über die Dachkante und erhellte bald den zuvor eher düsteren Innenhof. Amaury trank einen Schluck ihres schwarzen Tees, als sie im Augenwinkel das merkwürdige Verhalten eines jungen Mannes bemerkte. Er war mit raschen Schritten aus einem Gang auf der gegenüberliegenden Seite in den Innenhof gekommen und schien es eilig zu haben. Mit einem Mal war er jedoch abrupt stehen geblieben, als hätte er etwas erschreckendes gesehen – oder bemerkt, dass er seine Schlüssel vergessen hatte. Normalerweise hätte ein solches Verhalten Amaury nicht verwundert, denn Studenten standen ständig unter Stress und vergaßen somit gelegentlich etwas. Nein, was sie an ihm merkwürdig fand, war etwas anderes. Es war die Tatsache, dass sie der Grund für sein jähes Stehenbleiben war. Zumindest hatte er angehalten, sobald er Amaury erblickt hatte. Ohne dabei allzu interessiert auszusehen, stellte sie den Pappbecher mit dem Tee neben sich auf die Bank und tat so, als würde sie etwas in ihrer Tasche suchen, während sie im Augenwinkel zu dem jungen Mann schaute. Noch immer stand er wie angewurzelt mitten im Innenhof und starrte sie an.
Gibt es hier denn nur merkwürdige Gestalten?, fragte Amaury sich in Gedanken. Plötzlich setzte der Mann sich wieder in Bewegung, jedoch nicht, um weiterzugehen, sondern er kam genau auf sie zu.

Fortsetzung folgt ...

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Kapitel 2 – Die Akademie

»Was hast du vor?«, schnaufte Amaury, während sie versuchte in vollem Lauf nicht zu stolpern, obwohl Mari ihren Ärmel weiter festhielt und sie mit sich zog.
»Das wird knapp«, keuchte Mari, die die Worte ihrer Cousine nicht gehört hatte und stattdessen auf eine schlanke Bahnhofsuhr schaute. Erst jetzt bemerkte Amaury, dass sie sich an einer Bahnstation befanden, jedoch sah diese anders aus als jene, an der sie vor ein paar Tagen in Felteshavel angekommen war. Diese bestand nur aus einem beschaulichen Schaffnerhäuschen, einem kleinen Unterstand mit einer Bank und einem Bahnsteig. An diesem hielt nun ein Zug mit etwa vier Wagons, wodurch es eher wie eine Straßenbahn als ein Fernzug aussah. In diesen schleifte Mari nun ihre Cousine und ließ diese erst wieder zu Wort kommen, sobald sie sich im Inneren der Bahn befanden. Schnaufend ließ Mari sich auf einem Sitz nieder, während Amaury zuerst ihren Mantel richtig anzog und dann ebenfalls Platz nahm. Die Bahn setzte sich derweil in Bewegung.
»Spät dran, wie immer Mari«, neckte eine freundliche Männerstimme.
»Stimmt gar nicht. Heute war eine Ausnahme«, rechtfertigte sich die junge Studentin.
»Wenn du meinst. Ich weiß nur, dass du immer auf den letzten Drücker in die Bahn sprintest, wenn du mal das Dorf besuchst. Guten Tag. Sie habe ich hier noch nie gesehen«, richtete der Schaffner seine Worte nun an Amaury.
»Ich bin noch nicht lange hier«, erklärte sie. »Genau genommen weiß ich nicht, warum ich überhaupt hier bin.«
»Normalerweise hätte ich Sie auch nicht ohne weiteres in den Zug gelassen, aber Mari hat mich schon über alles aufgeklärt.«
Amaury warf ihrer Cousine einen fragenden Blick zu.
»Na dann, genießt die Fahrt«, verabschiedete sich der Schaffner und ging in einen anderen Wagen.
»Würdest du mir bitte sagen was hier los ist?«, verlangte Amaury streng.
»Hör zu, ich kann alles erklären«, versuchte Mari sie zu beschwichtigen.
»Ist das so? Dann leg los.«
»Also gut, hör zu. Wir fahren zur Akademie, weil …«
»So viel war mir schon klar«, fiel Amaury ihr ins Wort.
»Lass mich doch ausreden.«
Amaury musste sich auf die Zunge beißen, aber blieb stumm und nickte mit verschränkten Armen.
»Also, es ist so, wir haben an der Akademie ein richtig großes Gewächshaus mit unglaublich vielen seltenen Pflanzen und all solchem Kram. Eine alte Gärtnerin hat sich immer darum gekümmert, zusammen mit einigen Studenten. Du erinnerst dich an den … Unfall, von dem ich dir neulich erzählt habe?«
Amaury nickte langsam und lehnte sich unbewusst nach vorn.
»Die Gerüchte haben sich weiter verbreitet und scheinbar hat auch die alte Gärtnerin davon Wind bekommen. Sie ist völlig durchgedreht, meinte, es wäre jetzt nicht mehr sicher an der Akademie und hat kurzerhand gekündigt. Bevor du fragst, woher ich all das weiß, meine Mitbewohnerin studiert Botanik und hat der alten Gärtnerin bei der Pflege der Pflanzen geholfen.«
»Und was habe ich damit zu tun?«, konnte Amaury nicht länger stumm bleiben.
Mari senkte den Blick beschämt. »Als ich davon gehört habe, wie dringend sie eine Nachfolge für die alte Gärtnerin brauchen, weil die seltenen Pflanzen nicht allein von den Studenten gepflegt werden können, bin ich zur Direktorin gegangen und habe … dich vorgeschlagen.«
»Aha. Warte, was?«, entfuhr es Amaury, die dabei aufstand, wobei ihr Rucksack auf den Boden fiel. »Hast du den Verstand verloren?«
»Nein«, rief Mari und hob beschwichtigend die Hände. »Ich dachte nur, dir ist es bei meinen Eltern zu langweilig und deine Mutter besitzt diese krasse Gärtnerei und da dachte ich …«
»Tja, falsch gedacht. Ich werde das auf keinen Fall machen.« Energisch ließ sich Amaury zurück auf den Sitz fallen und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Aber warum nicht? Du kennst dich doch bestimmt super mit Pflanzen aus. Außerdem könntest du so auch an der Akademie wohnen und dann sehen wir uns öfter. Dort ist immer etwas los, dir wird also nicht langweilig und … und …« Mari überlegte krampfhaft nach weiteren Argumenten. »Und bei der Gartenarbeit gibt es bestimmt keine Mysterien, also bekommst du genau die Ablenkung, die du wolltest.«
Amaury gab einen abschätzigen Laut von sich.
»Komm schon«, flehte Mari.
»Nein.«
»Aber warum nicht?«
»Weil ich nein sage.«
»Aber Maury …«
»Komm mir nicht so.«
»Bitte.«
»Du kannst tun, was du willst, ich werde auf keinen Fall die Verantwortung für einen Haufen seltener Pflanzen einer Eliteakademie übernehmen«, fasste Amaury sachlich zusammen.
»Wer wenn nicht du sollte es sonst tun?«
»Irgendwer. Jeder wäre besser dafür geeignet.«
»Das verstehe ich nicht. Du hast doch gesagt, dass du oft in der Gärtnerei deiner Mutter ausgeholfen hast.«
»Ja schon, aber …« Amaury drehte ausweichend den Kopf zur Seite und blickte aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Fichtenstämme, zwischen denen sich der Zug seinen Weg den Berg hinauf bahnte.
»Aber?«, hakte Mari nach.
»Ist doch egal«, wich Amaury aus.
»Komm schon, ich will wenigstens eine plausible Ausrede.«
Die forschen Worte ihrer Cousine ließen sie aufschauen.
»Eine plausible Ausrede? Ich kann Pflanzen nicht ausstehen. Genügt dir das?«
»Was? Nein. Das nehme ich dir nicht ab.«
»Dann habe ich eben eine Allergie gegen … alle Pflanzen.«
»Sehr witzig, dann könntest du nicht in der Gärtnerei deiner Mutter arbeiten.«
»Lass es einfach. Ich werde es nicht machen. Ende.«
»Ach komm schon. Ich habe der Direktorin total von dir vorgeschwärmt und gesagt, dass du perfekt für die Stelle wärst«, jammerte Mari verzweifelt, was Amaury ein abschätziges Glucksen entlockte. »Normalerweise würde ein Außenstehender niemals einen solchen Posten bekommen, aber weil meine Mutter und ich beide dort studieren und deine Mutter diese Gärtnerei hat, würden sie ihn dir geben.«
»Du machst es nicht besser.«
»Ich meine ja nur, vielleicht ist es ein Zeichen. Es ist so ein Zufall, dass du genau jetzt hier bist, wenn die alte Gärtnerin das Handtuch wirft. Du musst es ja auch nicht für immer machen. Nur so lange, bis sie einen richtigen Nachfolger gefunden haben.«
Amaury hob zögerlich eine Augenbraue und musterte ihre Cousine skeptisch, bevor sie den Kopf abwandte und seufzte.
»Gut, du verstehst es scheinbar nicht anders.« Sie drehte sich zu Mari und sah ihr todernst in die Augen. »Ich und Pflanzen werden keine Freunde. Ich weiß, die Arbeit meiner Mutter macht das unglaubwürdig, aber ich habe sogar schon versehentlich einen Gummibaum getötet. Einen Gummibaum, Mari. Die sind so unkaputtbar wie Klemmbausteine. Meine bloße Anwesenheit lässt Blumen verwelken, deswegen habe ich in der Gärtnerei auch immer nur bei der Logistik geholfen.«
»Jetzt übertreibst du aber«, entgegnete Mari und lachte, doch das Lachen verging ihr, als Amaury sie weiterhin mit regungsloser Miene anstarrte.
»Ach komm, du wirst das gut machen. Außerdem sind die Studenten ja auch noch da. Ivy, meine Mitbewohnerin, wird dich sicher unterstützen. Sie ist superlieb.«
»Nein Mari, das ist alles nicht gut«, betonte Amaury kopfschüttelnd und beruhigte sich wieder.
»Bitte, die Akademie braucht dich. Die Pflanzen brauchen dich. Außerdem wäre dir doch ohnehin langweilig. So hast du genau die Ablenkung, die du haben wolltest.«
»Das bezweifle ich.« Sie lehnte sich mit dem Rücken in den Sitz und schaute erneut hinaus auf die vorbeiziehenden Baumstämme und den dichten, selbst am helllichten Tag finsteren Wald.
»Verstehe. Deswegen hast du ohne deinen Ex also keine guten Geschichten gefunden, weil du nicht mutig genug bist.«
Entrüstet starrte Amaury die junge Frau nun an. Etliche böse Wörter kamen ihr in den Sinn, ebenso wie der Drang wegzugehen, doch das war nicht möglich, da der Zug viel zu klein war und sie ohnehin bis zum Abend nicht mehr von dem Akademiegelände wegkommen würde. Also atmete sie tief durch, schloss die Augen und krallte ihre Finger in das Leder ihres Rucksacks.
»Ich habe nie gesagt, dass er mein Ex-Freund ist. Du solltest vorsichtig mit deinen Äußerungen sein, wenn du nicht die ganze Geschichte kennst«, brachte sie mit angespanntem Kiefer heraus.
»Oh bitte. Du hast die ganze Zeit von ‚wir‘ gesprochen. Ihr wart ein unschlagbares Team und du musstest wegen ‚ihm‘ die Redaktion verlassen. Das klingt für mich sehr nach missglückter Beziehung«, führte Mari mitleidig lachend aus. »Mir fehlt zwar die praktische Erfahrung, aber ich besitze alles an Wissen, was man über Beziehungen haben kann«, prahlte sie.
»Lass es einfach«, knurrte Amaury und verkniff sich jegliche Kommentare zur letzten Aussage der Jüngeren. Du weißt gar nichts, dachte sie stattdessen bitter. »Ich werde mir gezwungenermaßen den Tag auf dem Akademiegelände vertreiben und heute Abend zurück nach Felteshavel fahren. Rechne am besten nicht mehr damit, mich danach noch einmal zu sehen.« Damit rutschte sie ein Stück von Mari weg und schwieg für den Rest der Zugfahrt.

I

Nach einer schieren Ewigkeit der Stille im Zug hielt dieser endlich an. Ohne sich nach ihrer Cousine zu richten, packte Amaury ihren Rucksack und marschierte zielstrebig aus der Bahn, ohne zu wissen, wohin sie ging. Auch ihre Umgebung nahm sie nur beiläufig wahr.
»Amaury warte. Du kennst dich hier doch gar nicht aus«, rief Mari, die eilig aus dem Zug gestiegen war und nun versuchte mit ihrer Cousine Schritt zu halten.
»Das hat mich noch nie aufgehalten. Ich finde mich schon zurecht«, schimpfte Amaury, während sie an der kleinen Bahnstation vorbei zu einem breiten Waldweg liefen, den hübsche alte Laternen in weiten Abständen an den Seiten säumten. Der Boden des Weges war festgetreten und die Äste der umstehenden Tannen hingen so hoch, dass es fast wie ein Tunnel wirkte. Sonnenstrahlen schimmerten zwischen dem dichten Bewuchs der Fichten hindurch und spiegelten sich in kleinen Pfützen, die noch vom letzten Regenschauer zurückgeblieben waren.
»Amaury es tut mir leid, was ich gesagt habe. Das war unsensibel, aber du musst mich auch verstehen. Ich habe der Direktorin Hoffnungen gemacht. Du hättest sie mal erleben sollen. Sonst ist sie eine starke und sehr beeindruckende Person, aber in dieser Situation wirkte sich echt verzweifelt. Wäre ich nicht von deinen Fähigkeiten überzeugt gewesen, hätte ich mich nie gewagt sie in diesem Zustand anzusprechen.«
Nun blieb Amaury abrupt stehen. Sie atmete hörbar durch und starrte auf den Waldboden.
»Du kennst mich überhaupt nicht. Du hättest es lassen sollen«, sagte sie mit einem bedrohlichen Unterton. Ehe die Jüngere erneut zu Wort kommen konnte, wandte Amaury sich von ihr ab und lief weiter über den Waldweg.
»Amaury«, versuchte Mari es erneut, doch die Angesprochene ging auf weitere Kommunikationsversuche nicht mehr ein. Stur behielt sie ihre störrische Haltung und den verbitterten Blick bei, bis ein großes Tor vor ihnen sie mit solch einer Ehrfurcht erfüllte, dass Amaurys Gesichtszüge entgleisten. Fasziniert stand sie da mit gehobenem Kopf und betrachtete das alte, bemooste Wappen in der Mitte des imposanten Steinbogens. Es war dreigeteilt. Auf jeder Fläche befand sich ein anderes, stilisiertes Tier. Aufgrund des Rostes und der Witterungsschäden war es nicht eindeutig zu erkennen, doch Amaury glaubte einen Hund oder Wolf, einen Wal und einen Vogel zu erkennen. Allesamt waren sie schwarz-weiß, ebenso wie das gesamte Wappen. Unter ihnen stand in altertümlicher Schmuckschrift ‚Cinereus Akademie‘.
»Hübsch, nicht wahr?«, versuchte Mari es erneut. Amaury hätte ihr beinahe zugestimmt, doch sie hielt sich zurück, wodurch es nur ein unverständlicher Laut der Anerkennung wurde, bevor sie durch das Tor ging.
Dahinter offenbarte sich eine weitläufige Schlossanlage mit gepflegten Rasenflächen, Sitzbänken und den gleichen Laternen, wie sie zuvor den Waldweg gesäumt hatten. Die Sonne schien hier ungehindert auf den Boden und ließ alles trotz der eher kühlen Temperaturen frühlingshaft erscheinen. Als wäre all das jedoch nicht beeindruckend genug, ragte im Zentrum der freien Fläche ein prunkvolles, wenn auch vom Zahn der Zeit beeinträchtigtes, Schloss in die Höhe. Dessen Pracht zeigte sich in etlichen Schmuckelementen an den dunklen Fassaden, sowie den aufwendig verzierten Fenstern und Giebeln. Auch ein Turm mit spitz zulaufendem Dach ragte hinter den Zinnen einer Mauer empor. Egal wie lange Amaury auch auf das Gebäude starrte, entdeckte sie immer wieder neue Auffälligkeiten, Fenster und Schmuckelemente. Sie hatte das Gefühl, in der Zeit zurück oder gar in eine andere Dimension gereist zu sein, zumindest hatte dieser Ort zweifellos etwas Mystisches an sich. Nach einigen Augenblicken gelang es ihr sich von dem Anblick loszureißen und Mari auf dem Weg zum Haupteingang zu folgen. Diese war bereits vorgelaufen und musterte ihre Cousine nun mit ihrem besten Welpenblick.
»Willst du, dass ich dir zumindest die Akademie zeige?«, fragte sie nun. Amaury zögerte. Es reizte sie sehr, eine geführte Tour an diesem besonderen Ort zu bekommen, andererseits würde sie allein vielleicht sogar noch mehr davon entdecken können, daher schüttelte sie den Kopf.
»Ich finde mich zurecht. Um wie viel Uhr geht die Bahn zurück ins Dorf?«, erkundigte sie sich stattdessen.
Nun war es Mari, die zögerte. »Um zwanzig Uhr fährt sie hier ab«, erwiderte sie missmutig.
»So spät erst?«, stöhnte Amaury. Es war erst kurz nach halb neun – dieser Tag würde zweifellos ein langer werden.
»Also falls du es dir doch anders überlegst und die Stelle als Gärtnerin …«
»Nein«, fiel sie der jüngeren Frau ins Wort und bemühte sich dann zu einem halbherzigen Lächeln. »Mach’s gut, Mari«, verabschiedete sie sich und spazierte kurzerhand in Richtung einer sonnigen Gartenanlage davon.

I

Fasziniert stand Amaury an einem Eisengeländer und bestaunte den riesigen Wald, der die Akademie umgab. Man konnte die Fichten von überall auf dem Gelände sehen, da die Akademie auf einem Hügel gebaut worden war. Hier aber war die Aussicht besonders atemberaubend, da der Hang an dieser Stelle noch steiler abfiel als sonst, wodurch man weit schauen konnte und die Fichten auf den Hügeln wie ein Meer aus dunklem Grün wirkten. Anders als in Felteshavel, wo der Wald erhaben und bedrohlich einer Flutwelle glich, hatte man hier das Gefühl auf einem stolzen Schiff zu stehen und die Flut aus Fichten aus sicherer Höhe betrachten zu können. Zuvor war Amaury durch einen kleinen Park gelaufen und hatte sich dort die Zeit genommen jede Statue, jede Steinbank und jede bereits erblühende Pflanze zu bewundern. Ursprünglich wollte sie danach einen Weg ins Innere des Gebäudes finden, doch dann war ihr die Aussichtsplattform ins Auge gesprungen und nun stand sie dort. Amaury wusste nicht, was sie sich unter der Akademie vorgestellt hatte, aber mit Sicherheit nicht solch einen faszinierenden Ort.
Nachdenklich stand sie am Geländer und hatte die Ellbogen auf das kalte Metall gestützt. Ihr Blick verlor sich im Horizont aus Fichten. Für einen kurzen Augenblick stiegen Zweifel in ihr auf, ob sie nicht doch den Posten der Gärtnerin annehmen sollte. Nur vorübergehend natürlich. Ihre Mutter hatte ihr einiges über Pflanzenpflege beigebracht, aber genügte es für eine solch bedeutsame Aufgabe?
»Eine wunderbare Aussicht, nicht wahr?«, wurde ihr Gedankengang jäh unterbrochen. Ein junger Mann, etwa Mitte Dreißig, mit kurzen, walnussbraunen Haaren und verschmitztem Lächeln auf seinem hübschen Gesicht war zu Amaury gekommen. Er trug eine graublaue Anzugweste über einem schwarzen Hemd und hatte sich seinen zimtbraunen Mantel wie einen Umhang über die Schultern gelegt, ohne die Ärmel richtig anzuziehen.
»Ich komme selbst oft her, um diesen Ausblick zu genießen, wann immer es die Witterung erlaubt«, fuhr er fort, während sein Blick sich von Amaury abwandte und in die Ferne schweifte.
»Ja, der Wald ist beeindruckend. Man hat das Gefühl es gäbe den Rest der Welt nicht mehr. Nur noch Fichtenwald«, erwiderte sie, nachdem sie endlich ihre Stimme wiedergefunden hatte. Ohne seinen Blick von dem Fichtenmeer abzuwenden, sagte der Mann: »Ich habe Sie noch nie zuvor hier gesehen. Da wir uns gerade mitten im Semester befinden und somit nicht mit neuen Studenten zu rechnen ist, erlauben Sie mir die Frage, wer Sie sind.« Nun drehte er den Kopf wieder zu Amaury. »Sie müssen wissen, dass es nicht einfach ist herzukommen. Unsere Schaffner sind strenger als mein alter Lateinlehrer. Und glauben Sie mir, der war streng.« Ein Lächeln zeichnete sich in seinen Mundwinkeln ab, doch seine stahlblauen Augen blieben eiskalt.
»Ich besuche meine Cousine«, antwortete sie wahrheitsgetreu. Von der Misere mit dem Gärtnerposten musste der Mann nichts wissen, entschied Amaury.
»Ach so? Für gewöhnlich haben wir hier selten Besucher«, erwiderte er ominös. Amaury kniff unbewusst die Augen ein wenig zusammen, was ihrem Gegenüber nicht entging. Sofort lachte er verhalten, wodurch es wie ein Hüsteln klang.
»Verzeihen Sie mir. Im Moment ist die Atmosphäre hier ein wenig angespannt. Es ist wohl einfach eine ungünstige Zeit für Besuche«, erklärte er. Als Amaury weiterhin schwieg, ergänzte er: »Dürfte ich erfahren, wer Ihre Cousine ist?«
Amaury wägte ab, ob der Mann vertrauenswürdig genug war, ihm diese Information zu geben und dachte unweigerlich an Maris Worte. Nicht mutig genug. Sie schnaubte leise. »Kommt drauf an, wer das wissen will«, konterte sie und straffte ihre Haltung.
Wieder lachte der Mann verhalten. »Ich verstehe schon. Vergessen Sie es einfach. Falls Sie das Gelände wieder verlassen wollen, der nächste Zug nach Felteshavel fährt um zwanzig Uhr.« Er verabschiedete sich mit einem übertrieben freundlichen Lächeln und zog von dannen. Amaury war sein seltsames Verhalten nicht entgangen, ebenso wenig wie die Tatsache, dass er lieber ging, als seine Identität preiszugeben. Verdutzt stand sie da und verspürte mit einem Mal den Drang ins Innere der Akademie zu gehen, um sich dort ein wenig umzusehen. Ohnehin würde sie früher oder später in Erfahrung bringen müssen, wo sie etwas zu Essen herbekommen könnte, da sie bei ihrem überhasteten Aufbruch nichts mitgenommen hatte und auch das Frühstück ausgefallen war.
Nachdenklich ging sie zurück durch die Gärten, bis sie wieder bei der breiten Treppe vor dem Haupteingang war und stieg die Stufen empor. Oben angekommen öffnete sie die schwere Eingangstür und fragte sich ein weiters Mal, was es mit den Wappentieren auf sich hatte, die auch hier den Torbogen zierten. Lange konnte sie sich damit jedoch nicht beschäftigen, da hinter der Tür gleich die nächsten, eindrucksvollen Impressionen auf sie warteten.
Kaum war sie eingetreten, fand Amaury sich in einer kleinen Eingangshalle wieder. Die Wände waren aus mokkabraunem Stein und der Boden mit hellen Fliesen belegt. Schmale Säulen stützten die hohe Decke und verzierte Bögen, die ebenso aufwendig gestaltet waren wie die Außenfassade, schmückten die Durchgänge. Einer der Wege führte zu einem verschachtelten Treppenhaus, ein anderer mündete in einem schier endlos langen Korridor, auf dem durch hohe Fenster das Sonnenlicht einfiel. Geradeaus führte ein Weg in eine größere Halle, doch der Durchgang war zu schmal, um mehr erkennen zu können. Eine kleine Gruppe von Studenten stand neben der Büste einer Frau. Sie unterbrachen ihre Unterhaltung, sobald Amaury eintrat, und musterten sie kurz, ehe sie zusammen in Richtung des Treppenhauses verschwanden. Obwohl sie nun allein in der Eingangshalle stand, waren von überall Geräusche zu hören. Stimmen, Schritte – das Gebäude pulsierte vor Lebendigkeit. Amaury hatte bereits einige Universitäten und Museen von innen gesehen, aber diese Akademie ließ sich weder dem einen noch dem anderen zuordnen, obwohl sie zu beidem passte. Die schmuckvolle Architektur, sowie die vielen Kunstobjekte erinnerten an ein Museum, die modern gekleideten Studenten und die lebendigen Geräusche dagegen an eine schulische Institution.
Das geräuschvolle Knurren ihres Magens riss Amaury aus ihrer Starre. Bevor sie sich weiter im Gebäude umsehen konnte, musste sie einen Kiosk oder die Mensa finden. Ein wenig verloren schaute sie sich um und erblickte lediglich ein Schild mit der Aufschrift ‚Sekretariat‘ und einem Pfeil in Richtung des langen Korridors. Während sie abwägte dorthin zu gehen, kamen zwei weitere Studentinnen aus dem Treppenhaus und steuerten auf ebendiesen zu.
»Entschuldigung«, hielt sie die beiden Frauen auf. Diese musterten sie skeptisch, blieben aber stehen.
»Könnt ihr mir sagen, wo ich den Kiosk finde?«, erkundigte sich Amaury. Die Frauen sahen einander kurz an, bevor eine das Wort ergriff.
»Da vorn in die große Halle, die große Treppe hoch und dann rechts findest du die Arkaden«, erklärte sie knapp und beide setzten rasch ihren Weg fort.
»Danke«, flüsterte Amaury, nachdem sie bereits zu weit entfernt waren, um sie zu hören. »Also gut«, sprach sie sich im Anschluss Mut zu und betrat die große Halle.
Der Name versprach nicht zu viel, denn diese Halle konnte man ohne Zweifel als groß bezeichnen. Die Decke war hoch und die Wände von schönen Säulen geziert. Auch die Bodenfliesen bildeten ein rundes Muster, das kunstvoll am Fuße einer langen Treppe mit breiten Stufen endete. In der Mitte umrahmten die Fliesen die große Statue einer Frau. Links führte ein Korridor tiefer ins Gebäude und rechts ein Säulengang in einen begrünten Innenhof. Amaury folgte der Wegbeschreibung der jungen Frau und stand wenig später vor einem Arkadengang. Sie glaubte ihren Augen kaum, als sie dort neben dem gesuchten Kiosk auch mehrere winzige Geschäfte vorfand. So gab es den Schildern nach zu urteilen einen Schneider, einen Floristen, einen Schreibwarenladen und eine Apotheke. Allesamt waren sie klein und hatten teilweise nur eine Theke, wie ein Kiosk, hinter denen jedoch niemand stand. Bei dem Schneider, dem Floristen und dem Schreibwarenladen waren die Jalousien am Fenster heruntergelassen. Zielsicher ging Amaury zum Kiosk, wo zu ihrem Glück eine Person stand.
»Guten Tag, haben sie auch Brötchen oder sowas?«, wollte sie wissen. Die ältere Dame im Kiosk musterte sie argwöhnisch.
»Dich hab ich hier noch nie gesehen und ich habe für gewöhnlich ein gutes Gesichter-Gedächtnis«, sagte sie mit strenger Stimme. Lag es an dem Zwischenfall oder warum war jeder so ungewöhnlich misstrauisch gegenüber Amaurys Erscheinen?
»Richtig. Ich war noch nie hier. Ich besuche meine Cousine, Marigold Hayes.« Dem seltsamen Mann von zuvor hatte sie diese Information nicht geben wollen, hier jedoch schien sie notwendig, wenn Amaury etwas zu Essen haben wollte.
»Marigold? Ich wusste nicht, dass wir inzwischen Besucher zulassen«, murmelte die Frau grummelig vor sich hin. »Aber gut, wird schon seine Richtigkeit haben, wenn du hier stehst. So einfach kommt man nämlich nicht her.« Mit einem Mal erhellte sich ihre Miene und sogar ein Lächeln zeichnete sich auf ihren Lippen ab. »Du wolltest Brötchen? Ja, sowas haben wir. Belegte oder ohne alles, was hättest du gern?«
Amaury bestellte sich zwei vegetarisch belegte Körnerbrötchen und einen schwarzen Tee, was die ältere Dame plötzlich liebend gern frisch zubereitete und die junge Frau anschließend mit einem freundlichen Gruß verabschiedete. Mit ihrer Beute in der Hand suchte Amaury sich einen geeigneten Sitzplatz, um ihr verpasstes Frühstück nachzuholen. Auf einer Bank unter einem Laubbaum im begrünten Innenhof wurde sich fündig. Kurzerhand ließ sie sich nieder und begann ihre Brötchen zu verspeisen. Die Sonne kletterte währenddessen über die Dachkante und erhellte bald den zuvor eher düsteren Innenhof. Amaury trank einen Schluck ihres schwarzen Tees, als sie im Augenwinkel das merkwürdige Verhalten eines jungen Mannes bemerkte. Er war mit raschen Schritten aus einem Gang auf der gegenüberliegenden Seite in den Innenhof gekommen und schien es eilig zu haben. Mit einem Mal war er jedoch abrupt stehen geblieben, als hätte er etwas erschreckendes gesehen – oder bemerkt, dass er seine Schlüssel vergessen hatte. Normalerweise hätte ein solches Verhalten Amaury nicht verwundert, denn Studenten standen ständig unter Stress und vergaßen somit gelegentlich etwas. Nein, was sie an ihm merkwürdig fand, war etwas anderes. Es war die Tatsache, dass sie der Grund für sein jähes Stehenbleiben war. Zumindest hatte er angehalten, sobald er Amaury erblickt hatte. Ohne dabei allzu interessiert auszusehen, stellte sie den Pappbecher mit dem Tee neben sich auf die Bank und tat so, als würde sie etwas in ihrer Tasche suchen, während sie im Augenwinkel zu dem jungen Mann schaute. Noch immer stand er wie angewurzelt mitten im Innenhof und starrte sie an.
Gibt es hier denn nur merkwürdige Gestalten?, fragte Amaury sich in Gedanken. Plötzlich setzte der Mann sich wieder in Bewegung, jedoch nicht, um weiterzugehen, sondern er kam genau auf sie zu.

Fortsetzung folgt ...

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