Weltenfeder

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Kapitel 7 | Das zweite Mysterium – Sol und Noctis

Zufrieden summend verließ Amaury das Gewächshaus, um sich in ihrer kleinen Kochnische ein schönes zweites Frühstück zuzubereiten. Nach all der Arbeit bei den Pflanzen an diesem Morgen hatte sie es sich ihrer Meinung nach mehr als verdient. Wer hätte gedacht, dass es so anstrengend war, ein Dutzend Orchideen umzutopfen.
Es war ein ungewöhnlich kühler und nebeliger Tag im April, weshalb Amaury sich erst recht nach einer heißen Tasse Tee sehnte. In Gedanken schon bei dem aromatischen Duft von frischem Schwarztee mit Zitrone, öffnete sie fast beiläufig die Tür zu ihrer Unterkunft und wollte anschließend ihre feuchten Schuhe ausziehen, als sie abrupt mit dem Blick nach unten innehielt.
Etwas stimmte nicht.
Eine kühle Brise zog ihr entgegen und sie kam nicht von der Eingangstür, denn diese war bereits wieder geschlossen. Alarmiert ließ Amaury ihre Augen durch den Raum schweifen und ihr Atem stockte. Ein Blumentopf war von der Kommode gefallen und hatte überall seine Erde verteilt. Die Kissen lagen nicht mehr auf der Couch und Amaurys Bücherstapel war umgefallen. Ihre Zeichenutensilien lagen ebenfalls auf dem Boden. Selbst zwei der Schubladen der langen Kommode vor dem Fenster standen offen und Sachen daraus lagen verstreut daneben. Eines der kleinen Fenster stand einen Spalt weit offen. Entsetzt musterte Amaury das Chaos – jemand war eingebrochen.
Sofort begutachtete sie das Türschloss hinter sich, konnte jedoch keinerlei Einbruchspuren daran ausmachen. Vorsichtig lief Amaury anschließend zwischen den verstreuten Sachen hindurch zum Fenster. Auch dort war auf den ersten Blick nichts Auffälliges zu erkennen. Erst als sie genauer hinschaute, fielen ihr unzählige kleine Kratzspuren am Fensterbrett auf, wie ein Messer oder ein ähnlich scharfer Gegenstand sie hinterließ. Mit verschränkten Armen trat Amaury zurück und betrachtete das Fenster von weiter weg. Es war recht klein, ein Mensch musste schon sehr zierlich sein, um hindurchzupassen. Wer auch immer eingebrochen war, musste einen triftigen Grund haben, um sich dort hindurch zu quetschen. Bevor Amaury sich weitere Gedanken machen konnte, wollte sie überprüfen, ob etwas fehlte.
Nach einer Viertelstunde war Amaury sicher, keine Gegenstände zu vermissen und überlegte, ob sie jemanden ganz offiziell über den Zwischenfall informieren oder einfach aufräumen und selbst Nachforschungen anstellen sollte. Da nichts fehlte und die Tür nicht aufgebrochen worden war, beschloss Amaury die Sache nicht unnötig aufzubauschen und selbst herauszufinden, wer dahintersteckte. Es musste jemand sein, der wusste, wann sie nicht in ihrem Zimmer war. Mehr noch musste diese Person wissen, dass Amaury an Donnerstagen besonders früh ins Gewächshaus ging, um alle täglichen Arbeiten zu erledigen, ohne Professorin Kielo und ihrer Vorlesung um zehn Uhr in die Quere zu kommen. Wer konnte das wissen? Vermutlich jeder der Botanik Studenten. Das grenzte die Suche zwar ein wenig ein, gab aber nach wie vor keinen Aufschluss über das Motiv der Tat. Um Diebstahl ging es allem Anschein nach nicht. Amaury hatte bei all der Aufregung ihr ursprüngliches Vorhaben vergessen und beschloss, erst nach einer Tasse Schwarzen Tees mit der weiteren Suche zu beginnen.

I


Energisch klopfte Amaury mit den Fingerknöcheln gegen eine Tür aus dunklem Holz.
»Herein«, rief eine Stimme.
»Hey Mari, hallo Ivy«, begrüßte Amaury die beiden jungen Frauen, sobald sie eingetreten war.
»Was verschafft uns die Ehre?«, wollte Mari wissen. Bisher hatte Amaury ihre Cousine erstaunlich selten in deren Zimmer im Wohnheim besucht, was vielleicht an dessen beschaulicher Größe lag. Es gab zwei Betten an gegenüberliegenden Wänden, auf dem einen lagen drei Kuscheltiere, etliche Kleidungsstücke und zwei Magazine, auf dem anderen nichts als eine Tagesdecke mit Blättermuster und ein ordentlich gefalteter, dunkelblauer Kapuzenpullover. Ähnlich verhielt es sich mit den zwei Schreibtischen am Fenster und dem Rest des beschaulichen Zimmers; Maris Seite war chaotisch und bunt, Ivys ordentlich und ruhig.
»Bei mir wurde heute Morgen eingebrochen«, kam Amaury gleich zum Punkt.
»Hier?«, rief Mari entsetzt.
»In meiner Unterkunft an der Akademie, ja, wo denn sonst?«, erwiderte Amaury leicht genervt.
»Was weiß ich«, schmollte Mari.
»Wurde etwas gestohlen?«, kam Ivy dazu.
»Nein, soweit ich das beurteilen kann, nichts. Daher frage ich mich umso mehr, warum man sich die Mühe macht durch mein Fenster einzusteigen.«
»Durchs Fenster? Sind die nicht total klein?«, merkte Ivy an. Sie hatte Amaury seit ihrer Ankunft vor einigen Wochen mehrfach in ihrer Bleibe besucht und mit ihr über Pflanzen gesprochen. Amaury war sich daher sicher, dass die Grünhaarige längst von ihrer Unbeholfenheit in Sachen Pflanzenpflege wusste, ihr jedoch aus irgendeinem Grund half, anstatt dieses Wissen gegen sie zu verwenden. Neben Mari war Ivy eine der wenigen Personen, die sie hier als Freundin bezeichnen würde.
»Ja, die Tür war fest verschlossen«, berichtete Amaury.
»Seltsam. Hast du dir das Fenster schon von außen angesehen?«, fuhr Ivy fort.
»Von außen? Du hast recht, das sollte ich tun.«
»Ich komme mit«, meldete Mari sich wieder zu Wort.
»Ich würde euch gern begleiten, aber ich habe Tessa versprochen ihr heute beim Lernen zu helfen«, erklärte Ivy. Seit dem Zwischenfall mit dem Grabstein vor einer Weile verbrachten die beiden gelegentlich Zeit miteinander, wodurch Tessa Anschluss zu ihren Kommilitonen gefunden hatte. Zusammen mit dem Landschaftsgärtner hatten sie sogar den Grabstein wieder hergerichtet und ein wunderschönes Denkmal daraus gemacht. Der einzige Nachteil davon war, dass der Platz unter der Trauerweide nun nicht länger geheim war, doch das konnte der Gärtner sicher verkraften.
»Alles klar, viel Erfolg«, wünschte Amaury, bevor sie sich mit ihrer Cousine auf den Weg machte.

I


»Und?«, fragte Mari, nachdem sie bereits seit zehn Minuten im Nieselregen draußen vor dem Fenster standen. Amaury schien die Feuchtigkeit auf ihren Haaren und ihrer Kleidung nicht zu stören, ebenso wenig wie die matschige Erde, auf der sie stand, um das Fenster und die Fassade aus der Nähe untersuchen zu können.
»Nichts«, knurrte sie. »Hier ist nichts, außer die Kratzspuren, die ich schon von drinnen gesehen habe.«
»Können wir dann wieder reingehen? Meine Haare sind schon ganz feucht.« Die blonde Studentin hockte sich hin und strich liebevoll über den Kopf einer Katze mit goldbraunem Fell. Der Vierbeiner war kurz nach ihrem Eintreffen dazugestoßen und schmiegte sich seitdem an Maris Beine.
»Ja, dein Fell ist auch schon ganz nass«, sagte sie leise zu der Katze, ehe sie sich wieder aufrichtete und zu ihrer Cousine schaute. »Amaury?«, quengelte sie.
»Ja, ist ja schon gut. Lass uns reingehen.«
Schnell begaben sie sich wieder ins Trockene, wo Amaury ernüchternd feststellte, dass sie vergessen hatte das Chaos vom Einbruch aufzuräumen.
»Wow, was ein Durcheinander«, merkte Mari überrascht an. Amaury verkniff sich einen Kommentar bezüglich der Unordnung im Zimmer ihrer Cousine. Stattdessen hatte sie eine bessere Idee.
»Du scheinst heute ein wenig Zeit zu haben, warum hilfst du mir nicht beim Aufräumen? Es gibt hier einige seltsame Gegenstände und Bücher meiner Vorgängerin. Da sie sie nicht mitgenommen hat, braucht sie sie wohl nicht mehr. Wenn dir etwas gefällt, kannst du es mitnehmen«, schlug sie vor.
»Wirklich?«, rief Mari begeistert. Dass es so einfach war, die junge Kunststudentin zur Mithilfe beim Aufräumen zu bewegen, hätte Amaury nicht erwartet.
»Ja, wirklich.«
»Worauf warten wir dann noch?«
Gleich nachdem sie ihre nassen Mäntel an die Garderobe gehängt hatten, machten sich die beiden an die Arbeit. Während Amaury die Erde des umgefallenen Blumentopfes auffegte und ihre Zeichenutensilien zurück an ihren Platz brachte, kümmerte Mari sich um die offenen Schubladen und die umgefallenen Bücherstapel.
»Guck mal«, rief Mari plötzlich. Sie stand vor der großen Vitrine mit den unzähligen fantastischen und wenig wissenschaftlichen Büchern. In ihren Händen hielt sie ein solches Werk.
»Was ist?«, fragte Amaury, die erst einen kleinen Stapel Zeichenblöcke zur Seite legen musste, bevor sie zu ihrer Cousine gehen konnte. »Wow, du hast ein Buch gefunden«, sagte sie dann spöttisch beim Anblick der aufgeschlagenen Seiten.
»Nein, das meine ich nicht, guck hier. Dieses Blatt ist lose. Das war hier nur reingelegt«, erklärte Mari.
»Und was ist daran so besonders? Für mich sieht das nur nach einem alten, von Hand aufgeschriebenen Gedicht aus.«
»Schon, aber es liest sich wie eine Schatzkarte, findest du nicht?«
»Schatzkarte?« Amaury hatte die Zeilen zuvor nur überflogen, doch nun las sie sie gründlicher.

›Sol und Noctis‹

Für ewig treue Diener
der weisen Göttin der Gelehrten
dieser Schatz
ein Segen soll sein

Finde im Schatten der Zeit
hinter dem Angesicht
des größten Feindes
Und der Erde gib wieder


»Wo klingt das für dich nach einer Schatzkarte?«, fragte Amaury belustigt. »Nur weil das Wort ›Schatz‹ darin vorkommt?«
»Nein, es liest sich einfach wie eine Wegbeschreibung«, entgegnete Mari patzig.
»Und selbst wenn es eine wäre, warum sollte der Schatz sich ausgerechnet auf dem Akademiegelände befinden? Die Bücher hier stammen aus aller Welt.«
»Mag sein, aber schau mal da, dieses Wappen auf dem Papier. Das Gedicht wurde auf einem Briefbogen der Akademie verfasst.«
Anerkennend nickte Amaury. »Nicht schlecht«, lobte sie. »Trotzdem könnte das Gedicht schon viel älter sein und es wurde nur auf diesem Briefbogen niedergeschrieben.«
»Mir egal, es klingt nach Abenteuer. Ich habe eine nervige Hausarbeit auf meinem Schreibtisch liegen, der ich aus dem Weg gehen will. Du sagtest ich darf ein Buch mitnehmen, ich will dieses hier. Ich gehe der Sache nach.« Mari klappte das Buch zusammen und wollte zum Ausgang gehen.
»Warte, wo willst du überhaupt mit der Suche anfangen?«, hielt Amaury sie auf. Mari blieb stehen und drehte sich zu ihrer Cousine.
»Ich habe natürlich schon eine Idee, aber vielleicht willst du doch wieder deiner alten Leidenschaft nachgehen und mir helfen?«
Amaury rollte mit den Augen. »Hilf mir die letzten Sachen hier wegzuräumen, dann bin ich dabei.«
Nach einer weiteren halben Stunde saßen die beiden jungen Frauen zusammen an einem Tisch in der Bibliothek der Akademie und betrachteten das Briefpapier mit dem Gedicht, während draußen der Regen prasselte.
»Meinst du der Name des Gedichtes hat etwas zu bedeuten?«, fragte Mari leise.
»›Sol und Noctis‹ … hm, sagt mir nicht viel«, entgegnete Amaury. »Genauso wie diese ›Göttin der Gelehrten‹.«
»Davon habe ich mal was in einer Vorlesung gehört. Das war wohl die Bezeichnung einer frühen Gelehrten, die vor vielen Jahrhunderten gelebt haben soll. Sie wurde damals wie eine Göttin behandelt, aber wer ihre Diener waren, weiß ich nicht.«
»Dann frage ich mich wirklich, ob dieses Gedicht so modern ist, wie du vermutest. Immerhin soll dieser Schatz für die Diener dieser Gelehrten sein. Die werden nach so langer Zeit aber wohl kaum noch leben.«
»Nein, ich weigere mich aufzugeben. Ich bin noch nicht bereit mich meiner Hausarbeit zu widmen. Was ist mit der zweiten Strophe, da geht es doch um den Ort, an dem der Schatz versteckt ist, oder?«
»Möglich, aber wo soll ›der Schatten der Zeit‹ oder ›hinter dem Angesicht des größten Feindes‹ sein?«
»Lass mich all mein nutzloses Literaturwissen auskramen«, begann Mari und nahm eine nachdenkliche Haltung ein. »Mit ›Zeit‹ ist sicher nicht das abstrakte Konzept der Zeit gemeint, sondern eine Uhr. Nehmen wir an, es geht tatsächlich um das Akademiegelände, dann fällt mir nur der Uhrturm ein.«
Erstaunt von so viel Kombinationsgabe brauchte Amaury einen Moment, bis sie ihre Sprache wiederfand.
»Es gibt hier einen Uhrturm?«, fragte sie.
»Ja, das war der Treffpunkt aller Elstern, weil er direkt neben unserem Wohnheim liegt.«
»Elstern?«, hakte Amaury verwirrt nach.
»Oh, so nennt sich die Fakultät aller künstlerischen Studiengänge der Akademie. Dann gibt es noch die Huskies für Sport und die Orcas für wissenschaftlichen Kram. Ivy ist zum Beispiel bei den Orcas.«
»Moment«, warf Amaury ein. »Aber teilt ihr euch nicht ein Zimmer?«
»Richtig, das ist eine Ausnahme, weil meine ursprüngliche Zimmernachbarin unbedingt mit ihrer Zwillingsschwester bei den Orcas wohnen wollte. Daher hat die Akademie eine Ausnahme gemacht und Ivy und sie konnten tauschen.«
»Ach so, verstehe. Dann also zum Uhrturm?«
»Ähm …ja. Ich muss nur kurz noch was erledigen. Bin sofort zurück, okay?«, bat Mari und verschwand für einige Minuten, bis sie schließlich zurückkehrte.
»Gut, dann los«, sagte sie und klang nervös, doch Amaury hinterfragte es nicht – zumindest vorerst.
Es war kein weiter Weg von der Bibliothek und so erreichten die beiden schnell einen klobigen Turm aus groben Steinen, in den eine alte Holztür führte. Drinnen war es feucht und kalt. Eine wackelig von der Decke hängende Neonröhre spendete kühles Licht. Der Raum war weitestgehend leer, einzig ein Stapel Kisten stand in der Ecke und in einer anderen lag ein kleiner Haufen Bauschutt, in dem eine abgebrochene Schaufel steckte. Über verwitterte Holzstufen gelangte man weiter nach oben, wo sich vermutlich das Getriebe der Turmuhr befand.
»Gemütlich«, gab Amaury ironisch von sich.
»Oben ist es besser, wobei das bei Regen vielleicht nicht gilt, zumal ein Teil der Wand fehlt.«
»Interessant.« Amaury achtete nicht länger auf Mari und begann sich umzusehen. »Im Schatten der Zeit«, murmelte sie dabei. Ein erschrockenes Fiepen von Mari riss sie aus ihrer konzentrierten Haltung.
»Was ist denn in dich gefahren?«, fragte sie ihre Cousine, die verstört zur Treppe blickte.
»Ich hab oben was gehört«, erklärte sie im Flüsterton. Amaury ging zu ihr.
»Sagtest du nicht, das hier wäre der Treffpunkt aller Elstern? Dann ist es doch nicht verwunderlich, wenn hier jemand ist, oder?«
»Ja, aber …«
»Was aber?«
»Der ehemalige Hausmeister war auch für die Instandhaltung des Uhrturms verantwortlich. Seit seinem Tod kümmert sich niemand mehr darum. Deswegen ist der Zutritt hier eigentlich bis auf weiteres verboten. Außerdem gehen Gerüchte um, dass der Geist des alten Hausmeisters hier jetzt herumspukt, besonders an regnerischen Tagen, weil das das Lieblingswetter des Hausmeisters war.«
»Moment, was? Aber du hattest doch einen Schlüssel für die Tür?«, erinnerte Amaury sich.
»Ja, also … der ist nicht offiziell. Ehemalige Elstern haben ihn dem Hausmeister gestohlen und eine Kopie angefertigt. Diese ist sowas wie der Schatz der Elstern und wird bei uns auch so genannt. Verrate uns bitte nicht an die Direktorin«, flehte Mari.
»Dann hast du eben also den Schlüssel geholt«, schlussfolgerte Amaury.
»Ja … bitte sag es keinem. Ich wollte doch unbedingt diesen Schatz finden. Ich hab den anderen versprochen, dass du uns nicht verrätst.«
Amaury seufzte. »Keine Sorge, ich verrate euch schon nicht.« Ihr Blick huschte zu den hölzernen Treppenstufen. »Ich glaube aber auch nicht an Geister. Lass uns nachsehen, woher das Geräusch kam.« Mari hatte nicht viel Zeit, ihre Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen, sondern heftete sich an die Fersen ihrer Cousine, wenngleich sie bei weitem ängstlicher aussah.
Langsam stiegen sie die Stufen unter kläglichem Knarzen empor und standen kurz darauf in einem ähnlichen Raum, wie zuvor. Weitere Kisten, Spinnweben und zwei verwitterte Holzstühle gab es hier zu sehen. Das Spannendste war noch das Loch in der Wand, durch das man auf die Dächer der umliegenden Akademiegebäude sehen konnte und wie der Regen darauf prasselte.
»Niemand hi-«, wollte Amaury sagen, als ein seltsames Geräusch sie zusammenfahren ließ. Auch Mari schrie vor Schreck kurz auf.
»Der Geist des Haus- hm?«, kreischte Mari, bis sie auf einmal still wurde. »Aww, du schon wieder«, sagte sie plötzlich und ging auf den Verursacher der Geräusche zu. Eine pechschwarze Katze mit weißer Zeichnung auf der Brust und weißen Vorderpfoten saß auf einer Holzkiste in der Ecke und ließ sich von Mari streicheln. Kurzerhand holte die junge Frau etwas aus ihrer Jackentasche und fütterte die Samtpfote damit.
»Kennst du diese Katze?«, wollte Amaury wissen.
»Ich sehe sie gelegentlich auf dem Gelände. Sie und die goldbraune Katze von vorhin. Niemand scheint zu wissen, wem sie gehören, aber sie sind sehr verschmust und manchmal auch abenteuerlustig.«
»Hast du deswegen immer Leckerlies in der Tasche?«
»Was? Nein, natürlich nicht. Die hier habe ich eben beim Aufräumen in einer deiner Schubladen gefunden und mitgenommen«, erklärte Mari und verfütterte auch das letzte Leckerli, bevor sie die Hände an ihrer Hose abwischte.
Nun näherte sich auch Amaury der schwarzen Katze und bückte sich, um sie zu streicheln. Die Katze stand auf, kam selbstbewusst auf die junge Frau zu und schlich kurz um Amaurys Beine, ehe sie durch das Loch im Mauerwerk hinaus in den Regen verschwand.
»Also kein Geist«, fasste Amaury zusammen.
»Ich will trotzdem nicht länger bleiben als nötig.« Maris schneller Stimmungswechsel von ängstlich zu fröhlich und zurück zu ängstlich erschloss sich Amaury nicht ganz, aber sie waren ohnehin wegen anderen Rätseln hier.
»Im Schatten der Zeit sollten wir sein, aber was ist nun ›das Angesicht des größten Feindes‹ und wie gelangen wir dahinter?«, fuhr sie fort.
»Gute Frage«, entgegnete Mari. Sie stand noch immer in der Ecke vor der Holzkiste, auf der die Katze zuvor gesessen hatte, und schien sich nicht bewegen zu wollen. Amaury wandte sich von ihr ab und begutachtete den Raum, sowie die Leiter ins Dachgeschoss mit dem Uhrwerk genauer, bis Mari ein missmutiges Geräusch von sich gab.
»Hast du was gefunden?«, fragte Amaury und drehte sich zu ihr. Mari stand einen Schritt weiter links als zuvor und schien eine Wand anzustarren.
»Der Regen hat meine Haare ganz krisselig werden lassen, guck mal wie schrecklich ich aussehe«, meckerte Mari. Erst als Amaury näher zu ihr ging, erkannte sie, wie die junge Studentin darauf kam. Vor ihr befand sich eine Wandnische, in der ein verstaubter Spiegel stand. Nachdenklich betrachtete Amaury diesen nun und murmelte etwas vor sich hin.
»Das ist es«, rief sie schließlich.
»Himmel, erschreck mich doch nicht so«, sagte Mari vorwurfsvoll.
»Hinter dem Angesicht des größten Feindes, das ist es Mari. Damit ist der Spiegel gemeint. Der größte Feind ist man selbst.«
»Oh … Ohhh«, machte Mari verstehend. »Also hinter diesem Spiegel?«
»Dort oder nirgends«, versicherte Amaury und versuchte den Spiegel aus der Nische zu holen. Es brauchte einige Anläufe, doch dann gelang es ihr und zum Vorschein kam eine Vertiefung in der Wand. Darin steckte ein Gegenstand. Erstaunt sahen die beiden Frauen einander an, bevor Amaury vorsichtig in die Vertiefung griff, um das Objekt herauszuziehen. Kurz darauf hatte sie eine kleine Schatulle in der Hand.
»Unglaublich, also gibt es den Schatz tatsächlich«, sagte Mari aufgeregt.
»Bleibt nur noch die Frage, was der Schatz ist.«
»Los mach schon auf«, drängte die Studentin.
Vorsichtig öffnete Amaury den Verschluss der kleinen Schatulle und klappte anschließend den Deckel langsam auf. Zum Vorschein kam weißes Seidenpapier, in das etwas eingewickelt war. Amaury gab die Schatulle an Mari und machte sich dran das Objekt aus dem Seidenpapier zu holen. Darin befand sich ein winziges Glasfläschchen, das mit einem Korken versiegelt war. Im Inneren waren kleine, dunkle Körnchen.
»Was ist das?«, entfuhr es Mari.
»Sieht … wie Saatgut aus?«, sagte Amaury ungläubig.
»All der Aufwand für ein paar Saatkörner?«
»Es scheint so.«
Ernüchtert ließ Mari die Schultern hängen, gab Amaury die Schatulle zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Na ja, wir haben einen echten Schatz gefunden und ich konnte meiner Hausarbeit etwas länger aus dem Weg gehen.«
»Ich werde sie einpflanzen und sehen war daraus wächst. Sicher kann Ivy mir dabei helfen«, schlug Amaury vor.
»Das ist eine gute Idee. Sag mir unbedingt was daraus geworden ist. Vielleicht machen die Blätter dieser Pflanze unsterblich oder geben einem Superkräfte. Irgendwas Besonders muss die Pflanze ja an sich haben, sonst wäre sie kein Geschenk für die Diener einer Göttin.«
»Wir werden sehen.« Amaury stellte den Spiegel zurück in die Wandnische und nahm die Schatulle samt Inhalt mit. »Immerhin erschließt sich mir jetzt die letzte Zeile des Gedichts«, sagte sie, während sich die beiden auf den Rückweg zum Hauptgebäude machten. Mari legte den Kopf schief.
»›Und der Erde gib wieder‹«, zitierte Amaury. »Es stand die ganze Zeit über im Gedicht, was genau der Schatz ist.«

I


Am Abend lag wieder ein dichter Nebel über der ganzen Akademie und den Fichtenwäldern. Amaury hatte die mysteriösen Samen in einen gesonderten Topf gepflanzt und an einen sicheren Ort im Gewächshaus gestellt, wo sie das Wachstum beobachten konnte. Nun saß sie wieder auf ihrer Couch, trank eine Tasse Tee und resümierte die Ereignisse des Tages. Sie konnte noch immer nicht glauben, dass Mari und sie tatsächlich einen Schatz gefunden hatten – auch wenn dieser auf den ersten Blick weniger glänzend und wertvoll war, als erwartet.
Gerade als Amaury ihre Tasse an die Lippen gehoben hatte und einen Schluck trinken wollte, ertönte ein unangenehmes Kratzgeräusch aus Richtung des Fensters. Sofort stellte Amaury die Tasse zur Seite und stand auf. Kaum hatte sie das Fenster erreicht, schob sich dieses auf und zwei kleine Gestalten schlüpften durch die Lücke. Entsetzt beobachtete Amaury wie eine goldbraune und eine pechschwarze Katze über ihre Kommode tänzelten und sich auf ihrer Couch niederließen.
»Damit wäre dann wohl auch der Einbruch aufgeklärt«, sagte Amaury leise und setzte sich zu den Vierbeinern.
»Hat meine Vorgängerin euch etwa immer Futter gegeben und ich habe das aus Unwissenheit nicht getan? Wart ihr deswegen wütend und habt mein Zimmer heute Morgen verwüstet? Dann werde ich morgen wohl schauen, wo ich Katzenfutter herbekomme«, sprach Amaury liebevoll mit den beiden, während sie ihre Finger über das weiche, leicht feuchte Fell des goldbraunen Katers streichen ließ, was der Vierbeiner sichtlich genoss und leise schnurrte. Plötzlich blieb sie an etwas hängen. Sie schaute genauer hin und entdeckte ein Halsband mit einem Anhänger daran. Vorsichtig betrachtete sie diesen genauer und erkannte die Form einer Sonne. Darauf war ein Name eingraviert. Amaurys Herz klopfte schneller als sie diesen las. Eilig tastete sie auch die schwarze Katze nach einem Halsband ab und wurde rasch fündig. Auch bei ihr hing ein Anhänger mit eingraviertem Namen daran, jedoch hatte dieser die Form eines Halbmondes. Fassungslos schüttelte Amaury den Kopf und hielt dabei mit ihren Streicheleinheiten inne, was die Katzen als Aufforderung verstanden zu gehen. Kurzerhand erhoben sie sich, kletterten erneut zum Fenster hinaus und verschwanden in der verregneten Nacht.
Amaury hatte ihnen entrüstet hinterhergeschaut und konnte nun nicht anders als erneut den Kopf zu schütteln. Vielleicht gab es doch das ein oder andere Mysterium, dessen Erklärung wohl für alle Ewigkeit ein Geheimnis blieb. Kurzerhand stand sie auf, um das Fenster wieder zu schließen. Dabei murmelte sie ungläubig die Namen der Katzen: »Sol und Noctis …«

I


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Kapitel 7 | Das zweite Mysterium – Sol und Noctis

Zufrieden summend verließ Amaury das Gewächshaus, um sich in ihrer kleinen Kochnische ein schönes zweites Frühstück zuzubereiten. Nach all der Arbeit bei den Pflanzen an diesem Morgen hatte sie es sich ihrer Meinung nach mehr als verdient. Wer hätte gedacht, dass es so anstrengend war, ein Dutzend Orchideen umzutopfen.
Es war ein ungewöhnlich kühler und nebeliger Tag im April, weshalb Amaury sich erst recht nach einer heißen Tasse Tee sehnte. In Gedanken schon bei dem aromatischen Duft von frischem Schwarztee mit Zitrone, öffnete sie fast beiläufig die Tür zu ihrer Unterkunft und wollte anschließend ihre feuchten Schuhe ausziehen, als sie abrupt mit dem Blick nach unten innehielt.
Etwas stimmte nicht.
Eine kühle Brise zog ihr entgegen und sie kam nicht von der Eingangstür, denn diese war bereits wieder geschlossen. Alarmiert ließ Amaury ihre Augen durch den Raum schweifen und ihr Atem stockte. Ein Blumentopf war von der Kommode gefallen und hatte überall seine Erde verteilt. Die Kissen lagen nicht mehr auf der Couch und Amaurys Bücherstapel war umgefallen. Ihre Zeichenutensilien lagen ebenfalls auf dem Boden. Selbst zwei der Schubladen der langen Kommode vor dem Fenster standen offen und Sachen daraus lagen verstreut daneben. Eines der kleinen Fenster stand einen Spalt weit offen. Entsetzt musterte Amaury das Chaos – jemand war eingebrochen.
Sofort begutachtete sie das Türschloss hinter sich, konnte jedoch keinerlei Einbruchspuren daran ausmachen. Vorsichtig lief Amaury anschließend zwischen den verstreuten Sachen hindurch zum Fenster. Auch dort war auf den ersten Blick nichts Auffälliges zu erkennen. Erst als sie genauer hinschaute, fielen ihr unzählige kleine Kratzspuren am Fensterbrett auf, wie ein Messer oder ein ähnlich scharfer Gegenstand sie hinterließ. Mit verschränkten Armen trat Amaury zurück und betrachtete das Fenster von weiter weg. Es war recht klein, ein Mensch musste schon sehr zierlich sein, um hindurchzupassen. Wer auch immer eingebrochen war, musste einen triftigen Grund haben, um sich dort hindurch zu quetschen. Bevor Amaury sich weitere Gedanken machen konnte, wollte sie überprüfen, ob etwas fehlte.
Nach einer Viertelstunde war Amaury sicher, keine Gegenstände zu vermissen und überlegte, ob sie jemanden ganz offiziell über den Zwischenfall informieren oder einfach aufräumen und selbst Nachforschungen anstellen sollte. Da nichts fehlte und die Tür nicht aufgebrochen worden war, beschloss Amaury die Sache nicht unnötig aufzubauschen und selbst herauszufinden, wer dahintersteckte. Es musste jemand sein, der wusste, wann sie nicht in ihrem Zimmer war. Mehr noch musste diese Person wissen, dass Amaury an Donnerstagen besonders früh ins Gewächshaus ging, um alle täglichen Arbeiten zu erledigen, ohne Professorin Kielo und ihrer Vorlesung um zehn Uhr in die Quere zu kommen. Wer konnte das wissen? Vermutlich jeder der Botanik Studenten. Das grenzte die Suche zwar ein wenig ein, gab aber nach wie vor keinen Aufschluss über das Motiv der Tat. Um Diebstahl ging es allem Anschein nach nicht. Amaury hatte bei all der Aufregung ihr ursprüngliches Vorhaben vergessen und beschloss, erst nach einer Tasse Schwarzen Tees mit der weiteren Suche zu beginnen.

I


Energisch klopfte Amaury mit den Fingerknöcheln gegen eine Tür aus dunklem Holz.
»Herein«, rief eine Stimme.
»Hey Mari, hallo Ivy«, begrüßte Amaury die beiden jungen Frauen, sobald sie eingetreten war.
»Was verschafft uns die Ehre?«, wollte Mari wissen. Bisher hatte Amaury ihre Cousine erstaunlich selten in deren Zimmer im Wohnheim besucht, was vielleicht an dessen beschaulicher Größe lag. Es gab zwei Betten an gegenüberliegenden Wänden, auf dem einen lagen drei Kuscheltiere, etliche Kleidungsstücke und zwei Magazine, auf dem anderen nichts als eine Tagesdecke mit Blättermuster und ein ordentlich gefalteter, dunkelblauer Kapuzenpullover. Ähnlich verhielt es sich mit den zwei Schreibtischen am Fenster und dem Rest des beschaulichen Zimmers; Maris Seite war chaotisch und bunt, Ivys ordentlich und ruhig.
»Bei mir wurde heute Morgen eingebrochen«, kam Amaury gleich zum Punkt.
»Hier?«, rief Mari entsetzt.
»In meiner Unterkunft an der Akademie, ja, wo denn sonst?«, erwiderte Amaury leicht genervt.
»Was weiß ich«, schmollte Mari.
»Wurde etwas gestohlen?«, kam Ivy dazu.
»Nein, soweit ich das beurteilen kann, nichts. Daher frage ich mich umso mehr, warum man sich die Mühe macht durch mein Fenster einzusteigen.«
»Durchs Fenster? Sind die nicht total klein?«, merkte Ivy an. Sie hatte Amaury seit ihrer Ankunft vor einigen Wochen mehrfach in ihrer Bleibe besucht und mit ihr über Pflanzen gesprochen. Amaury war sich daher sicher, dass die Grünhaarige längst von ihrer Unbeholfenheit in Sachen Pflanzenpflege wusste, ihr jedoch aus irgendeinem Grund half, anstatt dieses Wissen gegen sie zu verwenden. Neben Mari war Ivy eine der wenigen Personen, die sie hier als Freundin bezeichnen würde.
»Ja, die Tür war fest verschlossen«, berichtete Amaury.
»Seltsam. Hast du dir das Fenster schon von außen angesehen?«, fuhr Ivy fort.
»Von außen? Du hast recht, das sollte ich tun.«
»Ich komme mit«, meldete Mari sich wieder zu Wort.
»Ich würde euch gern begleiten, aber ich habe Tessa versprochen ihr heute beim Lernen zu helfen«, erklärte Ivy. Seit dem Zwischenfall mit dem Grabstein vor einer Weile verbrachten die beiden gelegentlich Zeit miteinander, wodurch Tessa Anschluss zu ihren Kommilitonen gefunden hatte. Zusammen mit dem Landschaftsgärtner hatten sie sogar den Grabstein wieder hergerichtet und ein wunderschönes Denkmal daraus gemacht. Der einzige Nachteil davon war, dass der Platz unter der Trauerweide nun nicht länger geheim war, doch das konnte der Gärtner sicher verkraften.
»Alles klar, viel Erfolg«, wünschte Amaury, bevor sie sich mit ihrer Cousine auf den Weg machte.

I


»Und?«, fragte Mari, nachdem sie bereits seit zehn Minuten im Nieselregen draußen vor dem Fenster standen. Amaury schien die Feuchtigkeit auf ihren Haaren und ihrer Kleidung nicht zu stören, ebenso wenig wie die matschige Erde, auf der sie stand, um das Fenster und die Fassade aus der Nähe untersuchen zu können.
»Nichts«, knurrte sie. »Hier ist nichts, außer die Kratzspuren, die ich schon von drinnen gesehen habe.«
»Können wir dann wieder reingehen? Meine Haare sind schon ganz feucht.« Die blonde Studentin hockte sich hin und strich liebevoll über den Kopf einer Katze mit goldbraunem Fell. Der Vierbeiner war kurz nach ihrem Eintreffen dazugestoßen und schmiegte sich seitdem an Maris Beine.
»Ja, dein Fell ist auch schon ganz nass«, sagte sie leise zu der Katze, ehe sie sich wieder aufrichtete und zu ihrer Cousine schaute. »Amaury?«, quengelte sie.
»Ja, ist ja schon gut. Lass uns reingehen.«
Schnell begaben sie sich wieder ins Trockene, wo Amaury ernüchternd feststellte, dass sie vergessen hatte das Chaos vom Einbruch aufzuräumen.
»Wow, was ein Durcheinander«, merkte Mari überrascht an. Amaury verkniff sich einen Kommentar bezüglich der Unordnung im Zimmer ihrer Cousine. Stattdessen hatte sie eine bessere Idee.
»Du scheinst heute ein wenig Zeit zu haben, warum hilfst du mir nicht beim Aufräumen? Es gibt hier einige seltsame Gegenstände und Bücher meiner Vorgängerin. Da sie sie nicht mitgenommen hat, braucht sie sie wohl nicht mehr. Wenn dir etwas gefällt, kannst du es mitnehmen«, schlug sie vor.
»Wirklich?«, rief Mari begeistert. Dass es so einfach war, die junge Kunststudentin zur Mithilfe beim Aufräumen zu bewegen, hätte Amaury nicht erwartet.
»Ja, wirklich.«
»Worauf warten wir dann noch?«
Gleich nachdem sie ihre nassen Mäntel an die Garderobe gehängt hatten, machten sich die beiden an die Arbeit. Während Amaury die Erde des umgefallenen Blumentopfes auffegte und ihre Zeichenutensilien zurück an ihren Platz brachte, kümmerte Mari sich um die offenen Schubladen und die umgefallenen Bücherstapel.
»Guck mal«, rief Mari plötzlich. Sie stand vor der großen Vitrine mit den unzähligen fantastischen und wenig wissenschaftlichen Büchern. In ihren Händen hielt sie ein solches Werk.
»Was ist?«, fragte Amaury, die erst einen kleinen Stapel Zeichenblöcke zur Seite legen musste, bevor sie zu ihrer Cousine gehen konnte. »Wow, du hast ein Buch gefunden«, sagte sie dann spöttisch beim Anblick der aufgeschlagenen Seiten.
»Nein, das meine ich nicht, guck hier. Dieses Blatt ist lose. Das war hier nur reingelegt«, erklärte Mari.
»Und was ist daran so besonders? Für mich sieht das nur nach einem alten, von Hand aufgeschriebenen Gedicht aus.«
»Schon, aber es liest sich wie eine Schatzkarte, findest du nicht?«
»Schatzkarte?« Amaury hatte die Zeilen zuvor nur überflogen, doch nun las sie sie gründlicher.

›Sol und Noctis‹

Für ewig treue Diener
der weisen Göttin der Gelehrten
dieser Schatz
ein Segen soll sein

Finde im Schatten der Zeit
hinter dem Angesicht
des größten Feindes
Und der Erde gib wieder


»Wo klingt das für dich nach einer Schatzkarte?«, fragte Amaury belustigt. »Nur weil das Wort ›Schatz‹ darin vorkommt?«
»Nein, es liest sich einfach wie eine Wegbeschreibung«, entgegnete Mari patzig.
»Und selbst wenn es eine wäre, warum sollte der Schatz sich ausgerechnet auf dem Akademiegelände befinden? Die Bücher hier stammen aus aller Welt.«
»Mag sein, aber schau mal da, dieses Wappen auf dem Papier. Das Gedicht wurde auf einem Briefbogen der Akademie verfasst.«
Anerkennend nickte Amaury. »Nicht schlecht«, lobte sie. »Trotzdem könnte das Gedicht schon viel älter sein und es wurde nur auf diesem Briefbogen niedergeschrieben.«
»Mir egal, es klingt nach Abenteuer. Ich habe eine nervige Hausarbeit auf meinem Schreibtisch liegen, der ich aus dem Weg gehen will. Du sagtest ich darf ein Buch mitnehmen, ich will dieses hier. Ich gehe der Sache nach.« Mari klappte das Buch zusammen und wollte zum Ausgang gehen.
»Warte, wo willst du überhaupt mit der Suche anfangen?«, hielt Amaury sie auf. Mari blieb stehen und drehte sich zu ihrer Cousine.
»Ich habe natürlich schon eine Idee, aber vielleicht willst du doch wieder deiner alten Leidenschaft nachgehen und mir helfen?«
Amaury rollte mit den Augen. »Hilf mir die letzten Sachen hier wegzuräumen, dann bin ich dabei.«
Nach einer weiteren halben Stunde saßen die beiden jungen Frauen zusammen an einem Tisch in der Bibliothek der Akademie und betrachteten das Briefpapier mit dem Gedicht, während draußen der Regen prasselte.
»Meinst du der Name des Gedichtes hat etwas zu bedeuten?«, fragte Mari leise.
»›Sol und Noctis‹ … hm, sagt mir nicht viel«, entgegnete Amaury. »Genauso wie diese ›Göttin der Gelehrten‹.«
»Davon habe ich mal was in einer Vorlesung gehört. Das war wohl die Bezeichnung einer frühen Gelehrten, die vor vielen Jahrhunderten gelebt haben soll. Sie wurde damals wie eine Göttin behandelt, aber wer ihre Diener waren, weiß ich nicht.«
»Dann frage ich mich wirklich, ob dieses Gedicht so modern ist, wie du vermutest. Immerhin soll dieser Schatz für die Diener dieser Gelehrten sein. Die werden nach so langer Zeit aber wohl kaum noch leben.«
»Nein, ich weigere mich aufzugeben. Ich bin noch nicht bereit mich meiner Hausarbeit zu widmen. Was ist mit der zweiten Strophe, da geht es doch um den Ort, an dem der Schatz versteckt ist, oder?«
»Möglich, aber wo soll ›der Schatten der Zeit‹ oder ›hinter dem Angesicht des größten Feindes‹ sein?«
»Lass mich all mein nutzloses Literaturwissen auskramen«, begann Mari und nahm eine nachdenkliche Haltung ein. »Mit ›Zeit‹ ist sicher nicht das abstrakte Konzept der Zeit gemeint, sondern eine Uhr. Nehmen wir an, es geht tatsächlich um das Akademiegelände, dann fällt mir nur der Uhrturm ein.«
Erstaunt von so viel Kombinationsgabe brauchte Amaury einen Moment, bis sie ihre Sprache wiederfand.
»Es gibt hier einen Uhrturm?«, fragte sie.
»Ja, das war der Treffpunkt aller Elstern, weil er direkt neben unserem Wohnheim liegt.«
»Elstern?«, hakte Amaury verwirrt nach.
»Oh, so nennt sich die Fakultät aller künstlerischen Studiengänge der Akademie. Dann gibt es noch die Huskies für Sport und die Orcas für wissenschaftlichen Kram. Ivy ist zum Beispiel bei den Orcas.«
»Moment«, warf Amaury ein. »Aber teilt ihr euch nicht ein Zimmer?«
»Richtig, das ist eine Ausnahme, weil meine ursprüngliche Zimmernachbarin unbedingt mit ihrer Zwillingsschwester bei den Orcas wohnen wollte. Daher hat die Akademie eine Ausnahme gemacht und Ivy und sie konnten tauschen.«
»Ach so, verstehe. Dann also zum Uhrturm?«
»Ähm …ja. Ich muss nur kurz noch was erledigen. Bin sofort zurück, okay?«, bat Mari und verschwand für einige Minuten, bis sie schließlich zurückkehrte.
»Gut, dann los«, sagte sie und klang nervös, doch Amaury hinterfragte es nicht – zumindest vorerst.
Es war kein weiter Weg von der Bibliothek und so erreichten die beiden schnell einen klobigen Turm aus groben Steinen, in den eine alte Holztür führte. Drinnen war es feucht und kalt. Eine wackelig von der Decke hängende Neonröhre spendete kühles Licht. Der Raum war weitestgehend leer, einzig ein Stapel Kisten stand in der Ecke und in einer anderen lag ein kleiner Haufen Bauschutt, in dem eine abgebrochene Schaufel steckte. Über verwitterte Holzstufen gelangte man weiter nach oben, wo sich vermutlich das Getriebe der Turmuhr befand.
»Gemütlich«, gab Amaury ironisch von sich.
»Oben ist es besser, wobei das bei Regen vielleicht nicht gilt, zumal ein Teil der Wand fehlt.«
»Interessant.« Amaury achtete nicht länger auf Mari und begann sich umzusehen. »Im Schatten der Zeit«, murmelte sie dabei. Ein erschrockenes Fiepen von Mari riss sie aus ihrer konzentrierten Haltung.
»Was ist denn in dich gefahren?«, fragte sie ihre Cousine, die verstört zur Treppe blickte.
»Ich hab oben was gehört«, erklärte sie im Flüsterton. Amaury ging zu ihr.
»Sagtest du nicht, das hier wäre der Treffpunkt aller Elstern? Dann ist es doch nicht verwunderlich, wenn hier jemand ist, oder?«
»Ja, aber …«
»Was aber?«
»Der ehemalige Hausmeister war auch für die Instandhaltung des Uhrturms verantwortlich. Seit seinem Tod kümmert sich niemand mehr darum. Deswegen ist der Zutritt hier eigentlich bis auf weiteres verboten. Außerdem gehen Gerüchte um, dass der Geist des alten Hausmeisters hier jetzt herumspukt, besonders an regnerischen Tagen, weil das das Lieblingswetter des Hausmeisters war.«
»Moment, was? Aber du hattest doch einen Schlüssel für die Tür?«, erinnerte Amaury sich.
»Ja, also … der ist nicht offiziell. Ehemalige Elstern haben ihn dem Hausmeister gestohlen und eine Kopie angefertigt. Diese ist sowas wie der Schatz der Elstern und wird bei uns auch so genannt. Verrate uns bitte nicht an die Direktorin«, flehte Mari.
»Dann hast du eben also den Schlüssel geholt«, schlussfolgerte Amaury.
»Ja … bitte sag es keinem. Ich wollte doch unbedingt diesen Schatz finden. Ich hab den anderen versprochen, dass du uns nicht verrätst.«
Amaury seufzte. »Keine Sorge, ich verrate euch schon nicht.« Ihr Blick huschte zu den hölzernen Treppenstufen. »Ich glaube aber auch nicht an Geister. Lass uns nachsehen, woher das Geräusch kam.« Mari hatte nicht viel Zeit, ihre Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen, sondern heftete sich an die Fersen ihrer Cousine, wenngleich sie bei weitem ängstlicher aussah.
Langsam stiegen sie die Stufen unter kläglichem Knarzen empor und standen kurz darauf in einem ähnlichen Raum, wie zuvor. Weitere Kisten, Spinnweben und zwei verwitterte Holzstühle gab es hier zu sehen. Das Spannendste war noch das Loch in der Wand, durch das man auf die Dächer der umliegenden Akademiegebäude sehen konnte und wie der Regen darauf prasselte.
»Niemand hi-«, wollte Amaury sagen, als ein seltsames Geräusch sie zusammenfahren ließ. Auch Mari schrie vor Schreck kurz auf.
»Der Geist des Haus- hm?«, kreischte Mari, bis sie auf einmal still wurde. »Aww, du schon wieder«, sagte sie plötzlich und ging auf den Verursacher der Geräusche zu. Eine pechschwarze Katze mit weißer Zeichnung auf der Brust und weißen Vorderpfoten saß auf einer Holzkiste in der Ecke und ließ sich von Mari streicheln. Kurzerhand holte die junge Frau etwas aus ihrer Jackentasche und fütterte die Samtpfote damit.
»Kennst du diese Katze?«, wollte Amaury wissen.
»Ich sehe sie gelegentlich auf dem Gelände. Sie und die goldbraune Katze von vorhin. Niemand scheint zu wissen, wem sie gehören, aber sie sind sehr verschmust und manchmal auch abenteuerlustig.«
»Hast du deswegen immer Leckerlies in der Tasche?«
»Was? Nein, natürlich nicht. Die hier habe ich eben beim Aufräumen in einer deiner Schubladen gefunden und mitgenommen«, erklärte Mari und verfütterte auch das letzte Leckerli, bevor sie die Hände an ihrer Hose abwischte.
Nun näherte sich auch Amaury der schwarzen Katze und bückte sich, um sie zu streicheln. Die Katze stand auf, kam selbstbewusst auf die junge Frau zu und schlich kurz um Amaurys Beine, ehe sie durch das Loch im Mauerwerk hinaus in den Regen verschwand.
»Also kein Geist«, fasste Amaury zusammen.
»Ich will trotzdem nicht länger bleiben als nötig.« Maris schneller Stimmungswechsel von ängstlich zu fröhlich und zurück zu ängstlich erschloss sich Amaury nicht ganz, aber sie waren ohnehin wegen anderen Rätseln hier.
»Im Schatten der Zeit sollten wir sein, aber was ist nun ›das Angesicht des größten Feindes‹ und wie gelangen wir dahinter?«, fuhr sie fort.
»Gute Frage«, entgegnete Mari. Sie stand noch immer in der Ecke vor der Holzkiste, auf der die Katze zuvor gesessen hatte, und schien sich nicht bewegen zu wollen. Amaury wandte sich von ihr ab und begutachtete den Raum, sowie die Leiter ins Dachgeschoss mit dem Uhrwerk genauer, bis Mari ein missmutiges Geräusch von sich gab.
»Hast du was gefunden?«, fragte Amaury und drehte sich zu ihr. Mari stand einen Schritt weiter links als zuvor und schien eine Wand anzustarren.
»Der Regen hat meine Haare ganz krisselig werden lassen, guck mal wie schrecklich ich aussehe«, meckerte Mari. Erst als Amaury näher zu ihr ging, erkannte sie, wie die junge Studentin darauf kam. Vor ihr befand sich eine Wandnische, in der ein verstaubter Spiegel stand. Nachdenklich betrachtete Amaury diesen nun und murmelte etwas vor sich hin.
»Das ist es«, rief sie schließlich.
»Himmel, erschreck mich doch nicht so«, sagte Mari vorwurfsvoll.
»Hinter dem Angesicht des größten Feindes, das ist es Mari. Damit ist der Spiegel gemeint. Der größte Feind ist man selbst.«
»Oh … Ohhh«, machte Mari verstehend. »Also hinter diesem Spiegel?«
»Dort oder nirgends«, versicherte Amaury und versuchte den Spiegel aus der Nische zu holen. Es brauchte einige Anläufe, doch dann gelang es ihr und zum Vorschein kam eine Vertiefung in der Wand. Darin steckte ein Gegenstand. Erstaunt sahen die beiden Frauen einander an, bevor Amaury vorsichtig in die Vertiefung griff, um das Objekt herauszuziehen. Kurz darauf hatte sie eine kleine Schatulle in der Hand.
»Unglaublich, also gibt es den Schatz tatsächlich«, sagte Mari aufgeregt.
»Bleibt nur noch die Frage, was der Schatz ist.«
»Los mach schon auf«, drängte die Studentin.
Vorsichtig öffnete Amaury den Verschluss der kleinen Schatulle und klappte anschließend den Deckel langsam auf. Zum Vorschein kam weißes Seidenpapier, in das etwas eingewickelt war. Amaury gab die Schatulle an Mari und machte sich dran das Objekt aus dem Seidenpapier zu holen. Darin befand sich ein winziges Glasfläschchen, das mit einem Korken versiegelt war. Im Inneren waren kleine, dunkle Körnchen.
»Was ist das?«, entfuhr es Mari.
»Sieht … wie Saatgut aus?«, sagte Amaury ungläubig.
»All der Aufwand für ein paar Saatkörner?«
»Es scheint so.«
Ernüchtert ließ Mari die Schultern hängen, gab Amaury die Schatulle zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Na ja, wir haben einen echten Schatz gefunden und ich konnte meiner Hausarbeit etwas länger aus dem Weg gehen.«
»Ich werde sie einpflanzen und sehen war daraus wächst. Sicher kann Ivy mir dabei helfen«, schlug Amaury vor.
»Das ist eine gute Idee. Sag mir unbedingt was daraus geworden ist. Vielleicht machen die Blätter dieser Pflanze unsterblich oder geben einem Superkräfte. Irgendwas Besonders muss die Pflanze ja an sich haben, sonst wäre sie kein Geschenk für die Diener einer Göttin.«
»Wir werden sehen.« Amaury stellte den Spiegel zurück in die Wandnische und nahm die Schatulle samt Inhalt mit. »Immerhin erschließt sich mir jetzt die letzte Zeile des Gedichts«, sagte sie, während sich die beiden auf den Rückweg zum Hauptgebäude machten. Mari legte den Kopf schief.
»›Und der Erde gib wieder‹«, zitierte Amaury. »Es stand die ganze Zeit über im Gedicht, was genau der Schatz ist.«

I


Am Abend lag wieder ein dichter Nebel über der ganzen Akademie und den Fichtenwäldern. Amaury hatte die mysteriösen Samen in einen gesonderten Topf gepflanzt und an einen sicheren Ort im Gewächshaus gestellt, wo sie das Wachstum beobachten konnte. Nun saß sie wieder auf ihrer Couch, trank eine Tasse Tee und resümierte die Ereignisse des Tages. Sie konnte noch immer nicht glauben, dass Mari und sie tatsächlich einen Schatz gefunden hatten – auch wenn dieser auf den ersten Blick weniger glänzend und wertvoll war, als erwartet.
Gerade als Amaury ihre Tasse an die Lippen gehoben hatte und einen Schluck trinken wollte, ertönte ein unangenehmes Kratzgeräusch aus Richtung des Fensters. Sofort stellte Amaury die Tasse zur Seite und stand auf. Kaum hatte sie das Fenster erreicht, schob sich dieses auf und zwei kleine Gestalten schlüpften durch die Lücke. Entsetzt beobachtete Amaury wie eine goldbraune und eine pechschwarze Katze über ihre Kommode tänzelten und sich auf ihrer Couch niederließen.
»Damit wäre dann wohl auch der Einbruch aufgeklärt«, sagte Amaury leise und setzte sich zu den Vierbeinern.
»Hat meine Vorgängerin euch etwa immer Futter gegeben und ich habe das aus Unwissenheit nicht getan? Wart ihr deswegen wütend und habt mein Zimmer heute Morgen verwüstet? Dann werde ich morgen wohl schauen, wo ich Katzenfutter herbekomme«, sprach Amaury liebevoll mit den beiden, während sie ihre Finger über das weiche, leicht feuchte Fell des goldbraunen Katers streichen ließ, was der Vierbeiner sichtlich genoss und leise schnurrte. Plötzlich blieb sie an etwas hängen. Sie schaute genauer hin und entdeckte ein Halsband mit einem Anhänger daran. Vorsichtig betrachtete sie diesen genauer und erkannte die Form einer Sonne. Darauf war ein Name eingraviert. Amaurys Herz klopfte schneller als sie diesen las. Eilig tastete sie auch die schwarze Katze nach einem Halsband ab und wurde rasch fündig. Auch bei ihr hing ein Anhänger mit eingraviertem Namen daran, jedoch hatte dieser die Form eines Halbmondes. Fassungslos schüttelte Amaury den Kopf und hielt dabei mit ihren Streicheleinheiten inne, was die Katzen als Aufforderung verstanden zu gehen. Kurzerhand erhoben sie sich, kletterten erneut zum Fenster hinaus und verschwanden in der verregneten Nacht.
Amaury hatte ihnen entrüstet hinterhergeschaut und konnte nun nicht anders als erneut den Kopf zu schütteln. Vielleicht gab es doch das ein oder andere Mysterium, dessen Erklärung wohl für alle Ewigkeit ein Geheimnis blieb. Kurzerhand stand sie auf, um das Fenster wieder zu schließen. Dabei murmelte sie ungläubig die Namen der Katzen: »Sol und Noctis …«

I


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