Weltenfeder

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Kapitel 6 – Das erste Mysterium

Schwungvoll goss Amaury Wasser aus einer leuchtend grünen Gießkanne in einen großen Terrakottatopf, aus dem eine hochgewachsene Pflanze mit dicken, langen Blättern ragte. Den Namen dieses Gewächses hätte Amaury in ihrem Notizbuch nachschlagen müssen, doch das war ihr zu umständlich. Zu wissen, dass es an der Zeit war diesen grünen Freund mit Wasser zu versorgen, genügte ihr. Sobald die Erde in dem Terrakottatopf dunkel und feucht war, stellte Amaury die Gießkanne zur Seite und holte ihr Notizbuch aus einer kleinen, dunklen Lederumhängetasche und schlug es auf. Auf der offenen Doppelseite war mit einem schwarzen Kugelschreiber eine Tabelle gezeichnet, die bei näherer Betrachtung einem Stundenplan glich. Unter den einzelnen Wochentagen standen die Areale des Gewächshauses, die Amaury am jeweiligen Tag zu bewässern oder zu düngen hatte. Sie wollte nichts falsch machen und sich erst recht nicht anmerken lassen, dass sie die etlichen Eigenheiten der Pflanzen nicht ansatzweise im Kopf behalten konnte. Mit dem Gießen der breitblättrigen Pflanze, deren wissenschaftlicher Name ebenfalls irgendwo in ihren Notizbuch stand, war sie für den heutigen Tag mit ihren Arbeiten vorerst fertig. Zufrieden verließ sie das Gewächshaus und zog sich in ihre Unterkunft zurück, da in wenigen Minuten Professorin Kielo in das Gewächshaus marschieren würde, um dort ihre Vorlesung zu halten. Amaury konnte vielem standhalten, jedoch nicht den prüfenden Blicken von gut einem Dutzend angehenden Botanikern.
In ihrem Zimmer angelangt, setzte Amaury sich auf die grüne Couch und trank eine Tasse Tee, während sie aus dem Fenster schaute und das friedvolle Geschehen draußen beobachtete. Gelegentlich flog eine Amsel auf die Wiese und breitete genüsslich die Flügel zum Sonnenbad aus. Manchmal konnte man sogar einen Hasen durch das hohe Gras in der Nähe der Kiefern hoppeln sehen. Diese Momente der Stille waren zu einem kleinen Ritual für Amaury geworden, dem sie immer dann nachging, wenn Professorin Kielo das Gewächshaus wieder in Beschlag nahm. Seit zwei Wochen ging Amaury nun ihrer neuen Tätigkeit nach und schlug sich ihrer Meinung nach erstaunlich gut. Bisher war ihr noch keine Pflanze vertrocknet oder ertrunken, mehr noch hatte sie jedes Mal im Gespräch mit den Botanik Studenten die richtigen Worte gefunden, um sich nicht die Blöße zu geben. Langsam aber sicher entwickelte sich eine Routine, was Amaury ganz recht war. So konnte sie gelegentlich ihre Arbeit außenvor lassen und sich ein wenig auf dem weitläufigen Gelände der Akademie umschauen. Bisher hatte sie dabei jedoch nicht viel Spannendes entdeckt, höchstens ein paar Studenten, die sich an Orten befanden, an denen sie nicht sein sollten. Im Grunde kam Amaury auch das ganz gelegen, da sie ursprünglich zum Urlaub machen nach Felteshavel gekommen war. Wie sich dabei alles in eine solch unerwartete Richtung entwickelt hatte, verstand sie auch nach zwei Wochen noch nicht.
Nachdem ihre Teetasse leer war und ein Blick auf die Uhr verriet, dass es noch zu früh war, um zurück in das Gewächshaus zu gehen, beschloss Amaury, sich weiter auf dem Gelände umzusehen. Bisher war sie in erster Linie durch die Korridore der Akademie gelaufen und hatte dort nach interessanten Orten gesucht, doch heute schien zum ersten Mal seit ein paar Tagen wieder die Sonne und es war beinahe mild draußen. Daher griff Amaury kurzerhand Mantel und die kleine Ledertasche mit Notizbuch – ohne letzteres verließ sie nie ihr Zimmer – und marschierte hinaus.
Warme Sonnenstrahlen ließen sie die doch recht kühle Brise vergessen und der Duft von ersten Knospen und neu erblühenden Pflanzen lag in der Luft. Aufmerksam schlenderte Amaury über einen schmalen Trampelpfad in der Wiese bis zu einem kleinen Brunnen. Algen hatten sich am sandfarbenen Stein abgesetzt und das Wasser schimmerte grünlich. Gedankenverloren musterte Amaury eine rundliche Vogelstatue, die auf dem Brunnen thronte und aus dessen Schnabel wohl einst Wasser geflossen war, zumindest ließen Algen an dieser Stelle es vermuten.
»Hübsch, nicht? Wird Zeit, dass wir das Ding mal wieder zum Laufen bringen«, sprach sie plötzlich jemand an.
»Sind sie etwa … nein, sie sind einer der Landschaftsgärtner«, sprach Amaury ihre Gedanken laut aus, sobald sie die auffällige Kleidung des Herrn sah.
»Jap«, kam die kurze und eindeutige Antwort.
»Dann sind wir ja sowas wie Kollegen«, entgegnete Amaury freundlich.
»Echt?«, fragte der Gärtner und schaute sie verwundert an.
»Ja, ich kümmere mich um die Pflanzen im Gewächshaus.«
»Ach so, dann bist du die Nachfolgerin von dieser schrullig- ich meine, netten alten Dame.«
Amaury verkniff sich jegliche Kommentare zu dieser Aussage. Stattdessen sagte sie: »Wenn man sich die Parkanlagen hier so ansieht, leisten Sie ganze Arbeit. Sie kennen doch sicher einige besonders hübsche Fleckchen, oder? Ich bin noch nicht lange hier und hatte bisher nicht viel Zeit mich umzusehen.«
Der Gärtner lachte und fasste sich beschämt mit der Hand an den Hinterkopf. »Vielen Dank, aber ich kümmere mich nicht allein um alles. Ohne meinen Kollegen würde ich ständig alles vergessen, hab’s nicht so mit dem Gedächtnis, deswegen war der Brunnen auch so lange kaputt. Eigentlich ist er auch nicht mein Kollege, sondern mein Boss, aber … ich schweife ab. Wegen schönen Orten, hm … es gibt da einen Platz. Studenten erzähle ich nicht davon, aber da wir ja Kollegen sind, würde ich das Wissen mit dir teilen.«
Amaurys Haltung straffte sich. Interessiert lehnte sie sich ein wenig nach vorn. »Ich bin ganz Ohr.«
»Die alte Trauerweide. Sie steht etwas versteckt am unteren Ende der moosigen Stufen. Die sind auch recht unscheinbar links hinter der Statue mit dem nackten Hinterteil bei den Kamelien Sträuchern. Passen Sie auf, dass sie nicht ausrutschen, die moosigen Stufen machen ihrem Namen alle Ehre.«
»Vielen Dank, ich werde mir den Ort mal ansehen«, sagte Amaury mit einem Schmunzeln auf den Lippen.
»Gern, aber verraten Sie den Studenten nichts davon. Die Trauerweide ist mein geheimer Rückzugsort, auch wenn ich im Moment selten dazu komme ihn zu besuchen. Zu viel Arbeit, du verstehst?«
»Natürlich«, versprach Amaury, wobei sie davon ausging, dass der Ort den meisten Studenten hier bereits geläufig war. Zumindest klang er zu interessant, um noch nicht entdeckt worden zu sein.
Nach kurzem Suchen hatte Amaury die besagte Statue, samt der moosigen Stufen, gefunden und stieg nun vorsichtig hinab. Unten erwartete sie bereits nach wenigen Schritten der prachtvolle Anblick einer großen Trauerweide. Ihre Äste wurden schon von den ersten Trieben gesäumt und hingen wie ein schwerer Perlenvorhang herab. Amaury genoss die Aura des alten Baumes und setzte sich für einen Moment auf den Boden. Eine Weile verharrte sie so und dachte nach, bis sie beschloss zurück zum Gewächshaus zu gehen, um den Pflanzendünger für den nächsten Tag vorzubereiten, bevor Professorin Kielo am Nachmittag die nächste Vorlesung halten würde.
Gerade als Amaury sich vom Boden aufrichten wollte, erblickte sie etwas unter den tiefhängenden Ästen der Trauerweide. Ihr Interesse war geweckt und so bückte sie sich und ging näher. Versteckt unter Laub und herabgefallenen Ästen stand ein Stein. Für einen natürlichen Felsbrocken war er jedoch zu kantig und gerade, wenngleich oben ein Teil abgebrochen war, wodurch er schroff anmutete. Amaury kroch noch näher heran, denn direkt vor dem Stein lag etwas auf dem Laub. Es war hell und sah aus wie ein … Brief?
Kurzerhand griff Amaury danach und konnte tatsächlich handgeschriebene Zeilen darauf ausmachen. Die Schrift war ordentlich, jedoch in Schreibschrift, weshalb die Worte nicht leicht zu lesen waren. Mit Mühe gelang es Amaury dennoch und so las sie:
Ich werde herausfinden, wer das getan hat. Ich werde wissen, wer vergessen will und dafür sorgen, dass man sich für immer an meinen Namen erinnern wird. Gebrochen, aber nicht geschlagen. Ich werde unvergessen sein.

I

Mit hochgezogenen Augenbrauchen musterte Amaury das Papier in ihren Händen. Es waren keine Flecken darauf, daher konnte es noch nicht lange unter dem Baum gelegen haben. Einzig einige kreisrunde Stellen, an denen das Papier wellig geworden war, ließen Amaury stutzig werden. Vom Regen konnten sie nicht stammen, da es seit Tagen zwar bewölkt gewesen war, jedoch nicht geregnet hatte. Außerdem war der Rest des Briefpapiers blütenrein. Die Flecken mussten auf das Papier gekommen sein, noch bevor es unter dem Baum abgelegt worden war, somit konnten es nur …
»Tränen«, murmelte Amaury. »Jemand hat geweint und die Tränen sind auf das Papier getropft.« Sofort dachte sie unweigerlich an den Landschaftsgärtner, laut dessen Aussage die alte Trauerweide sein geheimer Rückzugsort war. Welchen Grund aber hatte er einen solchen Brief zu verfassen? Und warum würde er Amaury von diesem Platz erzählen, wenn er erst kürzlich den Brief dort abgelegt hatte? Wollte er vielleicht sogar, dass sie ihn dort fand? Von welcher ›Tat‹ war überhaupt die Rede? Amaury hob den Blick und betrachtete ihre Umgebung. Erneut blieben ihre Augen an dem Stein hängen und erst jetzt erkannte sie, was es damit auf sich hatte.
In den Stein waren Buchstaben gemeißelt, jedoch war die obere Hälfe abgebrochen, wodurch nur noch ein Teil der einstigen Botschaft zu lesen war.
›… aber nicht vergessen‹, war alles, was noch dort stand.
»Ein Grabstein?«, flüsterte Amaury überrascht. Allein der Anblick dieses verwitterten Denkmals stimmte sie traurig. Das einzige Anliegen der verstorbenen Person schien es gewesen zu sein, nicht vergessen zu werden und doch war genau das eingetreten. Nun sah Amaury den Brief mit neuen Augen. Dachte der Verfasser des Schreibens etwa, jemand hätte gewaltsam den Grabstein zertrümmert und den letzten Wunsch der verstorbenen Person missachtet?
Nachdem sie einen Moment lang nachgedacht hatte, legte Amaury den Brief zurück an seinen Platz. Anschließend suchte sie nach den Trümmerteilen des Grabsteins auf dem Boden, fand jedoch nichts. Anhand der Bruchstelle konnte Amaury jedoch ausmachen, dass der Stein aller Wahrscheinlichkeit nach tatsächlich mit Gewalt zerstört worden war, zumindest wiesen die scharfen Bruchkanten und die vergleichsweise saubere Oberfläche darauf hin. Da sie sonst keine andere Idee hatte, wollte Amaury erneut den Landschaftsgärtner aufsuchen und ihn zu diesem Umstand befragen.
Der Gärtner war nicht mehr aufzufinden gewesen, weshalb Amaury zur Mittagszeit mit Mari in der Kantine saß und sich über Belanglosigkeiten unterhielt.
»Gibt es eigentlich einen Friedhof auf dem Akademiegelände?«, wechselte Amaury schnell das Thema, als Mari zum wiederholten Male nach Amaurys Exfreund fragen wollte.
»Einen Friedhof?« Die junge Studentin klang erschrocken. »Warum fragst du das?«
»Ich glaube ich habe einen Grabstein gefunden«, erklärte Amaury beiläufig, während sie einen Bissen von ihrem Essen nahm. Ihre Cousine sah sich schockiert um und lehnte sich dann nach vorn auf den Tisch.
»Bitte was?«, war alles, was sie herausbrachte.
»Also gibt es keinen Friedhof. Hätte ich mir denken können.« Während sie sprach und aß, krakelte Amaury nebenbei in ihrem Notizbuch herum.
»Du scheinst düsteren Kram wirklich anzuziehen«, flüsterte Mari.
»Hm?« Amaury hob kurz den Kopf, ehe sie sich wieder ihren Notizen widmete. »Weißt du, wo die Landschaftsgärtner untergebracht sind? Auch im Flügel der Angestellten?«, überging sie die Worte ihrer Cousine.
»Hörst du mir überhaupt zu?«, schimpfte diese.
»Natürlich, ich frage mich bloß …«
Mari stöhnte genervt und stand auf. »Ich muss noch an einer Hausarbeit weitermachen und treffe mich später mit Ivy und Vanea. Viel Spaß mit deinem Friedhof.« Amaury reagierte nicht, sondern strich missmutig ein Wort in ihrem Notizbuch durch.
»Ivy …«, murmelte sie anschließend und wirkte plötzlich aufgeregt, ehe sie hastig ihrer Cousine hinterherlief.

I

»Trotzdem vielen Dank«, wollte Amaury das Gespräch mit dem Landschaftsgärtner beenden. Von Ivy hatte sie erfahren, wo er sich aufhielt. Mehr noch hatte Amaury von der grünhaarigen Studentin erfahren, dass die Trauerweide tatsächlich kein bekannter Ort unter den Studenten war. Das grenzte die Personen ein, die hinter dem Brief stecken konnten. Ihrem Gespräch mit dem Landschaftsgärtner nach zu urteilen, hatte er ebenfalls nichts damit zu tun. Zumindest wollte er sie das glauben lassen.
»Kein Problem, aber mich wundert es schon, dass mir dieser Grabstein vorher nie aufgefallen ist«, erwiderte er, wobei seine Stimme ein wenig unsicher klang. »Ob er etwas mit dieser Professorin zu tun hat?«, fuhr er rasch fort. Nun hob Amaury interessiert den Blick von ihrem Notizbuch.
»Professorin?«, wiederholte sie.
»Ja, es gab wohl mal eine Botanik Professorin an der Akademie, die sich sehr für ihre Studenten eingesetzt hat und daher wirklich beliebt war. Mein Kollege hat mir davon erzählt und er hat es von seinem Vorgänger erfahren. Ist also schon echt lange her. Jetzt wo ich so darüber nachdenke, könnte es sogar sein, dass die Trauerweide damals von dieser Professorin gepflanzt wurde, alle nannten sie nämlich nur ›Willow‹, weil das ihre Lieblingsbäume waren oder so. Vielleicht haben ihre damaligen Studenten den Grabstein aufgestellt, als Gedenken an sie.«
»Möglich, ja«, stimmte Amaury nachdenklich zu, wenngleich sie durchaus Zweifel an den Worten ihres Gegenübers hatte. Er wirkte nicht wie jemand, der sich eine solche Geschichte aus dem Stehgreif ausdachte, andererseits wies seine Erzählung einige Lücken auf.
»Hieß diese Professorin wirklich ›Willow‹ oder war das nur ihr Spitzname?«, hakte Amaury nach.
»Soweit ich mich erinnere, war es nur ein Spitzname.«
»Kennen Sie ihren echten Namen? Wenn sie so beliebt war, muss er doch bekannt sein.«
»Leider nicht.« Der Landschaftsgärtner wirkte wieder völlig gelassen, während er sprach und auch sonst erweckte er nicht den Eindruck, krampfhaft alle Inhalte einer Lügengeschichte im Kopf behalten zu müssen, um sich nicht zu verraten – sprich, was er sagte, war wohl die Wahrheit.
»Verstehe«, ließ Amaury es daher gut sein. »Entschuldigen Sie mich bitte.« Sie verabschiedete sich und lief eilig zurück ins Gewächshaus, wo sie zuvor mit Ivy gesprochen hatte, in der Hoffnung die grünhaarige Studentin noch zu erwischen, bevor diese zu ihrem Treffen mit Mari aufbrach.
Glücklicherweise war sie noch dort und betrachtete eine kleine Pflanze mit dunkelroten Blättern.
»Ivy«, sprach Amaury sie an.
»Oh, hallo. Konntest du etwas herausfinden?«, wurde sie begrüßt.
»Ja und nein, aber ich habe noch eine Frage.«
»Nur zu.«
»Vor einigen Jahrzehnten soll es an der Akademie eine bemerkenswerte Botanik Professorin gegeben haben. Angeblich war sie sehr beliebt bei den Studenten und hat sich immer für sie eingesetzt. Ihr Spitzname war ›Willow‹. Kannst du mir dazu etwas sagen?«
»Eine bemerkenswertere Botanik Professorin als Professorin Kielo? Schwer vorstellbar, aber nein, leider kann ich dir nichts dazu sagen. Ich habe den Namen auch noch nie gehört.«
»Verstehe«, seufzte Amaury ernüchtert. Plötzlich ertönten Schritte und eine weitere Person betrat leise das Gewächshaus. Es war eine schlanke, junge Frau mit kurzen, braunen Haaren und unauffälliger Kleidung. Sie ging in weitem Bogen um Amaury und Ivy herum und betrachtete dann stumm einige der Setzlinge.
»Sie tut mir fast leid«, sagte Ivy im Flüsterton. Ihr Blick lag für einen Moment auf der neu Dazugekommenen, ehe sie Amaury anschaute. »Das ist eine meiner Kommilitoninnen. Sie ist im ersten Semester«, erklärte Ivy unaufgefordert, als sie Amaurys fragenden Blick sah. »Sie ist sehr zurückhaltend und schüchtern, hat aber ein gutes Auge für Pflanzen.«
»Also studiert sie auch Botanik?«, fragte Amaury.
»Genau. Ich habe schon einige Male versucht mit ihr zu reden, aber sie ist sehr in sich gekehrt und wirkt fast verbittert. Es tut mir leid sie immer so allein zu sehen.«
»Ja«, stimmte Amaury leise zu. Sie mussten im Flüsterton reden, damit die junge Frau sie nicht hörte.
»Was genau suchst du eigentlich? Mari sagte etwas von einem Friedhof?«, fuhr Ivy nach kurzem Schweigen fort.
»Was? Nein, ich suche nichts, zumindest nicht direkt.« Ein Blick auf die Uhr an der Wand im Gewächshaus ließ Amaury zusammenfahren. »Schon zehn vor drei? Dann fängt gleich die Vorlesung von Professorin Kielo an. Danke für das Gespräch Ivy. Sag Mari, sie soll mir nicht immer das Wort im Mund verdrehen und dass ich heute Abend allein essen werde. Mach's gut.« Hastig verließ Amaury das Gewächshaus, zumal ihr eine neue Idee gekommen war, der sie sofort nachgehen musste.

I

Der Himmel war wolkenverhangen und der Regen würde nicht mehr lange auf sich warten lassen. Es war Dienstag und daher konnte Amaury sich mit ihren täglichen Pflichten im Pflanzenhaus Zeit lassen, denn heute würden dort keine Vorlesungen stattfinden. Gedankenversunken rührte sie speziellen Dünger in einer Schale zusammen, während ihr ein muffiger Geruch in die Nase stieg. So schnell es ging füllte sie das Gebräu in eine Flasche und stellte es ins Regal über der Arbeitsfläche. Anschließend wollte sie nach den Rosen sehen, da sie am Vortag nicht mehr dazu gekommen war. Den gestrigen Nachmittag hatte sie bis spät abends in der Bibliothek der Akademie verbracht und nach Informationen zu der mysteriösen Botanik Professorin ›Willow‹ gesucht. Viel hatte sie nicht gefunden, zumal sie nicht viele Anhaltspunkte hatte, jedoch gab es vor Professorin Kielo lange Zeit nur Botanik Professoren, keine Frauen, weshalb der einzige Frauenname in all den Aufzeichnungen Amaury im Gedächtnis geblieben war. Demnach hatte vor etwa fünfzig Jahren eine Emilia Avani an der Akademie unterrichtet. Was Amaury nun mit dieser Information anfangen sollte, wusste sie noch nicht. Sie wollte später noch einmal zu der Trauerweide gehen und dort nach weiteren Hinweisen suchen oder erneut mit dem Landschaftsgärtner sprechen. Zuerst mussten jedoch die Rosen begutachtet werden.
Amaury rechnete mit keiner gravierenden Veränderung und ließ ihren Blick nur flüchtig über den rot blühenden Strauch schweifen, bis ihr etwas auffiel. Einer der Zweige war abgeschnitten und sie konnte sich nicht daran erinnern, den Rosenstrauch selbst gestutzt zu haben. Ein genervtes Seufzen entglitt ihr. Vermutlich hatte einer der Studierenden sich eine Rose für seinen Schwarm abgeschnitten und Amaury würde dafür geradestehen müssen, wenn Professorin Kielo davon Wind bekam. Frustriert überlegte Amaury, wie sie den Schnitt verdecken konnte, bis sie zu dem Schluss kam, dass es keinen Sinn hatte. Wenn Professorin Kielo sie tatsächlich darauf ansprechen würde, musste sie sich eben eine Ausrede einfallen lassen.
Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet Amaury, dass sie bald mit Mari und Ivy zum Mittagessen in der Kantine verabredet war. Trotzdem wollte sie vorher noch einen schnellen Abstecher zur Trauerweide machen, bevor es zu stark regnete.
Leichter Nieselregen hatte bereits eingesetzt und der Wind war unangenehm kalt als Amaury vorsichtig die moosigen Stufen hinabstieg. Schon von weitem konnte sie eine Veränderung beim Grabstein feststellen, was ihr Herz aufgeregt schneller schlagen ließ. Hastig hockte sie sich hin und kroch unter die Zweige des Baumes, bis sie innehielt. Noch immer lag dort ein Brief, vermutlich sogar derselbe wie am Vortag, jedoch befanden sich nun dunkelrote Flecken darauf, sowie eine abgeschnittene, rote Rose.
Vorsichtig hob Amaury den Brief auf, um zu überprüfen, ob es tatsächlich derselbe war. Der Inhalt war unverändert, jedoch stachen die dunkelroten Flecken deutlich hervor, obwohl sie nur klein und verwischt waren. Ein leichter metallischer Geruch in der Luft bestätigte Amaurys ersten Verdacht: Das waren Blutflecken. Schnell legte sie den Brief zurück und betrachtete die Rose. Ihr Stiel war zu kurz, um aus dem Geschäft in den Arkaden zu sein. Überhaupt wusste Amaury nicht einmal, ob der Florist dort geöffnet hatte. Diese Rose konnte demnach nur einen Ursprung haben und dieser offenbarte zugleich den Verfasser des Briefes und somit des Rätsels Lösung.
Zufrieden lächelnd legte sie das Papier zurück an seinen Platz unter der Trauerweide. Da sie bereits fündig geworden war konnte Amaury ruhigen Gewissens zu ihrer Verabredung mit Mari und Ivy gehen.
Nach einem ereignislosen Mittagessen kehrte sie ins Gewächshaus zurück, denn dort hatte sie ein klares Ziel. Unweit des Laborraums stand ein Schrank mit Schubladen, in denen die Botanik Studenten ihre Werkzeuge lagerten. Vorne an den Schubladen hingen Papierschildchen mit den Namen der Besitzer. Genau davor stand Amaury nun und ging auf die Knie, um auch die Namen ganz unten lesen zu können. Während des Lesens murmelte sie etwas vor sich hin, als Schritte sie aufhorchen ließen. Jemand betrat das Gewächshaus und schlich sich geradezu zwischen den Pflanzkästen hindurch. Da Amaury neben den Lagerschubladen am Boden hockte, hatte die Person sie wohl nicht bemerkt. Umso erschrockener zuckte die zierliche Frau zusammen, sobald Amaury aufstand und sie ansprach.
»Schönen guten Tag«, sagte sie freundlich, aber bestimmt.
»Wa… ich … gu-guten Tag?«, stammelte die Frau ihr entgegen. »Ich habe Sie gar nicht bemerkt.«
»Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken. Sag ruhig ›Du‹ zu mir«, senkte Amaury ihre Stimme ein wenig, da ihr Gegenüber sichtlich verunsichert war.
»Oh, ähm … danke. Ich wollte gar nicht lange stören, ich habe bloß meine Tasche hier vergessen«, erklärte die junge Frau. Jetzt wo Amaury sie so anschaute, kam sie ihr bekannt vor. Die unsichere Studentin wartete gar nicht erst auf eine Antwort, sondern machte sich direkt auf die Suche nach ihrer Tasche, als hätte sie es eilig.
»Wann hast du sie denn hier vergessen? Heute haben hier keine Vorlesungen stattgefunden«, merkte Amaury an. »Und soweit ich weiß, war die Vorlesung gestern Nachmittag nur für Viertsemester. Wenn ich mich nicht irre, bist du aber ein Erstsemester«, zählte sie auf. Die junge Studentin wurde noch nervöser.
»J-Ja ich war heute früh kurz hier, weil ich etwas für eine Hausarbeit nachschauen wollte. Es ist doch nicht verboten allein herzukommen, oder?«
Amaury zögerte mit ihrer Antwort, da sie sich nicht sicher war. Bisher hatte ihr niemand mitgeteilt, wer wann im Gewächshaus sein durfte. Lediglich von wann bis wann es zugänglich war. Besonders die morgendliche Öffnungszeit kannte sie nur zu gut, da ihr Wecker sie stets daran erinnerte.
»Nein, ich denke nicht«, entgegnete sie schließlich, woraufhin die junge Frau ihre Suche erleichtert fortsetzte. Amaury wollte sich wieder den Schubladen widmen, als ihr etwas auffiel. Sobald die nervöse Studentin glaubte unbeobachtet zu sein, lief sie zielstrebig auf einen bestimmten Ort im Gewächshaus zu, als wüsste sie, dass sich ihre Tasche dort befand. Grundsätzlich war das nicht ungewöhnlich, da sie sich wohl daran erinnerte, wo sie am Vormittag im Gewächshaus gewesen war, aber in welche Richtung sie nun lief, war interessant.
Amaury wendete sich von den Schubladen ab und ging der Studentin unauffällig hinterher, da sie ahnte, wohin diese ging. Dabei betrachtete sie wiederholt Blumentöpfe und Gewächse, um sich nicht sofort zu verraten. Erst als die nervöse Studentin tatsächlich am erwarteten Ort fündig wurde, stellte Amaury sich ihr in den Weg, sobald diese rasch mit ihrer Tasche gehen wollte. Die junge Frau rechnete nicht damit und stieß gegen Amaury, woraufhin ihre Tasche zu Boden fiel und etliche Dinge herausfielen. Hastig kniete die Studentin sich auf den Boden, um alles wieder einzusammeln und Amaury half ihr. Dabei fiel ihr ein interessanter Schriftzug auf einem Ordner ins Auge.
Nachdem alles aufgesammelt und wieder verstaut war, wollte die Studentin erneut schnell gehen, aber das ließ Amaury nicht zu.
»Würdest du noch einen Moment hierbleiben?«, bat sie und versuchte freundlich zu klingen. Die junge Studentin suchte mit den Augen nach einem Fluchtweg, nickte jedoch zeitgleich mit dem Kopf.
»J-ja? Was ist denn? Ich wollte wirklich nicht länger stören«, erklärte sie.
»Du störst nicht, keine Sorge. Ich habe nur eine Frage an dich.«
Erwartungsvoll lag der Blick der jungen Frau auf Amaury.
»Bist du im Moment verliebt?« Die Gesichtszüge der Studentin entgleisten. Ihre Finger krallten sich in ihre Tasche, die sie schützend vor sich umfasst hielt, während sie schwieg.
»Wenn nicht, hätte ich nämlich eine andere Vermutung, wofür du eine rote Rose gebraucht hast«, fuhr Amaury fort. »Willst du es mir lieber selbst erklären, Tessa Avani?«
Erschrocken sog die junge Studentin Luft ein und hielt diese darauf an, ehe sie sich geschlagen gab und traurig ausatmete.
»Es tut mir leid«, sagte sie mit gesenktem Kopf.
»Komm«, bat Amaury sanft und deutete auf zwei der kleinen Holzhocker neben ihnen, woraufhin sie Platz nahmen.
»Du bist eine Nachfahrin von Emilia Avani, die vor vielen Jahren hier an der Akademie unterrichtet hat. Der Grabstein unter der Trauerweide galt ihr. Der Brief dort wurde wiederum von dir verfasst. Heute Morgen bist du hergekommen und hast die rote Rose abgeschnitten, um sie zu dem Brief zu legen. Dabei hast du dich an den Dornen verletzt, wodurch Blutflecken auf das Papier gekommen sind – soweit schön und gut, aber warum das alles?«, zählte Amaury auf.
»Ich …«, versuchte Tessa zu sprechen, doch ihre Stimme versagte und sie musste neu ansetzen. »Es stimmt. Emilia Avani war meine Urgroßmutter. Ich habe so vieles von ihr und ihren bemerkenswerten Studien gehört. Besonders ihre Abhandlungen zu Weidengewächsen haben mich immer fasziniert. Deswegen wollte ich unbedingt an der Cinereus Akademie studieren und in ihre Fußstapfen treten. Von meiner Mutter habe ich erfahren, dass ehemalige Studenten einen Grabstein zum Gedenken meiner Urgroßmutter errichtet haben und wollte ihn finden. Das tat ich auch, unter der alten Trauerweide. Seit ich mein Studium angefangen habe, war ich fast jeden Tag dort. Dann aber, vor ein paar Tagen, war der Grabstein plötzlich zerstört. Der ganze obere Teil fehlte und mit ihm die Botschaft des Denkmals. Jemand hatte ihn bewusst zertrümmert, um das Andenken meiner Urgroßmutter zu besudeln. Vermutlich einer der jetzigen Botanik Studenten. Für die ist Professorin Kielo wie eine Göttin, daher wollten sie, dass meine Urgroßmutter vergessen wird und man sich nur noch an Professorin Kielo erinnert. Das wollte ich nicht zulassen, deswegen habe ich den Brief geschrieben, damit, wer auch immer den Stein zertrümmert hat, weiß, dass der Name Avani nicht in Vergessenheit geraten wird.«
»Jetzt wird mir einiges klar«, sagte Amaury nachdenklich. »Ich stimme zu, dass der Stein nicht durch die Witterung zu seinem Schaden gekommen ist, aber böswillige Absicht der anderen Botanik Studenten halte ich für unwahrscheinlich.«
»Warum fehlen dann die Bruchstücke? Wenn es ein Unfall war, hätte man den Grabstein doch repariert, oder nicht?«, rief Tessa aufgebracht. Sie hatte Tränen in den Augen.
»Ja, man hätte ihn repariert, außer …« Amaurys Stimme wurde leiser, bis sie kaum noch ein Murmeln war. »Außer es wurde vergessen«, sagte sie schließlich.
»Vergessen?«, rief Tessa entsetzt.
»Hör zu, erinnerst du dich an die grünhaarige Frau, die gestern hier mit mir geredet hat? Ihr Name ist Ivy und du solltest ihr erzählen, was passiert ist. Sie wird dich verstehen und dir helfen, dafür zu sorgen, dass Emilia Avani nicht in Vergessenheit gerät, da bin ich mir sicher.«
»Und was ist mit dem Grabstein?«
»Darum kümmere ich mich. Ich habe da so eine Ahnung, wo die Bruchstücke abgeblieben sind.« Ohne weitere Erklärungen ließ Amaury Tessa stehen und ging davon. Zielstrebig lief sie zum Flügel der Angestellten, zu dem sie dank ihres umfangreichen Schlüsselbundes Zugang hatte. Da es draußen regnete fand sie den Landschaftsgärtner nach kurzem Herumfragen in seinem Zimmer, wo er eine Zeitschrift las.
»Oh, die neue Astrologie Dozentin«, begrüßte er sie. »Nein, warte, das war ein Mann. Du bist die Gärtnerin«, korrigierte er schnell.
»Richtig und du hast mir letztens nicht die ganze Wahrheit erzählt«, kam Amaury direkt zur Sache.
»Was?« Der Landschaftsgärtner wirkte schockiert.
»Sagen wir es anders: Du hast ein feines, aber bedeutsames Detail schlichtweg vergessen, sonst hättest du mich niemals so leichtfertig zur Trauerweide geschickt.«
Der Gärtner schwieg.
»Du sagtest, du hättest dich gewundert, dass dir der Grabstein vorher nie aufgefallen sei, aber das habe ich dir schon gestern nicht geglaubt. Die Trauerweide ist dein geheimer Rückzugsort, das bedeutet, du bist oft dort gewesen. Mir fiel der Stein sofort beim ersten Besuch auf, es ist also unmöglich, dass du ihn nie bemerkt hast. Aber darum soll es gar nicht gehen. Viel eher vermute ich, dass dir ein Missgeschick passiert ist und du es irgendwie fertiggebracht hast, den Stein zu zertrümmern. Das war dir ungemein peinlich, daher wolltest du ihn sofort reparieren und hast die abgebrochenen Teile mitgenommen. Dass du auch über Pflanzenpflege hinaus handwerklich begabt bist, hast du bereits bewiesen, als du den Brunnen reparieren wolltest. Deine handwerkliche Geschicklichkeit in allen Ehren, hast du dennoch eine bedeutsame Schwäche.« Amaury hielt kurz inne, der Blick des Landschaftsgärtners lag dabei erwartungsvoll auf ihr. »Du hast ein unglaublich schlechtes Gedächtnis, was du mehrfach erwähnt und bewiesen hast. Du wolltest den Stein reparieren und den fehlenden Teil zurück zum Rest bringen, hast es aber schlichtweg vergessen, wodurch bei anderen der Eindruck entstand, dass jemand mutwillig den Grabstein zerstört und die Bruchteile weggeschafft hat, um die Gedenkstätte von ›Willow‹ oder besser Emilia Avani zu schänden.«
Erschrocken riss der Gärtner die Augen auf. »Was? Das ist doch Unsinn«, rief er entsetzt.
»Das mag sein, aber so ist es passiert. Du solltest den Stein schnellstmöglich reparieren und dich dann bei der Urenkelin von Emilia Avani entschuldigen. Sie studiert hier Botanik.«
»Das werde ich. Sobald es draußen trocken ist, klebe ich den Stein wieder zusammen. Kannst du der Urenkelin alles erklären?« Seine Stimme klang aufrichtig mitgenommen.
»Das kannst du selbst tun. Komm einfach morgen gegen halb zwölf ins Gewächshaus, dann sollte sie dort sein.«
»Das mache ich. Vielen Dank, dass du die Sache aufgeklärt hast. Ich wusste ja nicht, was ich angerichtet habe.«
»Schon gut, es …« hat mir Spaß gemacht das herauszufinden, dachte Amaury, sprach es jedoch nicht laut aus. Stattdessen verabschiedete sie sich vorerst von dem Gärtner und ging zurück in ihre Unterkunft. Dort setzte sie sich auf die Couch und schrieb alles erlebte in ihrem Notizbuch nieder, als müsste sie die Informationen für einen Zeitungsartikel aufbereiten. Nachdem das getan war, schaute sie aus dem Fenster, lauschte dem inzwischen kräftigen Regen und dachte sehr lange nach. Vielleicht waren die Zeiten der Rätseljagd doch noch nicht vorüber.


Fortsetzung folgt …

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Kapitel 6 – Das erste Mysterium

Schwungvoll goss Amaury Wasser aus einer leuchtend grünen Gießkanne in einen großen Terrakottatopf, aus dem eine hochgewachsene Pflanze mit dicken, langen Blättern ragte. Den Namen dieses Gewächses hätte Amaury in ihrem Notizbuch nachschlagen müssen, doch das war ihr zu umständlich. Zu wissen, dass es an der Zeit war diesen grünen Freund mit Wasser zu versorgen, genügte ihr. Sobald die Erde in dem Terrakottatopf dunkel und feucht war, stellte Amaury die Gießkanne zur Seite und holte ihr Notizbuch aus einer kleinen, dunklen Lederumhängetasche und schlug es auf. Auf der offenen Doppelseite war mit einem schwarzen Kugelschreiber eine Tabelle gezeichnet, die bei näherer Betrachtung einem Stundenplan glich. Unter den einzelnen Wochentagen standen die Areale des Gewächshauses, die Amaury am jeweiligen Tag zu bewässern oder zu düngen hatte. Sie wollte nichts falsch machen und sich erst recht nicht anmerken lassen, dass sie die etlichen Eigenheiten der Pflanzen nicht ansatzweise im Kopf behalten konnte. Mit dem Gießen der breitblättrigen Pflanze, deren wissenschaftlicher Name ebenfalls irgendwo in ihren Notizbuch stand, war sie für den heutigen Tag mit ihren Arbeiten vorerst fertig. Zufrieden verließ sie das Gewächshaus und zog sich in ihre Unterkunft zurück, da in wenigen Minuten Professorin Kielo in das Gewächshaus marschieren würde, um dort ihre Vorlesung zu halten. Amaury konnte vielem standhalten, jedoch nicht den prüfenden Blicken von gut einem Dutzend angehenden Botanikern.
In ihrem Zimmer angelangt, setzte Amaury sich auf die grüne Couch und trank eine Tasse Tee, während sie aus dem Fenster schaute und das friedvolle Geschehen draußen beobachtete. Gelegentlich flog eine Amsel auf die Wiese und breitete genüsslich die Flügel zum Sonnenbad aus. Manchmal konnte man sogar einen Hasen durch das hohe Gras in der Nähe der Kiefern hoppeln sehen. Diese Momente der Stille waren zu einem kleinen Ritual für Amaury geworden, dem sie immer dann nachging, wenn Professorin Kielo das Gewächshaus wieder in Beschlag nahm. Seit zwei Wochen ging Amaury nun ihrer neuen Tätigkeit nach und schlug sich ihrer Meinung nach erstaunlich gut. Bisher war ihr noch keine Pflanze vertrocknet oder ertrunken, mehr noch hatte sie jedes Mal im Gespräch mit den Botanik Studenten die richtigen Worte gefunden, um sich nicht die Blöße zu geben. Langsam aber sicher entwickelte sich eine Routine, was Amaury ganz recht war. So konnte sie gelegentlich ihre Arbeit außenvor lassen und sich ein wenig auf dem weitläufigen Gelände der Akademie umschauen. Bisher hatte sie dabei jedoch nicht viel Spannendes entdeckt, höchstens ein paar Studenten, die sich an Orten befanden, an denen sie nicht sein sollten. Im Grunde kam Amaury auch das ganz gelegen, da sie ursprünglich zum Urlaub machen nach Felteshavel gekommen war. Wie sich dabei alles in eine solch unerwartete Richtung entwickelt hatte, verstand sie auch nach zwei Wochen noch nicht.
Nachdem ihre Teetasse leer war und ein Blick auf die Uhr verriet, dass es noch zu früh war, um zurück in das Gewächshaus zu gehen, beschloss Amaury, sich weiter auf dem Gelände umzusehen. Bisher war sie in erster Linie durch die Korridore der Akademie gelaufen und hatte dort nach interessanten Orten gesucht, doch heute schien zum ersten Mal seit ein paar Tagen wieder die Sonne und es war beinahe mild draußen. Daher griff Amaury kurzerhand Mantel und die kleine Ledertasche mit Notizbuch – ohne letzteres verließ sie nie ihr Zimmer – und marschierte hinaus.
Warme Sonnenstrahlen ließen sie die doch recht kühle Brise vergessen und der Duft von ersten Knospen und neu erblühenden Pflanzen lag in der Luft. Aufmerksam schlenderte Amaury über einen schmalen Trampelpfad in der Wiese bis zu einem kleinen Brunnen. Algen hatten sich am sandfarbenen Stein abgesetzt und das Wasser schimmerte grünlich. Gedankenverloren musterte Amaury eine rundliche Vogelstatue, die auf dem Brunnen thronte und aus dessen Schnabel wohl einst Wasser geflossen war, zumindest ließen Algen an dieser Stelle es vermuten.
»Hübsch, nicht? Wird Zeit, dass wir das Ding mal wieder zum Laufen bringen«, sprach sie plötzlich jemand an.
»Sind sie etwa … nein, sie sind einer der Landschaftsgärtner«, sprach Amaury ihre Gedanken laut aus, sobald sie die auffällige Kleidung des Herrn sah.
»Jap«, kam die kurze und eindeutige Antwort.
»Dann sind wir ja sowas wie Kollegen«, entgegnete Amaury freundlich.
»Echt?«, fragte der Gärtner und schaute sie verwundert an.
»Ja, ich kümmere mich um die Pflanzen im Gewächshaus.«
»Ach so, dann bist du die Nachfolgerin von dieser schrullig- ich meine, netten alten Dame.«
Amaury verkniff sich jegliche Kommentare zu dieser Aussage. Stattdessen sagte sie: »Wenn man sich die Parkanlagen hier so ansieht, leisten Sie ganze Arbeit. Sie kennen doch sicher einige besonders hübsche Fleckchen, oder? Ich bin noch nicht lange hier und hatte bisher nicht viel Zeit mich umzusehen.«
Der Gärtner lachte und fasste sich beschämt mit der Hand an den Hinterkopf. »Vielen Dank, aber ich kümmere mich nicht allein um alles. Ohne meinen Kollegen würde ich ständig alles vergessen, hab’s nicht so mit dem Gedächtnis, deswegen war der Brunnen auch so lange kaputt. Eigentlich ist er auch nicht mein Kollege, sondern mein Boss, aber … ich schweife ab. Wegen schönen Orten, hm … es gibt da einen Platz. Studenten erzähle ich nicht davon, aber da wir ja Kollegen sind, würde ich das Wissen mit dir teilen.«
Amaurys Haltung straffte sich. Interessiert lehnte sie sich ein wenig nach vorn. »Ich bin ganz Ohr.«
»Die alte Trauerweide. Sie steht etwas versteckt am unteren Ende der moosigen Stufen. Die sind auch recht unscheinbar links hinter der Statue mit dem nackten Hinterteil bei den Kamelien Sträuchern. Passen Sie auf, dass sie nicht ausrutschen, die moosigen Stufen machen ihrem Namen alle Ehre.«
»Vielen Dank, ich werde mir den Ort mal ansehen«, sagte Amaury mit einem Schmunzeln auf den Lippen.
»Gern, aber verraten Sie den Studenten nichts davon. Die Trauerweide ist mein geheimer Rückzugsort, auch wenn ich im Moment selten dazu komme ihn zu besuchen. Zu viel Arbeit, du verstehst?«
»Natürlich«, versprach Amaury, wobei sie davon ausging, dass der Ort den meisten Studenten hier bereits geläufig war. Zumindest klang er zu interessant, um noch nicht entdeckt worden zu sein.
Nach kurzem Suchen hatte Amaury die besagte Statue, samt der moosigen Stufen, gefunden und stieg nun vorsichtig hinab. Unten erwartete sie bereits nach wenigen Schritten der prachtvolle Anblick einer großen Trauerweide. Ihre Äste wurden schon von den ersten Trieben gesäumt und hingen wie ein schwerer Perlenvorhang herab. Amaury genoss die Aura des alten Baumes und setzte sich für einen Moment auf den Boden. Eine Weile verharrte sie so und dachte nach, bis sie beschloss zurück zum Gewächshaus zu gehen, um den Pflanzendünger für den nächsten Tag vorzubereiten, bevor Professorin Kielo am Nachmittag die nächste Vorlesung halten würde.
Gerade als Amaury sich vom Boden aufrichten wollte, erblickte sie etwas unter den tiefhängenden Ästen der Trauerweide. Ihr Interesse war geweckt und so bückte sie sich und ging näher. Versteckt unter Laub und herabgefallenen Ästen stand ein Stein. Für einen natürlichen Felsbrocken war er jedoch zu kantig und gerade, wenngleich oben ein Teil abgebrochen war, wodurch er schroff anmutete. Amaury kroch noch näher heran, denn direkt vor dem Stein lag etwas auf dem Laub. Es war hell und sah aus wie ein … Brief?
Kurzerhand griff Amaury danach und konnte tatsächlich handgeschriebene Zeilen darauf ausmachen. Die Schrift war ordentlich, jedoch in Schreibschrift, weshalb die Worte nicht leicht zu lesen waren. Mit Mühe gelang es Amaury dennoch und so las sie:
Ich werde herausfinden, wer das getan hat. Ich werde wissen, wer vergessen will und dafür sorgen, dass man sich für immer an meinen Namen erinnern wird. Gebrochen, aber nicht geschlagen. Ich werde unvergessen sein.

I

Mit hochgezogenen Augenbrauchen musterte Amaury das Papier in ihren Händen. Es waren keine Flecken darauf, daher konnte es noch nicht lange unter dem Baum gelegen haben. Einzig einige kreisrunde Stellen, an denen das Papier wellig geworden war, ließen Amaury stutzig werden. Vom Regen konnten sie nicht stammen, da es seit Tagen zwar bewölkt gewesen war, jedoch nicht geregnet hatte. Außerdem war der Rest des Briefpapiers blütenrein. Die Flecken mussten auf das Papier gekommen sein, noch bevor es unter dem Baum abgelegt worden war, somit konnten es nur …
»Tränen«, murmelte Amaury. »Jemand hat geweint und die Tränen sind auf das Papier getropft.« Sofort dachte sie unweigerlich an den Landschaftsgärtner, laut dessen Aussage die alte Trauerweide sein geheimer Rückzugsort war. Welchen Grund aber hatte er einen solchen Brief zu verfassen? Und warum würde er Amaury von diesem Platz erzählen, wenn er erst kürzlich den Brief dort abgelegt hatte? Wollte er vielleicht sogar, dass sie ihn dort fand? Von welcher ›Tat‹ war überhaupt die Rede? Amaury hob den Blick und betrachtete ihre Umgebung. Erneut blieben ihre Augen an dem Stein hängen und erst jetzt erkannte sie, was es damit auf sich hatte.
In den Stein waren Buchstaben gemeißelt, jedoch war die obere Hälfe abgebrochen, wodurch nur noch ein Teil der einstigen Botschaft zu lesen war.
›… aber nicht vergessen‹, war alles, was noch dort stand.
»Ein Grabstein?«, flüsterte Amaury überrascht. Allein der Anblick dieses verwitterten Denkmals stimmte sie traurig. Das einzige Anliegen der verstorbenen Person schien es gewesen zu sein, nicht vergessen zu werden und doch war genau das eingetreten. Nun sah Amaury den Brief mit neuen Augen. Dachte der Verfasser des Schreibens etwa, jemand hätte gewaltsam den Grabstein zertrümmert und den letzten Wunsch der verstorbenen Person missachtet?
Nachdem sie einen Moment lang nachgedacht hatte, legte Amaury den Brief zurück an seinen Platz. Anschließend suchte sie nach den Trümmerteilen des Grabsteins auf dem Boden, fand jedoch nichts. Anhand der Bruchstelle konnte Amaury jedoch ausmachen, dass der Stein aller Wahrscheinlichkeit nach tatsächlich mit Gewalt zerstört worden war, zumindest wiesen die scharfen Bruchkanten und die vergleichsweise saubere Oberfläche darauf hin. Da sie sonst keine andere Idee hatte, wollte Amaury erneut den Landschaftsgärtner aufsuchen und ihn zu diesem Umstand befragen.
Der Gärtner war nicht mehr aufzufinden gewesen, weshalb Amaury zur Mittagszeit mit Mari in der Kantine saß und sich über Belanglosigkeiten unterhielt.
»Gibt es eigentlich einen Friedhof auf dem Akademiegelände?«, wechselte Amaury schnell das Thema, als Mari zum wiederholten Male nach Amaurys Exfreund fragen wollte.
»Einen Friedhof?« Die junge Studentin klang erschrocken. »Warum fragst du das?«
»Ich glaube ich habe einen Grabstein gefunden«, erklärte Amaury beiläufig, während sie einen Bissen von ihrem Essen nahm. Ihre Cousine sah sich schockiert um und lehnte sich dann nach vorn auf den Tisch.
»Bitte was?«, war alles, was sie herausbrachte.
»Also gibt es keinen Friedhof. Hätte ich mir denken können.« Während sie sprach und aß, krakelte Amaury nebenbei in ihrem Notizbuch herum.
»Du scheinst düsteren Kram wirklich anzuziehen«, flüsterte Mari.
»Hm?« Amaury hob kurz den Kopf, ehe sie sich wieder ihren Notizen widmete. »Weißt du, wo die Landschaftsgärtner untergebracht sind? Auch im Flügel der Angestellten?«, überging sie die Worte ihrer Cousine.
»Hörst du mir überhaupt zu?«, schimpfte diese.
»Natürlich, ich frage mich bloß …«
Mari stöhnte genervt und stand auf. »Ich muss noch an einer Hausarbeit weitermachen und treffe mich später mit Ivy und Vanea. Viel Spaß mit deinem Friedhof.« Amaury reagierte nicht, sondern strich missmutig ein Wort in ihrem Notizbuch durch.
»Ivy …«, murmelte sie anschließend und wirkte plötzlich aufgeregt, ehe sie hastig ihrer Cousine hinterherlief.

I

»Trotzdem vielen Dank«, wollte Amaury das Gespräch mit dem Landschaftsgärtner beenden. Von Ivy hatte sie erfahren, wo er sich aufhielt. Mehr noch hatte Amaury von der grünhaarigen Studentin erfahren, dass die Trauerweide tatsächlich kein bekannter Ort unter den Studenten war. Das grenzte die Personen ein, die hinter dem Brief stecken konnten. Ihrem Gespräch mit dem Landschaftsgärtner nach zu urteilen, hatte er ebenfalls nichts damit zu tun. Zumindest wollte er sie das glauben lassen.
»Kein Problem, aber mich wundert es schon, dass mir dieser Grabstein vorher nie aufgefallen ist«, erwiderte er, wobei seine Stimme ein wenig unsicher klang. »Ob er etwas mit dieser Professorin zu tun hat?«, fuhr er rasch fort. Nun hob Amaury interessiert den Blick von ihrem Notizbuch.
»Professorin?«, wiederholte sie.
»Ja, es gab wohl mal eine Botanik Professorin an der Akademie, die sich sehr für ihre Studenten eingesetzt hat und daher wirklich beliebt war. Mein Kollege hat mir davon erzählt und er hat es von seinem Vorgänger erfahren. Ist also schon echt lange her. Jetzt wo ich so darüber nachdenke, könnte es sogar sein, dass die Trauerweide damals von dieser Professorin gepflanzt wurde, alle nannten sie nämlich nur ›Willow‹, weil das ihre Lieblingsbäume waren oder so. Vielleicht haben ihre damaligen Studenten den Grabstein aufgestellt, als Gedenken an sie.«
»Möglich, ja«, stimmte Amaury nachdenklich zu, wenngleich sie durchaus Zweifel an den Worten ihres Gegenübers hatte. Er wirkte nicht wie jemand, der sich eine solche Geschichte aus dem Stehgreif ausdachte, andererseits wies seine Erzählung einige Lücken auf.
»Hieß diese Professorin wirklich ›Willow‹ oder war das nur ihr Spitzname?«, hakte Amaury nach.
»Soweit ich mich erinnere, war es nur ein Spitzname.«
»Kennen Sie ihren echten Namen? Wenn sie so beliebt war, muss er doch bekannt sein.«
»Leider nicht.« Der Landschaftsgärtner wirkte wieder völlig gelassen, während er sprach und auch sonst erweckte er nicht den Eindruck, krampfhaft alle Inhalte einer Lügengeschichte im Kopf behalten zu müssen, um sich nicht zu verraten – sprich, was er sagte, war wohl die Wahrheit.
»Verstehe«, ließ Amaury es daher gut sein. »Entschuldigen Sie mich bitte.« Sie verabschiedete sich und lief eilig zurück ins Gewächshaus, wo sie zuvor mit Ivy gesprochen hatte, in der Hoffnung die grünhaarige Studentin noch zu erwischen, bevor diese zu ihrem Treffen mit Mari aufbrach.
Glücklicherweise war sie noch dort und betrachtete eine kleine Pflanze mit dunkelroten Blättern.
»Ivy«, sprach Amaury sie an.
»Oh, hallo. Konntest du etwas herausfinden?«, wurde sie begrüßt.
»Ja und nein, aber ich habe noch eine Frage.«
»Nur zu.«
»Vor einigen Jahrzehnten soll es an der Akademie eine bemerkenswerte Botanik Professorin gegeben haben. Angeblich war sie sehr beliebt bei den Studenten und hat sich immer für sie eingesetzt. Ihr Spitzname war ›Willow‹. Kannst du mir dazu etwas sagen?«
»Eine bemerkenswertere Botanik Professorin als Professorin Kielo? Schwer vorstellbar, aber nein, leider kann ich dir nichts dazu sagen. Ich habe den Namen auch noch nie gehört.«
»Verstehe«, seufzte Amaury ernüchtert. Plötzlich ertönten Schritte und eine weitere Person betrat leise das Gewächshaus. Es war eine schlanke, junge Frau mit kurzen, braunen Haaren und unauffälliger Kleidung. Sie ging in weitem Bogen um Amaury und Ivy herum und betrachtete dann stumm einige der Setzlinge.
»Sie tut mir fast leid«, sagte Ivy im Flüsterton. Ihr Blick lag für einen Moment auf der neu Dazugekommenen, ehe sie Amaury anschaute. »Das ist eine meiner Kommilitoninnen. Sie ist im ersten Semester«, erklärte Ivy unaufgefordert, als sie Amaurys fragenden Blick sah. »Sie ist sehr zurückhaltend und schüchtern, hat aber ein gutes Auge für Pflanzen.«
»Also studiert sie auch Botanik?«, fragte Amaury.
»Genau. Ich habe schon einige Male versucht mit ihr zu reden, aber sie ist sehr in sich gekehrt und wirkt fast verbittert. Es tut mir leid sie immer so allein zu sehen.«
»Ja«, stimmte Amaury leise zu. Sie mussten im Flüsterton reden, damit die junge Frau sie nicht hörte.
»Was genau suchst du eigentlich? Mari sagte etwas von einem Friedhof?«, fuhr Ivy nach kurzem Schweigen fort.
»Was? Nein, ich suche nichts, zumindest nicht direkt.« Ein Blick auf die Uhr an der Wand im Gewächshaus ließ Amaury zusammenfahren. »Schon zehn vor drei? Dann fängt gleich die Vorlesung von Professorin Kielo an. Danke für das Gespräch Ivy. Sag Mari, sie soll mir nicht immer das Wort im Mund verdrehen und dass ich heute Abend allein essen werde. Mach's gut.« Hastig verließ Amaury das Gewächshaus, zumal ihr eine neue Idee gekommen war, der sie sofort nachgehen musste.

I

Der Himmel war wolkenverhangen und der Regen würde nicht mehr lange auf sich warten lassen. Es war Dienstag und daher konnte Amaury sich mit ihren täglichen Pflichten im Pflanzenhaus Zeit lassen, denn heute würden dort keine Vorlesungen stattfinden. Gedankenversunken rührte sie speziellen Dünger in einer Schale zusammen, während ihr ein muffiger Geruch in die Nase stieg. So schnell es ging füllte sie das Gebräu in eine Flasche und stellte es ins Regal über der Arbeitsfläche. Anschließend wollte sie nach den Rosen sehen, da sie am Vortag nicht mehr dazu gekommen war. Den gestrigen Nachmittag hatte sie bis spät abends in der Bibliothek der Akademie verbracht und nach Informationen zu der mysteriösen Botanik Professorin ›Willow‹ gesucht. Viel hatte sie nicht gefunden, zumal sie nicht viele Anhaltspunkte hatte, jedoch gab es vor Professorin Kielo lange Zeit nur Botanik Professoren, keine Frauen, weshalb der einzige Frauenname in all den Aufzeichnungen Amaury im Gedächtnis geblieben war. Demnach hatte vor etwa fünfzig Jahren eine Emilia Avani an der Akademie unterrichtet. Was Amaury nun mit dieser Information anfangen sollte, wusste sie noch nicht. Sie wollte später noch einmal zu der Trauerweide gehen und dort nach weiteren Hinweisen suchen oder erneut mit dem Landschaftsgärtner sprechen. Zuerst mussten jedoch die Rosen begutachtet werden.
Amaury rechnete mit keiner gravierenden Veränderung und ließ ihren Blick nur flüchtig über den rot blühenden Strauch schweifen, bis ihr etwas auffiel. Einer der Zweige war abgeschnitten und sie konnte sich nicht daran erinnern, den Rosenstrauch selbst gestutzt zu haben. Ein genervtes Seufzen entglitt ihr. Vermutlich hatte einer der Studierenden sich eine Rose für seinen Schwarm abgeschnitten und Amaury würde dafür geradestehen müssen, wenn Professorin Kielo davon Wind bekam. Frustriert überlegte Amaury, wie sie den Schnitt verdecken konnte, bis sie zu dem Schluss kam, dass es keinen Sinn hatte. Wenn Professorin Kielo sie tatsächlich darauf ansprechen würde, musste sie sich eben eine Ausrede einfallen lassen.
Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet Amaury, dass sie bald mit Mari und Ivy zum Mittagessen in der Kantine verabredet war. Trotzdem wollte sie vorher noch einen schnellen Abstecher zur Trauerweide machen, bevor es zu stark regnete.
Leichter Nieselregen hatte bereits eingesetzt und der Wind war unangenehm kalt als Amaury vorsichtig die moosigen Stufen hinabstieg. Schon von weitem konnte sie eine Veränderung beim Grabstein feststellen, was ihr Herz aufgeregt schneller schlagen ließ. Hastig hockte sie sich hin und kroch unter die Zweige des Baumes, bis sie innehielt. Noch immer lag dort ein Brief, vermutlich sogar derselbe wie am Vortag, jedoch befanden sich nun dunkelrote Flecken darauf, sowie eine abgeschnittene, rote Rose.
Vorsichtig hob Amaury den Brief auf, um zu überprüfen, ob es tatsächlich derselbe war. Der Inhalt war unverändert, jedoch stachen die dunkelroten Flecken deutlich hervor, obwohl sie nur klein und verwischt waren. Ein leichter metallischer Geruch in der Luft bestätigte Amaurys ersten Verdacht: Das waren Blutflecken. Schnell legte sie den Brief zurück und betrachtete die Rose. Ihr Stiel war zu kurz, um aus dem Geschäft in den Arkaden zu sein. Überhaupt wusste Amaury nicht einmal, ob der Florist dort geöffnet hatte. Diese Rose konnte demnach nur einen Ursprung haben und dieser offenbarte zugleich den Verfasser des Briefes und somit des Rätsels Lösung.
Zufrieden lächelnd legte sie das Papier zurück an seinen Platz unter der Trauerweide. Da sie bereits fündig geworden war konnte Amaury ruhigen Gewissens zu ihrer Verabredung mit Mari und Ivy gehen.
Nach einem ereignislosen Mittagessen kehrte sie ins Gewächshaus zurück, denn dort hatte sie ein klares Ziel. Unweit des Laborraums stand ein Schrank mit Schubladen, in denen die Botanik Studenten ihre Werkzeuge lagerten. Vorne an den Schubladen hingen Papierschildchen mit den Namen der Besitzer. Genau davor stand Amaury nun und ging auf die Knie, um auch die Namen ganz unten lesen zu können. Während des Lesens murmelte sie etwas vor sich hin, als Schritte sie aufhorchen ließen. Jemand betrat das Gewächshaus und schlich sich geradezu zwischen den Pflanzkästen hindurch. Da Amaury neben den Lagerschubladen am Boden hockte, hatte die Person sie wohl nicht bemerkt. Umso erschrockener zuckte die zierliche Frau zusammen, sobald Amaury aufstand und sie ansprach.
»Schönen guten Tag«, sagte sie freundlich, aber bestimmt.
»Wa… ich … gu-guten Tag?«, stammelte die Frau ihr entgegen. »Ich habe Sie gar nicht bemerkt.«
»Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken. Sag ruhig ›Du‹ zu mir«, senkte Amaury ihre Stimme ein wenig, da ihr Gegenüber sichtlich verunsichert war.
»Oh, ähm … danke. Ich wollte gar nicht lange stören, ich habe bloß meine Tasche hier vergessen«, erklärte die junge Frau. Jetzt wo Amaury sie so anschaute, kam sie ihr bekannt vor. Die unsichere Studentin wartete gar nicht erst auf eine Antwort, sondern machte sich direkt auf die Suche nach ihrer Tasche, als hätte sie es eilig.
»Wann hast du sie denn hier vergessen? Heute haben hier keine Vorlesungen stattgefunden«, merkte Amaury an. »Und soweit ich weiß, war die Vorlesung gestern Nachmittag nur für Viertsemester. Wenn ich mich nicht irre, bist du aber ein Erstsemester«, zählte sie auf. Die junge Studentin wurde noch nervöser.
»J-Ja ich war heute früh kurz hier, weil ich etwas für eine Hausarbeit nachschauen wollte. Es ist doch nicht verboten allein herzukommen, oder?«
Amaury zögerte mit ihrer Antwort, da sie sich nicht sicher war. Bisher hatte ihr niemand mitgeteilt, wer wann im Gewächshaus sein durfte. Lediglich von wann bis wann es zugänglich war. Besonders die morgendliche Öffnungszeit kannte sie nur zu gut, da ihr Wecker sie stets daran erinnerte.
»Nein, ich denke nicht«, entgegnete sie schließlich, woraufhin die junge Frau ihre Suche erleichtert fortsetzte. Amaury wollte sich wieder den Schubladen widmen, als ihr etwas auffiel. Sobald die nervöse Studentin glaubte unbeobachtet zu sein, lief sie zielstrebig auf einen bestimmten Ort im Gewächshaus zu, als wüsste sie, dass sich ihre Tasche dort befand. Grundsätzlich war das nicht ungewöhnlich, da sie sich wohl daran erinnerte, wo sie am Vormittag im Gewächshaus gewesen war, aber in welche Richtung sie nun lief, war interessant.
Amaury wendete sich von den Schubladen ab und ging der Studentin unauffällig hinterher, da sie ahnte, wohin diese ging. Dabei betrachtete sie wiederholt Blumentöpfe und Gewächse, um sich nicht sofort zu verraten. Erst als die nervöse Studentin tatsächlich am erwarteten Ort fündig wurde, stellte Amaury sich ihr in den Weg, sobald diese rasch mit ihrer Tasche gehen wollte. Die junge Frau rechnete nicht damit und stieß gegen Amaury, woraufhin ihre Tasche zu Boden fiel und etliche Dinge herausfielen. Hastig kniete die Studentin sich auf den Boden, um alles wieder einzusammeln und Amaury half ihr. Dabei fiel ihr ein interessanter Schriftzug auf einem Ordner ins Auge.
Nachdem alles aufgesammelt und wieder verstaut war, wollte die Studentin erneut schnell gehen, aber das ließ Amaury nicht zu.
»Würdest du noch einen Moment hierbleiben?«, bat sie und versuchte freundlich zu klingen. Die junge Studentin suchte mit den Augen nach einem Fluchtweg, nickte jedoch zeitgleich mit dem Kopf.
»J-ja? Was ist denn? Ich wollte wirklich nicht länger stören«, erklärte sie.
»Du störst nicht, keine Sorge. Ich habe nur eine Frage an dich.«
Erwartungsvoll lag der Blick der jungen Frau auf Amaury.
»Bist du im Moment verliebt?« Die Gesichtszüge der Studentin entgleisten. Ihre Finger krallten sich in ihre Tasche, die sie schützend vor sich umfasst hielt, während sie schwieg.
»Wenn nicht, hätte ich nämlich eine andere Vermutung, wofür du eine rote Rose gebraucht hast«, fuhr Amaury fort. »Willst du es mir lieber selbst erklären, Tessa Avani?«
Erschrocken sog die junge Studentin Luft ein und hielt diese darauf an, ehe sie sich geschlagen gab und traurig ausatmete.
»Es tut mir leid«, sagte sie mit gesenktem Kopf.
»Komm«, bat Amaury sanft und deutete auf zwei der kleinen Holzhocker neben ihnen, woraufhin sie Platz nahmen.
»Du bist eine Nachfahrin von Emilia Avani, die vor vielen Jahren hier an der Akademie unterrichtet hat. Der Grabstein unter der Trauerweide galt ihr. Der Brief dort wurde wiederum von dir verfasst. Heute Morgen bist du hergekommen und hast die rote Rose abgeschnitten, um sie zu dem Brief zu legen. Dabei hast du dich an den Dornen verletzt, wodurch Blutflecken auf das Papier gekommen sind – soweit schön und gut, aber warum das alles?«, zählte Amaury auf.
»Ich …«, versuchte Tessa zu sprechen, doch ihre Stimme versagte und sie musste neu ansetzen. »Es stimmt. Emilia Avani war meine Urgroßmutter. Ich habe so vieles von ihr und ihren bemerkenswerten Studien gehört. Besonders ihre Abhandlungen zu Weidengewächsen haben mich immer fasziniert. Deswegen wollte ich unbedingt an der Cinereus Akademie studieren und in ihre Fußstapfen treten. Von meiner Mutter habe ich erfahren, dass ehemalige Studenten einen Grabstein zum Gedenken meiner Urgroßmutter errichtet haben und wollte ihn finden. Das tat ich auch, unter der alten Trauerweide. Seit ich mein Studium angefangen habe, war ich fast jeden Tag dort. Dann aber, vor ein paar Tagen, war der Grabstein plötzlich zerstört. Der ganze obere Teil fehlte und mit ihm die Botschaft des Denkmals. Jemand hatte ihn bewusst zertrümmert, um das Andenken meiner Urgroßmutter zu besudeln. Vermutlich einer der jetzigen Botanik Studenten. Für die ist Professorin Kielo wie eine Göttin, daher wollten sie, dass meine Urgroßmutter vergessen wird und man sich nur noch an Professorin Kielo erinnert. Das wollte ich nicht zulassen, deswegen habe ich den Brief geschrieben, damit, wer auch immer den Stein zertrümmert hat, weiß, dass der Name Avani nicht in Vergessenheit geraten wird.«
»Jetzt wird mir einiges klar«, sagte Amaury nachdenklich. »Ich stimme zu, dass der Stein nicht durch die Witterung zu seinem Schaden gekommen ist, aber böswillige Absicht der anderen Botanik Studenten halte ich für unwahrscheinlich.«
»Warum fehlen dann die Bruchstücke? Wenn es ein Unfall war, hätte man den Grabstein doch repariert, oder nicht?«, rief Tessa aufgebracht. Sie hatte Tränen in den Augen.
»Ja, man hätte ihn repariert, außer …« Amaurys Stimme wurde leiser, bis sie kaum noch ein Murmeln war. »Außer es wurde vergessen«, sagte sie schließlich.
»Vergessen?«, rief Tessa entsetzt.
»Hör zu, erinnerst du dich an die grünhaarige Frau, die gestern hier mit mir geredet hat? Ihr Name ist Ivy und du solltest ihr erzählen, was passiert ist. Sie wird dich verstehen und dir helfen, dafür zu sorgen, dass Emilia Avani nicht in Vergessenheit gerät, da bin ich mir sicher.«
»Und was ist mit dem Grabstein?«
»Darum kümmere ich mich. Ich habe da so eine Ahnung, wo die Bruchstücke abgeblieben sind.« Ohne weitere Erklärungen ließ Amaury Tessa stehen und ging davon. Zielstrebig lief sie zum Flügel der Angestellten, zu dem sie dank ihres umfangreichen Schlüsselbundes Zugang hatte. Da es draußen regnete fand sie den Landschaftsgärtner nach kurzem Herumfragen in seinem Zimmer, wo er eine Zeitschrift las.
»Oh, die neue Astrologie Dozentin«, begrüßte er sie. »Nein, warte, das war ein Mann. Du bist die Gärtnerin«, korrigierte er schnell.
»Richtig und du hast mir letztens nicht die ganze Wahrheit erzählt«, kam Amaury direkt zur Sache.
»Was?« Der Landschaftsgärtner wirkte schockiert.
»Sagen wir es anders: Du hast ein feines, aber bedeutsames Detail schlichtweg vergessen, sonst hättest du mich niemals so leichtfertig zur Trauerweide geschickt.«
Der Gärtner schwieg.
»Du sagtest, du hättest dich gewundert, dass dir der Grabstein vorher nie aufgefallen sei, aber das habe ich dir schon gestern nicht geglaubt. Die Trauerweide ist dein geheimer Rückzugsort, das bedeutet, du bist oft dort gewesen. Mir fiel der Stein sofort beim ersten Besuch auf, es ist also unmöglich, dass du ihn nie bemerkt hast. Aber darum soll es gar nicht gehen. Viel eher vermute ich, dass dir ein Missgeschick passiert ist und du es irgendwie fertiggebracht hast, den Stein zu zertrümmern. Das war dir ungemein peinlich, daher wolltest du ihn sofort reparieren und hast die abgebrochenen Teile mitgenommen. Dass du auch über Pflanzenpflege hinaus handwerklich begabt bist, hast du bereits bewiesen, als du den Brunnen reparieren wolltest. Deine handwerkliche Geschicklichkeit in allen Ehren, hast du dennoch eine bedeutsame Schwäche.« Amaury hielt kurz inne, der Blick des Landschaftsgärtners lag dabei erwartungsvoll auf ihr. »Du hast ein unglaublich schlechtes Gedächtnis, was du mehrfach erwähnt und bewiesen hast. Du wolltest den Stein reparieren und den fehlenden Teil zurück zum Rest bringen, hast es aber schlichtweg vergessen, wodurch bei anderen der Eindruck entstand, dass jemand mutwillig den Grabstein zerstört und die Bruchteile weggeschafft hat, um die Gedenkstätte von ›Willow‹ oder besser Emilia Avani zu schänden.«
Erschrocken riss der Gärtner die Augen auf. »Was? Das ist doch Unsinn«, rief er entsetzt.
»Das mag sein, aber so ist es passiert. Du solltest den Stein schnellstmöglich reparieren und dich dann bei der Urenkelin von Emilia Avani entschuldigen. Sie studiert hier Botanik.«
»Das werde ich. Sobald es draußen trocken ist, klebe ich den Stein wieder zusammen. Kannst du der Urenkelin alles erklären?« Seine Stimme klang aufrichtig mitgenommen.
»Das kannst du selbst tun. Komm einfach morgen gegen halb zwölf ins Gewächshaus, dann sollte sie dort sein.«
»Das mache ich. Vielen Dank, dass du die Sache aufgeklärt hast. Ich wusste ja nicht, was ich angerichtet habe.«
»Schon gut, es …« hat mir Spaß gemacht das herauszufinden, dachte Amaury, sprach es jedoch nicht laut aus. Stattdessen verabschiedete sie sich vorerst von dem Gärtner und ging zurück in ihre Unterkunft. Dort setzte sie sich auf die Couch und schrieb alles erlebte in ihrem Notizbuch nieder, als müsste sie die Informationen für einen Zeitungsartikel aufbereiten. Nachdem das getan war, schaute sie aus dem Fenster, lauschte dem inzwischen kräftigen Regen und dachte sehr lange nach. Vielleicht waren die Zeiten der Rätseljagd doch noch nicht vorüber.


Fortsetzung folgt …

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