Weltenfeder

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Kapitel 8 – Das dritte Mysterium – Der schwarze König

»Nein, nicht meinen Turm«, beschwerte sich Darcey ungehalten und musste mitansehen, wie Amaury die kleine, weiße Schachfigur auf ihre Seite neben das Brett stellte. »Hättest du eben besser aufpassen müssen«, entgegnete sie unbekümmert und betrachtete siegessicher schmunzelnd die Positionen der übrigen Figuren. Man musste nicht viel von Schach verstehen, um zu wissen, dass Darceys Siegeschancen gegen Null gingen. Plötzlich empfand Amaury seinen Vorschlag, den Schachclub der Akademie zu besuchen, als gar nicht mehr so schlecht.
»Warts ab, ich werde das Blatt noch wenden«, gab Darcey den Kampf trotzdem noch nicht auf.
»Wenn wir Karten spielen würden, vielleicht«, spottete Amaury belustigt und sah hinüber zu den anderen Tischen, während ihr weißhaariger Gegenspieler mit konzentriertem Blick versuchte seinen nächsten, meisterhaften Zug zu ersinnen.
Sie saßen in einem kleinen Raum mit dunkel vertäfelten Wänden und hohen Decken, an denen, passenderweise, große, dunkelbraune und cremeweiße Kacheln in einem Schachbrettmuster angebracht waren. Sechs kleine, runde Tische, auf denen sich jeweils ein Schachbrett befand, standen auf dunklem Parkettboden. Auf vier Brettern trugen die kleinen Figuren nun hitzige Gefechte aus. Unweit von Amaurys und Darceys Platz ragte ein altes Fenster bis an die Decke. Trotz der Holzstreben konnte man hinaus in die Parkanlage der Akademie blicken.
Noch immer auf Darceys Zug wartend, beobachtete Amaury, wie zwei neue Personen den Raum betraten und sich neben ihnen an einen leeren Tisch setzten.
»Okay, ich hab’s«, verkündete Darcey leise, woraufhin Amaury mitansehen musste, wie der Weißhaarige seinen Untergang besiegelte. Am Nebentisch hörte sie derweil, wie eine Frauenstimme sich über eine fehlende Figur in ihrem Satz beschwerte.
»Er kann doch nicht weit sein«, entgegnete eine tiefere Stimme.
»Doch, der schwarze König ist weg«, beharrte die Frau.
»Und?«, zog Darcey die Aufmerksamkeit seiner Gegenspielerin wieder auf sich.
»Hm?«, machte Amaury und legte fast gelangweilt die Finger um ihren verbleibenden Läufer, um Darcey damit Schachmatt zu setzen. Mitten im Zug stoppte sie jedoch ihre Bewegung und ließ die Figur auf ein anderes Feld sinken.
»Was war das denn?«, fragte Darcey, ein Lachen unterdrückend.
»Rauch?«, murmelte Amaury abwesend und sprang dann eilig auf. »Rauch. Es brennt«, rief sie.
Sofort unterbrachen alle ihre Partien und schauten zum Fenster. Tatsächlich stieg dort tiefgrauer Rauch in die Luft. Mit einem Mal waren alle schachbezogenen Strategien vergessen und die Anwesenden verließen zügig den Raum.
Draußen angekommen, hatten sich bereits andere Studierende versammelt und auch die Direktorin war vor Ort.
»Alles ist gut. Das Feuer wird bereits gelöscht«, versicherte sie mit durchdringender Stimme. »Warten Sie bitte hier, wir können sicher das Gebäude gleich wieder betreten.«

I


Nach einer Viertelstunde war der Brand gelöscht und alle begaben sich zurück in die Räumlichkeiten der Akademie, zumal ein leichter Nieselregen eingesetzt hatte.
»Kommst du, Amaury?«, fragte Darcey, als die junge Frau nachdenklich mit dem Blick auf die Brandstelle fixiert stehen geblieben war.
»Ja, ähm … nein, warte noch einen Moment«, bat sie und ging zu dem Ort, wo das Gras ein wenig verkohlt war. Die Fassade des Gebäudes war vom Ruß geschwärzt, ebenso wie ein metallischer Kasten an der Wand, jedoch schien beides noch intakt. Zielstrebig lief Amaury auf einen nahestehenden Busch mit angesengten Zweigen zu und kroch ein Stück darunter.
»Was machst du denn?«, wollte Darcey angespannt wissen, nachdem er zu ihr gekommen war und sich nun nervös umschaute.
»Was? Ach … ach nichts«, versicherte Amaury und steckte schnell etwas in ihre Jackentasche, sobald sie sich wieder aufgerichtet hatte. »Wollen wir zurück?«
Darcey musterte sie skeptisch, ehe er nickte und sie zurück in den Raum des Schachclubs gingen.
An Schachspielen war nach dem Zwischenfall nicht mehr zu denken gewesen, weshalb sie nur noch die Bretter und Figuren aufräumten. Währenddessen gab es Etwas, das Amaury einfach nicht losließ, jedoch musste Darcey zurück an seine Arbeit gehen und auch sie hatte noch einiges im Gewächshaus zu tun, weshalb sie beschloss, sich später dieser Sache zu widmen.

I


»Darcey«, sprach sie den Weißhaarigen am Vormittag des nächsten Tages in seinem Arbeitszimmer an. Sie hatte gehofft ihn dort allein zu finden, jedoch war Camille ebenfalls zugegen. Er hockte tief gebeugt über seinem vor Zetteln und Büchern überquellenden Schreibtisch vor dem Fenster und schien nicht viel von seiner Umgebung mitzubekommen. Zumindest reagierte er nicht, als Amaury eintrat und sich mit Darcey zu unterhalten begann.
»Guten Morgen, ist etwas passiert? Du kommst doch sonst nicht so früh her«, begrüßte er sie. Tatsächlich war es zu einem seltsamen Ritual geworden, dass Amaury sich mindestens zwei Mal pro Woche am Nachmittag mit ihrem alten Freund aus Kindertagen traf, um zusammen etwas an der Akademie zu unternehmen – wie am Tag zuvor der Besuch beim Schachclub.
»Nein, also …«, begann Amaury und warf Camille einen skeptischen Blick zu, fuhr jedoch fort, als er nach wie vor keine Regung zeigte. »Ich weiß, sie haben gesagt, dass das Feuer auf einen Kurzschluss im Stromkasten wegen der Feuchtigkeit zurückzuführen ist, aber das denke ich nicht.«
Darcey hob fragend eine Augenbraue.
»Hier. Sieh dir das an.« Kurzerhand holte Amaury ein Stofftaschentuch aus ihrer Manteltasche und faltete es vorsichtig auseinander. Darin lag eine schwarze Schachfigur.
»Woher hast du die und wie soll sie mit dem Feuer in Verbindung stehen?«, wollte Darcey mit gesenkter Stimme wissen.
»Ich hab sie gestern in der Nähe der Brandstelle gefunden«, flüsterte sie zurück.
Darcey sah flüchtig zu Camille, dann zurück auf die Figur im Taschentuch. Anschließend verschränkte er die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf.
»Das bedeutet gar nichts. Der Brand war doch direkt vor dem Fenster des Schachclubs. Vermutlich ist die Figur einfach rausgefallen. Oder ein schlechter Verlierer hat sie rausgeworfen.«
»Aber …«, beharrte Amaury.
»Bring die Figur zurück zum Schachclub. Dort vermisst man sie bestimmt schon. Und mach dir nicht so viele Gedanken wegen dem Feuer. Es war ein Unfall.«
Missmutig faltete Amaury das Taschentuch samt Inhalt zusammen und verstaute es erneut in ihrer Manteltasche.
»Mir egal was du denkst. Da steckt mehr dahinter. Das war kein Zufall«, verkündete Amaury überzeugt.
Darcey schüttelte abermals den Kopf und wandte sich dann einem Schrank mit gläserner Tür zu. »Mach was du willst. Ich habe noch einiges zu tun, aber vielleicht könnten wir heute Nachmittag …« Darcey stoppte. Er schaute über seine Schulter und musste feststellen, dass seine Gesprächspartnerin den Raum bereits wieder verlassen hatte.
»So viel zum Thema, ›Schluss mit der Jagd nach Mysterien‹«, seufzte er belustigt und widmete sich wieder dem Glastürschrank.

I


Mit konzentriertem Blick hockte Amaury neben der Stelle mit dem verkohlten Gras und suchte verbissen nach weiteren Hinweisen. Bereits zum zehnten Mal betrachtete sie einen Schuhabdruck im Matsch, der ihr sonderbar vorkam, fand jedoch sonst nichts Nützliches.
»Ich habe die Calatheas für dich gegossen. Die Erde sah schon ein wenig trocken aus«, riss eine Stimme sie aus ihren Gedanken.
»Was? Oh, Ivy. Die Ca… verdammt die Calatheas«, entfuhr es Amaury. Eilig stand sie auf und holte ihr Notizbuch aus der Tasche. Hastig blätterte sie zu der Seite mit dem Gießzeitenplan und schlug mit den Fingern auf das Papier.
»Die wären echt gestern dran gewesen. Danke Ivy«, sagte Amaury beschämt.
»Kein Problem. Aber sag mal … was machst du? War hier nicht gestern dieser Brand?«, wollte die Botanik-Studentin wissen.
»Ja, deswegen bin ich hier.«
Ivy legte fragend den Kopf schief.
»Nicht so wichtig. Und du?«, fuhr Amaury hastig fort.
»Ich bin auf dem Weg zum Training. Heute ist Blackminton-Abend, da will ich bereit sein«, erklärte die junge Frau mit den grünen Haaren.
»Du meinst Badminton«, korrigierte Amaury.
»Nein, ›Blackminton‹«, versicherte Ivy.
»Was soll das denn sein?«
»Es findet alle zwei Wochen in der kleinen Sporthalle statt. Im Grunde sind die Regeln wie beim Badminton, nur, dass wir im Stockdunklen spielen.«
»Wie soll das denn gehen?«
»Die Felder sind mit fluoreszierenden Klebestreifen gekennzeichnet, ebenso die Schläger und Bälle. Auch die Spieler tragen Trikots, die im Dunklen leuchten. Es ist echt cool, du solltest vorbeikommen.«
Verwundert über die hier angebotenen Sportarten – und der Tatsache, dass sie nicht schon viel eher davon gehört hatte – verschränkte Amaury die Arme vor der Brust.
»Was es nicht alles gibt … Hört sich auf jeden Fall spannend an. Vielleicht komme ich vorbei.«
»Das solltest du«, betonte Ivy lächelnd. »Blackminton ist hier eine große Sache. Immerhin haben wir sogar einen Klubraum. Gleich da vorn. Du siehst, wir meinen es ernst.« Sie zeigte auf die Fensterfront direkt über dem verrußten Mauerwerk.
»Der ist hier?«, entfuhr es Amaury verwundert.
»Ja. Normalerweise sind die Sportclubräume in einem anderen Gebäude, aber da Blackminton nur alle zwei Wochen stattfindet, haben wir diesen kleinen Raum dort bekommen. Er wird eigentlich für andere Sachen benutzt, aber immer am Tag vor dem Blackminton-Abend treffen sich alle Spieler dort. Gestern auch. Ist eigentlich nicht viel, aber wir bilden uns trotzdem was darauf ein«, scherzte Ivy.
»Verstehe. Dann viel Erfolg beim Training«, verabschiedete sich Amaury.
»Danke. Dir viel Erfolg bei … was auch immer du tust.«
Amaury nickte und schaute gedankenversunken auf die Fensterfront. Der Clubraum der Blackmintonspieler befand sich genau eine Etage unter dem des Schachclubs …

I


Die Sporthalle war stockdunkel, doch die grellen, bunten Neonstreifen leuchteten hell. Auf den kleinen Tribünen drängten sich gut gelaunte, lautjubelnde Zuschauer. Unweit davon bereiteten sich etliche Spieler in leuchtend bunten Trikots auf das nächste Spiel vor. Zwei Felder gab es in der kleinen Halle und auf beiden wurde rege Blackminton gespielt. Ivy und ihre Partnerin hatten gerade gegen ihre Gegnerinnen verloren und kehrten vorerst auf die Tribüne zurück, wo Amaury und Mari saßen.
»Und? Wie gefällt es dir?«, wandte Ivy sich an die Ältere der beiden.
»Es ist ziemlich bunt«, gab Amaury ein wenig überfordert zurück.
»Stimmt, aber das macht es gerade so spaßig«, entgegnete Ivy, der Amaury so viel Enthusiasmus gar nicht zugetraut hatte.
»Und schon wieder ein Sieg für Team Neongrün«, dröhnte eine Stimme durch die Halle, begleitet von lautem Jubel der Zuschauer. Auf dem anderen Feld machte ein junger Mann in neongrünem Trikot Freudensprünge und ließ sich feiern.
»Dieses Team scheint echt gut zu sein. Das ist jetzt schon ihr sechster Sieg in Folge«, bemerkte Amaury nüchtern.
»Ja, mag schon sein«, brummte Ivy.
»Man kann von Tom halten, was man will, aber er spielt echt gut«, sagte Mari und stand auf. »Ich gehe kurz zu Vanea. Muss ihr zum Sieg gratulieren.« Während sie das sagte, warf Mari Ivy einen entschuldigenden Blick zu.
»Hast du nicht gerade eben gegen Vaneas Team verloren?«, sprach Amaury schneller als sie denken konnte und bereute ihre Worte sofort.
»Ja, aber gegen Vanea zu spielen macht Spaß, weil sie nicht so ein selbstverliebter Trottel ist, wie Tom. Ich meine, wer nennt sich selbst ›König des Blackminton‹?«
Mit einem Mal saß Amaury wieder aufrecht, war sie zuvor allmählich auf der Bank eingesackt.
»Moment, ›König des Blackmintons‹?«, hakte sie nach.
»Ja, weil er eben immer gewinnt, aber ich finde das ein bisschen zu prahlerisch«, erklärte Ivy mit verschränkten Armen. »Immerhin spielt er nicht allein. Das ist doch echt unfair seinem Teampartner gegenüber.«
Amaury hatte nachdenklich die Arme vor der Brust verschränkt. »Blackminton … Black … schwarz … schwarzer König«, murmelte sie vor sich hin, bevor sie ruckartig aufstand und sich von der Tribüne entfernte.
»Amaury?«, rief Ivy ihr hinterher.
»Entschuldige mich kurz«, sagte sie im Laufen.
Kurz darauf stand sie neben einer Menschentraube, die sich um den selbsternannten König des Blackmintons gescharrt hatte. Studentinnen himmelten ihn an und lobten seine großartige Spielweise und betonten wiederholt, wie gut er doch beim Spielen aussah.
Es dauerte eine Weile, doch dann ließen sie ihn endlich gehen und Amaury nutzte ihre Chance.
»Hi, Tom, nehme ich an? Ich bin Amaury und ich hätte ein paar Fragen an dich«, überrumpelte sie ihn. Verblüfft von so viel Initiative starrte der hochgewachsene Sportler sie an.
»Ähm …«, machte er und wollte ausweichen.
»Komm doch kurz zur Seite. Es dauert auch nicht lang«, versicherte Amaury nachdrücklich und deutete auf eine ruhigere Ecke der Tribünen.
»Also«, begann sie, sobald sie etwas abseits des Trubels standen, »du bist ein ziemlich erfolgreicher Blackmintonspieler. So viel Können muss doch auch den ein oder anderen Neider anlocken, oder?«
»Was?«, fragte Tom und legte den Kopf schief. »Ich hab keine Ahnung was das werden soll, aber das ist die schrägste Anmache, die ich je erlebt habe.«
»Bitte?«, entfuhr es Amaury. Sofort schüttelte sie den Kopf. »Nein, das verstehst du falsch. Ich will nichts von dir … zumindest nicht so wie du denkst. Ich will nur ein paar Antworten.« Für einige Atemzüge starrten sie einander verwirrt in unangenehmer Stille an, bevor Amaury erneut das Wort ergriff.
»Also gut, lass mich gleich zum Punkt kommen. Gibt es jemanden, der dich bei lebendigem Leibe verbrennen wollen würde?«
Der Sportler zuckte zusammen. Seine Augen weiteten sich.
»Was zum Teufel?«, rief er. »Was stimmt denn nicht mit dir?«
»Das bedeutet wohl nein. Gibt es denn jemanden, der dich nicht mag?«
Die Schultern des Blackmintonspielers lockerten sich ein wenig. »Bestimmt, aber soll mir egal sein«, gab er sich gelassen.
»Verstehe …«
»Warte, eine Person fällt mir doch ein. Vermutlich wäre sie die Leiterin des Wir-können-Tom-nicht-leiden Clubs«, begann er und musste ein Lachen unterdrücken.
»Aha?«
»Meine Schwester, Jody.« Nun verfiel der Sportler in schallendes Gelächter, bevor er den Kopf schüttelte und wegging. Zähneknirschend blieb Amaury zurück und atmete tief durch, ehe sie zurück zu Ivy ging.
»Sag mal Ivy, kennst du jemanden namens Jody?«, erkundigte Amaury sich beiläufig.
»Jody? Das ist doch Vaneas Mitbewohnerin«, meldete Mari sich nun zu Wort.
»Wo finde ich sie?«, wollte Amaury dringlich wissen.
»Sie ist heute nicht hier. Blackminton ist nicht so ihrs. Ich kann dir morgen aber zeigen, wo ihr Zimmer ist«, bot Mari an.
»Das wäre großartig.«
»Gut, es geht weiter. Drückt mir die Daumen, das nächste Match wird nicht leicht«, verabschiedete Ivy sich zurück aufs Spielfeld, was Amaury und Mari mit einem energischen Nicken versicherten.

I


Hölzern erklang das Klopfen auf der Zimmertür. Es dauerte nicht lang, bis eine freundliche Stimme Amaury hereinbat.
»Oh, wer bist denn du? Kennen wir uns?«, fragte eine junge Frau, die bis gerade wohl an einer Hausarbeit an ihrem Schreibtisch gearbeitet hatte. Nun stand sie auf und kam Amaury entgegen.
»Nein, ich denke nicht, dass wir uns kennen. Ich bin Amaury. Ich bin … die neue Gärtnerin«, stellte sie sich vor.
»Oh, freut mich, aber was verschafft uns die Ehre? Pflanzen haben wir hier nicht viele«, wollte sie wissen und brachte Amaury dadurch kurz zum Stutzen. Suchend sah sie im Zimmer umher, bis ihr Blick an einer regungslos auf dem Bett sitzenden Gestalt in schwarzer Kleidung hängen blieb.
»Oh, dich habe ich gar nicht gesehen«, entschuldige Amaury sich, worauf die zweite Person nur mit einem knappen Kopfnicken reagierte.
»Warum bist du hier?«, zog die erste Studentin Amaurys Aufmerksamkeit zurück auf sich.
»Ah, richtig. Bist du Jody?«
»Ja«, bestätigte die Angesprochene.
»Dann ist Tom dein Bruder?«
»So ist es.«
»Wo warst du Vorgestern, etwa gegen fünfzehn Uhr?«, kam Amaury gleich zur Sache.
Jody legte verwirrt den Kopf schief. »Was?«
Im Augenwinkel sah Amaury, wie die dunkel gekleidete Person kurz den Kopf hob.
»Keine Sorge, das ist kein Verhör«, beschwichtigte Amaury, wobei es genau das war.
»Ich … ich weiß nicht mehr«, sagte Jody unbeholfen. »Vanea, weißt du noch, was ich …«, wandte sie sich an die dunkle Gestalt.
»Nein, tut mir leid«, entgegnete sie kalt.
»Du bist Vanea«, sprach nun auch Amaury sie an.
»Richtig. Ich muss mich jetzt konzentrieren, wenn ihr etwas leiser sprechen könntet?«, bat Vanea und senkte den Blick auf das Buch in ihren Händen.
»Warum willst du wissen, wo ich vorgestern war?«, hakte Jody nach.
»Das … hat Gründe. Es geht um das Feuer.«
Jody zuckte zusammen. Mit einem Mal wirkte sie nervös.
»D-das Feuer?«, fragte sie angespannt.
»Ja, also? Wo warst du?«, blieb Amaury hart.
»Das … ich …«, stammelte Jody und schaute kurz zu Vanea, bevor sie den Kopf hängen ließ.
»Es hat keinen Sinn. Ich gebe es zu. Ich habe das Feuer gelegt«, gestand sie plötzlich.
»Wie bitte?«, entfuhr es Amaury.
»Es stimmt. Mein … mein Bruder hat immer mit seinen Erfolgen im Blackminton geprahlt und sich über mich lustig gemacht, weil ich mit Sport nichts am Hut habe. Deswegen habe ich seine Hausarbeit gestohlen und verbrannt.«
»Das …«, fehlten selbst Amaury die Worte.
»Es tut mir leid. Das war dumm von mir«, räumte Jody ein.
»In der Tat. Deine Wut ist verständlich, aber das hätte gefährlich werden können«, bestätigte Amaury, während ihre Gedanken rasten.
Auf einmal legte Vanea ihr Buch zur Seite und stand auf.
»Jody«, sagte sie einfühlsam. »Das war zwar wirklich riskant, aber es wurde ja niemand verletzt.«
»Ja …«, hauchte die verschüchterte Studentin.
»Ich sehe keinen Grund jemandem davon zu erzählen, zumal nichts Schlimmeres passiert ist«, erklärte Vanea und sah dabei entschieden zu Amaury. Diese steckte ihre Hand in die Tasche ihres Mantels, wo sich ihre Finger um einen Gegenstand legten.
»Sicher …«, entgegnete sie langsam. Ihr Blick huschte von Vanea zu Jody. »Tu so etwas bitte nicht wieder. Überleg dir das nächste Mal eine etwas weniger gefährliche Retourkutsche, ja? Oder lass es am besten ganz sein und sprich lieber mit deinem Bruder«, bat Amaury gezwungen, bevor sie die beiden allein ließ.
Nachdenklich stand sie auf dem Flur, ehe sie zum Raum des Schachclubs ging.
Dort angekommen suchte sie das Schachbrett, auf dem vor zwei Tagen der schwarze König gefehlt hatte. Zu ihrer Verwunderung waren nun jedoch alle Figurensätze komplett. Nachdenklich ging sie zum Fenster und schaute hinunter auf den Ort, an dem der Brand gewesen war. Ihre Finger umfuhren die Kontur des Objekts in ihrer Tasche. War es zuvor nur eine intuitive Vermutung von Amaury gewesen, bestand nun für sie kein Zweifel mehr daran, dass dieser Brand sicherlich nicht die Folge von angezündeten Hausarbeiten war und Jody vermutlich gar nichts damit zu tun hatte oder viel mehr nur als Sündenbock benutzt wurde. Doch wer würde … Amaury schüttelte den Kopf und ging zurück in ihre Unterkunft.
Sie stand vor einem Regal mit kleinen Holzfiguren und Steinen, die wohl ihrer Vorgängerin gehört haben mussten. Kurzerhand schob sie zwei Steine zur Seite und holte das Objekt aus ihrer Manteltasche, um es an der freien Stelle zu platzieren. Schweigend in ihre Gedanken vertieft, betrachtete sie die schwarze Schachfigur, ehe sie zur angrenzenden Küchennische ging und starken, schwarzen Tee kochte, ganz so wie sie es immer tat, wenn ein Mysterium einen unzufriedenstellenden Abschluss gefunden hatte und vorerst weiterhin das blieb, was es nicht mehr hätte sein sollen – ein Rätsel.

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Kapitel 8 – Das dritte Mysterium – Der schwarze König

»Nein, nicht meinen Turm«, beschwerte sich Darcey ungehalten und musste mitansehen, wie Amaury die kleine, weiße Schachfigur auf ihre Seite neben das Brett stellte. »Hättest du eben besser aufpassen müssen«, entgegnete sie unbekümmert und betrachtete siegessicher schmunzelnd die Positionen der übrigen Figuren. Man musste nicht viel von Schach verstehen, um zu wissen, dass Darceys Siegeschancen gegen Null gingen. Plötzlich empfand Amaury seinen Vorschlag, den Schachclub der Akademie zu besuchen, als gar nicht mehr so schlecht.
»Warts ab, ich werde das Blatt noch wenden«, gab Darcey den Kampf trotzdem noch nicht auf.
»Wenn wir Karten spielen würden, vielleicht«, spottete Amaury belustigt und sah hinüber zu den anderen Tischen, während ihr weißhaariger Gegenspieler mit konzentriertem Blick versuchte seinen nächsten, meisterhaften Zug zu ersinnen.
Sie saßen in einem kleinen Raum mit dunkel vertäfelten Wänden und hohen Decken, an denen, passenderweise, große, dunkelbraune und cremeweiße Kacheln in einem Schachbrettmuster angebracht waren. Sechs kleine, runde Tische, auf denen sich jeweils ein Schachbrett befand, standen auf dunklem Parkettboden. Auf vier Brettern trugen die kleinen Figuren nun hitzige Gefechte aus. Unweit von Amaurys und Darceys Platz ragte ein altes Fenster bis an die Decke. Trotz der Holzstreben konnte man hinaus in die Parkanlage der Akademie blicken.
Noch immer auf Darceys Zug wartend, beobachtete Amaury, wie zwei neue Personen den Raum betraten und sich neben ihnen an einen leeren Tisch setzten.
»Okay, ich hab’s«, verkündete Darcey leise, woraufhin Amaury mitansehen musste, wie der Weißhaarige seinen Untergang besiegelte. Am Nebentisch hörte sie derweil, wie eine Frauenstimme sich über eine fehlende Figur in ihrem Satz beschwerte.
»Er kann doch nicht weit sein«, entgegnete eine tiefere Stimme.
»Doch, der schwarze König ist weg«, beharrte die Frau.
»Und?«, zog Darcey die Aufmerksamkeit seiner Gegenspielerin wieder auf sich.
»Hm?«, machte Amaury und legte fast gelangweilt die Finger um ihren verbleibenden Läufer, um Darcey damit Schachmatt zu setzen. Mitten im Zug stoppte sie jedoch ihre Bewegung und ließ die Figur auf ein anderes Feld sinken.
»Was war das denn?«, fragte Darcey, ein Lachen unterdrückend.
»Rauch?«, murmelte Amaury abwesend und sprang dann eilig auf. »Rauch. Es brennt«, rief sie.
Sofort unterbrachen alle ihre Partien und schauten zum Fenster. Tatsächlich stieg dort tiefgrauer Rauch in die Luft. Mit einem Mal waren alle schachbezogenen Strategien vergessen und die Anwesenden verließen zügig den Raum.
Draußen angekommen, hatten sich bereits andere Studierende versammelt und auch die Direktorin war vor Ort.
»Alles ist gut. Das Feuer wird bereits gelöscht«, versicherte sie mit durchdringender Stimme. »Warten Sie bitte hier, wir können sicher das Gebäude gleich wieder betreten.«

I


Nach einer Viertelstunde war der Brand gelöscht und alle begaben sich zurück in die Räumlichkeiten der Akademie, zumal ein leichter Nieselregen eingesetzt hatte.
»Kommst du, Amaury?«, fragte Darcey, als die junge Frau nachdenklich mit dem Blick auf die Brandstelle fixiert stehen geblieben war.
»Ja, ähm … nein, warte noch einen Moment«, bat sie und ging zu dem Ort, wo das Gras ein wenig verkohlt war. Die Fassade des Gebäudes war vom Ruß geschwärzt, ebenso wie ein metallischer Kasten an der Wand, jedoch schien beides noch intakt. Zielstrebig lief Amaury auf einen nahestehenden Busch mit angesengten Zweigen zu und kroch ein Stück darunter.
»Was machst du denn?«, wollte Darcey angespannt wissen, nachdem er zu ihr gekommen war und sich nun nervös umschaute.
»Was? Ach … ach nichts«, versicherte Amaury und steckte schnell etwas in ihre Jackentasche, sobald sie sich wieder aufgerichtet hatte. »Wollen wir zurück?«
Darcey musterte sie skeptisch, ehe er nickte und sie zurück in den Raum des Schachclubs gingen.
An Schachspielen war nach dem Zwischenfall nicht mehr zu denken gewesen, weshalb sie nur noch die Bretter und Figuren aufräumten. Währenddessen gab es Etwas, das Amaury einfach nicht losließ, jedoch musste Darcey zurück an seine Arbeit gehen und auch sie hatte noch einiges im Gewächshaus zu tun, weshalb sie beschloss, sich später dieser Sache zu widmen.

I


»Darcey«, sprach sie den Weißhaarigen am Vormittag des nächsten Tages in seinem Arbeitszimmer an. Sie hatte gehofft ihn dort allein zu finden, jedoch war Camille ebenfalls zugegen. Er hockte tief gebeugt über seinem vor Zetteln und Büchern überquellenden Schreibtisch vor dem Fenster und schien nicht viel von seiner Umgebung mitzubekommen. Zumindest reagierte er nicht, als Amaury eintrat und sich mit Darcey zu unterhalten begann.
»Guten Morgen, ist etwas passiert? Du kommst doch sonst nicht so früh her«, begrüßte er sie. Tatsächlich war es zu einem seltsamen Ritual geworden, dass Amaury sich mindestens zwei Mal pro Woche am Nachmittag mit ihrem alten Freund aus Kindertagen traf, um zusammen etwas an der Akademie zu unternehmen – wie am Tag zuvor der Besuch beim Schachclub.
»Nein, also …«, begann Amaury und warf Camille einen skeptischen Blick zu, fuhr jedoch fort, als er nach wie vor keine Regung zeigte. »Ich weiß, sie haben gesagt, dass das Feuer auf einen Kurzschluss im Stromkasten wegen der Feuchtigkeit zurückzuführen ist, aber das denke ich nicht.«
Darcey hob fragend eine Augenbraue.
»Hier. Sieh dir das an.« Kurzerhand holte Amaury ein Stofftaschentuch aus ihrer Manteltasche und faltete es vorsichtig auseinander. Darin lag eine schwarze Schachfigur.
»Woher hast du die und wie soll sie mit dem Feuer in Verbindung stehen?«, wollte Darcey mit gesenkter Stimme wissen.
»Ich hab sie gestern in der Nähe der Brandstelle gefunden«, flüsterte sie zurück.
Darcey sah flüchtig zu Camille, dann zurück auf die Figur im Taschentuch. Anschließend verschränkte er die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf.
»Das bedeutet gar nichts. Der Brand war doch direkt vor dem Fenster des Schachclubs. Vermutlich ist die Figur einfach rausgefallen. Oder ein schlechter Verlierer hat sie rausgeworfen.«
»Aber …«, beharrte Amaury.
»Bring die Figur zurück zum Schachclub. Dort vermisst man sie bestimmt schon. Und mach dir nicht so viele Gedanken wegen dem Feuer. Es war ein Unfall.«
Missmutig faltete Amaury das Taschentuch samt Inhalt zusammen und verstaute es erneut in ihrer Manteltasche.
»Mir egal was du denkst. Da steckt mehr dahinter. Das war kein Zufall«, verkündete Amaury überzeugt.
Darcey schüttelte abermals den Kopf und wandte sich dann einem Schrank mit gläserner Tür zu. »Mach was du willst. Ich habe noch einiges zu tun, aber vielleicht könnten wir heute Nachmittag …« Darcey stoppte. Er schaute über seine Schulter und musste feststellen, dass seine Gesprächspartnerin den Raum bereits wieder verlassen hatte.
»So viel zum Thema, ›Schluss mit der Jagd nach Mysterien‹«, seufzte er belustigt und widmete sich wieder dem Glastürschrank.

I


Mit konzentriertem Blick hockte Amaury neben der Stelle mit dem verkohlten Gras und suchte verbissen nach weiteren Hinweisen. Bereits zum zehnten Mal betrachtete sie einen Schuhabdruck im Matsch, der ihr sonderbar vorkam, fand jedoch sonst nichts Nützliches.
»Ich habe die Calatheas für dich gegossen. Die Erde sah schon ein wenig trocken aus«, riss eine Stimme sie aus ihren Gedanken.
»Was? Oh, Ivy. Die Ca… verdammt die Calatheas«, entfuhr es Amaury. Eilig stand sie auf und holte ihr Notizbuch aus der Tasche. Hastig blätterte sie zu der Seite mit dem Gießzeitenplan und schlug mit den Fingern auf das Papier.
»Die wären echt gestern dran gewesen. Danke Ivy«, sagte Amaury beschämt.
»Kein Problem. Aber sag mal … was machst du? War hier nicht gestern dieser Brand?«, wollte die Botanik-Studentin wissen.
»Ja, deswegen bin ich hier.«
Ivy legte fragend den Kopf schief.
»Nicht so wichtig. Und du?«, fuhr Amaury hastig fort.
»Ich bin auf dem Weg zum Training. Heute ist Blackminton-Abend, da will ich bereit sein«, erklärte die junge Frau mit den grünen Haaren.
»Du meinst Badminton«, korrigierte Amaury.
»Nein, ›Blackminton‹«, versicherte Ivy.
»Was soll das denn sein?«
»Es findet alle zwei Wochen in der kleinen Sporthalle statt. Im Grunde sind die Regeln wie beim Badminton, nur, dass wir im Stockdunklen spielen.«
»Wie soll das denn gehen?«
»Die Felder sind mit fluoreszierenden Klebestreifen gekennzeichnet, ebenso die Schläger und Bälle. Auch die Spieler tragen Trikots, die im Dunklen leuchten. Es ist echt cool, du solltest vorbeikommen.«
Verwundert über die hier angebotenen Sportarten – und der Tatsache, dass sie nicht schon viel eher davon gehört hatte – verschränkte Amaury die Arme vor der Brust.
»Was es nicht alles gibt … Hört sich auf jeden Fall spannend an. Vielleicht komme ich vorbei.«
»Das solltest du«, betonte Ivy lächelnd. »Blackminton ist hier eine große Sache. Immerhin haben wir sogar einen Klubraum. Gleich da vorn. Du siehst, wir meinen es ernst.« Sie zeigte auf die Fensterfront direkt über dem verrußten Mauerwerk.
»Der ist hier?«, entfuhr es Amaury verwundert.
»Ja. Normalerweise sind die Sportclubräume in einem anderen Gebäude, aber da Blackminton nur alle zwei Wochen stattfindet, haben wir diesen kleinen Raum dort bekommen. Er wird eigentlich für andere Sachen benutzt, aber immer am Tag vor dem Blackminton-Abend treffen sich alle Spieler dort. Gestern auch. Ist eigentlich nicht viel, aber wir bilden uns trotzdem was darauf ein«, scherzte Ivy.
»Verstehe. Dann viel Erfolg beim Training«, verabschiedete sich Amaury.
»Danke. Dir viel Erfolg bei … was auch immer du tust.«
Amaury nickte und schaute gedankenversunken auf die Fensterfront. Der Clubraum der Blackmintonspieler befand sich genau eine Etage unter dem des Schachclubs …

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Die Sporthalle war stockdunkel, doch die grellen, bunten Neonstreifen leuchteten hell. Auf den kleinen Tribünen drängten sich gut gelaunte, lautjubelnde Zuschauer. Unweit davon bereiteten sich etliche Spieler in leuchtend bunten Trikots auf das nächste Spiel vor. Zwei Felder gab es in der kleinen Halle und auf beiden wurde rege Blackminton gespielt. Ivy und ihre Partnerin hatten gerade gegen ihre Gegnerinnen verloren und kehrten vorerst auf die Tribüne zurück, wo Amaury und Mari saßen.
»Und? Wie gefällt es dir?«, wandte Ivy sich an die Ältere der beiden.
»Es ist ziemlich bunt«, gab Amaury ein wenig überfordert zurück.
»Stimmt, aber das macht es gerade so spaßig«, entgegnete Ivy, der Amaury so viel Enthusiasmus gar nicht zugetraut hatte.
»Und schon wieder ein Sieg für Team Neongrün«, dröhnte eine Stimme durch die Halle, begleitet von lautem Jubel der Zuschauer. Auf dem anderen Feld machte ein junger Mann in neongrünem Trikot Freudensprünge und ließ sich feiern.
»Dieses Team scheint echt gut zu sein. Das ist jetzt schon ihr sechster Sieg in Folge«, bemerkte Amaury nüchtern.
»Ja, mag schon sein«, brummte Ivy.
»Man kann von Tom halten, was man will, aber er spielt echt gut«, sagte Mari und stand auf. »Ich gehe kurz zu Vanea. Muss ihr zum Sieg gratulieren.« Während sie das sagte, warf Mari Ivy einen entschuldigenden Blick zu.
»Hast du nicht gerade eben gegen Vaneas Team verloren?«, sprach Amaury schneller als sie denken konnte und bereute ihre Worte sofort.
»Ja, aber gegen Vanea zu spielen macht Spaß, weil sie nicht so ein selbstverliebter Trottel ist, wie Tom. Ich meine, wer nennt sich selbst ›König des Blackminton‹?«
Mit einem Mal saß Amaury wieder aufrecht, war sie zuvor allmählich auf der Bank eingesackt.
»Moment, ›König des Blackmintons‹?«, hakte sie nach.
»Ja, weil er eben immer gewinnt, aber ich finde das ein bisschen zu prahlerisch«, erklärte Ivy mit verschränkten Armen. »Immerhin spielt er nicht allein. Das ist doch echt unfair seinem Teampartner gegenüber.«
Amaury hatte nachdenklich die Arme vor der Brust verschränkt. »Blackminton … Black … schwarz … schwarzer König«, murmelte sie vor sich hin, bevor sie ruckartig aufstand und sich von der Tribüne entfernte.
»Amaury?«, rief Ivy ihr hinterher.
»Entschuldige mich kurz«, sagte sie im Laufen.
Kurz darauf stand sie neben einer Menschentraube, die sich um den selbsternannten König des Blackmintons gescharrt hatte. Studentinnen himmelten ihn an und lobten seine großartige Spielweise und betonten wiederholt, wie gut er doch beim Spielen aussah.
Es dauerte eine Weile, doch dann ließen sie ihn endlich gehen und Amaury nutzte ihre Chance.
»Hi, Tom, nehme ich an? Ich bin Amaury und ich hätte ein paar Fragen an dich«, überrumpelte sie ihn. Verblüfft von so viel Initiative starrte der hochgewachsene Sportler sie an.
»Ähm …«, machte er und wollte ausweichen.
»Komm doch kurz zur Seite. Es dauert auch nicht lang«, versicherte Amaury nachdrücklich und deutete auf eine ruhigere Ecke der Tribünen.
»Also«, begann sie, sobald sie etwas abseits des Trubels standen, »du bist ein ziemlich erfolgreicher Blackmintonspieler. So viel Können muss doch auch den ein oder anderen Neider anlocken, oder?«
»Was?«, fragte Tom und legte den Kopf schief. »Ich hab keine Ahnung was das werden soll, aber das ist die schrägste Anmache, die ich je erlebt habe.«
»Bitte?«, entfuhr es Amaury. Sofort schüttelte sie den Kopf. »Nein, das verstehst du falsch. Ich will nichts von dir … zumindest nicht so wie du denkst. Ich will nur ein paar Antworten.« Für einige Atemzüge starrten sie einander verwirrt in unangenehmer Stille an, bevor Amaury erneut das Wort ergriff.
»Also gut, lass mich gleich zum Punkt kommen. Gibt es jemanden, der dich bei lebendigem Leibe verbrennen wollen würde?«
Der Sportler zuckte zusammen. Seine Augen weiteten sich.
»Was zum Teufel?«, rief er. »Was stimmt denn nicht mit dir?«
»Das bedeutet wohl nein. Gibt es denn jemanden, der dich nicht mag?«
Die Schultern des Blackmintonspielers lockerten sich ein wenig. »Bestimmt, aber soll mir egal sein«, gab er sich gelassen.
»Verstehe …«
»Warte, eine Person fällt mir doch ein. Vermutlich wäre sie die Leiterin des Wir-können-Tom-nicht-leiden Clubs«, begann er und musste ein Lachen unterdrücken.
»Aha?«
»Meine Schwester, Jody.« Nun verfiel der Sportler in schallendes Gelächter, bevor er den Kopf schüttelte und wegging. Zähneknirschend blieb Amaury zurück und atmete tief durch, ehe sie zurück zu Ivy ging.
»Sag mal Ivy, kennst du jemanden namens Jody?«, erkundigte Amaury sich beiläufig.
»Jody? Das ist doch Vaneas Mitbewohnerin«, meldete Mari sich nun zu Wort.
»Wo finde ich sie?«, wollte Amaury dringlich wissen.
»Sie ist heute nicht hier. Blackminton ist nicht so ihrs. Ich kann dir morgen aber zeigen, wo ihr Zimmer ist«, bot Mari an.
»Das wäre großartig.«
»Gut, es geht weiter. Drückt mir die Daumen, das nächste Match wird nicht leicht«, verabschiedete Ivy sich zurück aufs Spielfeld, was Amaury und Mari mit einem energischen Nicken versicherten.

I


Hölzern erklang das Klopfen auf der Zimmertür. Es dauerte nicht lang, bis eine freundliche Stimme Amaury hereinbat.
»Oh, wer bist denn du? Kennen wir uns?«, fragte eine junge Frau, die bis gerade wohl an einer Hausarbeit an ihrem Schreibtisch gearbeitet hatte. Nun stand sie auf und kam Amaury entgegen.
»Nein, ich denke nicht, dass wir uns kennen. Ich bin Amaury. Ich bin … die neue Gärtnerin«, stellte sie sich vor.
»Oh, freut mich, aber was verschafft uns die Ehre? Pflanzen haben wir hier nicht viele«, wollte sie wissen und brachte Amaury dadurch kurz zum Stutzen. Suchend sah sie im Zimmer umher, bis ihr Blick an einer regungslos auf dem Bett sitzenden Gestalt in schwarzer Kleidung hängen blieb.
»Oh, dich habe ich gar nicht gesehen«, entschuldige Amaury sich, worauf die zweite Person nur mit einem knappen Kopfnicken reagierte.
»Warum bist du hier?«, zog die erste Studentin Amaurys Aufmerksamkeit zurück auf sich.
»Ah, richtig. Bist du Jody?«
»Ja«, bestätigte die Angesprochene.
»Dann ist Tom dein Bruder?«
»So ist es.«
»Wo warst du Vorgestern, etwa gegen fünfzehn Uhr?«, kam Amaury gleich zur Sache.
Jody legte verwirrt den Kopf schief. »Was?«
Im Augenwinkel sah Amaury, wie die dunkel gekleidete Person kurz den Kopf hob.
»Keine Sorge, das ist kein Verhör«, beschwichtigte Amaury, wobei es genau das war.
»Ich … ich weiß nicht mehr«, sagte Jody unbeholfen. »Vanea, weißt du noch, was ich …«, wandte sie sich an die dunkle Gestalt.
»Nein, tut mir leid«, entgegnete sie kalt.
»Du bist Vanea«, sprach nun auch Amaury sie an.
»Richtig. Ich muss mich jetzt konzentrieren, wenn ihr etwas leiser sprechen könntet?«, bat Vanea und senkte den Blick auf das Buch in ihren Händen.
»Warum willst du wissen, wo ich vorgestern war?«, hakte Jody nach.
»Das … hat Gründe. Es geht um das Feuer.«
Jody zuckte zusammen. Mit einem Mal wirkte sie nervös.
»D-das Feuer?«, fragte sie angespannt.
»Ja, also? Wo warst du?«, blieb Amaury hart.
»Das … ich …«, stammelte Jody und schaute kurz zu Vanea, bevor sie den Kopf hängen ließ.
»Es hat keinen Sinn. Ich gebe es zu. Ich habe das Feuer gelegt«, gestand sie plötzlich.
»Wie bitte?«, entfuhr es Amaury.
»Es stimmt. Mein … mein Bruder hat immer mit seinen Erfolgen im Blackminton geprahlt und sich über mich lustig gemacht, weil ich mit Sport nichts am Hut habe. Deswegen habe ich seine Hausarbeit gestohlen und verbrannt.«
»Das …«, fehlten selbst Amaury die Worte.
»Es tut mir leid. Das war dumm von mir«, räumte Jody ein.
»In der Tat. Deine Wut ist verständlich, aber das hätte gefährlich werden können«, bestätigte Amaury, während ihre Gedanken rasten.
Auf einmal legte Vanea ihr Buch zur Seite und stand auf.
»Jody«, sagte sie einfühlsam. »Das war zwar wirklich riskant, aber es wurde ja niemand verletzt.«
»Ja …«, hauchte die verschüchterte Studentin.
»Ich sehe keinen Grund jemandem davon zu erzählen, zumal nichts Schlimmeres passiert ist«, erklärte Vanea und sah dabei entschieden zu Amaury. Diese steckte ihre Hand in die Tasche ihres Mantels, wo sich ihre Finger um einen Gegenstand legten.
»Sicher …«, entgegnete sie langsam. Ihr Blick huschte von Vanea zu Jody. »Tu so etwas bitte nicht wieder. Überleg dir das nächste Mal eine etwas weniger gefährliche Retourkutsche, ja? Oder lass es am besten ganz sein und sprich lieber mit deinem Bruder«, bat Amaury gezwungen, bevor sie die beiden allein ließ.
Nachdenklich stand sie auf dem Flur, ehe sie zum Raum des Schachclubs ging.
Dort angekommen suchte sie das Schachbrett, auf dem vor zwei Tagen der schwarze König gefehlt hatte. Zu ihrer Verwunderung waren nun jedoch alle Figurensätze komplett. Nachdenklich ging sie zum Fenster und schaute hinunter auf den Ort, an dem der Brand gewesen war. Ihre Finger umfuhren die Kontur des Objekts in ihrer Tasche. War es zuvor nur eine intuitive Vermutung von Amaury gewesen, bestand nun für sie kein Zweifel mehr daran, dass dieser Brand sicherlich nicht die Folge von angezündeten Hausarbeiten war und Jody vermutlich gar nichts damit zu tun hatte oder viel mehr nur als Sündenbock benutzt wurde. Doch wer würde … Amaury schüttelte den Kopf und ging zurück in ihre Unterkunft.
Sie stand vor einem Regal mit kleinen Holzfiguren und Steinen, die wohl ihrer Vorgängerin gehört haben mussten. Kurzerhand schob sie zwei Steine zur Seite und holte das Objekt aus ihrer Manteltasche, um es an der freien Stelle zu platzieren. Schweigend in ihre Gedanken vertieft, betrachtete sie die schwarze Schachfigur, ehe sie zur angrenzenden Küchennische ging und starken, schwarzen Tee kochte, ganz so wie sie es immer tat, wenn ein Mysterium einen unzufriedenstellenden Abschluss gefunden hatte und vorerst weiterhin das blieb, was es nicht mehr hätte sein sollen – ein Rätsel.

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