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Kapitel 4 – Sternenchaos
Ein leises Klirren war zu hören, gefolgt von einem unterdrückten Fluchen.
»Was ist denn los? Ist es dir etwa schon zu viel?«, fragte eine herablassende Männerstimme mit spielerischem Unterton. Erneutes Klirren und Klappern ertönte.
»Hatten diese verdammten Teleskoplinsen jemals eine Ordnung oder hast du sie einfach in die Kiste geworfen und gehofft, dass sie heil bleiben?«, ließ sich Darcey genervt über die Unordnung aus.
»Jetzt tust du mir aber Unrecht. Hier hat alles seine, nein meine Ordnung«, entgegnete der andere Mann selbstsicher. Darcey ließ von der Kiste ab und warf ihm einen bösen Blick zu.
»Wenn du deinen Assistenten länger als eine Woche behalten willst, solltest du netter mit ihm umgehen. Hätte ich gewusst, auf was ich mich einlasse, hätte ich es mir anders überlegt.«
»Also so schlimm ist meine Unordnung jetzt aber auch nicht, Darcey.«
Der Weißhaarige ging von der Kiste weg und ein paar Schritte in den Raum. Überall stapelten sich Fachbücher auf den Regalen, Tischen und selbst auf dem Sessel. Sternenkarten und Teleskope lagen auf jeder Kommode und in den Ecken. An den unmöglichsten Stellen standen halb leere Kaffeetassen und man fand Zettel mit komplexen mathematischen Formeln, wo man sie am wenigsten erwartete. Auf einem Whiteboard waren ähnliche Formeln und wissenschaftliche Skizzen abgebildet. Von der Decke baumelte ein großes Sonnensystemmodell und ein kleines, mechanisches stand auf der Fensterbank zwischen einem Stapel Taschenrechnern und weiteren Büchern.
»Darüber lässt sich sicher streiten«, fuhr er kurz darauf fort, »aber das meine ich gar nicht.« Er drehte sich wieder herum und sah dem älteren Mann ins Gesicht. »Ich meine, dass du mir die ganze Sache mit dem Mord verschwiegen hast.«
Sein Gegenüber straffte die Haltung und senkte den Blick, ehe er den Weißhaarigen wieder ansah und auf ihn zuging.
»Es fällt mir selbst schwer das zu akzeptieren. Das Opfer … er war ein guter Bekannter von mir. Die Nachricht von seinem Tod hat mich schwer getroffen.« Mit einem Mal war die Unbeschwertheit aus seiner Stimme gewichen. »Ich hätte es dir gesagt, aber ich fühlte mich einfach nicht in der Lage dazu. Es tut mir leid, Darcey. Wenn du dich hier nicht wohl fühlst, kann ich das verstehen, aber ich würde dich dennoch bitten es zumindest zu versuchen.«
»Keine Sorge, so schnell wirst du mich nicht wieder los. Dafür war meine alte Arbeitsstelle zu … ach lassen wir das. Trotzdem wäre ich dir dankbar, wenn du mir in Zukunft solche Sachen sofort sagst.«
»Das werde ich.« Der Blick des Älteren fiel auf die Kiste mit den Teleskoplinsen. »Ich gebe zu, dass sie ein wenig durcheinandergeraten sind. Wenn dir ein besseres Ordnungssystem einfällt, kannst du dich gern austoben. Das gilt für den ganzen Raum.«
Darcey verschränkte die Arme vor der Brust und setzte seinen besten das-ist-nicht-dein-Ernst-Blick auf.
»Sagst du mir gerade, dass ich hier gerne deine Putzkraft sein kann und dir hinterher räumen soll?«, fragte er missmutig.
»Niemals.« Sein Gegenüber lächelte unschuldig und zwinkerte Darcey schelmisch zu, woraufhin der Weißhaarige den Kopf schüttelte. Bevor er etwas dazu sagen konnte, ertönte ein Klopfen an der Tür.
»Es ist offen«, rief der Ältere, woraufhin die Tür langsam aufgeschoben wurde. Die Blicke der beiden Männer lagen interessiert auf ihrem Gast, sobald eine junge Frau in langem, dunkelrotem Mantel eintrat. Deren Miene ließ vermuten, dass sie überlegte sofort wieder kehrt zu machen – zumindest sobald sie den Älteren der beiden erblickte. Erst als sie Darcey sah, schien sie ihre Meinung zu ändern.
»Ich … ich wusste nicht …«, druckste sie verwundert und kam weiter in den Raum. »Habe ich Sie nicht an der Aussichtsplattform getroffen?«, fragte sie den Mann neben Darcey.
»Ich weiß nicht? Haben Sie?«, erwiderte er scherzhaft.
»Doch, ziemlich sicher«, sagte Amaury. Ihr Blick huschte zu Darcey. Plötzlich schien ihr etwas einzufallen. »Moment, sag mir nicht, er ist der Dozent für den du als Assistent arbeitest.«
»Doch«, war Darceys knappe Antwort.
»Ihr kennt euch, wie schön. Dann sollte ich mich wohl auch allmählich vorstellen. Camille Lancret. Dozent für Astronomie und Tanz. Freut mich, Sie kennenzulernen«, stellte der Mann sich vor.
»Ebenfalls erfreut. Ich bin Amaury Blackfir. Ich trete ab morgen die Nachfolge der Gärtnerin an.«
»Ach, haben sie so schnell eine Nachfolgerin gefunden? Wie erfreulich. Dann willkommen an der Cinereus Akademie.«
»Danke, mal sehen, wie es wird«, sagte Amaury und klang leicht gequält.
»Was bringt dich her? Ich darf dich doch duzen, jetzt wo wir Kollegen sind?«, fuhr Camille formlos fort. Amaury musterte ihn kurz argwöhnisch, bevor sich ihre Züge lockerten und sie gelassen nickte.
»Klar, warum nicht.«
»Und was bringt dich her? Pflanzen wirst du hier kaum welche finden. Uns fehlt leider die Zeit diese kleinen grünen Geschöpfe anständig zu versorgen«, erklärte Camille scherzhaft. »Außerdem fehlt mir wohl das Talent dazu.«
»Da sagen Sie … ich meine, da sagst du was«, erwiderte Amaury seufzend. »Nun, ich wollte eigentlich mit Darc … Darcey reden«, korrigierte sie sich schnell.
»Hier bin ich«, sagte der Angesprochene.
Amaurys Blick huschte zu Camilles Gesicht und dann zurück zu Darceys grün-grauen Augen. »Können wir allein reden?«
»Natürlich. Camille wollte ohnehin gerade die Teleskoplinsen neu sortieren, nicht wahr?«, verkündete Darcey und lächelte den jungen Dozenten spitzbübisch an, ehe er mit Amaury den Raum verließ.
Nachdem sie ein Stück auf dem langen, alten Korridor gelaufen waren, ergriff der Weißhaarige das Wort.
»Worüber wolltest du mit mir sprechen?«
»Ja, also …« Sie blieb stehen. Da er nicht damit rechnete ging er einen Schritt weiter und hielt erst dann an, um sich zu ihr zu drehen.
»Ist alles in Ordnung?«, erkundigte er sich.
»Ja schon, es ist nur …« Bisher war sie seinem Blick ausgewichen, doch nun suchte sie ihn. »Ich weiß, was du jetzt denkst, aber es war wirklich ein Zufall. Ich habe nicht nach dir gesucht.«
Er lachte verwirrt. »Wie kommst du darauf, dass ich das denken würde?«
»Na ja, damals waren wir immer irgendeinem Rätsel auf der Spur. Besser gesagt, ich habe in allem ein Mysterium gesehen.« Nun musste auch sie beschämt lächeln.
»Und weiter?«
»Es hätte zu mir gepasst dich ausfindig zu machen an einem so abgelegenen Ort«, fasste sie zusammen. Er verlagerte sein Gewicht und verschränkte die Arme vor der Brust. Sein Blick wurde gespielt eingeschnappt.
»Du tust ja so, als hätte ich damals überhaupt nichts geleistet.«
»Was?«
»Ich stand dir in nichts nach mit meiner Versessenheit nach Mysterien.«
»Ähm …«
Er lockerte seine Haltung und lachte aufrichtig. »Ich sage doch bloß, dass du dir keinen Kopf machen musst. Ich war überrascht, dich hier zu sehen, aber ich würde dir niemals unmoralische Absichten unterstellen. Außerdem hättest du überhaupt keinen Grund mich zu suchen, oder? Wir waren Kindergartenfreunde und haben uns aus den Augen verloren. Wir sind unsere eigenen Wege gegangen – jeder für sich – und das war in Ordnung. Nichtsdestotrotz ist es schön dich wiedergetroffen zu haben.«
»Schon, aber … nein, es ist gut, dass du es so siehst. Das ist die einzig richtige Art es zu sehen.«
Er nickte zustimmend, ehe sein Blick über ihre Kleidung huschte. Mit einer seiner Hände fuhr er dabei nachdenklich über sein Kinn.
»Stimmt etwas nicht?«, wollte sie wissen und sah an sich herunter. Der dunkelrote Mantel, der weite, schwarze Pullover über dem knittrigen, cremefarbenen Hemd, sowie die ebenfalls knittrige, dunkelbraune Anzughose sahen in der Tat nicht so elegant aus, wie sie es sollten, doch das war allein der Eile am Morgen geschuldet, mit der Amaury von ihrer Cousine zum Aufbruch gezwungen worden war.
»Nein nein, alles gut. Du hast dich in Sachen Kleidungsstil bloß überhaupt nicht verändert«, erklärte er und musste ein Lachen unterdrücken.
»Ich hoffe das ist ein Scherz, weil ich schon der Meinung bin mich inzwischen besser zu kleiden als noch im verdammten Kindergarten.«
»So war das nicht gemeint«, versicherte er ernst, sobald er die leichte Unsicherheit in ihrer Stimme hörte. »Entschuldige.«
»Du hast dich auch kein bisschen verändert, wenn es dir nach wie vor Spaß macht, mich zu ärgern«, erwiderte sie mit einem Lächeln in der Stimme. Es war merkwürdig. Obwohl sie sich fast zwei Jahrzehnte nicht mehr gesehen hatten, schien alles, als hätten sie sich erst gestern zuletzt getroffen. Amaury wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte, jedoch gefiel es ihr.
»Aber sag mal ehrlich, warum bist du wirklich hergekommen? Doch wohl kaum, um als Gärtnerin zu arbeiten, oder?«, griff er das Gespräch erneut auf, nachdem sie sich stumm angelächelt hatten. Sie drehte den Kopf zu einem der kleinen Fenster neben ihnen.
»Nein, ich wollte … Urlaub machen.«
»Hier? An der Akademie?«, fragte er ungläubig.
»Nein, in Felteshavel, bei meinen Verwandten.«
»Und wie kommst du dann zu einer Stelle als Gärtnerin?«
Sie wandte sich ihm wieder zu und musterte seine verwunderten Gesichtszüge. »Wie so oft, begann auch diese Geschichte mit einem Mord«, setzte sie ominös an. Kurzerhand erzählte sie Darcey von der alten Gärtnerin, die gekündigt hatte, dem Missverständnis mit Mari und ihrer Entscheidung nun doch den Posten anzunehmen.
»Alles schön und gut«, sagte dieser, sobald sie fertig war, »aber mir erschließt sich nicht, warum du deine Meinung geändert hast.«
»Hm?«, machte sie.
»Na ja, du hattest allen Grund den Posten nicht anzunehmen, geschweige denn, überhaupt zu versuchen ihn zu bekommen. Warum hast du es dennoch getan?«, führte er aus. Amaury steckte ihre Hände in die tiefen Hosentaschen und lächelte ertappt.
»Tja«, sagte sie verheißungsvoll und ging einen Schritt auf Darcey zu. »Manche Mysterien bleiben eben ungelöst.« Sie berührte ihn mit ihrer Schulter und zwinkerte vielsagend.
»Ach ja?« Er wollte das nicht so stehen lassen, doch Amaury hatte die Lust an tiefgründigen Gesprächen verloren und atmete tief durch.
»Was hältst du davon, mir die Akademie zu zeigen und wenn du mich an spannende Orte bringst, gebe ich dir vielleicht einen Hinweis«, schlug sie vor und lächelte ihn herausfordernd an.
»Das könnte schwierig werden, zumal ich selbst erst seit einer Woche hier bin.«
Das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht und sie nahm die Hände aus den Taschen. »Wirklich?«
»Ja, es hat sich alles sehr spontan ergeben. Deswegen habe ich auch nicht gedacht, dass du mich gesucht und hier aufgespürt hast. Das wäre selbst für jemanden wie dich zu viel verlangt gewesen.«
»Verstehe. Na, dann … wollen wir zusammen den Campus erkunden?«
»Eigentlich habe ich noch viel zu tun. Camille ist ein schrecklicher Chaot und wenn ich keine Ordnung schaffe, blicke ich bald selbst nicht mehr durch.«
»Ja, das ergibt Sinn«, bekundete Amaury ihr Verständnis, wenngleich es sie enttäuschte. Manche Dinge hatten sich wohl doch geändert und manche Zeiten waren unwiederbringlich vorbei. Eine merkwürdige Mischung aus Nostalgie und Trauer übermannte Amaury.
»Aber du arbeitest doch jetzt auch hier. Ich bin sicher, wir finden irgendwann Zeit für ein paar Erkundungstouren«, versprach er, als er ihre Enttäuschung bemerkte.
»Das klingt so kindisch, aber … ja, das wäre schön.«
»Du weißt ja jetzt, wo du mich findest, aber wo finde ich dich?«
»Das ist eine gute Frage, auf die ich noch keine Antwort habe«, sagte sie bedeutungsvoll.
Darcey legte fragend den Kopf schief.
»Ich hole heute Abend meine Sachen und erfahre erst morgen früh, wo ich von nun an wohnen werde«, erklärte sie.
»Ach so, verstehe. Dann komm in den nächsten Tagen, wenn du dich etwas eingelebt hast, einfach wieder vorbei und bring mich auf den neuesten Stand. Bis dahin habe ich sicher auch einen besseren Überblick über meine Aufgaben hier.«
»Das werde ich. Dann viel Erfolg beim Aufräumen«, verabschiedete sie sich zwinkernd.
»Werde ich haben. Bis dann«, erwiderte er.
»Und Darcey«, wandte sie sich ein letztes Mal an ihn. »Ich freue mich ebenfalls, dich wiedergetroffen zu haben.«
Er lächelte, bevor sich ihre Wege trennten. Darcey ging zurück zu Camilles und seinem Büro, wo er endlich etwas Ordnung schaffen wollte, und Amaury entschied sich, Mari zu suchen und sie doch um eine kleine Tour über den Campus zu bitten, bevor sie am Abend zurück nach Felteshavel fahren würde. Ein freudiges Kribbeln durchzog ihren Körper beim Gedanken an die kommende Zeit, und das obwohl ihre Aussichten von einer Menge Pflanzenpflege geprägt waren. Aber was war schon das Gießen einiger Petunien, wenn sie dafür wieder Zeit mit einem ihrer ältesten Freunde verbringen konnte und so die Chance hatte, die besten Zeiten ihres Lebens neu aufblühen lassen zu können.
Fortsetzung folgt ...
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Kapitel 4 – Sternenchaos
Ein leises Klirren war zu hören, gefolgt von einem unterdrückten Fluchen.
»Was ist denn los? Ist es dir etwa schon zu viel?«, fragte eine herablassende Männerstimme mit spielerischem Unterton. Erneutes Klirren und Klappern ertönte.
»Hatten diese verdammten Teleskoplinsen jemals eine Ordnung oder hast du sie einfach in die Kiste geworfen und gehofft, dass sie heil bleiben?«, ließ sich Darcey genervt über die Unordnung aus.
»Jetzt tust du mir aber Unrecht. Hier hat alles seine, nein meine Ordnung«, entgegnete der andere Mann selbstsicher. Darcey ließ von der Kiste ab und warf ihm einen bösen Blick zu.
»Wenn du deinen Assistenten länger als eine Woche behalten willst, solltest du netter mit ihm umgehen. Hätte ich gewusst, auf was ich mich einlasse, hätte ich es mir anders überlegt.«
»Also so schlimm ist meine Unordnung jetzt aber auch nicht, Darcey.«
Der Weißhaarige ging von der Kiste weg und ein paar Schritte in den Raum. Überall stapelten sich Fachbücher auf den Regalen, Tischen und selbst auf dem Sessel. Sternenkarten und Teleskope lagen auf jeder Kommode und in den Ecken. An den unmöglichsten Stellen standen halb leere Kaffeetassen und man fand Zettel mit komplexen mathematischen Formeln, wo man sie am wenigsten erwartete. Auf einem Whiteboard waren ähnliche Formeln und wissenschaftliche Skizzen abgebildet. Von der Decke baumelte ein großes Sonnensystemmodell und ein kleines, mechanisches stand auf der Fensterbank zwischen einem Stapel Taschenrechnern und weiteren Büchern.
»Darüber lässt sich sicher streiten«, fuhr er kurz darauf fort, »aber das meine ich gar nicht.« Er drehte sich wieder herum und sah dem älteren Mann ins Gesicht. »Ich meine, dass du mir die ganze Sache mit dem Mord verschwiegen hast.«
Sein Gegenüber straffte die Haltung und senkte den Blick, ehe er den Weißhaarigen wieder ansah und auf ihn zuging.
»Es fällt mir selbst schwer das zu akzeptieren. Das Opfer … er war ein guter Bekannter von mir. Die Nachricht von seinem Tod hat mich schwer getroffen.« Mit einem Mal war die Unbeschwertheit aus seiner Stimme gewichen. »Ich hätte es dir gesagt, aber ich fühlte mich einfach nicht in der Lage dazu. Es tut mir leid, Darcey. Wenn du dich hier nicht wohl fühlst, kann ich das verstehen, aber ich würde dich dennoch bitten es zumindest zu versuchen.«
»Keine Sorge, so schnell wirst du mich nicht wieder los. Dafür war meine alte Arbeitsstelle zu … ach lassen wir das. Trotzdem wäre ich dir dankbar, wenn du mir in Zukunft solche Sachen sofort sagst.«
»Das werde ich.« Der Blick des Älteren fiel auf die Kiste mit den Teleskoplinsen. »Ich gebe zu, dass sie ein wenig durcheinandergeraten sind. Wenn dir ein besseres Ordnungssystem einfällt, kannst du dich gern austoben. Das gilt für den ganzen Raum.«
Darcey verschränkte die Arme vor der Brust und setzte seinen besten das-ist-nicht-dein-Ernst-Blick auf.
»Sagst du mir gerade, dass ich hier gerne deine Putzkraft sein kann und dir hinterher räumen soll?«, fragte er missmutig.
»Niemals.« Sein Gegenüber lächelte unschuldig und zwinkerte Darcey schelmisch zu, woraufhin der Weißhaarige den Kopf schüttelte. Bevor er etwas dazu sagen konnte, ertönte ein Klopfen an der Tür.
»Es ist offen«, rief der Ältere, woraufhin die Tür langsam aufgeschoben wurde. Die Blicke der beiden Männer lagen interessiert auf ihrem Gast, sobald eine junge Frau in langem, dunkelrotem Mantel eintrat. Deren Miene ließ vermuten, dass sie überlegte sofort wieder kehrt zu machen – zumindest sobald sie den Älteren der beiden erblickte. Erst als sie Darcey sah, schien sie ihre Meinung zu ändern.
»Ich … ich wusste nicht …«, druckste sie verwundert und kam weiter in den Raum. »Habe ich Sie nicht an der Aussichtsplattform getroffen?«, fragte sie den Mann neben Darcey.
»Ich weiß nicht? Haben Sie?«, erwiderte er scherzhaft.
»Doch, ziemlich sicher«, sagte Amaury. Ihr Blick huschte zu Darcey. Plötzlich schien ihr etwas einzufallen. »Moment, sag mir nicht, er ist der Dozent für den du als Assistent arbeitest.«
»Doch«, war Darceys knappe Antwort.
»Ihr kennt euch, wie schön. Dann sollte ich mich wohl auch allmählich vorstellen. Camille Lancret. Dozent für Astronomie und Tanz. Freut mich, Sie kennenzulernen«, stellte der Mann sich vor.
»Ebenfalls erfreut. Ich bin Amaury Blackfir. Ich trete ab morgen die Nachfolge der Gärtnerin an.«
»Ach, haben sie so schnell eine Nachfolgerin gefunden? Wie erfreulich. Dann willkommen an der Cinereus Akademie.«
»Danke, mal sehen, wie es wird«, sagte Amaury und klang leicht gequält.
»Was bringt dich her? Ich darf dich doch duzen, jetzt wo wir Kollegen sind?«, fuhr Camille formlos fort. Amaury musterte ihn kurz argwöhnisch, bevor sich ihre Züge lockerten und sie gelassen nickte.
»Klar, warum nicht.«
»Und was bringt dich her? Pflanzen wirst du hier kaum welche finden. Uns fehlt leider die Zeit diese kleinen grünen Geschöpfe anständig zu versorgen«, erklärte Camille scherzhaft. »Außerdem fehlt mir wohl das Talent dazu.«
»Da sagen Sie … ich meine, da sagst du was«, erwiderte Amaury seufzend. »Nun, ich wollte eigentlich mit Darc … Darcey reden«, korrigierte sie sich schnell.
»Hier bin ich«, sagte der Angesprochene.
Amaurys Blick huschte zu Camilles Gesicht und dann zurück zu Darceys grün-grauen Augen. »Können wir allein reden?«
»Natürlich. Camille wollte ohnehin gerade die Teleskoplinsen neu sortieren, nicht wahr?«, verkündete Darcey und lächelte den jungen Dozenten spitzbübisch an, ehe er mit Amaury den Raum verließ.
Nachdem sie ein Stück auf dem langen, alten Korridor gelaufen waren, ergriff der Weißhaarige das Wort.
»Worüber wolltest du mit mir sprechen?«
»Ja, also …« Sie blieb stehen. Da er nicht damit rechnete ging er einen Schritt weiter und hielt erst dann an, um sich zu ihr zu drehen.
»Ist alles in Ordnung?«, erkundigte er sich.
»Ja schon, es ist nur …« Bisher war sie seinem Blick ausgewichen, doch nun suchte sie ihn. »Ich weiß, was du jetzt denkst, aber es war wirklich ein Zufall. Ich habe nicht nach dir gesucht.«
Er lachte verwirrt. »Wie kommst du darauf, dass ich das denken würde?«
»Na ja, damals waren wir immer irgendeinem Rätsel auf der Spur. Besser gesagt, ich habe in allem ein Mysterium gesehen.« Nun musste auch sie beschämt lächeln.
»Und weiter?«
»Es hätte zu mir gepasst dich ausfindig zu machen an einem so abgelegenen Ort«, fasste sie zusammen. Er verlagerte sein Gewicht und verschränkte die Arme vor der Brust. Sein Blick wurde gespielt eingeschnappt.
»Du tust ja so, als hätte ich damals überhaupt nichts geleistet.«
»Was?«
»Ich stand dir in nichts nach mit meiner Versessenheit nach Mysterien.«
»Ähm …«
Er lockerte seine Haltung und lachte aufrichtig. »Ich sage doch bloß, dass du dir keinen Kopf machen musst. Ich war überrascht, dich hier zu sehen, aber ich würde dir niemals unmoralische Absichten unterstellen. Außerdem hättest du überhaupt keinen Grund mich zu suchen, oder? Wir waren Kindergartenfreunde und haben uns aus den Augen verloren. Wir sind unsere eigenen Wege gegangen – jeder für sich – und das war in Ordnung. Nichtsdestotrotz ist es schön dich wiedergetroffen zu haben.«
»Schon, aber … nein, es ist gut, dass du es so siehst. Das ist die einzig richtige Art es zu sehen.«
Er nickte zustimmend, ehe sein Blick über ihre Kleidung huschte. Mit einer seiner Hände fuhr er dabei nachdenklich über sein Kinn.
»Stimmt etwas nicht?«, wollte sie wissen und sah an sich herunter. Der dunkelrote Mantel, der weite, schwarze Pullover über dem knittrigen, cremefarbenen Hemd, sowie die ebenfalls knittrige, dunkelbraune Anzughose sahen in der Tat nicht so elegant aus, wie sie es sollten, doch das war allein der Eile am Morgen geschuldet, mit der Amaury von ihrer Cousine zum Aufbruch gezwungen worden war.
»Nein nein, alles gut. Du hast dich in Sachen Kleidungsstil bloß überhaupt nicht verändert«, erklärte er und musste ein Lachen unterdrücken.
»Ich hoffe das ist ein Scherz, weil ich schon der Meinung bin mich inzwischen besser zu kleiden als noch im verdammten Kindergarten.«
»So war das nicht gemeint«, versicherte er ernst, sobald er die leichte Unsicherheit in ihrer Stimme hörte. »Entschuldige.«
»Du hast dich auch kein bisschen verändert, wenn es dir nach wie vor Spaß macht, mich zu ärgern«, erwiderte sie mit einem Lächeln in der Stimme. Es war merkwürdig. Obwohl sie sich fast zwei Jahrzehnte nicht mehr gesehen hatten, schien alles, als hätten sie sich erst gestern zuletzt getroffen. Amaury wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte, jedoch gefiel es ihr.
»Aber sag mal ehrlich, warum bist du wirklich hergekommen? Doch wohl kaum, um als Gärtnerin zu arbeiten, oder?«, griff er das Gespräch erneut auf, nachdem sie sich stumm angelächelt hatten. Sie drehte den Kopf zu einem der kleinen Fenster neben ihnen.
»Nein, ich wollte … Urlaub machen.«
»Hier? An der Akademie?«, fragte er ungläubig.
»Nein, in Felteshavel, bei meinen Verwandten.«
»Und wie kommst du dann zu einer Stelle als Gärtnerin?«
Sie wandte sich ihm wieder zu und musterte seine verwunderten Gesichtszüge. »Wie so oft, begann auch diese Geschichte mit einem Mord«, setzte sie ominös an. Kurzerhand erzählte sie Darcey von der alten Gärtnerin, die gekündigt hatte, dem Missverständnis mit Mari und ihrer Entscheidung nun doch den Posten anzunehmen.
»Alles schön und gut«, sagte dieser, sobald sie fertig war, »aber mir erschließt sich nicht, warum du deine Meinung geändert hast.«
»Hm?«, machte sie.
»Na ja, du hattest allen Grund den Posten nicht anzunehmen, geschweige denn, überhaupt zu versuchen ihn zu bekommen. Warum hast du es dennoch getan?«, führte er aus. Amaury steckte ihre Hände in die tiefen Hosentaschen und lächelte ertappt.
»Tja«, sagte sie verheißungsvoll und ging einen Schritt auf Darcey zu. »Manche Mysterien bleiben eben ungelöst.« Sie berührte ihn mit ihrer Schulter und zwinkerte vielsagend.
»Ach ja?« Er wollte das nicht so stehen lassen, doch Amaury hatte die Lust an tiefgründigen Gesprächen verloren und atmete tief durch.
»Was hältst du davon, mir die Akademie zu zeigen und wenn du mich an spannende Orte bringst, gebe ich dir vielleicht einen Hinweis«, schlug sie vor und lächelte ihn herausfordernd an.
»Das könnte schwierig werden, zumal ich selbst erst seit einer Woche hier bin.«
Das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht und sie nahm die Hände aus den Taschen. »Wirklich?«
»Ja, es hat sich alles sehr spontan ergeben. Deswegen habe ich auch nicht gedacht, dass du mich gesucht und hier aufgespürt hast. Das wäre selbst für jemanden wie dich zu viel verlangt gewesen.«
»Verstehe. Na, dann … wollen wir zusammen den Campus erkunden?«
»Eigentlich habe ich noch viel zu tun. Camille ist ein schrecklicher Chaot und wenn ich keine Ordnung schaffe, blicke ich bald selbst nicht mehr durch.«
»Ja, das ergibt Sinn«, bekundete Amaury ihr Verständnis, wenngleich es sie enttäuschte. Manche Dinge hatten sich wohl doch geändert und manche Zeiten waren unwiederbringlich vorbei. Eine merkwürdige Mischung aus Nostalgie und Trauer übermannte Amaury.
»Aber du arbeitest doch jetzt auch hier. Ich bin sicher, wir finden irgendwann Zeit für ein paar Erkundungstouren«, versprach er, als er ihre Enttäuschung bemerkte.
»Das klingt so kindisch, aber … ja, das wäre schön.«
»Du weißt ja jetzt, wo du mich findest, aber wo finde ich dich?«
»Das ist eine gute Frage, auf die ich noch keine Antwort habe«, sagte sie bedeutungsvoll.
Darcey legte fragend den Kopf schief.
»Ich hole heute Abend meine Sachen und erfahre erst morgen früh, wo ich von nun an wohnen werde«, erklärte sie.
»Ach so, verstehe. Dann komm in den nächsten Tagen, wenn du dich etwas eingelebt hast, einfach wieder vorbei und bring mich auf den neuesten Stand. Bis dahin habe ich sicher auch einen besseren Überblick über meine Aufgaben hier.«
»Das werde ich. Dann viel Erfolg beim Aufräumen«, verabschiedete sie sich zwinkernd.
»Werde ich haben. Bis dann«, erwiderte er.
»Und Darcey«, wandte sie sich ein letztes Mal an ihn. »Ich freue mich ebenfalls, dich wiedergetroffen zu haben.«
Er lächelte, bevor sich ihre Wege trennten. Darcey ging zurück zu Camilles und seinem Büro, wo er endlich etwas Ordnung schaffen wollte, und Amaury entschied sich, Mari zu suchen und sie doch um eine kleine Tour über den Campus zu bitten, bevor sie am Abend zurück nach Felteshavel fahren würde. Ein freudiges Kribbeln durchzog ihren Körper beim Gedanken an die kommende Zeit, und das obwohl ihre Aussichten von einer Menge Pflanzenpflege geprägt waren. Aber was war schon das Gießen einiger Petunien, wenn sie dafür wieder Zeit mit einem ihrer ältesten Freunde verbringen konnte und so die Chance hatte, die besten Zeiten ihres Lebens neu aufblühen lassen zu können.
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