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Kapitel 5 – Wurzeln schlagen
Ein leiser Seufzer entglitt Amaury, nachdem sie das Büro der Direktorin wieder verlassen hatte, was ihr einen tadelnden Blick der Sekretärin einbrachte. Als Amaury vor etwa einer Stunde hereingekommen war und ihr Gepäck neben der Empfangstheke abgestellt hatte, war die Frau mit der schmalen, eckigen Brille noch nicht da gewesen. Leicht beschämt räusperte Amaury sich nun und warf eilig ihren Rucksack über die Schulter, ebenso die Umhängetasche und schleppte sich dann mitsamt ihrem Koffer nach draußen in den Korridor. Erst dort verstaute sie einen Stapel Unterlagen, den sie zuvor in der Hand gehalten hatte, in einer Mappe in ihrem Rucksack.
»Also gut«, schnaufte sie leise. Noch bevor sie ihren Blick heben und ihr weiteres Vorgehen planen konnte, erklangen klackernde Schritte auf dem Steinboden, gefolgt von einer strengen Stimme.
»Sie müssen Miss Blackfir sein. Direktorin Loudain hat mich bereits über Ihr Eintreffen informiert. Ich werde Sie zu ihrer neuen Bleibe führen. Gut, dann folgen Sie mir bitte.«
Überrumpelt hob Amaury den Kopf und starrte ihr Gegenüber an. Vor ihr stand eine großgewachsene Frau mit erstaunlich voluminösem, schwarz-grau meliertem Haar, das sie gekonnt zu einer eleganten Hochsteckfrisur gestylt hatte, was ihre von Natur aus strengen Gesichtszüge noch strenger wirken ließ. Ihre Kleidung war ebenso bieder und elegant gewählt.
»Ja, natürlich«, brummte Amaury genervt von der herrischen Art der Dame, während sie ihr Gepäck wieder aufnahm.
»Sie müssen Miss Kielo sein. Direktorin Loudain hat mir ebenfalls bereits von Ihnen erzählt«, erwiderte Amaury nun das forsche Verhalten.
»In der Tat. Dann wissen Sie sicher auch bereits über meine Tätigkeit an der Akademie Bescheid?«
»Sie sind die Dozentin für Botanik«, erwiderte Amaruy selbstsicher.
»Professorin, wenn ich bitten darf«, korrigierte die Dame. Sie sprach ohne Amaury anzusehen und lief strammen Schrittes durch die Gänge als interessierte es sie nicht, dass ihre Begleitung sperriges Gepäck mitschleppen musste. Amaury ließ sich davon nichts anmerken und versuchte ihr Schnauben zurückzuhalten, sobald sie durch ein Treppenhaus liefen und sie den schweren Koffer Stufe um Stufe mit sich ziehen musste.
Nach einem Marsch durch die halbe Akademie erreichten sie einen Korridor, der mit einer verschlossenen, schweren, alten Holztür endete.
»Hier befindet sich das Wohnhaus der Lehrenden und Angestellten. Studierenden ist der Zutritt hier untersagt. Irgendwo muss man schließlich Ruhe vor ihnen haben, nicht wahr?« Die Professorin sagte das mit einem provokanten Unterton, als sähe sie Amaury nicht als würdig an, diesen heiligen Teil der Akademie zu betreten. Dennoch schloss sie die Tür auf und besaß sogar den Anstand, sie ihrer bepackten Begleitung aufzuhalten, damit diese hindurchgehen konnte. Sobald sie im Gang dahinter standen, schloss Professorin Kielo die Tür wieder ab.
»Ist der Zugang hier immer verschlossen?«, wollte Amaury wissen. Die Direktorin hatte ihr keinen Schlüssel gegeben, daher fragte sie sich, wie sie später allein hier hineingelangen sollte.
»Er sollte es zumindest sein. Ich habe den Schlüssel ihrer Vorgängerin bei mir. Ich werde ihn Ihnen später überreichen«, kam die Erklärung.
»Verstehe.«
Sie gingen weiter und passierten zahlreiche schmuckvolle Korridore mit Erkern, wobei die Decken in diesem Teil des Schlosses deutlich niedriger waren als im Hauptteil mit der gewaltigen Eingangshalle. Amaury fragte sich bereits welches der Zimmer ihres sein würde, als sie über einige breite Stufen das Gebäude wieder verließen.
»Ich dachte hier wären alle Wohnräume der Angestellten?«, fragte sie verwundert, sobald sie über einen Laubengang zu einer Art Anbau gingen. Er war nicht besonders hoch und hatte eine Kuppel als Dach. Dennoch entsprach die Architektur der des restlichen Gebäudes.
»Das ist korrekt, aber da das Pflanzenhaus außerhalb des Hauptgebäudes liegt, befindet sich die Unterkunft der Gärtner ebenfalls etwas außerhalb.«
Ohne weitere Zwischenfragen gingen sie zum Eingang des Anbaus. Dort steckte Professorin Kielo den Schlüssel ins Schloss, wartete jedoch mit dem Umdrehen.
»Mir wurde mitgeteilt, dass Ihre Unterkunft zwar bestmöglich gereinigt und aufgeräumt wurde, sofern es die wenige Zeit erlaubte, jedoch war Ihre Vorgängerin eine … sagen wir … ein wenig exzentrische Person, daher möchte ich Sie hiermit vorwarnen.« Ohne weiteres Zögern wurde nun die Tür geöffnet und ein aufgeregtes Kribbeln zog sich durch Amaurys Körper. Mit einem Mal wich ihre Aufregung Erschütterung. Vor Entsetzen fiel Amaury der Koffer aus der Hand und landete polternd auf dem dunklen Holzboden.
»Ich habe Sie gewarnt«, merkte Professorin Kielo an und ging tiefer in den Raum. Dieser war um einiges größer als Amaury es erwartet hatte. Ihr Zimmer im Haus ihrer Tante hätte sicher dreimal hier hineingepasst. Durch ein großes, rundes, kunstvoll mit Metallstreben gestaltetes Fenster in der Decke fiel Sonnenlicht hinein. Es schien auf Unmengen von staubigen Bücherstapeln, ineinander gestellte Tontöpfe, schmutzige Gartenwerkzeuge in einer großen Holzkiste und einige hohe Regale und Schränke mit gläserner Front in denen weitere Bücher, Tassen, sowie allerhand anderer sonderbarer Kram gelagert wurde. Unter dem ganzen Gerümpel befanden sich ein dunkelgrünes Sofa mit unförmigen Kissen, sowie eine winzige, dunkle Kochnische. Ihnen gegenüber stand eine lange Kommode unter zwei winzigen, vergitterten Fenstern, durch die man auf eine Wiese hinter der Akademie schauen konnte. In der Mitte des Raumes führte eine breite Treppe in großem Bogen auf eine Empore, die direkt unter dem Dachfenster lag. Was sich dort oben befand konnte man vom Eingang aus jedoch nicht sehen. In der Mitte der Treppe war genug Platz für einen Schreibtisch, der erstaunlicherweise komplett leer war.
»Das ist …«, sagte Amaury stockend.
»Dort oben befindet sich Ihr Bett. Das Bad ist gleich da vorn.« Professorin Kielo zeigte auf eine schmale Tür unweit der kümmerlichen Kochnische, die Amaury zuvor nicht aufgefallen war.
»Wie bereits erwähnt, hat man sich alle Mühe gegeben diese Unterkunft ein wenig herzurichten, aber Sie werden wohl noch selbst ein wenig aufräumen müssen.«
»Das sehe ich«, murmelte Amaury und ließ die Schultern hängen.
»Nun, Besen und Kehrblech finden Sie dort vorn in einem Wandschrank. Darin befinden sich auch einige Gartenwerkzeuge, die sich für Ihre Arbeit sicher als nützlich erweisen werden. Erst mal will ich Ihnen jedoch die Schlüssel geben.« Professorin Kielo holte einen unerwartet umfangreichen Schlüsselbund aus ihrer Manteltasche hervor. »Dieser ist für die Tür zum Wohnhaus der Angestellten und dieser für ihre private Unterkunft. Dieser hier ist für das Pflanzenhaus, der da für die Lagerräume und der letzte Schlüssel wird Ihnen Zutritt zum Haupteingang gewähren, sollte dieser je verschlossen sein. Verlieren Sie keinen davon«, zählte die Professorin mit strenger Stimme auf, wobei Amaury Schwierigkeiten hatte sich alles zu merken. Überfordert nahm sie den Schlüsselbund entgegen und hielt ihn hilflos wie einen zappelnden Fisch in den Händen.
»Das sollte soweit alles sein. Richten Sie sich erst mal ein wenig ein. Für heute haben wir sonst nichts mehr mit Ihnen vor. Morgen früh komme ich erneut auf Sie zu und zeige Ihnen alles rund um das Pflanzenhaus. Wenn Sie mich suchen, ich bin meist im Hörsaal vier im ersten Stock des Hauptgebäudes zu finden. Nun muss ich aber los, in zehn Minuten beginnt meine nächste Vorlesung«, verabschiedete sich die Professorin, hielt jedoch ein letztes Mal in der Tür inne. »Ach und Sie dürfen sich natürlich gern schon einmal allein das Pflanzenhaus und die Gartenanlagen draußen ansehen, wobei letztere nicht in Ihr Aufgabengebiet fallen, aber das wissen Sie sicher bereits. Auf Wiedersehen.« Damit war sie nun endgültig fort und Amaury allein.
Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, schweifte ihr Blick über das Chaos in ihrer zukünftigen Bleibe. Wenn man hier bereits versucht hatte aufzuräumen, wie hatte es dann bitte davor ausgesehen? Amaury wollte es lieber nicht wissen. Stattdessen ging sie ins Bad, um sich erst mal frisch zu machen. Die Hektik am frühen Morgen mit der Zugfahrt zur Akademie, dem Gespräch mit der Direktorin und der Besichtigung ihrer neuen Unterkunft hatten ihre Spuren hinterlassen. Erleichtert stellte Amaury fest, dass das Bad nicht so chaotisch und verwahrlost aussah wie der Rest der Unterkunft. Im Gegenteil, das Bad wirkte sauber und einladend – wenigstens ein kleiner Trost im Anblick all der Aufräumarbeiten, die noch vor ihr lagen.
I
Die Zeit war wie im Flug vergangen und der Duft von Abendessen lag bereits in der Luft. Während die Mensa sich zum zweiten Mal an diesem Tag allmählich füllte, stand Amaury mit hochgekrempelten Ärmeln in ihrer neuen Bleibe und bestaunte ihr Meisterwerk. Der Staub war von nahezu allen Regalen, Kommoden, Schränken und sonstigen Möbeln verschwunden, der Boden glänzte in seiner dunklen Pracht und selbst die kümmerliche Kochnische wirkte beinahe gemütlich, nachdem nicht mehr so viel Unrat auf der Arbeitsplatte lag. Auch die schmutzigen Gartenwerkzeuge hatte Amaury gereinigt und ordentlich in der Besenkammer verstaut, nachdem sie diese neu sortiert und aufgeräumt hatte. Nun musste sie nur noch die Bettwäsche für das breite Bett auf der Empore neu beziehen, dann war alles fertig. Dort oben waren ihr beim Putzen mehr Spinnweben und Wollmäuse begegnet als sie es je für möglich gehalten hatte, besonders in Anbetracht der Tatsache, dass in dieser Räumlichkeit vor kurzem noch jemand gelebt hatte. Sie fragte sich nach der Putzaktion mehr denn je was ihre Vorgängerin für ein Mensch gewesen war. Zumindest in Sachen Pflanzenpflege musste sie auf ganzer Linie überzeugt haben, sonst wäre sie mit solch einem Durcheinander in ihrer Unterkunft wohl niemals durchgekommen.
Bereit für den letzten Kraftakt erklomm Amaury die Stufen zur Empore. Auch dort oben war alles schön sauber und wirkte einladend. Amaury konnte es kaum erwarten heute Nacht in diesem großen Bett zu schlafen und durch das Fenster über ihr in den Nachthimmel zu blicken. Der einzige Nachteil daran war, dass sie von den ersten Sonnenstrahlen geweckt werden würde. Ein leiser Seufzer entglitt Amaurys Lippen, ehe sie auch den letzten Akt vollbrachte. Die schmutzige Wäsche warf sie anschließend in einen Weidenkorb, den sie beim Aufräumen gefunden hatte, und beschloss, sich später damit auseinanderzusetzen, wie sie ihre Wäsche gewaschen bekommen würde.
Nachdem nun auch das Bett bezogen war, ließ Amaury sich kurzerhand darauf fallen und schaute in den orange-roten Abendhimmel. Wenn sie Glück hatte, bekam sie noch etwas zu Essen in der Mensa. Den Tag über hatte Amaury sich von den Snacks, die ihre Tante ihr in der Früh mitgegeben hatte ernährt, doch nun konnte sie das Verlangen nach einer richtigen Mahlzeit nicht länger ignorieren. Kurzerhand hievte sie sich zurück auf die Beine und machte sich auf den Weg zur Mensa.
Amaury war ein wenig stolz auf sich, den Weg zur Mensa gefunden zu haben, ohne jemanden fragen zu müssen. Es waren noch ein paar Leute dort, jedoch hatten die meisten sich bereits wieder in ihre Zimmer zurückgezogen oder gingen anderweitigen Aktivitäten nach. Kurzerhand bestellte Amaury die Gemüsereispfanne und schaute sich nach einem einladenden Tisch um.
»Ah, die Gärtnerin«, begrüßte sie überraschend eine freundliche Stimme. Einen Atemzug später trat Camille in ihr Sichtfeld. »Warum setzen wir uns nicht zusammen an einen Tisch? Ich würde dich gern besser kennenlernen.«
Amaury schob verwundert die Augenbrauen zusammen, aber widersprach nicht. Kurz darauf saß sie zusammen mit dem Dozenten für Astronomie und Tanz an einem Tisch neben dem Fenster und aß, während draußen allmählich die Sonne hinter dem Tannenmeer versank.
»Wo hast du deinen Handlanger gelassen?«, fragte Amaury forsch.
»Hm?«, machte Camille und schaute sie entsetzt an.
»Ich meine Darcey.«
Camille gab einen abfälligen Laut von sich. »Er ist doch nicht mein Handlanger, aber mir gefällt dein Humor«, erwiderte er gefasst, jedoch mit einem schelmischen Funkeln in den Augen.
»Und wo ist er jetzt?«, beharrte Amaury.
»Er arbeitet noch«, erklärte Camille nun wieder ernst.
»Astronomie und Tanz. Eine spannende Kombination«, überging sie seine Worte.
»Nicht wahr? Was ist mit dir? Hast du etwas fürs Tanzen übrig?«
»Tatsächlich ja. Vor ein paar Jahren habe ich mit einer Freundin regelmäßig eine Tanzschule besucht, weil wir auf Partys damit angeben wollten«, erklärte Amaury und musste schmunzeln. »Hat nicht ganz geklappt, aber Spaß hatten wir trotzdem.«
»Das ist doch worauf es ankommt. Wenn du Lust hast, kannst du gern mal eine meiner Tanzstunden besuchen. Wir trainieren jeden Montag, Dienstag und Donnerstag um sechzehn Uhr und samstags um zwanzig Uhr. Natürlich kannst du auch meine Vorlesungen besuchen, aber ich denke die Praxis ist spannender.«
»Ich werde es mir überlegen.«
»Entschuldige übrigens mein Verhalten gestern bei der Aussichtsplattform. Ich konnte nicht ahnen, was für eine charmante Person ich da vor mir habe. Ich bin froh, dich nun als festen Bestandteil unserer schönen Akademie zu wissen.«
Amaury hob den Blick und musterte Camille argwöhnisch. Er verhielt sich völlig anders als bei ihrer ersten Begegnung, aber das hatte er bereits getan, als sie ihn und Darcey im Astronomiebüro getroffen hatte. Vermutlich war seine abweisende Art zum Beginn den jüngsten Ereignissen an der Akademie geschuldet. Amaury wollte die Chance für einen Neuanfang in jeder Hinsicht nutzen, daher beschloss sie, niemanden zu schnell zu verurteilen oder sofort wieder dunkle Geheimnisse hinter allem zu sehen.
»Vielen Dank. Ich muss jetzt los. Ich hatte einen anstrengenden Tag und morgen wird es nicht besser, daher gehe ich lieber früh ins Bett.«
»Verständlich. Leb dich gut ein und falls du irgendwelche Fragen hast oder dich einsam fühlst, wende dich gern an mich«, verkündete Camille mit einem unschuldigen Lächeln auf den Lippen.
»Ähm …«, machte Amaury und hielt in ihrer Bewegung inne, nachdem sie aufgestanden war und ihr Essenstablett in den Händen hielt. »Ich denke nicht, dass …«, fuhr sie zögerlich fort. Camille lachte.
»Oh, so war das gar nicht gemeint. Entschuldige, meine Stärken liegen wohl eher in der Logik und der Körperkoordination als in der Sprache. Ich meinte ‚einsam‘, weil man sich an einem so abgelegenen Ort wie diesem ohne jegliche bekannten Personen schnell verloren fühlen kann. Ich wollte dir also nur mitteilen, dass du in mir eine Ansprechperson in allen Belangen hast.« Wieder lächelte er unschuldig.
»Verstehe. Vielen Dank, aber ich bin sicherlich weder einsam noch verloren. Ich finde schnell Anschluss, außerdem habe ich meine Cousine«, erklärte Amaury und musterte ihr Gegenüber dabei scharf. »Dennoch gute Nacht, Camille«, verabschiedete sie sich, brachte ihr Tablet weg und verließ die Mensa.
I
Kurz vor dem Zubettgehen hatte Amaury eine unscheinbare Vorrichtung mit Vorhängen an der Decke neben dem Dachfenster gefunden, womit sich dieses verdunkeln ließ, weshalb das Licht des neuen Tages nur gedämpft hineinfallen konnte und die junge Frau dabei nicht weckte. Ausschlafen konnte sie dennoch nicht. Um an ihrem ersten offiziellen Arbeitstag nicht zu spät zu sein, hatte sie sich einen Wecker gestellt und stand bereits um viertel nach sieben fertig angezogen mit einer Tasse dampfendem schwarzem Tee in der Hand an einem der kleinen Fenster in ihrer Unterkunft und schaute hinaus auf die von Morgentau bedeckte Wiese. Der Waldrand mit den Fichten war ebenfalls in Sichtweite und wirkte trotz des ersten Tageslichtes finster. Professorin Kielo hatte zwar gesagt am nächsten Tag erneut auf Amaury zukommen zu wollen, jedoch hatte sie keine Uhrzeit genannt. Bis sie auftauchte, beschloss Amaury sich den vielen sonderbaren Büchern in ihrer Unterkunft zu widmen. Gestern beim Aufräumen hatte sie erstaunlich viele Werke über Aberglauben, Legenden, Alchemie und selbst das ein oder andere Buch über mystische Zauber und Magie gefunden. Da Amaury nicht viel für fantastische Literatur übrighatte und all ihr Wissen darüber nur dank der Besessenheit ihres Bruders besaß, widmete sie sich lieber den Büchern über Pflanzenpflege und Botanik. Es konnte schließlich nicht schaden, sich noch ein wenig Wissen anzueignen, bevor es gleich ernst werden würde.
Gegen zehn vor acht klopfte es an der Tür. Sofort legte Amaury ein Buch über die geheime Sprache der Pflanzen zur Seite und rief: »Es ist offen.«
Augenblicklich öffnete sich die Tür und Professorin Kielo trat ein.
»Ah, Sie sind schon wach, das ist gut. Ich hatte befürchtet Sie wecken zu müssen«, sagte sie erleichtert, was aufgrund ihrer strengen Stimmfarbe noch immer wie ein Vorwurf klang. »Dann folgen Sie mir bitte.«
Amaury folgte der Professorin aus ihrer Unterkunft in den Laubengang davor. Von dort aus gingen sie nach links und eine schmale Treppe hinunter, an deren Ende sich eine kunstvoll mit schmiedeeisernen Streben verzierte Tür aus milchigem Glas befand. Sie war verschlossen, doch selbstverständlich hatte die Professorin einen Schlüssel dafür.
»Das Gewächshaus wird über Nacht verschlossen, ist aber von acht Uhr morgens bis sechs Uhr abends für alle zugänglich. Sorgen Sie bitte dafür, dass die Zeiten eingehalten werden«, erklärte sie, bevor die Tür aufgeschlossen wurde. Dahinter offenbarte sich das Pflanzenhaus. Ein weitläufiger Raum mit hoher Decke, schmuckvollen Steinsäulen mit kleinen Skulpturen darin und gläsernen Wänden, die ähnlich verziert und milchig waren wie die Tür. Überall standen Hochbeete oder unterschiedlich große Tontöpfe in denen verschiedene Pflanzen wuchsen. Auf Tischen standen niedrige Plastikboxen mit etlichen Setzlingen, in deren Töpfen kleine Schilder steckten. Ganz hinten befand sich sogar ein von Ziegelsteinen umzäuntes Beet mit drei schmächtigen Bäumchen, denen das Leben in einem Gewächshaus wohl nichts auszumachen schien. Amaury wurde beim Anblick all dieser Pflanzen mulmig zu Mute.
»Willkommen in unserer Schatzkammer, wie wir das Pflanzenhaus auch gern nennen«, erklärte die Professorin mit ungewohnt sanfter Stimme, was Amaury noch unsicherer werden ließ.
»Das sind … eine Menge Pflanzen«, brachte sie mühevoll heraus.
»Ja, ganze vierhundertzweiundachtzig Arten beherbergen wir hier. Einschließlich einiger besonders seltener Pflanzen, wie der Cosmos atrosanguineus oder der Franklinia. Zudem können wir ein paar sehr wertvolle Züchtungen unser Eigen nennen. Darüber hinaus gibt es natürlich auch viele weniger außergewöhnliche, aber nicht weniger interessante Pflanzen in unseren Reihen. Besonders stolz sind wir auf unseren Kulturobst Garten den wir im Laufe der letzten Jahre anlegen konnten. Der Großteil davon befindet sich jedoch außerhalb des Gewächshauses auf dem Akademiegelände und ist somit nicht Teil ihres Aufgabenbereiches. Sie sind ganz wie Ihre Vorgängerin nur für die Hege und Pflege des Gewächshauses verantwortlich, aber das ist Ihnen sicher längst klar.«
»Natürlich, aber …«, warf Amaury ein. Dass sie nach wie vor nicht ganz verstand, warum zwischen dem Gewächshaus und den äußeren Grünanlagen so streng unterschieden wurde, wollte sie sich nicht anmerken lassen, zumindest vorerst.
»Ja?«
»Die Studierenden, inwiefern kümmern sie sich um die Pflanzen hier?«
»Natürlich ist die Pflanzenpflege Teil ihres Studiums, jedoch können wir uns nicht allein auf sie verlassen, zumal oft vergleichsweise wenige Personen den Botanik Studiengang hier belegen. Davon abgesehen sollen sie sich auf ihre Forschung und Studien konzentrieren, daher benötigen wir eine zusätzliche Person für die Pflege der Pflanzen. Ich werde Ihnen zeigen, wo der Wasseranschluss ist und wie unser Gewächshaus aufgeteilt ist. Ab morgen können Sie dann eigenständig ihrer Arbeit nachgehen«, führte sie aus und wollte losgehen, als ihr offenbar noch etwas einfiel. »Ach ja, bevor ich es vergesse, jeden Tag außer Dienstag und Sonntag findet hier um zehn Uhr morgens und um drei Uhr nachmittags eine Vorlesung statt. Ich bevorzuge praxisnahen Unterricht, daher sind wir zu diesen Zeiten hier. Lassen Sie sich nicht von uns stören, aber bitte belästigen Sie meine Studierenden und mich ebenfalls nicht. Gut, dann will ich Ihnen mal alles zeigen.«
Amaury musste sich sehr auf die Zunge beißen, um ihren Unmut zurückzuhalten. Zudem störte sie etwas an dem Verhalten der Professorin, jedoch konnte sie nicht genau sagen, was es war. Allein die Aussicht, dass die Studierenden ihr bei ihrer Aufgabe zur Hand gehen würden, schenkte ihr ein wenig Hoffnung.
Mit strammen Schritten marschierte Professorin Kielo durch das Gewächshaus und stellte Amaury alle wichtigen Orte vor; vom Wasseranschluss, über den Werkzeugschrank bis hin zum kleinen, erstaunlich modernen Labor in einer Wandnische, dessen Tür stets geschlossen sein musste, um die Geräte vor Nässe zu schützen. Warum wasseranfällige Gerätschaften in einem Gewächshaus aufbewahrt wurden, erschloss sich Amaury zwar nicht, doch das zu ergründen war auch nicht ihre Aufgabe.
Eine Dreiviertelstunde lang wurde Amaury durch jeden Winkel des Heiligtums der Botanik Professorin geführt und mit Informationen über Gießzeiten, Zurückschneiden und Dünger zugeschüttet, bis ihr Kopf so beladen war, dass sie kein Gänseblümchen mehr von einer Butterblume unterscheiden konnte. Mühevoll hatte sie dabei versucht alle wichtigen Informationen in ihrem Notizbuch festzuhalten, was nicht einfach war bei der Flut.
»Wunderbar, dann verabschiede ich mich jetzt. Ab Morgen überlasse ich unser grünes Paradies dann ganz Ihrer Obhut«, beendete die Professorin ihren Vortrag, nickte Amaury zu und verließ anschließend das Gewächshaus durch den Hinterausgang, der hinaus auf die Grünflächen um die Akademie führte. Amaury brummte der Schädel, weshalb sie sich auf einem kleinen Holzschemel niederließ, der vor einem der Tische mit den Setzlingen stand. Hilflos ließ sie den Blick über ihre chaotischen Notizen schweifen. Vielleicht, nur vielleicht hatte sie die ganze Sache mit der Gärtnerei ein wenig unterschätzt.
Fortsetzung folgt ...
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Kapitel 5 – Wurzeln schlagen
Ein leiser Seufzer entglitt Amaury, nachdem sie das Büro der Direktorin wieder verlassen hatte, was ihr einen tadelnden Blick der Sekretärin einbrachte. Als Amaury vor etwa einer Stunde hereingekommen war und ihr Gepäck neben der Empfangstheke abgestellt hatte, war die Frau mit der schmalen, eckigen Brille noch nicht da gewesen. Leicht beschämt räusperte Amaury sich nun und warf eilig ihren Rucksack über die Schulter, ebenso die Umhängetasche und schleppte sich dann mitsamt ihrem Koffer nach draußen in den Korridor. Erst dort verstaute sie einen Stapel Unterlagen, den sie zuvor in der Hand gehalten hatte, in einer Mappe in ihrem Rucksack.
»Also gut«, schnaufte sie leise. Noch bevor sie ihren Blick heben und ihr weiteres Vorgehen planen konnte, erklangen klackernde Schritte auf dem Steinboden, gefolgt von einer strengen Stimme.
»Sie müssen Miss Blackfir sein. Direktorin Loudain hat mich bereits über Ihr Eintreffen informiert. Ich werde Sie zu ihrer neuen Bleibe führen. Gut, dann folgen Sie mir bitte.«
Überrumpelt hob Amaury den Kopf und starrte ihr Gegenüber an. Vor ihr stand eine großgewachsene Frau mit erstaunlich voluminösem, schwarz-grau meliertem Haar, das sie gekonnt zu einer eleganten Hochsteckfrisur gestylt hatte, was ihre von Natur aus strengen Gesichtszüge noch strenger wirken ließ. Ihre Kleidung war ebenso bieder und elegant gewählt.
»Ja, natürlich«, brummte Amaury genervt von der herrischen Art der Dame, während sie ihr Gepäck wieder aufnahm.
»Sie müssen Miss Kielo sein. Direktorin Loudain hat mir ebenfalls bereits von Ihnen erzählt«, erwiderte Amaury nun das forsche Verhalten.
»In der Tat. Dann wissen Sie sicher auch bereits über meine Tätigkeit an der Akademie Bescheid?«
»Sie sind die Dozentin für Botanik«, erwiderte Amaruy selbstsicher.
»Professorin, wenn ich bitten darf«, korrigierte die Dame. Sie sprach ohne Amaury anzusehen und lief strammen Schrittes durch die Gänge als interessierte es sie nicht, dass ihre Begleitung sperriges Gepäck mitschleppen musste. Amaury ließ sich davon nichts anmerken und versuchte ihr Schnauben zurückzuhalten, sobald sie durch ein Treppenhaus liefen und sie den schweren Koffer Stufe um Stufe mit sich ziehen musste.
Nach einem Marsch durch die halbe Akademie erreichten sie einen Korridor, der mit einer verschlossenen, schweren, alten Holztür endete.
»Hier befindet sich das Wohnhaus der Lehrenden und Angestellten. Studierenden ist der Zutritt hier untersagt. Irgendwo muss man schließlich Ruhe vor ihnen haben, nicht wahr?« Die Professorin sagte das mit einem provokanten Unterton, als sähe sie Amaury nicht als würdig an, diesen heiligen Teil der Akademie zu betreten. Dennoch schloss sie die Tür auf und besaß sogar den Anstand, sie ihrer bepackten Begleitung aufzuhalten, damit diese hindurchgehen konnte. Sobald sie im Gang dahinter standen, schloss Professorin Kielo die Tür wieder ab.
»Ist der Zugang hier immer verschlossen?«, wollte Amaury wissen. Die Direktorin hatte ihr keinen Schlüssel gegeben, daher fragte sie sich, wie sie später allein hier hineingelangen sollte.
»Er sollte es zumindest sein. Ich habe den Schlüssel ihrer Vorgängerin bei mir. Ich werde ihn Ihnen später überreichen«, kam die Erklärung.
»Verstehe.«
Sie gingen weiter und passierten zahlreiche schmuckvolle Korridore mit Erkern, wobei die Decken in diesem Teil des Schlosses deutlich niedriger waren als im Hauptteil mit der gewaltigen Eingangshalle. Amaury fragte sich bereits welches der Zimmer ihres sein würde, als sie über einige breite Stufen das Gebäude wieder verließen.
»Ich dachte hier wären alle Wohnräume der Angestellten?«, fragte sie verwundert, sobald sie über einen Laubengang zu einer Art Anbau gingen. Er war nicht besonders hoch und hatte eine Kuppel als Dach. Dennoch entsprach die Architektur der des restlichen Gebäudes.
»Das ist korrekt, aber da das Pflanzenhaus außerhalb des Hauptgebäudes liegt, befindet sich die Unterkunft der Gärtner ebenfalls etwas außerhalb.«
Ohne weitere Zwischenfragen gingen sie zum Eingang des Anbaus. Dort steckte Professorin Kielo den Schlüssel ins Schloss, wartete jedoch mit dem Umdrehen.
»Mir wurde mitgeteilt, dass Ihre Unterkunft zwar bestmöglich gereinigt und aufgeräumt wurde, sofern es die wenige Zeit erlaubte, jedoch war Ihre Vorgängerin eine … sagen wir … ein wenig exzentrische Person, daher möchte ich Sie hiermit vorwarnen.« Ohne weiteres Zögern wurde nun die Tür geöffnet und ein aufgeregtes Kribbeln zog sich durch Amaurys Körper. Mit einem Mal wich ihre Aufregung Erschütterung. Vor Entsetzen fiel Amaury der Koffer aus der Hand und landete polternd auf dem dunklen Holzboden.
»Ich habe Sie gewarnt«, merkte Professorin Kielo an und ging tiefer in den Raum. Dieser war um einiges größer als Amaury es erwartet hatte. Ihr Zimmer im Haus ihrer Tante hätte sicher dreimal hier hineingepasst. Durch ein großes, rundes, kunstvoll mit Metallstreben gestaltetes Fenster in der Decke fiel Sonnenlicht hinein. Es schien auf Unmengen von staubigen Bücherstapeln, ineinander gestellte Tontöpfe, schmutzige Gartenwerkzeuge in einer großen Holzkiste und einige hohe Regale und Schränke mit gläserner Front in denen weitere Bücher, Tassen, sowie allerhand anderer sonderbarer Kram gelagert wurde. Unter dem ganzen Gerümpel befanden sich ein dunkelgrünes Sofa mit unförmigen Kissen, sowie eine winzige, dunkle Kochnische. Ihnen gegenüber stand eine lange Kommode unter zwei winzigen, vergitterten Fenstern, durch die man auf eine Wiese hinter der Akademie schauen konnte. In der Mitte des Raumes führte eine breite Treppe in großem Bogen auf eine Empore, die direkt unter dem Dachfenster lag. Was sich dort oben befand konnte man vom Eingang aus jedoch nicht sehen. In der Mitte der Treppe war genug Platz für einen Schreibtisch, der erstaunlicherweise komplett leer war.
»Das ist …«, sagte Amaury stockend.
»Dort oben befindet sich Ihr Bett. Das Bad ist gleich da vorn.« Professorin Kielo zeigte auf eine schmale Tür unweit der kümmerlichen Kochnische, die Amaury zuvor nicht aufgefallen war.
»Wie bereits erwähnt, hat man sich alle Mühe gegeben diese Unterkunft ein wenig herzurichten, aber Sie werden wohl noch selbst ein wenig aufräumen müssen.«
»Das sehe ich«, murmelte Amaury und ließ die Schultern hängen.
»Nun, Besen und Kehrblech finden Sie dort vorn in einem Wandschrank. Darin befinden sich auch einige Gartenwerkzeuge, die sich für Ihre Arbeit sicher als nützlich erweisen werden. Erst mal will ich Ihnen jedoch die Schlüssel geben.« Professorin Kielo holte einen unerwartet umfangreichen Schlüsselbund aus ihrer Manteltasche hervor. »Dieser ist für die Tür zum Wohnhaus der Angestellten und dieser für ihre private Unterkunft. Dieser hier ist für das Pflanzenhaus, der da für die Lagerräume und der letzte Schlüssel wird Ihnen Zutritt zum Haupteingang gewähren, sollte dieser je verschlossen sein. Verlieren Sie keinen davon«, zählte die Professorin mit strenger Stimme auf, wobei Amaury Schwierigkeiten hatte sich alles zu merken. Überfordert nahm sie den Schlüsselbund entgegen und hielt ihn hilflos wie einen zappelnden Fisch in den Händen.
»Das sollte soweit alles sein. Richten Sie sich erst mal ein wenig ein. Für heute haben wir sonst nichts mehr mit Ihnen vor. Morgen früh komme ich erneut auf Sie zu und zeige Ihnen alles rund um das Pflanzenhaus. Wenn Sie mich suchen, ich bin meist im Hörsaal vier im ersten Stock des Hauptgebäudes zu finden. Nun muss ich aber los, in zehn Minuten beginnt meine nächste Vorlesung«, verabschiedete sich die Professorin, hielt jedoch ein letztes Mal in der Tür inne. »Ach und Sie dürfen sich natürlich gern schon einmal allein das Pflanzenhaus und die Gartenanlagen draußen ansehen, wobei letztere nicht in Ihr Aufgabengebiet fallen, aber das wissen Sie sicher bereits. Auf Wiedersehen.« Damit war sie nun endgültig fort und Amaury allein.
Nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, schweifte ihr Blick über das Chaos in ihrer zukünftigen Bleibe. Wenn man hier bereits versucht hatte aufzuräumen, wie hatte es dann bitte davor ausgesehen? Amaury wollte es lieber nicht wissen. Stattdessen ging sie ins Bad, um sich erst mal frisch zu machen. Die Hektik am frühen Morgen mit der Zugfahrt zur Akademie, dem Gespräch mit der Direktorin und der Besichtigung ihrer neuen Unterkunft hatten ihre Spuren hinterlassen. Erleichtert stellte Amaury fest, dass das Bad nicht so chaotisch und verwahrlost aussah wie der Rest der Unterkunft. Im Gegenteil, das Bad wirkte sauber und einladend – wenigstens ein kleiner Trost im Anblick all der Aufräumarbeiten, die noch vor ihr lagen.
I
Die Zeit war wie im Flug vergangen und der Duft von Abendessen lag bereits in der Luft. Während die Mensa sich zum zweiten Mal an diesem Tag allmählich füllte, stand Amaury mit hochgekrempelten Ärmeln in ihrer neuen Bleibe und bestaunte ihr Meisterwerk. Der Staub war von nahezu allen Regalen, Kommoden, Schränken und sonstigen Möbeln verschwunden, der Boden glänzte in seiner dunklen Pracht und selbst die kümmerliche Kochnische wirkte beinahe gemütlich, nachdem nicht mehr so viel Unrat auf der Arbeitsplatte lag. Auch die schmutzigen Gartenwerkzeuge hatte Amaury gereinigt und ordentlich in der Besenkammer verstaut, nachdem sie diese neu sortiert und aufgeräumt hatte. Nun musste sie nur noch die Bettwäsche für das breite Bett auf der Empore neu beziehen, dann war alles fertig. Dort oben waren ihr beim Putzen mehr Spinnweben und Wollmäuse begegnet als sie es je für möglich gehalten hatte, besonders in Anbetracht der Tatsache, dass in dieser Räumlichkeit vor kurzem noch jemand gelebt hatte. Sie fragte sich nach der Putzaktion mehr denn je was ihre Vorgängerin für ein Mensch gewesen war. Zumindest in Sachen Pflanzenpflege musste sie auf ganzer Linie überzeugt haben, sonst wäre sie mit solch einem Durcheinander in ihrer Unterkunft wohl niemals durchgekommen.
Bereit für den letzten Kraftakt erklomm Amaury die Stufen zur Empore. Auch dort oben war alles schön sauber und wirkte einladend. Amaury konnte es kaum erwarten heute Nacht in diesem großen Bett zu schlafen und durch das Fenster über ihr in den Nachthimmel zu blicken. Der einzige Nachteil daran war, dass sie von den ersten Sonnenstrahlen geweckt werden würde. Ein leiser Seufzer entglitt Amaurys Lippen, ehe sie auch den letzten Akt vollbrachte. Die schmutzige Wäsche warf sie anschließend in einen Weidenkorb, den sie beim Aufräumen gefunden hatte, und beschloss, sich später damit auseinanderzusetzen, wie sie ihre Wäsche gewaschen bekommen würde.
Nachdem nun auch das Bett bezogen war, ließ Amaury sich kurzerhand darauf fallen und schaute in den orange-roten Abendhimmel. Wenn sie Glück hatte, bekam sie noch etwas zu Essen in der Mensa. Den Tag über hatte Amaury sich von den Snacks, die ihre Tante ihr in der Früh mitgegeben hatte ernährt, doch nun konnte sie das Verlangen nach einer richtigen Mahlzeit nicht länger ignorieren. Kurzerhand hievte sie sich zurück auf die Beine und machte sich auf den Weg zur Mensa.
Amaury war ein wenig stolz auf sich, den Weg zur Mensa gefunden zu haben, ohne jemanden fragen zu müssen. Es waren noch ein paar Leute dort, jedoch hatten die meisten sich bereits wieder in ihre Zimmer zurückgezogen oder gingen anderweitigen Aktivitäten nach. Kurzerhand bestellte Amaury die Gemüsereispfanne und schaute sich nach einem einladenden Tisch um.
»Ah, die Gärtnerin«, begrüßte sie überraschend eine freundliche Stimme. Einen Atemzug später trat Camille in ihr Sichtfeld. »Warum setzen wir uns nicht zusammen an einen Tisch? Ich würde dich gern besser kennenlernen.«
Amaury schob verwundert die Augenbrauen zusammen, aber widersprach nicht. Kurz darauf saß sie zusammen mit dem Dozenten für Astronomie und Tanz an einem Tisch neben dem Fenster und aß, während draußen allmählich die Sonne hinter dem Tannenmeer versank.
»Wo hast du deinen Handlanger gelassen?«, fragte Amaury forsch.
»Hm?«, machte Camille und schaute sie entsetzt an.
»Ich meine Darcey.«
Camille gab einen abfälligen Laut von sich. »Er ist doch nicht mein Handlanger, aber mir gefällt dein Humor«, erwiderte er gefasst, jedoch mit einem schelmischen Funkeln in den Augen.
»Und wo ist er jetzt?«, beharrte Amaury.
»Er arbeitet noch«, erklärte Camille nun wieder ernst.
»Astronomie und Tanz. Eine spannende Kombination«, überging sie seine Worte.
»Nicht wahr? Was ist mit dir? Hast du etwas fürs Tanzen übrig?«
»Tatsächlich ja. Vor ein paar Jahren habe ich mit einer Freundin regelmäßig eine Tanzschule besucht, weil wir auf Partys damit angeben wollten«, erklärte Amaury und musste schmunzeln. »Hat nicht ganz geklappt, aber Spaß hatten wir trotzdem.«
»Das ist doch worauf es ankommt. Wenn du Lust hast, kannst du gern mal eine meiner Tanzstunden besuchen. Wir trainieren jeden Montag, Dienstag und Donnerstag um sechzehn Uhr und samstags um zwanzig Uhr. Natürlich kannst du auch meine Vorlesungen besuchen, aber ich denke die Praxis ist spannender.«
»Ich werde es mir überlegen.«
»Entschuldige übrigens mein Verhalten gestern bei der Aussichtsplattform. Ich konnte nicht ahnen, was für eine charmante Person ich da vor mir habe. Ich bin froh, dich nun als festen Bestandteil unserer schönen Akademie zu wissen.«
Amaury hob den Blick und musterte Camille argwöhnisch. Er verhielt sich völlig anders als bei ihrer ersten Begegnung, aber das hatte er bereits getan, als sie ihn und Darcey im Astronomiebüro getroffen hatte. Vermutlich war seine abweisende Art zum Beginn den jüngsten Ereignissen an der Akademie geschuldet. Amaury wollte die Chance für einen Neuanfang in jeder Hinsicht nutzen, daher beschloss sie, niemanden zu schnell zu verurteilen oder sofort wieder dunkle Geheimnisse hinter allem zu sehen.
»Vielen Dank. Ich muss jetzt los. Ich hatte einen anstrengenden Tag und morgen wird es nicht besser, daher gehe ich lieber früh ins Bett.«
»Verständlich. Leb dich gut ein und falls du irgendwelche Fragen hast oder dich einsam fühlst, wende dich gern an mich«, verkündete Camille mit einem unschuldigen Lächeln auf den Lippen.
»Ähm …«, machte Amaury und hielt in ihrer Bewegung inne, nachdem sie aufgestanden war und ihr Essenstablett in den Händen hielt. »Ich denke nicht, dass …«, fuhr sie zögerlich fort. Camille lachte.
»Oh, so war das gar nicht gemeint. Entschuldige, meine Stärken liegen wohl eher in der Logik und der Körperkoordination als in der Sprache. Ich meinte ‚einsam‘, weil man sich an einem so abgelegenen Ort wie diesem ohne jegliche bekannten Personen schnell verloren fühlen kann. Ich wollte dir also nur mitteilen, dass du in mir eine Ansprechperson in allen Belangen hast.« Wieder lächelte er unschuldig.
»Verstehe. Vielen Dank, aber ich bin sicherlich weder einsam noch verloren. Ich finde schnell Anschluss, außerdem habe ich meine Cousine«, erklärte Amaury und musterte ihr Gegenüber dabei scharf. »Dennoch gute Nacht, Camille«, verabschiedete sie sich, brachte ihr Tablet weg und verließ die Mensa.
I
Kurz vor dem Zubettgehen hatte Amaury eine unscheinbare Vorrichtung mit Vorhängen an der Decke neben dem Dachfenster gefunden, womit sich dieses verdunkeln ließ, weshalb das Licht des neuen Tages nur gedämpft hineinfallen konnte und die junge Frau dabei nicht weckte. Ausschlafen konnte sie dennoch nicht. Um an ihrem ersten offiziellen Arbeitstag nicht zu spät zu sein, hatte sie sich einen Wecker gestellt und stand bereits um viertel nach sieben fertig angezogen mit einer Tasse dampfendem schwarzem Tee in der Hand an einem der kleinen Fenster in ihrer Unterkunft und schaute hinaus auf die von Morgentau bedeckte Wiese. Der Waldrand mit den Fichten war ebenfalls in Sichtweite und wirkte trotz des ersten Tageslichtes finster. Professorin Kielo hatte zwar gesagt am nächsten Tag erneut auf Amaury zukommen zu wollen, jedoch hatte sie keine Uhrzeit genannt. Bis sie auftauchte, beschloss Amaury sich den vielen sonderbaren Büchern in ihrer Unterkunft zu widmen. Gestern beim Aufräumen hatte sie erstaunlich viele Werke über Aberglauben, Legenden, Alchemie und selbst das ein oder andere Buch über mystische Zauber und Magie gefunden. Da Amaury nicht viel für fantastische Literatur übrighatte und all ihr Wissen darüber nur dank der Besessenheit ihres Bruders besaß, widmete sie sich lieber den Büchern über Pflanzenpflege und Botanik. Es konnte schließlich nicht schaden, sich noch ein wenig Wissen anzueignen, bevor es gleich ernst werden würde.
Gegen zehn vor acht klopfte es an der Tür. Sofort legte Amaury ein Buch über die geheime Sprache der Pflanzen zur Seite und rief: »Es ist offen.«
Augenblicklich öffnete sich die Tür und Professorin Kielo trat ein.
»Ah, Sie sind schon wach, das ist gut. Ich hatte befürchtet Sie wecken zu müssen«, sagte sie erleichtert, was aufgrund ihrer strengen Stimmfarbe noch immer wie ein Vorwurf klang. »Dann folgen Sie mir bitte.«
Amaury folgte der Professorin aus ihrer Unterkunft in den Laubengang davor. Von dort aus gingen sie nach links und eine schmale Treppe hinunter, an deren Ende sich eine kunstvoll mit schmiedeeisernen Streben verzierte Tür aus milchigem Glas befand. Sie war verschlossen, doch selbstverständlich hatte die Professorin einen Schlüssel dafür.
»Das Gewächshaus wird über Nacht verschlossen, ist aber von acht Uhr morgens bis sechs Uhr abends für alle zugänglich. Sorgen Sie bitte dafür, dass die Zeiten eingehalten werden«, erklärte sie, bevor die Tür aufgeschlossen wurde. Dahinter offenbarte sich das Pflanzenhaus. Ein weitläufiger Raum mit hoher Decke, schmuckvollen Steinsäulen mit kleinen Skulpturen darin und gläsernen Wänden, die ähnlich verziert und milchig waren wie die Tür. Überall standen Hochbeete oder unterschiedlich große Tontöpfe in denen verschiedene Pflanzen wuchsen. Auf Tischen standen niedrige Plastikboxen mit etlichen Setzlingen, in deren Töpfen kleine Schilder steckten. Ganz hinten befand sich sogar ein von Ziegelsteinen umzäuntes Beet mit drei schmächtigen Bäumchen, denen das Leben in einem Gewächshaus wohl nichts auszumachen schien. Amaury wurde beim Anblick all dieser Pflanzen mulmig zu Mute.
»Willkommen in unserer Schatzkammer, wie wir das Pflanzenhaus auch gern nennen«, erklärte die Professorin mit ungewohnt sanfter Stimme, was Amaury noch unsicherer werden ließ.
»Das sind … eine Menge Pflanzen«, brachte sie mühevoll heraus.
»Ja, ganze vierhundertzweiundachtzig Arten beherbergen wir hier. Einschließlich einiger besonders seltener Pflanzen, wie der Cosmos atrosanguineus oder der Franklinia. Zudem können wir ein paar sehr wertvolle Züchtungen unser Eigen nennen. Darüber hinaus gibt es natürlich auch viele weniger außergewöhnliche, aber nicht weniger interessante Pflanzen in unseren Reihen. Besonders stolz sind wir auf unseren Kulturobst Garten den wir im Laufe der letzten Jahre anlegen konnten. Der Großteil davon befindet sich jedoch außerhalb des Gewächshauses auf dem Akademiegelände und ist somit nicht Teil ihres Aufgabenbereiches. Sie sind ganz wie Ihre Vorgängerin nur für die Hege und Pflege des Gewächshauses verantwortlich, aber das ist Ihnen sicher längst klar.«
»Natürlich, aber …«, warf Amaury ein. Dass sie nach wie vor nicht ganz verstand, warum zwischen dem Gewächshaus und den äußeren Grünanlagen so streng unterschieden wurde, wollte sie sich nicht anmerken lassen, zumindest vorerst.
»Ja?«
»Die Studierenden, inwiefern kümmern sie sich um die Pflanzen hier?«
»Natürlich ist die Pflanzenpflege Teil ihres Studiums, jedoch können wir uns nicht allein auf sie verlassen, zumal oft vergleichsweise wenige Personen den Botanik Studiengang hier belegen. Davon abgesehen sollen sie sich auf ihre Forschung und Studien konzentrieren, daher benötigen wir eine zusätzliche Person für die Pflege der Pflanzen. Ich werde Ihnen zeigen, wo der Wasseranschluss ist und wie unser Gewächshaus aufgeteilt ist. Ab morgen können Sie dann eigenständig ihrer Arbeit nachgehen«, führte sie aus und wollte losgehen, als ihr offenbar noch etwas einfiel. »Ach ja, bevor ich es vergesse, jeden Tag außer Dienstag und Sonntag findet hier um zehn Uhr morgens und um drei Uhr nachmittags eine Vorlesung statt. Ich bevorzuge praxisnahen Unterricht, daher sind wir zu diesen Zeiten hier. Lassen Sie sich nicht von uns stören, aber bitte belästigen Sie meine Studierenden und mich ebenfalls nicht. Gut, dann will ich Ihnen mal alles zeigen.«
Amaury musste sich sehr auf die Zunge beißen, um ihren Unmut zurückzuhalten. Zudem störte sie etwas an dem Verhalten der Professorin, jedoch konnte sie nicht genau sagen, was es war. Allein die Aussicht, dass die Studierenden ihr bei ihrer Aufgabe zur Hand gehen würden, schenkte ihr ein wenig Hoffnung.
Mit strammen Schritten marschierte Professorin Kielo durch das Gewächshaus und stellte Amaury alle wichtigen Orte vor; vom Wasseranschluss, über den Werkzeugschrank bis hin zum kleinen, erstaunlich modernen Labor in einer Wandnische, dessen Tür stets geschlossen sein musste, um die Geräte vor Nässe zu schützen. Warum wasseranfällige Gerätschaften in einem Gewächshaus aufbewahrt wurden, erschloss sich Amaury zwar nicht, doch das zu ergründen war auch nicht ihre Aufgabe.
Eine Dreiviertelstunde lang wurde Amaury durch jeden Winkel des Heiligtums der Botanik Professorin geführt und mit Informationen über Gießzeiten, Zurückschneiden und Dünger zugeschüttet, bis ihr Kopf so beladen war, dass sie kein Gänseblümchen mehr von einer Butterblume unterscheiden konnte. Mühevoll hatte sie dabei versucht alle wichtigen Informationen in ihrem Notizbuch festzuhalten, was nicht einfach war bei der Flut.
»Wunderbar, dann verabschiede ich mich jetzt. Ab Morgen überlasse ich unser grünes Paradies dann ganz Ihrer Obhut«, beendete die Professorin ihren Vortrag, nickte Amaury zu und verließ anschließend das Gewächshaus durch den Hinterausgang, der hinaus auf die Grünflächen um die Akademie führte. Amaury brummte der Schädel, weshalb sie sich auf einem kleinen Holzschemel niederließ, der vor einem der Tische mit den Setzlingen stand. Hilflos ließ sie den Blick über ihre chaotischen Notizen schweifen. Vielleicht, nur vielleicht hatte sie die ganze Sache mit der Gärtnerei ein wenig unterschätzt.
Fortsetzung folgt ...
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