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Kapitel 9 – Das vierte Mysterium – Die Nocturne der Nordlichter
Den Tanzsaal. Natürlich musste Camille Darcey ausgerechnet den Tanzsaal zeigen. Von allen spannenden Orten, die es an der Akademie zu entdecken gab, stand der weißhaarige Assistent des Astronomie Dozenten nun inmitten des leeren Raumes mit den Parkettböden und den von Spiegeln bedeckten Wänden. Aus einem davon starrte ihm ein mit hängenden Schultern und leicht nachlässiger Haltung dastehender, junger Mann entgegen.
›Keine Sorge, du lernst das Tanzen schon noch. Dafür werde ich sorgen‹, hatte Camille ihm vor kaum einer Minute gesagt und war mit seinem üblichen, selbstsicheren Grinsen auf den Lippen davongegangen, während Darcey noch unbeholfen auf dem Parkett stand und versuchte wieder zu Atem zu kommen.
»Das hättest du wohl gern«, brummte Darcey und zog seinen Pullover zurecht, der bei seinen jüngsten – eher unfreiwilligen – Tanzversuchen verrutscht war. Er hatte gleich Schlimmes geahnt, als Camille ihn am frühen Vormittag überfreundlich angesprochen und verheißungsvoll eine ›großartige Sache‹ angepriesen hatte, die er seinem Assistenten unbedingt hatte zeigen wollen.
Während Darcey so dastand und allmählich wieder zu Atem kam, ließ er seinen Blick durch den historisch anmutenden Raum schweifen. Alles darin verströmte die Atmosphäre eines Tanzsaals in einem Namenlosen Theater aus einem längst vergangenen Jahrhundert. Besonders die kunstvollen Verzierungen an der einen vertäfelten, spiegellosen Wand beschworen diese Stimmung herauf. Fehlte nur noch ein eleganter Tänzer in klassischer Garderobe, der sein Können auf dem Parkett zum Besten gab. Camille mochte diese Rolle erfüllen – Darcey sicher nicht.
Auf einmal blieb der Blick des Weißhaarigen an einer einen Spalt weit geöffneten Tür hängen, die ihm zuvor nicht aufgefallen war. Das war nicht der Ausgang, dessen war Darcey sich sicher. Neugierig trat er näher heran und schob die Tür vorsichtig mit seinen Fingern ein wenig weiter auf.
Zum Vorschein kam ein winziges Hinterzimmer voller Regale, in denen neben Schallplatten allerhand Kostümteile, Masken und dünne Tücher lagen. Auf einem Hocker stand ein Grammophon und am Boden in einem Holzgestell reihten sich schwarze Tanzschuhe aneinander. Für eine tanzaffine Person sicher interessant, jedoch galt Darceys Aufmerksamkeit etwas anderem.
Inmitten des Zimmerchens stand gedrungen und belagert von weiteren Schallplattenstapeln und vergilbter Literatur ein altes Klavier.
Vorsichtig ließ Darcey seine Fingerspitzen über den Deckel aus hellem Holz streichen. Gedankenverloren betrachtete er das alte Instrument und ehe er sich versah, fand er sich auf dem Hocker vor den Tasten sitzend wieder. Wie lange war es her, seit er das letzte Mal Klavier gespielt hatte? Er konnte sich nicht mehr erinnern, umso deutlicher spürte er das Verlangen dieser verlorenen Leidenschaft erneut nachzugehen.
Kurzerhand warf er einen Blick hinter sich, erblickte jedoch niemanden und konnte auch nichts hören, was auf die Anwesenheit anderer Personen hätte schließen lassen.
Behutsam drückten seine Finger ein paar Tasten herunter, begleitet von dem vertrauten Klang, den das Instrument dabei von sich gab. Es hörte sich sauber und gestimmt an, daher begann Darcey eine Melodie zu spielen, die er früher so oft zum Besten gegeben hatte, dass er selbst mit geschlossenen Augen die richtigen Tasten gefunden hätte.
Seine Finger bewegten sich fast von allein und die Melodie erfüllte das Hinterzimmer und den angrenzenden Tanzsaal. Der verkrampfte Ausdruck wich aus Darceys Miene und wurde durch ein verträumtes Lächeln ersetzt.
Der letzte Ton verklang und der junge Pianist erwachte aus seiner Trance. Zufrieden schaute er auf die schwarzen und weißen Tasten, ehe sein Blick auf etwas unter dem Klavier fiel. Der Weißhaarige rutschte mit dem Hocker etwas zurück, um sich hinunterbeugen und den vollkommen verstaubten Zettel aufheben zu können. Hastig wischte der junge Mann einige Wollmäuse und Staubansammlungen von dem Papier und stellte verwundert fest, dass er ein Notenblatt in der Hand hielt. Darauf war eine Melodie niedergeschrieben. Es waren viele Noten und das Stück schien recht kompliziert zu sein, zudem war das Papier alt und die Tinte an einigen Stellen verwischt. Einzig der Name des Stücks war noch eindeutig zu entziffern.
›Nocturne der Nordlichter‹, stand dort in schöner Schreibschrift.
Neugierig geworden, platzierte Darcey das Blatt auf dem Notenständer des Klaviers und setzte sich erneut an die Tasten.
Nach kurzem Studium der Noten begann er zu spielen. Es brauchte zwei Versuche, bis er die verwischten Teile deuten und so spielen konnte, dass die Melodie sich richtig anhörte. Es war ein mystisches Stück mit einem intensiven und zugleich zutiefst melancholischen Klang. Gerade als die Melodie zu ihrem Höhepunkt kommen sollte, endeten die Noten auf dem Blatt und Darcey stoppte sein Spiel. Fast zeitgleich ertönte ein Klicken, gefolgt von einem kratzigen Knarzen.
Direkt über den Tasten hatte sich ein schmales Geheimfach geöffnet, in dem ein zusammengerolltes Pergament lag.
Überrascht betrachtete Darcey es und zog es schließlich aus seinem Versteck. Das Papier war bereits vergilbt und voller Staub, jedoch bildeten die Zeichnungen darauf zweifellos eine Sternenkarte ab. Sofort dachte Darcey an Camille, der sich vermutlich einen Scherz erlaubt hatte. Andererseits wirkte der ständig kokettierende Astronom nicht wie jemand, der so viel Aufwand betrieb, nur um Darcey eine verstaubte Sternenkarte in die Hände fallen zu lassen. Etwas anderes musste dahinterstecken.
Sofort begann der sternenkundige junge Mann die Karte zu studieren, konnte jedoch auf den ersten Blick keine bekannten Sternbilder oder andere markante Objekte ausfindig machen, weshalb er beschloss die Karte mit in sein und Camilles Arbeitszimmer zu nehmen und dort eingehender zu untersuchen. Außerdem wollte er Camille dazu befragen – zuzutrauen war dem schelmischen Dozenten letzten Endes doch mehr als man glaubte.
I
Tief gebeugt über eine komplizierte Liste mit Berechnungen, hockte Darcey am nächsten Morgen an seinem Schreibtisch, auf dem neben seiner täglichen Arbeit und einigen hilfreichen Unterlagen über die Akademie auch die Sternenkarte aus dem Geheimfach des Klaviers lag.
»Immer so fleißig«, riss ihn die belustigte Stimme des Astronomie-Dozenten aus der Konzentration. »Machst du eigentlich je auch was anderes als Arbeiten?«
»Was willst du jetzt schon wieder?«, brummte Darcey und hob den Kopf.
»Ich will sichergehen, dass du deine Jugend nicht verschwendest, mein lieber Darcey«, erklärte Camille gespielt sorgenvoll.
Der Weißhaarige schüttelte genervt den Kopf. »Du bist nur sechs Jahre älter als ich. Tu nicht so, als wärst du ein Greis. Außerdem genießt du die Jugend für mich mit, bei deinem Lebensstil.«
»Ich meine ja bloß …«, begann Camille und stellte dabei schwungvoll seine volle Kaffeetasse auf den Schreibtisch seines Assistenten, wobei ein großer Schwall der dunklen Flüssigkeit über den Rand schwappte und sich über Darceys Unterlagen verteilte.
»Hey«, rief dieser und stand ruckartig auf. »Pass doch auf.«
»Hoppla«, murmelte Camille und lächelte entschuldigend. Mit einer eleganten Drehung holte er ein Taschentuch von seinem Schreibtisch und reichte es dem Weißhaarigen.
»Na toll …«, grummelte dieser in Anbetracht der Tatsache, dass der Kaffee seine Karte der Akademie, die Camille ihm zur Orientierung gegeben hatte, ruiniert hatte. »Wenn ich mich jetzt nicht mehr zurechtfinde, bist du schuld.«
»Ach was, ich besorge dir eine neue. Später, weil … Oh, so spät schon? Ich muss los. Dozentenarbeit, du verstehst? Wisch das schön alles auf und denk dran, dass ich die Liste mit den Berechnungen bis heute Abend brauche. Bis dann«, redete Camille sich raus und verschwand schnell aus dem Arbeitszimmer der beiden.
»Camille«, schimpfte Darcey, doch der Dozent war bereits fort. Leise vor sich hin fluchend, wischte Darcey die Flecken weg und rettete, was noch zu retten war.
Nach guten zehn Minuten war das meiste Chaos beseitigt und er konnte sich wieder an seine Arbeit machen, da fiel ihm etwas auf.
Wie durch ein Wunder war die seltsame Sternenkarte von dem Kaffeezwischenfall verschont geblieben und lag nun ganz oben auf einem Stapel mit den anderen geretteten Unterlagen und somit direkt neben der verunstalteten Karte der Akademie. Vorsichtig hob er die Sternenkarte hoch und hielt sie in sicherem Abstand über den feuchten Lageplan der Akademie. Zu seinem Erstaunen stimmten die Sterne auf der Karte mit den Räumen des Gebäudes nahezu überein. Rasch legte er beide Dokumente nebeneinander und betrachtete sie eingehend. Aufgrund der Kaffeeflecken dauerte es ein wenig, bis Darcey sicher sein konnte, dass jeder Stern einen entsprechenden Raum besaß – bis auf einen. Bei einem Raum, neben dem sich keine weiteren Räume befinden sollten, prangte auf der Sternenkarte ein kleines, fünfeckiges Symbol. Darcey versuchte den naheliegendsten Raum auszumachen und stellte mit Verwunderung fest, dass es sich dabei um ein Zimmer, einen Stock unter dem Arbeitszimmer von ihm und Camille handelte.
Zögerlich betrachtete er seine Liste mit den offenen Berechnungen, sowie die befleckten Unterlagen.
»Bis heute Abend … du kannst mich mal, Camille«, flüsterte Darcey bitter und kehrte seinem Schreibtisch den Rücken zu. »Du wolltest doch, dass ich meine Jugend genieße, bitte schön, kannst du haben«, fügte er beim Rausgehen zynisch hinzu.
I
Nachdenklich stand Darcey in einem kleinen Abstellraum voller Kisten mit alten Fernrohren, Bücherregalen und einem für diesen Raum verhältnismäßig viel zu großen Gemälde in einem protzigen Rahmen, das an der Wand lehnte. Darauf waren zwei Personen als Silhouetten auf einer Klippe stehend abgebildet, während am nächtlichen Himmel über ihnen eine einzelne Sternschnuppe entlangflog. Die Farben waren verblasst und eher dunkel gehalten. Genau dort, wo das Gemälde stand, hätte sich laut der Sternenkarte das verborgene Zimmer befinden sollen. Erneut zögerte Darcey, doch dann griff er beherzt nach dem Bilderrahmen und hievte ihn kurzerhand zur Seite. Zum Vorschein kam eine vertäfelte Wand, an der jedoch auffällige Schrammen zu sehen waren, als wäre dort wiederholt etwas entlanggeschliffen. So war es wenig überraschend, dass sich eine der Holztäfelungen verschieben ließ und dahinter einen kleinen Durchgang offenbarte.
Der verborgene Raum war in etwa so groß, wie die Abstellkammer davor und es gab sogar ein Fenster. Dieses lag jedoch zu weit oben, als dass man von draußen etwas hätte sehen können. An den Wänden und neben dem Fenster hingen weinrote Stoffe, in denen sich Unmengen von Staub angesammelt hatte. Auf dem Boden stapelten sich angestaubte Bücher und in einem schmalen Regal standen altertümliche Büsten und kleine Skulpturen. Das zentrale Element dieses Raumes war jedoch das Klavier aus fast schwarzem Holz. Als hätte es seit Jahrhunderten auf einen Pianisten gewartet, stand ein von einer dicken Staubschicht bedeckter Hocker vor den verdeckten Tasten und auf dem Notenständer lagen Noten für ein Klavierstück. Sofort betrachtete Darcey sie und seine Vermutung bestätigte sich. Bei dem Stück handelte es sich um die fehlende Hälfte der ›Nocturne der Nordlichter‹.
Es juckte ihn in den Fingern, sich an die Tasten zu setzen und das Stück zu spielen, jedoch fehlten ihm die Noten des ersten Teils, außerdem gab es noch etwas, das er tun wollte, bevor er das Geheimnis der ›Nocturne der Nordlichter‹ lüften wollte. Also ließ er schweren Herzens das Klavier samt der zweiten Hälfte der Noten zurück und machte sich auf den Weg in sein Arbeitszimmer.
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Der Tag war schleppend vergangen. Noch nie zuvor hatte der sonst so fähige Weißhaarige derartige Probleme mit seinen Berechnungen gehabt, doch nun war seine Arbeit vollbracht. Missmutig legte er Camille die fertige Liste auf den Schreibtisch und schloss das Arbeitszimmer hinter sich ab – zumal Camille bereits seit dem frühen Nachmittag beschlossen hatte den restlichen Tag ruhig angehen zu lassen und sich nicht mehr im Arbeitszimmer hatte blicken lassen. Nun stand endlich nichts mehr zwischen Darcey und der ›Nocturne der Nordlichter‹, zumindest fast …
Nachdem der Weißhaarige sich im kleinen Bad, das an sein Zimmer angrenzte, ein wenig zurecht gemacht hatte, stand er nun umgeben von der kühleren Abendluft in einem Laubengang vor einer verschlossenen Tür. Die Sonne war gerade hinter dem Horizont aus Fichten untergegangen und der Himmel wurde in malerische Violett- und Rottöne getaucht.
»Komm schon. Wir kennen uns seit dem Kindergarten. Sie ist eine Bekannte, eigentlich eine Fremde. Mehr nicht. Hör auf alles kaputt zu denken und …«, murmelte Darcey zu sich selbst als die Tür vor seiner Nase geöffnet wurde. Um ein Haar wäre die herausstürmende Person gegen ihn gelaufen, wäre sie nicht abrupt stehengeblieben.
»Huch«, machte die junge Frau mit der fuchsroten Haarsträhne. »Darcey? Was tust du denn hier?«
»Ich … also …«, stammelte er und blickte hilfesuchend auf einen unweit von ihnen wachsenden Strauch mit gelblichen, kleinen Blüten. »Richtig, ich wollte dir etwas zeigen. Hast du ein wenig Zeit?«, erlangte er rasch seine Fassung zurück.
»Etwas zeigen? Aber wir haben für heute doch gar nichts ausgemacht?«, erwiderte Amaury skeptisch.
»Ja, ich weiß. Es hat sich zufällig ergeben, aber wenn ich störe …«, wollte er abwinken, doch Amaury schüttelte rasch den Kopf.
»Nein, nein, schon gut. Ich wollte gerade … ach, egal«, betonte sie nervös lächelnd. »Also? Wohin gehen wir?«, wollte sie gefasst wissen.
»Ja, komm mit.«
Darcey führte sie durch die abendlichen und somit deutlich ruhigeren Gänge der Akademie, bis sie vor der Abstellkammer standen. Dort öffnete er unbeirrt die Tür und hielt sie Amaury galant auf, während er ihr mit einer Geste gebot einzutreten.
»Ähm …«, machte die junge Frau und verschränkte die Arme vor der Brust. »Was soll das werden?«
»Ich … oh, ähm …«, verschlug es Darcey die Sprache. »Es hat etwas mit einem Mysterium zu tun«, rettete er sich schnell. »Du verfolgt sowas doch neuerdings wieder, oder nicht?«
Amaury wollte protestieren und straffte dafür ihre Haltung, bis ihr Blick auf das leicht verzweifelte Gesicht des Weißhaarigen traf. Sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
»Hat dich etwa auch wieder die Rätselleidenschaft gepackt?«, spottete sie, worauf Darcey keine Antwort hatte. Gänzlich falsch lag Amaury nicht, jedoch waren die Rätsel nur ein Teil der Wahrheit.
»Also gut, dann zeig mal her«, wurde die neue Wächterin der Pflanzen wieder ernst und betrat die Abstellkammer.
»Hier entlang«, betonte Darcey und leitete sie durch den Geheimgang in das Hinterzimmer mit dem Klavier. Dort setzte der Weißhaarige sich sofort auf den Hocker und platzierte die Noten des ersten Teils, die er mitgebracht hatte, neben den anderen.
»Warte, du kannst Klavier spielen?«, entfuhr es Amaury.
»Tu nicht so überrascht. Ich habe dir damals doch immer von meiner schrecklich strengen Klavierlehrerin vorgejammert«, entgegnete er nüchtern.
»Ja, gerade deswegen. Ich hätte niemals gedacht, dass du trotzdem weiter lernst. Du warst immer so unglücklich, wenn du von den Klavierstunden erzählt hast. Außerdem warst du schlecht darin deine Emotionen zu verstecken, besonders wenn dich etwas gestört hat«, erinnerte sie sich und wurde unweigerlich melancholisch, zumal es recht finster im Raum war; einzig die Taschenlampe von Darceys Handy verschaffte ein wenig Licht, wenngleich nicht sonderlich atmosphärisches.
»Wir waren Kinder«, entgegnete er bedrückt. »Jetzt sind wir Erwachsene, aber trotzdem hast du recht, manche Dinge …« Er verstummte. »Lassen wir das. Zurück zum eigentlichen Thema. Also, hör zu. Ich habe gestern in einem Hinterzimmer des Tanzsaals Notenblätter in einem Geheimfach eines Klaviers gefunden, nachdem ich eine bestimmte Melodie gespielt habe. Dank einer Sternenkarte habe ich diesen Raum gefunden und vermute nun, dass sich hier irgendwo ein weiteres Geheimnis verbirgt, welches sich offenbaren wird, wenn ich das gesamte Stück spiele. Kannst du mir folgen?«, führte er aus.
»Ich denke schon«, versicherte sie und beugte sich nach vorn über Darceys Schulter, um im spärlichen Licht den Titel des Klavierstücks lesen zu können. Er zuckte zusammen, als sie ihn dabei leicht streifte, jedoch ging niemand näher darauf ein.
»›Nocturne der Nordlichter‹, was für ein schöner Name«, sprach sie ihre Gedanken laut aus, bevor sie sich wieder aufrecht hinstellte und das Klavier Darcey überließ. »Dann zeig mal, was du kannst, Maestro«, bat sie amüsiert und verschränkte die Arme vor dem Körper.
Darcey nickte und versuchte die Noten trotz der schlechten Lichtverhältnisse lesen zu können. Etwa eine Minute lang herrschte daraufhin völlige Stille.
»Stimmt etwas nicht?«, erkundigte Amaury sich.
»Nein, alles gut, nur … ich hatte nicht bedacht, dass es hier so dunkel sein würde. Ich kann die Noten nicht richtig lesen«, erklärte er.
Ohne ein weiteres Wort kam Amaury näher, griff sich sein Handy und beleuchtete damit den Notenständer des Klaviers.
»Besser?«, fragte sie lächelnd. Darcey schaute über seine Schulter zu ihr und nickte zögerlich. Nachdem er sich kurz gesammelt hatte, begann er zu spielen.
Kaum zwei Akkorde später hielt er beschämt inne. Das Klavier klang schrecklich verstimmt.
»Spiel trotzdem weiter«, bat Amaury sanft. »Ich finde es klingt dadurch irgendwie … geheimnisvoll und einzigartig.«
Darcey schaute die junge Frau verwirrt an. Er hielt ihre Worte für einen Scherz, jedoch verriet ihr Gesichtsausdruck, dass sie es ernst meinte.
»In Ordnung«, flüsterte er und konzentrierte sich erneut auf das Klavier. Zu Beginn huschten seine Finger verhalten über die Tasten und sein Spiel klang fast schüchtern, doch dann wurde er selbstsicherer und die Melodie erfüllte den Raum mit einer mystischen Stimmung. Die Verstimmtheit des Klaviers verlieh der Musik zusätzlich etwas Unheimliches und zugleich Tieftrauriges, als würde ein Geist aus längst vergangenen Zeiten sie voller Leidenschaft spielen.
Während Darcey sich allmählich in der Musik verlor, betrachtete Amaury den Weißhaarigen mit einer Bewunderung in ihrem Herzen, wie sie sie nie zuvor verspürt hatte. Das Klavierspiel wurde für sie fast zweitrangig und doch erwachte sie erst aus ihrer Verträumtheit, nachdem der letzte Ton verklungen war.
»Hm, ich muss einen Fehler beim Spielen gemacht haben«, merkte Darcey enttäuscht an.
»Wieso denn das? Ich fand es sehr schön«, erwiderte Amaury nachdrücklich.
»Kann sein, aber es hat sich keine Geheimklappe geöffnet, wie beim letzten Mal.«
»Ach so …« Amaury schaute sich im Raum um, konnte jedoch nichts Auffälliges ausmachen, weshalb sie sich erneut die Notenblätter ansah. »Vielleicht«, wollte sie etwas anmerken, als ihr Darceys Handy aus der Hand rutschte und in eine Ansammlung vom Stoff fiel, der an den Wänden und wie Vorhänge neben dem Fenster befestigt war. Schlagartig wurde es finster.
»Oh nein. Warte ich suche es«, verkündete Amaury und wollte sich hinhocken, um mit den Händen nach dem Gerät zu tasten, als Darcey die gleiche Idee hatte. Sie stolperten übereinander und stürzten zu Boden.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte Amaury, zumal ihr Fall von etwas Weichem abgefangen worden war, das sie als ihren Weißhaarigen Begleiter deutete.
»Jap, alles gut«, erwiderte er ein wenig angestrengt. »Könntest du vielleicht von mir runtergehen?«, bat er schließlich.
»Oh, natürlich«, sagte Amaury beschämt. Ein schwaches Licht hatte ihre Aufmerksamkeit geweckt, weshalb sie sofort danach geschaut und nicht mehr über Darcey nachgedacht hatte.
»Sieh nur«, flüsterte sie nun.
»Was … wow«, hauchte er, den Blick auf das Fenster gerichtet. Ihre Augen hatten sich allmählich an die Dunkelheit gewöhnt, weshalb selbst die finstere Nacht hinter dem Glas heller erschien als die kleine Kammer mit dem Klavier. Was jedoch nun Erstaunen in den beiden Kindheitsfreunden auslöste, waren unzählige, kunstvolle Striche, die auf das Fensterglas gemalt worden waren und erst im Dunklen sichtbar wurden. Sie leuchteten, wodurch es aussah, als zierten den Nachthimmel draußen mystische Nordlichter.
»Das ist also das Geheimnis der Nocturne der Nordlichter«, flüsterte Darcey erstaunt.
»Es ist so … unspektakulär und doch wunderschön«, ergänzte Amaury, sichtlich bewegt. Ohne, dass Darcey es in der Dunkelheit sehen konnte, senkte Amaury den Kopf und dachte über etwas nach.
»Darcey«, begann sie, wurde jedoch vom Weißhaarigen unterbrochen.
»Da ist mein Handy«, verkündete er und zog das Gerät zwischen dem Stoff hervor. Sofort wurden sie von der hellen Taschenlampe geblendet. Die Nordlichter verschwanden schlagartig und übrig blieb trübes Fensterglas.
»Ohne das Licht war es irgendwie schöner, findest du nicht?«, fragte Darcey.
»Irgendwie schon. Du Darcey?«, versuchte Amaury es erneut.
»Ja?«
»Erinnerst du dich noch an dieses eine Klavierstück? Das ich früher immer hören wollte?« Ihre Stimme klang verhalten und zögerlich.
Darcey unterdrückte ein Lächeln. »Wie könnte ich das je vergessen?«, sagte er schwärmerisch und zugleich ein wenig traurig.
»Damals konntest du es ohne Noten spielen. Wenn du das heute auch noch kannst, können wir das Licht wieder ausmachen und … na ja … die Nordlichter ansehen und du könntest noch ein bisschen Klavier spielen? Ich höre dir nämlich sehr gern zu«, offenbarte Amaury, was ihr sichtbar schwerfiel. Darcey wollte gerade etwas sagen, doch die junge Frau kam ihm zuvor. »Moment, nur weil du es ohne Noten spielen kannst, heißt das nicht, dass du es auch ohne hinzusehen spielen kannst. Entschuldige. Das war ein dummer Gedanke. Nicht logisch«, redete sie schnell und lachte dann, um ihre Unsicherheit zu überspielen.
»Ich kann es mit verbundenen Augen spielen, also geht es auch in völliger Dunkelheit«, erklärte Darcey gefasst.
»Wirklich?«, rief Amaury begeistert und räusperte sich schnell. »Ich meine, das wäre natürlich schön. Also … wollen wir dann …?« Sie machte eine fuchtelnde Geste und deutete auf das nach wie vor leuchtende Handy in seiner Hand.
»Natürlich«, stimmte Darcey gefasst zu, schaltete die Taschenlampe aus und verstaute das Gerät in seiner Tasche, sobald er wieder auf dem Klavierhocker Platz genommen hatte. Amaury setzte sich derweil auf den Boden, mit dem Blick auf die Silhouette des Pianisten vor den Nordlichtern, die allmählich wieder am Fenster auftauchten.
Ungeachtet der Finsternis spielte Darcey die gewünschte Melodie fehlerfrei und voller Emotion, bis er schließlich innehielt und selbst zu den Nordlichtern schaute.
»Wunderschön«, flüsterte Amaury verträumt. »Da fällt mir ein, ich habe dich nie nach dem Namen dieses Stücks gefragt. Wie heißt es und wer hat es komponiert? Ich habe oft danach gesucht, aber nie etwas gefunden.«
Trotz der Dunkelheit sah sie, wie er kurz zusammenzuckte und sich hastig wieder dem Klavier zuwandte.
»Es …«, begann er hingerissen, »Ich … ich weiß es nicht. Obwohl ich es so oft gespielt habe, habe ich vergessen, wie es heißt. Seltsam, oder?«, erklärte er mitgenommen.
»Schon gut. Wie es heißt, ist nicht so wichtig, solange du weißt, wie man es spielt. Es ist bis heute nämlich mein liebstes Klavierstück«, erklärte sie lächelnd.
»Oh … das …«, nuschelte er.
»Wie dem auch sei. Danke für diese schöne Überraschung. Ich sollte trotzdem langsam zurückgehen. Morgen wollen wieder viele kleine, gierige Pflänzchen gedüngt und bewässert werden«, erklärte sie, wieder mit ihrem üblichen leicht sarkastischen Unterton in der Stimme. Sie holte ihr Handy aus der Tasche und leuchtete sich damit den Weg.
»Natürlich, bis dann«, verabschiedete auch Darcey sich, wobei ihn offensichtlich etwas beschäftigte.
»Stimmt etwas nicht?«, fragte Amaury daher und hielt inne.
»Hm? Nein, nein, alles gut. Vielleicht sagst du mir bei deiner nächsten Jagd nach einem Mysterium Bescheid, damit ich zumindest einmal noch ein Erfolgserlebnis habe. Allein bin ich offensichtlich nicht so gut darin«, scherzte er.
»Sag sowas nicht. Was du gefunden hast, ist vielleicht nicht so spektakulär, aber …« Sie beendete ihren Satz nicht und wurde nachdenklich. »Ich werde dir Bescheid sagen, aber nur damit du es weißt, ich suche nicht aktiv nach Mysterien. Sie finden mich einfach. Offiziell bin ich Gärtnerin, verstehst du?«
»Ich verstehe. Dann gute Nacht, Amaury«, sagte er gedankenvoll.
»Gute Nacht … Darcey«, verabschiedete sie sich rasch und verließ daraufhin die geheime Kammer. Mit ihr verschwand auch jegliches Licht und die Nordlichter tauchten wieder am Fenster auf.
Enttäuscht strich Darcey mit den Fingern über die schwarzen und weißen Tasten, jedoch ohne sie runterzudrücken.
»… verdammt«, murmelte er. »Als könnte ich den Namen dieses Stücks je vergessen.« Erneut hob er den Kopf und schaute hinaus auf den Nachthimmel hinter den aufgemalten Nordlichtern. Er konnte ihr den Namen nicht sagen, selbst wenn er es gewollt hätte.
»Schon lächerlich«, flüsterte der Weißhaarige zu sich selbst und schaute auf die Noten der ›Nocturne der Nordlichter‹. »Wie viel Chaos der Name einer simplen Melodie anrichten kann.« Er atmete durch und stand auf, da auch ihn am nächsten Tag viel Arbeit erwartete, besonders wenn Camille wieder Chaos stiftete.
Er schob das Gemälde zurück vor den Geheimgang und schloss danach die Tür zur Abstellkammer, bevor er zu seiner Unterkunft ging. Dabei flüsterte er nur für sich selbst hörbar: »Warum habe ich das Stück bloß ›Für Amaury‹ genannt …«
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Kapitel 9 – Das vierte Mysterium – Die Nocturne der Nordlichter
Den Tanzsaal. Natürlich musste Camille Darcey ausgerechnet den Tanzsaal zeigen. Von allen spannenden Orten, die es an der Akademie zu entdecken gab, stand der weißhaarige Assistent des Astronomie Dozenten nun inmitten des leeren Raumes mit den Parkettböden und den von Spiegeln bedeckten Wänden. Aus einem davon starrte ihm ein mit hängenden Schultern und leicht nachlässiger Haltung dastehender, junger Mann entgegen.
›Keine Sorge, du lernst das Tanzen schon noch. Dafür werde ich sorgen‹, hatte Camille ihm vor kaum einer Minute gesagt und war mit seinem üblichen, selbstsicheren Grinsen auf den Lippen davongegangen, während Darcey noch unbeholfen auf dem Parkett stand und versuchte wieder zu Atem zu kommen.
»Das hättest du wohl gern«, brummte Darcey und zog seinen Pullover zurecht, der bei seinen jüngsten – eher unfreiwilligen – Tanzversuchen verrutscht war. Er hatte gleich Schlimmes geahnt, als Camille ihn am frühen Vormittag überfreundlich angesprochen und verheißungsvoll eine ›großartige Sache‹ angepriesen hatte, die er seinem Assistenten unbedingt hatte zeigen wollen.
Während Darcey so dastand und allmählich wieder zu Atem kam, ließ er seinen Blick durch den historisch anmutenden Raum schweifen. Alles darin verströmte die Atmosphäre eines Tanzsaals in einem Namenlosen Theater aus einem längst vergangenen Jahrhundert. Besonders die kunstvollen Verzierungen an der einen vertäfelten, spiegellosen Wand beschworen diese Stimmung herauf. Fehlte nur noch ein eleganter Tänzer in klassischer Garderobe, der sein Können auf dem Parkett zum Besten gab. Camille mochte diese Rolle erfüllen – Darcey sicher nicht.
Auf einmal blieb der Blick des Weißhaarigen an einer einen Spalt weit geöffneten Tür hängen, die ihm zuvor nicht aufgefallen war. Das war nicht der Ausgang, dessen war Darcey sich sicher. Neugierig trat er näher heran und schob die Tür vorsichtig mit seinen Fingern ein wenig weiter auf.
Zum Vorschein kam ein winziges Hinterzimmer voller Regale, in denen neben Schallplatten allerhand Kostümteile, Masken und dünne Tücher lagen. Auf einem Hocker stand ein Grammophon und am Boden in einem Holzgestell reihten sich schwarze Tanzschuhe aneinander. Für eine tanzaffine Person sicher interessant, jedoch galt Darceys Aufmerksamkeit etwas anderem.
Inmitten des Zimmerchens stand gedrungen und belagert von weiteren Schallplattenstapeln und vergilbter Literatur ein altes Klavier.
Vorsichtig ließ Darcey seine Fingerspitzen über den Deckel aus hellem Holz streichen. Gedankenverloren betrachtete er das alte Instrument und ehe er sich versah, fand er sich auf dem Hocker vor den Tasten sitzend wieder. Wie lange war es her, seit er das letzte Mal Klavier gespielt hatte? Er konnte sich nicht mehr erinnern, umso deutlicher spürte er das Verlangen dieser verlorenen Leidenschaft erneut nachzugehen.
Kurzerhand warf er einen Blick hinter sich, erblickte jedoch niemanden und konnte auch nichts hören, was auf die Anwesenheit anderer Personen hätte schließen lassen.
Behutsam drückten seine Finger ein paar Tasten herunter, begleitet von dem vertrauten Klang, den das Instrument dabei von sich gab. Es hörte sich sauber und gestimmt an, daher begann Darcey eine Melodie zu spielen, die er früher so oft zum Besten gegeben hatte, dass er selbst mit geschlossenen Augen die richtigen Tasten gefunden hätte.
Seine Finger bewegten sich fast von allein und die Melodie erfüllte das Hinterzimmer und den angrenzenden Tanzsaal. Der verkrampfte Ausdruck wich aus Darceys Miene und wurde durch ein verträumtes Lächeln ersetzt.
Der letzte Ton verklang und der junge Pianist erwachte aus seiner Trance. Zufrieden schaute er auf die schwarzen und weißen Tasten, ehe sein Blick auf etwas unter dem Klavier fiel. Der Weißhaarige rutschte mit dem Hocker etwas zurück, um sich hinunterbeugen und den vollkommen verstaubten Zettel aufheben zu können. Hastig wischte der junge Mann einige Wollmäuse und Staubansammlungen von dem Papier und stellte verwundert fest, dass er ein Notenblatt in der Hand hielt. Darauf war eine Melodie niedergeschrieben. Es waren viele Noten und das Stück schien recht kompliziert zu sein, zudem war das Papier alt und die Tinte an einigen Stellen verwischt. Einzig der Name des Stücks war noch eindeutig zu entziffern.
›Nocturne der Nordlichter‹, stand dort in schöner Schreibschrift.
Neugierig geworden, platzierte Darcey das Blatt auf dem Notenständer des Klaviers und setzte sich erneut an die Tasten.
Nach kurzem Studium der Noten begann er zu spielen. Es brauchte zwei Versuche, bis er die verwischten Teile deuten und so spielen konnte, dass die Melodie sich richtig anhörte. Es war ein mystisches Stück mit einem intensiven und zugleich zutiefst melancholischen Klang. Gerade als die Melodie zu ihrem Höhepunkt kommen sollte, endeten die Noten auf dem Blatt und Darcey stoppte sein Spiel. Fast zeitgleich ertönte ein Klicken, gefolgt von einem kratzigen Knarzen.
Direkt über den Tasten hatte sich ein schmales Geheimfach geöffnet, in dem ein zusammengerolltes Pergament lag.
Überrascht betrachtete Darcey es und zog es schließlich aus seinem Versteck. Das Papier war bereits vergilbt und voller Staub, jedoch bildeten die Zeichnungen darauf zweifellos eine Sternenkarte ab. Sofort dachte Darcey an Camille, der sich vermutlich einen Scherz erlaubt hatte. Andererseits wirkte der ständig kokettierende Astronom nicht wie jemand, der so viel Aufwand betrieb, nur um Darcey eine verstaubte Sternenkarte in die Hände fallen zu lassen. Etwas anderes musste dahinterstecken.
Sofort begann der sternenkundige junge Mann die Karte zu studieren, konnte jedoch auf den ersten Blick keine bekannten Sternbilder oder andere markante Objekte ausfindig machen, weshalb er beschloss die Karte mit in sein und Camilles Arbeitszimmer zu nehmen und dort eingehender zu untersuchen. Außerdem wollte er Camille dazu befragen – zuzutrauen war dem schelmischen Dozenten letzten Endes doch mehr als man glaubte.
I
Tief gebeugt über eine komplizierte Liste mit Berechnungen, hockte Darcey am nächsten Morgen an seinem Schreibtisch, auf dem neben seiner täglichen Arbeit und einigen hilfreichen Unterlagen über die Akademie auch die Sternenkarte aus dem Geheimfach des Klaviers lag.
»Immer so fleißig«, riss ihn die belustigte Stimme des Astronomie-Dozenten aus der Konzentration. »Machst du eigentlich je auch was anderes als Arbeiten?«
»Was willst du jetzt schon wieder?«, brummte Darcey und hob den Kopf.
»Ich will sichergehen, dass du deine Jugend nicht verschwendest, mein lieber Darcey«, erklärte Camille gespielt sorgenvoll.
Der Weißhaarige schüttelte genervt den Kopf. »Du bist nur sechs Jahre älter als ich. Tu nicht so, als wärst du ein Greis. Außerdem genießt du die Jugend für mich mit, bei deinem Lebensstil.«
»Ich meine ja bloß …«, begann Camille und stellte dabei schwungvoll seine volle Kaffeetasse auf den Schreibtisch seines Assistenten, wobei ein großer Schwall der dunklen Flüssigkeit über den Rand schwappte und sich über Darceys Unterlagen verteilte.
»Hey«, rief dieser und stand ruckartig auf. »Pass doch auf.«
»Hoppla«, murmelte Camille und lächelte entschuldigend. Mit einer eleganten Drehung holte er ein Taschentuch von seinem Schreibtisch und reichte es dem Weißhaarigen.
»Na toll …«, grummelte dieser in Anbetracht der Tatsache, dass der Kaffee seine Karte der Akademie, die Camille ihm zur Orientierung gegeben hatte, ruiniert hatte. »Wenn ich mich jetzt nicht mehr zurechtfinde, bist du schuld.«
»Ach was, ich besorge dir eine neue. Später, weil … Oh, so spät schon? Ich muss los. Dozentenarbeit, du verstehst? Wisch das schön alles auf und denk dran, dass ich die Liste mit den Berechnungen bis heute Abend brauche. Bis dann«, redete Camille sich raus und verschwand schnell aus dem Arbeitszimmer der beiden.
»Camille«, schimpfte Darcey, doch der Dozent war bereits fort. Leise vor sich hin fluchend, wischte Darcey die Flecken weg und rettete, was noch zu retten war.
Nach guten zehn Minuten war das meiste Chaos beseitigt und er konnte sich wieder an seine Arbeit machen, da fiel ihm etwas auf.
Wie durch ein Wunder war die seltsame Sternenkarte von dem Kaffeezwischenfall verschont geblieben und lag nun ganz oben auf einem Stapel mit den anderen geretteten Unterlagen und somit direkt neben der verunstalteten Karte der Akademie. Vorsichtig hob er die Sternenkarte hoch und hielt sie in sicherem Abstand über den feuchten Lageplan der Akademie. Zu seinem Erstaunen stimmten die Sterne auf der Karte mit den Räumen des Gebäudes nahezu überein. Rasch legte er beide Dokumente nebeneinander und betrachtete sie eingehend. Aufgrund der Kaffeeflecken dauerte es ein wenig, bis Darcey sicher sein konnte, dass jeder Stern einen entsprechenden Raum besaß – bis auf einen. Bei einem Raum, neben dem sich keine weiteren Räume befinden sollten, prangte auf der Sternenkarte ein kleines, fünfeckiges Symbol. Darcey versuchte den naheliegendsten Raum auszumachen und stellte mit Verwunderung fest, dass es sich dabei um ein Zimmer, einen Stock unter dem Arbeitszimmer von ihm und Camille handelte.
Zögerlich betrachtete er seine Liste mit den offenen Berechnungen, sowie die befleckten Unterlagen.
»Bis heute Abend … du kannst mich mal, Camille«, flüsterte Darcey bitter und kehrte seinem Schreibtisch den Rücken zu. »Du wolltest doch, dass ich meine Jugend genieße, bitte schön, kannst du haben«, fügte er beim Rausgehen zynisch hinzu.
I
Nachdenklich stand Darcey in einem kleinen Abstellraum voller Kisten mit alten Fernrohren, Bücherregalen und einem für diesen Raum verhältnismäßig viel zu großen Gemälde in einem protzigen Rahmen, das an der Wand lehnte. Darauf waren zwei Personen als Silhouetten auf einer Klippe stehend abgebildet, während am nächtlichen Himmel über ihnen eine einzelne Sternschnuppe entlangflog. Die Farben waren verblasst und eher dunkel gehalten. Genau dort, wo das Gemälde stand, hätte sich laut der Sternenkarte das verborgene Zimmer befinden sollen. Erneut zögerte Darcey, doch dann griff er beherzt nach dem Bilderrahmen und hievte ihn kurzerhand zur Seite. Zum Vorschein kam eine vertäfelte Wand, an der jedoch auffällige Schrammen zu sehen waren, als wäre dort wiederholt etwas entlanggeschliffen. So war es wenig überraschend, dass sich eine der Holztäfelungen verschieben ließ und dahinter einen kleinen Durchgang offenbarte.
Der verborgene Raum war in etwa so groß, wie die Abstellkammer davor und es gab sogar ein Fenster. Dieses lag jedoch zu weit oben, als dass man von draußen etwas hätte sehen können. An den Wänden und neben dem Fenster hingen weinrote Stoffe, in denen sich Unmengen von Staub angesammelt hatte. Auf dem Boden stapelten sich angestaubte Bücher und in einem schmalen Regal standen altertümliche Büsten und kleine Skulpturen. Das zentrale Element dieses Raumes war jedoch das Klavier aus fast schwarzem Holz. Als hätte es seit Jahrhunderten auf einen Pianisten gewartet, stand ein von einer dicken Staubschicht bedeckter Hocker vor den verdeckten Tasten und auf dem Notenständer lagen Noten für ein Klavierstück. Sofort betrachtete Darcey sie und seine Vermutung bestätigte sich. Bei dem Stück handelte es sich um die fehlende Hälfte der ›Nocturne der Nordlichter‹.
Es juckte ihn in den Fingern, sich an die Tasten zu setzen und das Stück zu spielen, jedoch fehlten ihm die Noten des ersten Teils, außerdem gab es noch etwas, das er tun wollte, bevor er das Geheimnis der ›Nocturne der Nordlichter‹ lüften wollte. Also ließ er schweren Herzens das Klavier samt der zweiten Hälfte der Noten zurück und machte sich auf den Weg in sein Arbeitszimmer.
I
Der Tag war schleppend vergangen. Noch nie zuvor hatte der sonst so fähige Weißhaarige derartige Probleme mit seinen Berechnungen gehabt, doch nun war seine Arbeit vollbracht. Missmutig legte er Camille die fertige Liste auf den Schreibtisch und schloss das Arbeitszimmer hinter sich ab – zumal Camille bereits seit dem frühen Nachmittag beschlossen hatte den restlichen Tag ruhig angehen zu lassen und sich nicht mehr im Arbeitszimmer hatte blicken lassen. Nun stand endlich nichts mehr zwischen Darcey und der ›Nocturne der Nordlichter‹, zumindest fast …
Nachdem der Weißhaarige sich im kleinen Bad, das an sein Zimmer angrenzte, ein wenig zurecht gemacht hatte, stand er nun umgeben von der kühleren Abendluft in einem Laubengang vor einer verschlossenen Tür. Die Sonne war gerade hinter dem Horizont aus Fichten untergegangen und der Himmel wurde in malerische Violett- und Rottöne getaucht.
»Komm schon. Wir kennen uns seit dem Kindergarten. Sie ist eine Bekannte, eigentlich eine Fremde. Mehr nicht. Hör auf alles kaputt zu denken und …«, murmelte Darcey zu sich selbst als die Tür vor seiner Nase geöffnet wurde. Um ein Haar wäre die herausstürmende Person gegen ihn gelaufen, wäre sie nicht abrupt stehengeblieben.
»Huch«, machte die junge Frau mit der fuchsroten Haarsträhne. »Darcey? Was tust du denn hier?«
»Ich … also …«, stammelte er und blickte hilfesuchend auf einen unweit von ihnen wachsenden Strauch mit gelblichen, kleinen Blüten. »Richtig, ich wollte dir etwas zeigen. Hast du ein wenig Zeit?«, erlangte er rasch seine Fassung zurück.
»Etwas zeigen? Aber wir haben für heute doch gar nichts ausgemacht?«, erwiderte Amaury skeptisch.
»Ja, ich weiß. Es hat sich zufällig ergeben, aber wenn ich störe …«, wollte er abwinken, doch Amaury schüttelte rasch den Kopf.
»Nein, nein, schon gut. Ich wollte gerade … ach, egal«, betonte sie nervös lächelnd. »Also? Wohin gehen wir?«, wollte sie gefasst wissen.
»Ja, komm mit.«
Darcey führte sie durch die abendlichen und somit deutlich ruhigeren Gänge der Akademie, bis sie vor der Abstellkammer standen. Dort öffnete er unbeirrt die Tür und hielt sie Amaury galant auf, während er ihr mit einer Geste gebot einzutreten.
»Ähm …«, machte die junge Frau und verschränkte die Arme vor der Brust. »Was soll das werden?«
»Ich … oh, ähm …«, verschlug es Darcey die Sprache. »Es hat etwas mit einem Mysterium zu tun«, rettete er sich schnell. »Du verfolgt sowas doch neuerdings wieder, oder nicht?«
Amaury wollte protestieren und straffte dafür ihre Haltung, bis ihr Blick auf das leicht verzweifelte Gesicht des Weißhaarigen traf. Sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
»Hat dich etwa auch wieder die Rätselleidenschaft gepackt?«, spottete sie, worauf Darcey keine Antwort hatte. Gänzlich falsch lag Amaury nicht, jedoch waren die Rätsel nur ein Teil der Wahrheit.
»Also gut, dann zeig mal her«, wurde die neue Wächterin der Pflanzen wieder ernst und betrat die Abstellkammer.
»Hier entlang«, betonte Darcey und leitete sie durch den Geheimgang in das Hinterzimmer mit dem Klavier. Dort setzte der Weißhaarige sich sofort auf den Hocker und platzierte die Noten des ersten Teils, die er mitgebracht hatte, neben den anderen.
»Warte, du kannst Klavier spielen?«, entfuhr es Amaury.
»Tu nicht so überrascht. Ich habe dir damals doch immer von meiner schrecklich strengen Klavierlehrerin vorgejammert«, entgegnete er nüchtern.
»Ja, gerade deswegen. Ich hätte niemals gedacht, dass du trotzdem weiter lernst. Du warst immer so unglücklich, wenn du von den Klavierstunden erzählt hast. Außerdem warst du schlecht darin deine Emotionen zu verstecken, besonders wenn dich etwas gestört hat«, erinnerte sie sich und wurde unweigerlich melancholisch, zumal es recht finster im Raum war; einzig die Taschenlampe von Darceys Handy verschaffte ein wenig Licht, wenngleich nicht sonderlich atmosphärisches.
»Wir waren Kinder«, entgegnete er bedrückt. »Jetzt sind wir Erwachsene, aber trotzdem hast du recht, manche Dinge …« Er verstummte. »Lassen wir das. Zurück zum eigentlichen Thema. Also, hör zu. Ich habe gestern in einem Hinterzimmer des Tanzsaals Notenblätter in einem Geheimfach eines Klaviers gefunden, nachdem ich eine bestimmte Melodie gespielt habe. Dank einer Sternenkarte habe ich diesen Raum gefunden und vermute nun, dass sich hier irgendwo ein weiteres Geheimnis verbirgt, welches sich offenbaren wird, wenn ich das gesamte Stück spiele. Kannst du mir folgen?«, führte er aus.
»Ich denke schon«, versicherte sie und beugte sich nach vorn über Darceys Schulter, um im spärlichen Licht den Titel des Klavierstücks lesen zu können. Er zuckte zusammen, als sie ihn dabei leicht streifte, jedoch ging niemand näher darauf ein.
»›Nocturne der Nordlichter‹, was für ein schöner Name«, sprach sie ihre Gedanken laut aus, bevor sie sich wieder aufrecht hinstellte und das Klavier Darcey überließ. »Dann zeig mal, was du kannst, Maestro«, bat sie amüsiert und verschränkte die Arme vor dem Körper.
Darcey nickte und versuchte die Noten trotz der schlechten Lichtverhältnisse lesen zu können. Etwa eine Minute lang herrschte daraufhin völlige Stille.
»Stimmt etwas nicht?«, erkundigte Amaury sich.
»Nein, alles gut, nur … ich hatte nicht bedacht, dass es hier so dunkel sein würde. Ich kann die Noten nicht richtig lesen«, erklärte er.
Ohne ein weiteres Wort kam Amaury näher, griff sich sein Handy und beleuchtete damit den Notenständer des Klaviers.
»Besser?«, fragte sie lächelnd. Darcey schaute über seine Schulter zu ihr und nickte zögerlich. Nachdem er sich kurz gesammelt hatte, begann er zu spielen.
Kaum zwei Akkorde später hielt er beschämt inne. Das Klavier klang schrecklich verstimmt.
»Spiel trotzdem weiter«, bat Amaury sanft. »Ich finde es klingt dadurch irgendwie … geheimnisvoll und einzigartig.«
Darcey schaute die junge Frau verwirrt an. Er hielt ihre Worte für einen Scherz, jedoch verriet ihr Gesichtsausdruck, dass sie es ernst meinte.
»In Ordnung«, flüsterte er und konzentrierte sich erneut auf das Klavier. Zu Beginn huschten seine Finger verhalten über die Tasten und sein Spiel klang fast schüchtern, doch dann wurde er selbstsicherer und die Melodie erfüllte den Raum mit einer mystischen Stimmung. Die Verstimmtheit des Klaviers verlieh der Musik zusätzlich etwas Unheimliches und zugleich Tieftrauriges, als würde ein Geist aus längst vergangenen Zeiten sie voller Leidenschaft spielen.
Während Darcey sich allmählich in der Musik verlor, betrachtete Amaury den Weißhaarigen mit einer Bewunderung in ihrem Herzen, wie sie sie nie zuvor verspürt hatte. Das Klavierspiel wurde für sie fast zweitrangig und doch erwachte sie erst aus ihrer Verträumtheit, nachdem der letzte Ton verklungen war.
»Hm, ich muss einen Fehler beim Spielen gemacht haben«, merkte Darcey enttäuscht an.
»Wieso denn das? Ich fand es sehr schön«, erwiderte Amaury nachdrücklich.
»Kann sein, aber es hat sich keine Geheimklappe geöffnet, wie beim letzten Mal.«
»Ach so …« Amaury schaute sich im Raum um, konnte jedoch nichts Auffälliges ausmachen, weshalb sie sich erneut die Notenblätter ansah. »Vielleicht«, wollte sie etwas anmerken, als ihr Darceys Handy aus der Hand rutschte und in eine Ansammlung vom Stoff fiel, der an den Wänden und wie Vorhänge neben dem Fenster befestigt war. Schlagartig wurde es finster.
»Oh nein. Warte ich suche es«, verkündete Amaury und wollte sich hinhocken, um mit den Händen nach dem Gerät zu tasten, als Darcey die gleiche Idee hatte. Sie stolperten übereinander und stürzten zu Boden.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte Amaury, zumal ihr Fall von etwas Weichem abgefangen worden war, das sie als ihren Weißhaarigen Begleiter deutete.
»Jap, alles gut«, erwiderte er ein wenig angestrengt. »Könntest du vielleicht von mir runtergehen?«, bat er schließlich.
»Oh, natürlich«, sagte Amaury beschämt. Ein schwaches Licht hatte ihre Aufmerksamkeit geweckt, weshalb sie sofort danach geschaut und nicht mehr über Darcey nachgedacht hatte.
»Sieh nur«, flüsterte sie nun.
»Was … wow«, hauchte er, den Blick auf das Fenster gerichtet. Ihre Augen hatten sich allmählich an die Dunkelheit gewöhnt, weshalb selbst die finstere Nacht hinter dem Glas heller erschien als die kleine Kammer mit dem Klavier. Was jedoch nun Erstaunen in den beiden Kindheitsfreunden auslöste, waren unzählige, kunstvolle Striche, die auf das Fensterglas gemalt worden waren und erst im Dunklen sichtbar wurden. Sie leuchteten, wodurch es aussah, als zierten den Nachthimmel draußen mystische Nordlichter.
»Das ist also das Geheimnis der Nocturne der Nordlichter«, flüsterte Darcey erstaunt.
»Es ist so … unspektakulär und doch wunderschön«, ergänzte Amaury, sichtlich bewegt. Ohne, dass Darcey es in der Dunkelheit sehen konnte, senkte Amaury den Kopf und dachte über etwas nach.
»Darcey«, begann sie, wurde jedoch vom Weißhaarigen unterbrochen.
»Da ist mein Handy«, verkündete er und zog das Gerät zwischen dem Stoff hervor. Sofort wurden sie von der hellen Taschenlampe geblendet. Die Nordlichter verschwanden schlagartig und übrig blieb trübes Fensterglas.
»Ohne das Licht war es irgendwie schöner, findest du nicht?«, fragte Darcey.
»Irgendwie schon. Du Darcey?«, versuchte Amaury es erneut.
»Ja?«
»Erinnerst du dich noch an dieses eine Klavierstück? Das ich früher immer hören wollte?« Ihre Stimme klang verhalten und zögerlich.
Darcey unterdrückte ein Lächeln. »Wie könnte ich das je vergessen?«, sagte er schwärmerisch und zugleich ein wenig traurig.
»Damals konntest du es ohne Noten spielen. Wenn du das heute auch noch kannst, können wir das Licht wieder ausmachen und … na ja … die Nordlichter ansehen und du könntest noch ein bisschen Klavier spielen? Ich höre dir nämlich sehr gern zu«, offenbarte Amaury, was ihr sichtbar schwerfiel. Darcey wollte gerade etwas sagen, doch die junge Frau kam ihm zuvor. »Moment, nur weil du es ohne Noten spielen kannst, heißt das nicht, dass du es auch ohne hinzusehen spielen kannst. Entschuldige. Das war ein dummer Gedanke. Nicht logisch«, redete sie schnell und lachte dann, um ihre Unsicherheit zu überspielen.
»Ich kann es mit verbundenen Augen spielen, also geht es auch in völliger Dunkelheit«, erklärte Darcey gefasst.
»Wirklich?«, rief Amaury begeistert und räusperte sich schnell. »Ich meine, das wäre natürlich schön. Also … wollen wir dann …?« Sie machte eine fuchtelnde Geste und deutete auf das nach wie vor leuchtende Handy in seiner Hand.
»Natürlich«, stimmte Darcey gefasst zu, schaltete die Taschenlampe aus und verstaute das Gerät in seiner Tasche, sobald er wieder auf dem Klavierhocker Platz genommen hatte. Amaury setzte sich derweil auf den Boden, mit dem Blick auf die Silhouette des Pianisten vor den Nordlichtern, die allmählich wieder am Fenster auftauchten.
Ungeachtet der Finsternis spielte Darcey die gewünschte Melodie fehlerfrei und voller Emotion, bis er schließlich innehielt und selbst zu den Nordlichtern schaute.
»Wunderschön«, flüsterte Amaury verträumt. »Da fällt mir ein, ich habe dich nie nach dem Namen dieses Stücks gefragt. Wie heißt es und wer hat es komponiert? Ich habe oft danach gesucht, aber nie etwas gefunden.«
Trotz der Dunkelheit sah sie, wie er kurz zusammenzuckte und sich hastig wieder dem Klavier zuwandte.
»Es …«, begann er hingerissen, »Ich … ich weiß es nicht. Obwohl ich es so oft gespielt habe, habe ich vergessen, wie es heißt. Seltsam, oder?«, erklärte er mitgenommen.
»Schon gut. Wie es heißt, ist nicht so wichtig, solange du weißt, wie man es spielt. Es ist bis heute nämlich mein liebstes Klavierstück«, erklärte sie lächelnd.
»Oh … das …«, nuschelte er.
»Wie dem auch sei. Danke für diese schöne Überraschung. Ich sollte trotzdem langsam zurückgehen. Morgen wollen wieder viele kleine, gierige Pflänzchen gedüngt und bewässert werden«, erklärte sie, wieder mit ihrem üblichen leicht sarkastischen Unterton in der Stimme. Sie holte ihr Handy aus der Tasche und leuchtete sich damit den Weg.
»Natürlich, bis dann«, verabschiedete auch Darcey sich, wobei ihn offensichtlich etwas beschäftigte.
»Stimmt etwas nicht?«, fragte Amaury daher und hielt inne.
»Hm? Nein, nein, alles gut. Vielleicht sagst du mir bei deiner nächsten Jagd nach einem Mysterium Bescheid, damit ich zumindest einmal noch ein Erfolgserlebnis habe. Allein bin ich offensichtlich nicht so gut darin«, scherzte er.
»Sag sowas nicht. Was du gefunden hast, ist vielleicht nicht so spektakulär, aber …« Sie beendete ihren Satz nicht und wurde nachdenklich. »Ich werde dir Bescheid sagen, aber nur damit du es weißt, ich suche nicht aktiv nach Mysterien. Sie finden mich einfach. Offiziell bin ich Gärtnerin, verstehst du?«
»Ich verstehe. Dann gute Nacht, Amaury«, sagte er gedankenvoll.
»Gute Nacht … Darcey«, verabschiedete sie sich rasch und verließ daraufhin die geheime Kammer. Mit ihr verschwand auch jegliches Licht und die Nordlichter tauchten wieder am Fenster auf.
Enttäuscht strich Darcey mit den Fingern über die schwarzen und weißen Tasten, jedoch ohne sie runterzudrücken.
»… verdammt«, murmelte er. »Als könnte ich den Namen dieses Stücks je vergessen.« Erneut hob er den Kopf und schaute hinaus auf den Nachthimmel hinter den aufgemalten Nordlichtern. Er konnte ihr den Namen nicht sagen, selbst wenn er es gewollt hätte.
»Schon lächerlich«, flüsterte der Weißhaarige zu sich selbst und schaute auf die Noten der ›Nocturne der Nordlichter‹. »Wie viel Chaos der Name einer simplen Melodie anrichten kann.« Er atmete durch und stand auf, da auch ihn am nächsten Tag viel Arbeit erwartete, besonders wenn Camille wieder Chaos stiftete.
Er schob das Gemälde zurück vor den Geheimgang und schloss danach die Tür zur Abstellkammer, bevor er zu seiner Unterkunft ging. Dabei flüsterte er nur für sich selbst hörbar: »Warum habe ich das Stück bloß ›Für Amaury‹ genannt …«
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