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Kapitel 3 – Ein Wiedersehen unter Fremden
Seidenweiße, kurze Haare, schwarze Militärstiefel, eine graue Jeans und ein weit sitzendes, mitternachtsschwarzes Baumwollhemd über einem cremeweißen Rollkragenpullover – so stand der sonderbare Mann nun vor Amaury.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie und versuchte unschuldig zu klingen, um nicht zum dritten Mal an diesem Tag eine Predigt über die Sonderlichkeit ihres Erscheinens und wie schwer es doch war herzukommen, zu hören.
»N…Nein«, stammelte der Mann. Die Unsicherheit in seiner Stimme passte nicht zu seinem restlichen Erscheinungsbild.
»Gut«, sagte Amaury lächelnd und widmete ihre Aufmerksamkeit der Papiertüte, in der sich noch das zweite Brötchen befand.
»Ähm«, setzte der junge Mann erneut an.
»Ähm?«, wiederholte Amaury spöttisch. Sie verstand es selbst nicht, doch irgendetwas an ihm verlieh ihr den Mut zu solch forschem Verhalten.
»Diese rote Strähne«, brachte er nachdenklich hervor und deutete mit dem Kinn auf ihre fuchsrote Haarsträhne.
»Was ist damit?«
»Ich … ich kannte mal jemanden, der … ach, vergessen Sie es.« Er schüttelte den Kopf, wodurch dunkelbraune Haaransätze zum Vorschein kamen. Seine natürliche Haarfarbe war also dunkelbraun und er färbte sie nur weiß. Ihr Erstaunen über eine solch naheliegende Erkenntnis verwunderte Amaury mehr als die Erkenntnis selbst. Während er sich beschämt abwendete und gehen wollte, senkte sie den Kopf und flüsterte: »Darc?« Sie war sich sicher, es nur für sie hörbar gesagt zu haben, doch plötzlich blieb der junge Mann wie erstarrt stehen. Erschrocken hob sie den Kopf und ihre Blicke trafen sich.
»Maury?«, murmelte er und obwohl seine Stimme nur ein Hauch gewesen war, hörte sie ihn. Mit einem Mal pochte ihr Herz schneller. Fassungslos legte sie die Papiertüte zur Seite und stand auf.
»Bist das wirklich du?«, fragte sie ungläubig. Ihre Augen huschten über sein Gesicht. Es kam ihr durchaus bekannt vor, jedoch wäre sie niemals auf die Idee gekommen ausgerechnet ihn vor sich stehen zu haben.
»Amaury Blackfir«, sagte er nun mit gefestigter Stimme.
»Darcey Silkton«, erwiderte sie ebenso gefasst.
»Was machst du hier?«, erkundigte er sich, während sie sich weiterhin seltsam gegenüberstanden.
Gute Frage, wollte sie antworten, konnte sich jedoch noch ausbremsen. »Dasselbe könnte ich dich fragen«, entgegnete sie stattdessen.
Er schmunzelte. »Ich arbeite hier.«
»Ah, verstehe … Moment. Du arbeitest hier? Du bist kein Student?«
»Richtig«, bestätigte er und steckte beiläufig die Hände in die Taschen seiner Hose.
»Als was denn genau?«, drang die Journalistin in ihr durch.
»Ich bin der Assistent eines Dozenten hier. Genau genommen des Dozenten für Astronomie.«
Amaury staunte nicht schlecht, als sie das hörte. Ein schwermütiges Lächeln legte sich auf ihre Lippen.
»Da hast du es ja weit gebracht auf der Karriereleiter«, sagte sie anerkennend.
»So würde ich es nicht nennen. Es war mehr ein … seltsamer Zufall, der mich herbrachte.«
Seine Worte trafen sie unerwartet heftig.
»Ja, ein seltsamer Zufall … hm«, murmelte sie grüblerisch.
»Studierst du etwa hier?«, fragte er weiter, während sie sich in ihren Gedanken verloren hatte.
»Nein. Ich besuche jemanden, aber … eigentlich stimmt auch das nicht. Ich bin wohl die neue Aushilfsgärtnerin«, erklärte sie voller Überzeugung.
»Gärtnerin? Du? Dann musst du dich sehr verändert haben. Zumindest waren Pflanzen damals nicht gerade deine Stärke«, scherzte er.
»Wenn du wüsstest«, entgegnete sie bitter.
»Wie dem auch sei. Es freut mich dich wiedergesehen zu haben. Vielleicht laufen wir uns ja noch häufiger über den Weg, wenn du jetzt auch hier arbeitest. Ich würde dich gern neu kennenlernen.«
»Nach all den Jahren ist das die richtige Formulierung.«
Er lächelte schwach. »Also dann. Man sieht sich«, verabschiedete er sich. Amaury war der Hunger auf das verbleibende Brötchen vergangen und so trank sie in einem Zug den schwarzen Tee aus, packte ihre Sachen zusammen und begab sich auf die Suche nach Mari.
Eilig lief sie zurück in die große Halle und von dort in den nächstbesten Korridor. Sie wusste weder wo sich die Wohnheime befanden, noch ob Mari überhaupt dort, oder in einer Vorlesung war. Andere nach dem Weg oder direkt nach Mari zu fragen, erschien ihr nach den jüngsten Erfahrungen ebenfalls wenig zielführend. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Felteshavel verspürte Amaury etwas, dass man durchaus als Leidenschaft bezeichnen konnte. Verloren in einer mystischen Akademie inmitten eines endlosen Fichtenwaldes, auf der Suche nach ihrer Cousine – so oder so ähnlich hätte sie diesen Artikel wohl genannt, wenn er in ihrer alten Zeitung erschienen wäre. Alle Lethargie, die sie so lange gequält hatte, war für den Moment vergessen. Sie hatte nur ein Ziel: Mari finden und mit ihr zu der Direktorin gehen, um den Posten als Gärtnerin anzunehmen. Es klang verrückt, aber taten das nicht alle Ideen, aus denen die besten Geschichten wurden?
Mit Herzklopfen sah Amaury sich um und suchte nach einem Anhaltspunkt. Wo würde Mari sich um diese Zeit aufhalten? Ein kurzer Blick auf ihr Handy verriet Amaury nicht nur, dass es bereits kurz nach Elf war, sondern auch, dass sie hier keinen Empfang hatte. Anrufen konnte sie ihre Cousine somit nicht. Erneut schaute sie sich um und entschied, es anders zu versuchen.
Sie ging zurück in die kleine Eingangshalle und folgte dem Schild zum Sekretariat. Die Tür stand einen Spalt weit offen, daher trat Amaury kurzerhand ein. Eine Frau mittleren Alters saß hinter dem Tresen. Sie hatte eine schmale, eckige Brille auf der breiten Nase und tippte etwas an einem PC.
»Bitte schön«, sagte sie, ohne den Blick vom Monitor abzuwenden.
»Guten Tag. Ich habe ein Gespräch mit der Direktorin. Wo finde ich ihr Büro?«
Nun hielt die Dame mit ihrer Tätigkeit inne und drehte sich zu Amaury. »Ein Gespräch mit der Direktorin? Wer sind Sie denn?«
»Amaury Blackfir. Ich soll die neue Gärtnerin werden«, erklärte sie. »Vorübergehend«, fügte sie leise hinzu.
»Ach Sie sind das. Ja ich wurde bereits informiert. Die Direktorin erwartet sie schon. Sie finden ihr Büro gleich dort vorn.« Sie zeigte mit dem Finger auf einen Durchgang im Sekretariat, der in einer Wandnische mit einer Tür endete. »Klopfen Sie einfach und erklären dann, wer Sie sind.«
Amaury nickte. Sie hatte nicht damit gerechnet so schnell vor dem Büro der Direktorin zu stehen, aber nun war es zu spät für Zweifel. Entschlossen ging sie zu der Tür und klopfte.
»Ja bitte. Kommen Sie rein«, ertönte eine raue, weibliche Stimme. Kraftvoll öffnete Amaury die Tür und betrat das Büro. Obwohl nichts anderes zu erwarten gewesen war, überraschten sie die alten Möbel aus dunklem Holz, sowie die Schmuckornamente an den Wänden aus Stein. An einem breiten Antikschreibtisch mit unpassend moderner Ausstattung darauf saß eine Frau Mitte Fünfzig mit dunklem, schulterlangem, lockigem Haar und einem anthrazitfarbenen Hosenanzug.
»Guten Tag. Wen habe ich da vor mir?«, erkundigte sie sich freundlich, trotz der markanten Stimme.
»Amaury Blackfir. Ich soll den Posten der Gärtnerin übernehmen. Meine Cousine Marigold hat Sie meines Wissens bereits informiert.«
»In der Tat. Nehmen Sie doch bitte Platz.«
Selbstbewusst zog Amaury einen der beiden Stühle vor dem Schreibtisch zurück und nahm gelassen darauf Platz. Bei wichtigen Begegnungen seriös und gefasst zu sein hatte sie schon früh in ihrer Karriere als Journalistin gelernt. Ohnehin fiel es ihr leichter mit Fremden zu sprechen als mit engen Freunden. Dementsprechend ruhig war nun auch ihr Herzschlag und selbstsicher ihre Miene.
»Nun, Miss Blackfir«, begann die Direktorin. »Ihre Cousine hat Sie in höchsten Tönen gelobt. Wenn alle ihre Lobpreisungen der Wahrheit entsprächen, wären Sie ohne jeden Zweifel unsere Rettung.« Sie machte eine kurze Pause, in der Amaury bewusst schweigsam blieb. »Leider ist die gute Miss Hayes für ihren ausschweifenden Charakter bekannt, weshalb ich dankbar wäre, wenn Sie nur die Hälfte der versprochenen Fähigkeiten und Qualifikationen besäßen.« Amaury musste innerlich schmunzeln, zeigte dies jedoch nicht nach außen. Offenbar hatte Mari bereits einen gewissen Ruf.
»Was den Gärtnerbetrieb meiner Mutter angeht, so kann ich Ihnen versichern, dass dieser international erfolgreich und mehrfach ausgezeichnet ist«, versicherte Amaury.
»Erfreulich. Und wie steht es mit Ihren Fähigkeiten? Unter unseren Pflanzen befinden sich einige Raritäten. Es wäre ausgesprochen unschön, wenn sie zu Schaden kämen.«
»Ich helfe seit meiner frühen Jugend im Betrieb meiner Mutter aus. Dabei habe ich mir viel Wissen über Pflanzen und deren Pflege angeeignet.«
»Weisen sie dahingehend irgendwelche Qualifikationen vor? Abschlüsse oder dergleichen?«, hakte die Direktorin nach. Amaury musste schlucken, ließ sich jedoch nichts von ihrer Unruhe anmerken.
»Nicht in diesem Bereich. Ich habe Journalismus studiert. Trotzdem war ich oft genug als Aushilfe im Betrieb meiner Mutter, um die sichere Versorgung der Pflanzen zu gewährleisten.« Lügnerin, flüsterte die Stimme in ihrem Kopf, doch ihr Kampfgeist war erwacht und dieser wollte den Posten.
»Ich verstehe. Ihnen ist bewusst, dass wir hier keinerlei zusätzlichen Journalismus wünschen? Wir stehen in engem Kontakt zu einer Redaktion in Felteshavel, sowie einigen vertrauenswürdigen Journalisten von außerhalb. Die Privatsphäre unserer Studierenden und Lehrenden ist uns sehr wichtig.«
Verdammt, fluchte Amaury in Gedanken, blieb aber weiterhin nach außen ruhig. »Ich bin nicht als Journalistin hier. Ich arbeite im Moment ohnehin für keine Zeitung oder Redaktion mehr. Daher dachte meine Cousine wohl, dass ich die perfekte Person für die Stelle als Gärtnerin bin.«
»Ist das so? Nun, wir befinden uns nicht in der Position wählerisch sein zu können. Wir benötigen eine zusätzliche Person für die Pflege der Pflanzen. Ob Sie diese Rolle dauerhaft oder nur vorübergehend besetzen, werden wir mit der Zeit sehen. Vorerst wäre ich Ihnen in jedem Fall dankbar, wenn Sie die Pflege unseres Pflanzenhauses auf sich nehmen würden.«
»Es wäre mir eine Ehre«, bedankte Amaury sich stolz. »Sie sollten die Suche nach einer dauerhaften Lösung vielleicht dennoch fortsetzen«, ergänzte sie beiläufig, während sie bereits aufgestanden waren und sich die Hände reichten, als besiegelten sie einen Vertrag.
»Zweifeln Sie etwa an Ihren Fähigkeiten?«, merkte die Direktorin an und hielt dabei Amaurys Hand fest. Ihre Blicke trafen aufeinander.
»Keinesfalls. Ich meine nur, weil …« Ihre Gedanken rasten. Los, komm schon. Irgendeine Ausrede. »Wenn diese Pflanzen so wertvoll sind, war es doch von vornherein eine fragliche Entscheidung bloß eine Gärtnerin einzustellen. Das zeigt sich ja anhand der gegebenen Situation. Für die Zukunft wäre es daher vielleicht sinnvoll zwei Personen zu beauftragen, damit, wenn eine ausfällt, nicht gleich die Sicherheit der Pflanzen gefährdet ist.«
Die Direktorin lachte und zog ihre Hand zurück, bevor sie sich erneut in ihrem Ledersessel niederließ. »Sie haben Biss, das gefällt mir. Ich werde Ihren Ratschlag im Kopf behalten, aber seien Sie gewiss, dass sich in unserem Bestand zwar durchaus wertvolle Pflanzen befinden, diese jedoch nicht unersetzbar sind. Dennoch bin ich Ihnen dankbar für Ihre schnelle Hilfe. Ach, da wäre noch etwas. Wo wohnen Sie zurzeit?«
»In Felteshavel, bei Verwandten.«
»Ich nehme an bei der Familie Hayes? In jedem Fall würde ich Ihnen gerne ein Zimmer in der Akademie anbieten, da es sich sonst ein wenig schwierig gestalten könnte, Ihrer neuen Aufgabe nachzukommen. Wir würden Sie dann im Wohnhaus der Angestellten unterbringen. Das Zimmer Ihrer Vorgängerin ist jedoch ein wenig … vernachlässigt, was seine Ordnung betrifft. Ich würde es dennoch für Sie herrichten lassen, jedoch kann ich keinen so makellosen Raum, wie die Zimmer im Studentenwohnheim versprechen. Alternativ könnten Sie vorübergehend im Wohnheim der Elstern bleiben, dort müsste noch irgendwo ein Bett frei sein, allerdings wäre das nicht angemessen«, grübelte die Direktorin.
»Ich habe kein Problem mit dem Raum meiner Vorgängerin. Es muss nicht perfekt sein.« Alles ist besser als das bunte Chaos in Maris Zimmer, dachte sie.
»Wenn das so ist … gut, dann werde ich mich um die Herrichtung des Raumes kümmern. Ebenso werde ich Ihren Arbeitsvertrag und alles weitere vorbereiten. Ich bin sicher Sie müssen noch einmal nach Felteshavel und Ihr restliches Gepäck holen? Dann empfehle ich, Sie reisen heute Abend zurück ins Dorf und kommen morgen früh wieder her. Dann klären wir die übrigen Punkte und Sie können sich in ihrem Zimmer einrichten. Bis dahin sollte alles bereit sein. Ab übermorgen beginnen Sie dann ihre neue Arbeit.«
Ein wenig beleidigt so von der Direktorin an die Wand geredet zu werden, nickte Amaury dennoch.
»Das hört sich umsetzbar an. Haben Sie vielen Dank.«
»Wunderbar. Ich habe Ihnen zu danken, Miss …«
»Amaury Blackfir.«
»Natürlich, Miss Blackfir. Da fällt mir ein, habe ich mich überhaupt vorgestellt? Falls nicht: Ich bin Juliette Loudain, gegenwärtige Leiterin der Cinereus Akademie. Ich heiße Sie hiermit herzlich willkommen.«
»Vielen Dank. Ich werde dann heute Abend zurück ins Dorf fahren und morgen klären wir alles weitere.«
»So ist es. Bis dahin sehen Sie sich gern ein wenig auf unserem Campus um. Es gibt neben dem Pflanzenhaus noch einige sehenswerte Orte hier.«
»Das werde ich tun. Auf Wiedersehen.«
I
Als wäre sie aus einem Fiebertraum erwacht, stand Amaury kurz darauf in der großen Halle und betrachtete geistesgegenwärtig die große Statue einer Frau mit sehr altmodischen Kleidern und einem Buch in der Hand.
»Amaury«, rief da plötzlich eine bekannte Stimme ihren Namen und die Angesprochene drehte sich herum.
»Mari«, erwiderte sie.
»Ich hab dich schon gesucht. Ich wollte fragen, ob du mit uns etwas Essen gehen willst. In der Mensa bekommt man nichts, ohne seinen Studentenausweis vorzuzeigen – nicht, dass sich jemals jemand anderes als ein Student an diesen abgelegenen Ort verirren würde. Trotzdem verlangen sie es. Also?«, plapperte Mari drauf los, als hätten sie sich nie gestritten. Viel Zeit war seit Amaurys verspätetem Frühstück nicht vergangen, dennoch hielt sie es für eine gute Gelegenheit ihre Cousine auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen. Also sagte sie kurzerhand zu und wenig später saß Amaury mit Mari und zwei ihrer Freundinnen an einem Tisch in der erstaunlich modernen Mensa. Einzig die Architektur der Decke und einiger Wände erinnerte an das prunkvolle Schloss, in dem sie sich befanden.
»Und? Wo hast du dich rumgetrieben?«, wollte Mari wissen.
»Hier und da«, erwiderte Amaury distanziert, mit dem Blick auf ihrer Speise, ehe sie den Kopf hob und die blonde, junge Frau entschlossen anschaute. Diese bemerkte davon zuerst nichts, erst als Amaury sprach, schaute sie ebenfalls auf.
»Ich habe die Stelle der Gärtnerin angenommen.«
Sowohl Mari als auch ihre beiden Freundinnen schauten sie entgeistert an.
»Aber du wolltest es doch partout nicht«, fand ihre Cousine nach einigen Augenblicken ihre Stimme wieder.
»Ich habe meine Meinung geändert.«
»Ich wusste doch, dass es dir hier gefällt. Also bleibst du?«
»Ab morgen, ja. Heute Abend fahre ich zurück und hole meine Sachen.«
»Ha! Ich wusste es«, rief Mari und fasste die Freundin zu ihrer Rechten am Arm. »Siehst du Ivy, ich habe es dir gesagt«, trällerte sie.
»Ivy? Du bist ihre Mitbewohnerin, die Botanik studiert?«, hakte Amaury aufmerksam nach. Die Angesprochene nickte schwach. Sie hatte eine ruhige Ausstrahlung und wirkte eher unscheinbar mit ihrer erdfarbenen, locker sitzenden Kleidung, einzig ihre moosgrünen, schulterlangen Haare fielen einem sofort ins Auge.
»Genau, was hat sie dir von mir erzählt?«, fragte sie mit ruhiger Stimme nach.
»Nur Gutes natürlich«, versicherte Mari und legte ihren Kopf auf die Schulter der Grünhaarigen.
»Natürlich«, seufzte diese und lehnte sich von Mari weg. Diese schien das jedoch nicht persönlich zu nehmen.
»Ich freue mich so sehr, dass du bald dauerhaft hier bist. Das ist bestimmt genau das richtige für dich«, betonte sie freudig. Amaury nickte langsam. Ihr Blick huschte zur vierten Person am Tisch. Eine weitere junge Frau mit kurzen, schwarzen Haaren und markantem Gesicht. Sie war eher zierlich gebaut und wirkte desinteressiert an dem ganzen Geschehen.
»Und du bist?«, erkundigte Amaury sich freundlich lächelnd. Die Schwarzhaarige lächelte nicht. Sie schien genervt zu sein.
»Ich muss noch für einen Test lernen. Bis später«, verabschiedete sie sich und verließ eilig die Runde.
»Okay«, murmelte Amaury stirnrunzelnd.
»Nimm es ihr nicht übel. Vanea ist auf den ersten Blick kalt und abweisend, aber eigentlich ist sie eine wirklich nette Person. Sie kommt nur nicht gut mit fremden Leuten klar. Ich glaube die jüngsten Ereignisse mit dem … du weißt schon, haben ihr sehr zugesetzt. Wie uns allen.«
»Seid ihr Freunde?«, hakte Amaury nach.
»Ja, wir spielen manchmal zusammen Badminton.«
»Ach so, na dann.«
»Keine Sorge, ihr werdet sicher noch warm miteinander.«
»Klar«, sagte Amaury. Das muss nicht sein, dachte sie.
»Hast du noch was vor? Irgendwelche Vorbereitungen für deine Arbeit hier?«, erkundigte sich Mari, nachdem sie schweigend ihre Mahlzeit beendet hatten.
»Nicht wirklich. Ich wollte mir den Campus noch etwas ansehen.«
»Ich kann dich rumführen. Ivy wollte noch lernen gehen, aber ich habe Zeit.«
»Nein, geh lieber auch lernen. Ich finde mich schon zurecht. Ohne Guide macht es ohnehin mehr Spaß«, spottete Amaury und stand auf.
»Aber ich kenne all die schönen Eckchen und Fleckchen«, schmollte Mari.
»Das glaube ich dir, trotzdem gehe ich lieber allein.« Damit verließ Amaury die beiden und suchte sich einen Weg aus der Mensa, die um die Mittagszeit proppenvoll war. Im Grunde hätte sie nichts dagegen gehabt mit Mari zusammen über das Gelände zu laufen, jedoch gab es etwas, das sie nur ungern im Beisein ihrer Cousine getan hätte, daher hatte sie keine Wahl, als darauf zu bestehen, allein loszuziehen, und das tat sie nun.
Fortsetzung folgt ...
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Kapitel 3 – Ein Wiedersehen unter Fremden
Seidenweiße, kurze Haare, schwarze Militärstiefel, eine graue Jeans und ein weit sitzendes, mitternachtsschwarzes Baumwollhemd über einem cremeweißen Rollkragenpullover – so stand der sonderbare Mann nun vor Amaury.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie und versuchte unschuldig zu klingen, um nicht zum dritten Mal an diesem Tag eine Predigt über die Sonderlichkeit ihres Erscheinens und wie schwer es doch war herzukommen, zu hören.
»N…Nein«, stammelte der Mann. Die Unsicherheit in seiner Stimme passte nicht zu seinem restlichen Erscheinungsbild.
»Gut«, sagte Amaury lächelnd und widmete ihre Aufmerksamkeit der Papiertüte, in der sich noch das zweite Brötchen befand.
»Ähm«, setzte der junge Mann erneut an.
»Ähm?«, wiederholte Amaury spöttisch. Sie verstand es selbst nicht, doch irgendetwas an ihm verlieh ihr den Mut zu solch forschem Verhalten.
»Diese rote Strähne«, brachte er nachdenklich hervor und deutete mit dem Kinn auf ihre fuchsrote Haarsträhne.
»Was ist damit?«
»Ich … ich kannte mal jemanden, der … ach, vergessen Sie es.« Er schüttelte den Kopf, wodurch dunkelbraune Haaransätze zum Vorschein kamen. Seine natürliche Haarfarbe war also dunkelbraun und er färbte sie nur weiß. Ihr Erstaunen über eine solch naheliegende Erkenntnis verwunderte Amaury mehr als die Erkenntnis selbst. Während er sich beschämt abwendete und gehen wollte, senkte sie den Kopf und flüsterte: »Darc?« Sie war sich sicher, es nur für sie hörbar gesagt zu haben, doch plötzlich blieb der junge Mann wie erstarrt stehen. Erschrocken hob sie den Kopf und ihre Blicke trafen sich.
»Maury?«, murmelte er und obwohl seine Stimme nur ein Hauch gewesen war, hörte sie ihn. Mit einem Mal pochte ihr Herz schneller. Fassungslos legte sie die Papiertüte zur Seite und stand auf.
»Bist das wirklich du?«, fragte sie ungläubig. Ihre Augen huschten über sein Gesicht. Es kam ihr durchaus bekannt vor, jedoch wäre sie niemals auf die Idee gekommen ausgerechnet ihn vor sich stehen zu haben.
»Amaury Blackfir«, sagte er nun mit gefestigter Stimme.
»Darcey Silkton«, erwiderte sie ebenso gefasst.
»Was machst du hier?«, erkundigte er sich, während sie sich weiterhin seltsam gegenüberstanden.
Gute Frage, wollte sie antworten, konnte sich jedoch noch ausbremsen. »Dasselbe könnte ich dich fragen«, entgegnete sie stattdessen.
Er schmunzelte. »Ich arbeite hier.«
»Ah, verstehe … Moment. Du arbeitest hier? Du bist kein Student?«
»Richtig«, bestätigte er und steckte beiläufig die Hände in die Taschen seiner Hose.
»Als was denn genau?«, drang die Journalistin in ihr durch.
»Ich bin der Assistent eines Dozenten hier. Genau genommen des Dozenten für Astronomie.«
Amaury staunte nicht schlecht, als sie das hörte. Ein schwermütiges Lächeln legte sich auf ihre Lippen.
»Da hast du es ja weit gebracht auf der Karriereleiter«, sagte sie anerkennend.
»So würde ich es nicht nennen. Es war mehr ein … seltsamer Zufall, der mich herbrachte.«
Seine Worte trafen sie unerwartet heftig.
»Ja, ein seltsamer Zufall … hm«, murmelte sie grüblerisch.
»Studierst du etwa hier?«, fragte er weiter, während sie sich in ihren Gedanken verloren hatte.
»Nein. Ich besuche jemanden, aber … eigentlich stimmt auch das nicht. Ich bin wohl die neue Aushilfsgärtnerin«, erklärte sie voller Überzeugung.
»Gärtnerin? Du? Dann musst du dich sehr verändert haben. Zumindest waren Pflanzen damals nicht gerade deine Stärke«, scherzte er.
»Wenn du wüsstest«, entgegnete sie bitter.
»Wie dem auch sei. Es freut mich dich wiedergesehen zu haben. Vielleicht laufen wir uns ja noch häufiger über den Weg, wenn du jetzt auch hier arbeitest. Ich würde dich gern neu kennenlernen.«
»Nach all den Jahren ist das die richtige Formulierung.«
Er lächelte schwach. »Also dann. Man sieht sich«, verabschiedete er sich. Amaury war der Hunger auf das verbleibende Brötchen vergangen und so trank sie in einem Zug den schwarzen Tee aus, packte ihre Sachen zusammen und begab sich auf die Suche nach Mari.
Eilig lief sie zurück in die große Halle und von dort in den nächstbesten Korridor. Sie wusste weder wo sich die Wohnheime befanden, noch ob Mari überhaupt dort, oder in einer Vorlesung war. Andere nach dem Weg oder direkt nach Mari zu fragen, erschien ihr nach den jüngsten Erfahrungen ebenfalls wenig zielführend. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Felteshavel verspürte Amaury etwas, dass man durchaus als Leidenschaft bezeichnen konnte. Verloren in einer mystischen Akademie inmitten eines endlosen Fichtenwaldes, auf der Suche nach ihrer Cousine – so oder so ähnlich hätte sie diesen Artikel wohl genannt, wenn er in ihrer alten Zeitung erschienen wäre. Alle Lethargie, die sie so lange gequält hatte, war für den Moment vergessen. Sie hatte nur ein Ziel: Mari finden und mit ihr zu der Direktorin gehen, um den Posten als Gärtnerin anzunehmen. Es klang verrückt, aber taten das nicht alle Ideen, aus denen die besten Geschichten wurden?
Mit Herzklopfen sah Amaury sich um und suchte nach einem Anhaltspunkt. Wo würde Mari sich um diese Zeit aufhalten? Ein kurzer Blick auf ihr Handy verriet Amaury nicht nur, dass es bereits kurz nach Elf war, sondern auch, dass sie hier keinen Empfang hatte. Anrufen konnte sie ihre Cousine somit nicht. Erneut schaute sie sich um und entschied, es anders zu versuchen.
Sie ging zurück in die kleine Eingangshalle und folgte dem Schild zum Sekretariat. Die Tür stand einen Spalt weit offen, daher trat Amaury kurzerhand ein. Eine Frau mittleren Alters saß hinter dem Tresen. Sie hatte eine schmale, eckige Brille auf der breiten Nase und tippte etwas an einem PC.
»Bitte schön«, sagte sie, ohne den Blick vom Monitor abzuwenden.
»Guten Tag. Ich habe ein Gespräch mit der Direktorin. Wo finde ich ihr Büro?«
Nun hielt die Dame mit ihrer Tätigkeit inne und drehte sich zu Amaury. »Ein Gespräch mit der Direktorin? Wer sind Sie denn?«
»Amaury Blackfir. Ich soll die neue Gärtnerin werden«, erklärte sie. »Vorübergehend«, fügte sie leise hinzu.
»Ach Sie sind das. Ja ich wurde bereits informiert. Die Direktorin erwartet sie schon. Sie finden ihr Büro gleich dort vorn.« Sie zeigte mit dem Finger auf einen Durchgang im Sekretariat, der in einer Wandnische mit einer Tür endete. »Klopfen Sie einfach und erklären dann, wer Sie sind.«
Amaury nickte. Sie hatte nicht damit gerechnet so schnell vor dem Büro der Direktorin zu stehen, aber nun war es zu spät für Zweifel. Entschlossen ging sie zu der Tür und klopfte.
»Ja bitte. Kommen Sie rein«, ertönte eine raue, weibliche Stimme. Kraftvoll öffnete Amaury die Tür und betrat das Büro. Obwohl nichts anderes zu erwarten gewesen war, überraschten sie die alten Möbel aus dunklem Holz, sowie die Schmuckornamente an den Wänden aus Stein. An einem breiten Antikschreibtisch mit unpassend moderner Ausstattung darauf saß eine Frau Mitte Fünfzig mit dunklem, schulterlangem, lockigem Haar und einem anthrazitfarbenen Hosenanzug.
»Guten Tag. Wen habe ich da vor mir?«, erkundigte sie sich freundlich, trotz der markanten Stimme.
»Amaury Blackfir. Ich soll den Posten der Gärtnerin übernehmen. Meine Cousine Marigold hat Sie meines Wissens bereits informiert.«
»In der Tat. Nehmen Sie doch bitte Platz.«
Selbstbewusst zog Amaury einen der beiden Stühle vor dem Schreibtisch zurück und nahm gelassen darauf Platz. Bei wichtigen Begegnungen seriös und gefasst zu sein hatte sie schon früh in ihrer Karriere als Journalistin gelernt. Ohnehin fiel es ihr leichter mit Fremden zu sprechen als mit engen Freunden. Dementsprechend ruhig war nun auch ihr Herzschlag und selbstsicher ihre Miene.
»Nun, Miss Blackfir«, begann die Direktorin. »Ihre Cousine hat Sie in höchsten Tönen gelobt. Wenn alle ihre Lobpreisungen der Wahrheit entsprächen, wären Sie ohne jeden Zweifel unsere Rettung.« Sie machte eine kurze Pause, in der Amaury bewusst schweigsam blieb. »Leider ist die gute Miss Hayes für ihren ausschweifenden Charakter bekannt, weshalb ich dankbar wäre, wenn Sie nur die Hälfte der versprochenen Fähigkeiten und Qualifikationen besäßen.« Amaury musste innerlich schmunzeln, zeigte dies jedoch nicht nach außen. Offenbar hatte Mari bereits einen gewissen Ruf.
»Was den Gärtnerbetrieb meiner Mutter angeht, so kann ich Ihnen versichern, dass dieser international erfolgreich und mehrfach ausgezeichnet ist«, versicherte Amaury.
»Erfreulich. Und wie steht es mit Ihren Fähigkeiten? Unter unseren Pflanzen befinden sich einige Raritäten. Es wäre ausgesprochen unschön, wenn sie zu Schaden kämen.«
»Ich helfe seit meiner frühen Jugend im Betrieb meiner Mutter aus. Dabei habe ich mir viel Wissen über Pflanzen und deren Pflege angeeignet.«
»Weisen sie dahingehend irgendwelche Qualifikationen vor? Abschlüsse oder dergleichen?«, hakte die Direktorin nach. Amaury musste schlucken, ließ sich jedoch nichts von ihrer Unruhe anmerken.
»Nicht in diesem Bereich. Ich habe Journalismus studiert. Trotzdem war ich oft genug als Aushilfe im Betrieb meiner Mutter, um die sichere Versorgung der Pflanzen zu gewährleisten.« Lügnerin, flüsterte die Stimme in ihrem Kopf, doch ihr Kampfgeist war erwacht und dieser wollte den Posten.
»Ich verstehe. Ihnen ist bewusst, dass wir hier keinerlei zusätzlichen Journalismus wünschen? Wir stehen in engem Kontakt zu einer Redaktion in Felteshavel, sowie einigen vertrauenswürdigen Journalisten von außerhalb. Die Privatsphäre unserer Studierenden und Lehrenden ist uns sehr wichtig.«
Verdammt, fluchte Amaury in Gedanken, blieb aber weiterhin nach außen ruhig. »Ich bin nicht als Journalistin hier. Ich arbeite im Moment ohnehin für keine Zeitung oder Redaktion mehr. Daher dachte meine Cousine wohl, dass ich die perfekte Person für die Stelle als Gärtnerin bin.«
»Ist das so? Nun, wir befinden uns nicht in der Position wählerisch sein zu können. Wir benötigen eine zusätzliche Person für die Pflege der Pflanzen. Ob Sie diese Rolle dauerhaft oder nur vorübergehend besetzen, werden wir mit der Zeit sehen. Vorerst wäre ich Ihnen in jedem Fall dankbar, wenn Sie die Pflege unseres Pflanzenhauses auf sich nehmen würden.«
»Es wäre mir eine Ehre«, bedankte Amaury sich stolz. »Sie sollten die Suche nach einer dauerhaften Lösung vielleicht dennoch fortsetzen«, ergänzte sie beiläufig, während sie bereits aufgestanden waren und sich die Hände reichten, als besiegelten sie einen Vertrag.
»Zweifeln Sie etwa an Ihren Fähigkeiten?«, merkte die Direktorin an und hielt dabei Amaurys Hand fest. Ihre Blicke trafen aufeinander.
»Keinesfalls. Ich meine nur, weil …« Ihre Gedanken rasten. Los, komm schon. Irgendeine Ausrede. »Wenn diese Pflanzen so wertvoll sind, war es doch von vornherein eine fragliche Entscheidung bloß eine Gärtnerin einzustellen. Das zeigt sich ja anhand der gegebenen Situation. Für die Zukunft wäre es daher vielleicht sinnvoll zwei Personen zu beauftragen, damit, wenn eine ausfällt, nicht gleich die Sicherheit der Pflanzen gefährdet ist.«
Die Direktorin lachte und zog ihre Hand zurück, bevor sie sich erneut in ihrem Ledersessel niederließ. »Sie haben Biss, das gefällt mir. Ich werde Ihren Ratschlag im Kopf behalten, aber seien Sie gewiss, dass sich in unserem Bestand zwar durchaus wertvolle Pflanzen befinden, diese jedoch nicht unersetzbar sind. Dennoch bin ich Ihnen dankbar für Ihre schnelle Hilfe. Ach, da wäre noch etwas. Wo wohnen Sie zurzeit?«
»In Felteshavel, bei Verwandten.«
»Ich nehme an bei der Familie Hayes? In jedem Fall würde ich Ihnen gerne ein Zimmer in der Akademie anbieten, da es sich sonst ein wenig schwierig gestalten könnte, Ihrer neuen Aufgabe nachzukommen. Wir würden Sie dann im Wohnhaus der Angestellten unterbringen. Das Zimmer Ihrer Vorgängerin ist jedoch ein wenig … vernachlässigt, was seine Ordnung betrifft. Ich würde es dennoch für Sie herrichten lassen, jedoch kann ich keinen so makellosen Raum, wie die Zimmer im Studentenwohnheim versprechen. Alternativ könnten Sie vorübergehend im Wohnheim der Elstern bleiben, dort müsste noch irgendwo ein Bett frei sein, allerdings wäre das nicht angemessen«, grübelte die Direktorin.
»Ich habe kein Problem mit dem Raum meiner Vorgängerin. Es muss nicht perfekt sein.« Alles ist besser als das bunte Chaos in Maris Zimmer, dachte sie.
»Wenn das so ist … gut, dann werde ich mich um die Herrichtung des Raumes kümmern. Ebenso werde ich Ihren Arbeitsvertrag und alles weitere vorbereiten. Ich bin sicher Sie müssen noch einmal nach Felteshavel und Ihr restliches Gepäck holen? Dann empfehle ich, Sie reisen heute Abend zurück ins Dorf und kommen morgen früh wieder her. Dann klären wir die übrigen Punkte und Sie können sich in ihrem Zimmer einrichten. Bis dahin sollte alles bereit sein. Ab übermorgen beginnen Sie dann ihre neue Arbeit.«
Ein wenig beleidigt so von der Direktorin an die Wand geredet zu werden, nickte Amaury dennoch.
»Das hört sich umsetzbar an. Haben Sie vielen Dank.«
»Wunderbar. Ich habe Ihnen zu danken, Miss …«
»Amaury Blackfir.«
»Natürlich, Miss Blackfir. Da fällt mir ein, habe ich mich überhaupt vorgestellt? Falls nicht: Ich bin Juliette Loudain, gegenwärtige Leiterin der Cinereus Akademie. Ich heiße Sie hiermit herzlich willkommen.«
»Vielen Dank. Ich werde dann heute Abend zurück ins Dorf fahren und morgen klären wir alles weitere.«
»So ist es. Bis dahin sehen Sie sich gern ein wenig auf unserem Campus um. Es gibt neben dem Pflanzenhaus noch einige sehenswerte Orte hier.«
»Das werde ich tun. Auf Wiedersehen.«
I
Als wäre sie aus einem Fiebertraum erwacht, stand Amaury kurz darauf in der großen Halle und betrachtete geistesgegenwärtig die große Statue einer Frau mit sehr altmodischen Kleidern und einem Buch in der Hand.
»Amaury«, rief da plötzlich eine bekannte Stimme ihren Namen und die Angesprochene drehte sich herum.
»Mari«, erwiderte sie.
»Ich hab dich schon gesucht. Ich wollte fragen, ob du mit uns etwas Essen gehen willst. In der Mensa bekommt man nichts, ohne seinen Studentenausweis vorzuzeigen – nicht, dass sich jemals jemand anderes als ein Student an diesen abgelegenen Ort verirren würde. Trotzdem verlangen sie es. Also?«, plapperte Mari drauf los, als hätten sie sich nie gestritten. Viel Zeit war seit Amaurys verspätetem Frühstück nicht vergangen, dennoch hielt sie es für eine gute Gelegenheit ihre Cousine auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen. Also sagte sie kurzerhand zu und wenig später saß Amaury mit Mari und zwei ihrer Freundinnen an einem Tisch in der erstaunlich modernen Mensa. Einzig die Architektur der Decke und einiger Wände erinnerte an das prunkvolle Schloss, in dem sie sich befanden.
»Und? Wo hast du dich rumgetrieben?«, wollte Mari wissen.
»Hier und da«, erwiderte Amaury distanziert, mit dem Blick auf ihrer Speise, ehe sie den Kopf hob und die blonde, junge Frau entschlossen anschaute. Diese bemerkte davon zuerst nichts, erst als Amaury sprach, schaute sie ebenfalls auf.
»Ich habe die Stelle der Gärtnerin angenommen.«
Sowohl Mari als auch ihre beiden Freundinnen schauten sie entgeistert an.
»Aber du wolltest es doch partout nicht«, fand ihre Cousine nach einigen Augenblicken ihre Stimme wieder.
»Ich habe meine Meinung geändert.«
»Ich wusste doch, dass es dir hier gefällt. Also bleibst du?«
»Ab morgen, ja. Heute Abend fahre ich zurück und hole meine Sachen.«
»Ha! Ich wusste es«, rief Mari und fasste die Freundin zu ihrer Rechten am Arm. »Siehst du Ivy, ich habe es dir gesagt«, trällerte sie.
»Ivy? Du bist ihre Mitbewohnerin, die Botanik studiert?«, hakte Amaury aufmerksam nach. Die Angesprochene nickte schwach. Sie hatte eine ruhige Ausstrahlung und wirkte eher unscheinbar mit ihrer erdfarbenen, locker sitzenden Kleidung, einzig ihre moosgrünen, schulterlangen Haare fielen einem sofort ins Auge.
»Genau, was hat sie dir von mir erzählt?«, fragte sie mit ruhiger Stimme nach.
»Nur Gutes natürlich«, versicherte Mari und legte ihren Kopf auf die Schulter der Grünhaarigen.
»Natürlich«, seufzte diese und lehnte sich von Mari weg. Diese schien das jedoch nicht persönlich zu nehmen.
»Ich freue mich so sehr, dass du bald dauerhaft hier bist. Das ist bestimmt genau das richtige für dich«, betonte sie freudig. Amaury nickte langsam. Ihr Blick huschte zur vierten Person am Tisch. Eine weitere junge Frau mit kurzen, schwarzen Haaren und markantem Gesicht. Sie war eher zierlich gebaut und wirkte desinteressiert an dem ganzen Geschehen.
»Und du bist?«, erkundigte Amaury sich freundlich lächelnd. Die Schwarzhaarige lächelte nicht. Sie schien genervt zu sein.
»Ich muss noch für einen Test lernen. Bis später«, verabschiedete sie sich und verließ eilig die Runde.
»Okay«, murmelte Amaury stirnrunzelnd.
»Nimm es ihr nicht übel. Vanea ist auf den ersten Blick kalt und abweisend, aber eigentlich ist sie eine wirklich nette Person. Sie kommt nur nicht gut mit fremden Leuten klar. Ich glaube die jüngsten Ereignisse mit dem … du weißt schon, haben ihr sehr zugesetzt. Wie uns allen.«
»Seid ihr Freunde?«, hakte Amaury nach.
»Ja, wir spielen manchmal zusammen Badminton.«
»Ach so, na dann.«
»Keine Sorge, ihr werdet sicher noch warm miteinander.«
»Klar«, sagte Amaury. Das muss nicht sein, dachte sie.
»Hast du noch was vor? Irgendwelche Vorbereitungen für deine Arbeit hier?«, erkundigte sich Mari, nachdem sie schweigend ihre Mahlzeit beendet hatten.
»Nicht wirklich. Ich wollte mir den Campus noch etwas ansehen.«
»Ich kann dich rumführen. Ivy wollte noch lernen gehen, aber ich habe Zeit.«
»Nein, geh lieber auch lernen. Ich finde mich schon zurecht. Ohne Guide macht es ohnehin mehr Spaß«, spottete Amaury und stand auf.
»Aber ich kenne all die schönen Eckchen und Fleckchen«, schmollte Mari.
»Das glaube ich dir, trotzdem gehe ich lieber allein.« Damit verließ Amaury die beiden und suchte sich einen Weg aus der Mensa, die um die Mittagszeit proppenvoll war. Im Grunde hätte sie nichts dagegen gehabt mit Mari zusammen über das Gelände zu laufen, jedoch gab es etwas, das sie nur ungern im Beisein ihrer Cousine getan hätte, daher hatte sie keine Wahl, als darauf zu bestehen, allein loszuziehen, und das tat sie nun.
Fortsetzung folgt ...
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